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[LPA] (de) Berlin: Filmpremiere DER STILLE TOD ueber Isolationshaft

## Nachricht vom 25.11.01 weitergeleitet von LPA Berlin [lpa@free.de]

EINLADUNG

Zur Deutschlandpremiere des Filmes "Sessiz Oeluem" ("Der Stille Tod") ueber Isolationshaft in Europa

in Anwesenheit des Regisseurs Hueseyin KARABEY & Mitwirkenden aus dem Baskenland, Nordirland und Deutschland.

am 9.12.2001 in Berlin

Kino NEUES OFF, Hermannstr. 20, U-Hermannplatz (Neukoelln)

Beginn: 16.00 Uhr

SESSIZ OeLUeM (DER STILLE TOD) ist nach dem mit mehreren internationalen Filmpreisen ausgezeichneten Kurzfilm BORAN (1999) das neueste Werk des Regisseurs Hueseyin Karabey. SESSIZ OeLUeM wurde im April 2001 auf dem Istanbuler Filmfestival welturaufgefuehrt und rief ein grosses Interesse hervor.

Der Regisseur steht fuer Interviewes ab dem 7.12. gerne zur Verfuegung.

Eine Veranstaltung der Kampagne Libertad! in Zusammenarbeit mit A-SI (Istanbul) Spendenkonto zur Unterstuetzung der Hungerstreikenden in der Tuerkei: Libertad! e.V., KNr: 20215810, Oekobank (BLZ: 50090100), Stichwort "Sessiz Oeluem" Kontakt: Libertad! Berlin, Yorkstr. 59, 10965 Berlin, Tel: (+49) 030 - 788 999 01, Fax: (+49) 030 - 788 999 02, eMail: berlin@libertad.de, kampagne@libertad.de, Internet: www.libertad.de

Hueseyin Karabey ueber "Sessiz Oeluem" - "Der Stille Tod"

"Zwischen Ende Oktober und Anfang Dezember 2000 machte ich in sechs Laendern Filmaufnahmen mit etwa 30 Menschen, die laengere Zeit in Isolationshaft waren. Acht Monate vorher begann in der Tuerkei die Diskussion ueber die sog. "F-Typ"-Gefaengnisse. Damals erweckten einige Aeusserungen des Justizministers meine Aufmerksamkeit. "Wir wollen die europaeischen Standards in die tuerkischen Gefaengnisse einfuehren, damit unsere Gefaengnisse wie die europaeischen sein werden", hiess es. Um diese europaeischen Standards zu verstehen, entschloss ich mich, einen Dokumentarfilm zu drehen. Denn in unserem Land glaubt man, dass alles, was aus Europa kommt, vorteilhaft ist. Die Recherchen fuer den Film begann ich in Deutschland. Spaeter kamen dann Spanien, Italien und die USA hinzu. Offen gesagt, schon das, was mir in den Vorgespraechen zu den spaeteren Aufnahmen begegnete, war furchterregend. Denn die Haftmethode, die jetzt in der Tuerkei eingefuehrt werden soll, entspricht dem, was in Europa und den USA als Isolationshaft praktiziert wird. Die Grundidee dieses Systems ist, dass der Mensch von allen Sinnesreizen der Aussenwelt, der Natur beraubt wird, um so seinePersoenlichkeit zu vernichten. Die Isolationshaft betrifft nicht nur die Gefaengnisse. Sie ist auch etwas, was gegen die Gesellschaft gerichtet ist. Wir werden daher bereits in Kuerze das Recht haben, als Gesellschaft nicht zu wissen, was in den Gefaengnissen passiert. Eigentlich ist es bereits jetzt der Fall... Wissen Sie beispielsweise, was sich dort zur Zeit abspielt? Wahrscheinlich sind wir die einzigen, die nicht wissen was wirklich geschieht. Mein Glaube an das Unwissen und meine Furcht vor dem neuem Wissen liessen mich zum Zuschauer werden vor den Erlebnissen der juengsten Zeit. Diese Arbeit ist das Produkt meiner Selbstkritik. Was ich hinterfrage, das bin ich selbst. Denn es ist das, was am ehesten zu veraendern ist..."

Juni 2001, Hueseyin Karabey (Istanbul)

Die Berliner tageszeitung (taz) schrieb anlaesslich der Welturauffuehrung von "Sessiz Oeluem" auf dem internationalen Filmfestival von Istanbul im Mai 2001:

....In dem hochaktuellen Dokumentarfilm geht es um die so genannten F-Type-Gefaengnisse und die Einfuehrung der Isolationshaft fuer politische Gefangene in der Tuerkei. Das tuerkische Justizministerium hat bereits drei solcher Gefaengnisse gebaut und acht weitere sind in Planung. Offiziell werden diese Isolationszellen als "Einrichtungen nach europaeischem Standard" legitimiert. Diese "Gefaengnisreform" hat seit Oktober vergangenen Jahres eine riesige Welle von Protesten in der Tuerkei ausgeloest, allein 32 Menschen starben, als die Polizei im Dezember 2000 insgesamt 20 Gefaengnisse stuermte. Ein Ende des Konflikts ist noch nicht abzusehen. Karabey hat fuer seinen Film ueber die umstrittenen Gefaengnisse monatelang in Europa recherchiert und zeigt an Hand von beklemmenden Interviews mit politischen Haeftlingen und ihren Familien in Deutschland, Italien, Spanien und den USA die realen psychischen und physischen Auswirkungen der Isolationshaft. Der dreissigjaehrige Dokumentarfilmer, ein sanfter ehemaliger Student der Wirtschaftswissenschaften, der sich bereits mit verschiedenen Kurzfilmen ueber die Menschenrechtsverletzungen in der Tuerkei einen Namen gemacht hat und sich selbst als "vollassimilierter Kurde" bezeichnet, weiss, wovon er redet: Er hat bereits einige Freunde durch den Hungerstreik verloren. "Ich wage gar nicht mehr, die Namen zu lesen", sagt er, "aus Angst, ich kenne jemanden unter den Opfern." Acht Monate hat er selbst vor einigen Jahren als politischer Haeftling im Gefaengnis gesessen, nachdem er mit anderen Studenten waehrend einer Demonstration fuer eine Verbesserung des Hochschulwesens festgenommen worden war. Schliesslich musste man ihn freilassen, weil nichts gegen ihn vorlag. Aber schlimmer noch als die staatlich kontrollierte Zensur ist fuer Karabey die mangelnde Zivilcourage, die seines Erachtens nach in der Tuerkei herrscht. "Die meisten Intellektuellen und Kuenstler haben eine Schere im Kopf", klagt er, "die Zensur braucht gar nicht mehr verordnet zu werden. Und nur wenige wollen heute ein Risiko eingehen." So wie zum Beispiel Necati Sonmez, ein bekannter Filmkritiker der linken Tageszeitung Radikal, immerhin eine der Sponsoren des Festivals. Als er von der Redaktionsleitung gebeten wurde, er moege doch bitte seinen Leitartikel ueber Karabeys Film durch einen anderen Text ersetzen, hat er umgehend gekuendigt."

(taz, 17.5.01, Barbara Lorey De Lacharriére)

Zu Hueseyin Karabey

Hueseyin Karabey wurde 1970 in Istanbul geboren und drehte bislang fuenf Dokumentationen und drei dramaturgische Filme. Karabeys Filme sind weder geradlinige Dokumentationen noch rein dramatische Werke. Sie haben einige Unterschiede in der Filmtechnik zu beiden Genres. "Wir stellen Verbindungen her zwischen Szenen, die in der Vergangenheit aufgenommen wurden und Szenen, die in der Gegenwart entstehen. Beide reflektieren reale Lebenserfahrungen. Einige Szenen wurden in realer Aktion aufgenommen, andere auf der Buehne dargestellt. Es ist nicht einfach, die Grenze zwischen beidem klar zu ziehen.Die Szene, die auf der Buehne aufgenommen wurde, ist genauso dramatisch wie der Rest. Die Passagen in BORAN etwa, wo Angehoerige stumm auf einer Muellkippe suchen, die Konversation und die abschliessende Ohn-machtsszene; das ist nicht nur dramatisch, und wenn es verbunden wird mit Szenen auf der Buehne, ist es nicht rein dokumentarisch ..."

(Hueseyin Karabey)

Filme von Hueseyin Karabey: ATRUS-CAMP (1996, 25min - Die Flucht einer kurdischen Familie in den Nordirak); 1. MAI (1997, 45min - Der Tod am Tag der Arbeit);

Baccelors Inns (1997, 45min - kurdische Arbeiter in Istanbul);

Sein Name: Aytaç (1998, 45min - Die Biografie des tuerk. Schauspielers Aytaç Arman);

Verlorene Menschen und die StraSSe (1998, 45min - Strassenkinder und ihre Familien);

Boran (1999, 35min - "Verschwundene" in der Tuerkei). BORAN erhielt 1999 den Preis des tuerkischen Kulturministeriums auf dem intern. Kurzfilmfestival in Antalya sowie weitere Auszeichnungen auf den Filmfestivals von Tel Aviv, Imola und Santiago de Chile. --

mailto: berlin@libertad.de

25.11.2001

ralf@anarch.free.de (Ralf Landmesser)

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