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Große Besorgnis
von Noam Chomsky

http://www.zmag.de/ article/ article.php?id=522

Zu dieser trostlosen Zeit können wir nichts tun um die angehende Invasion zu stoppen. Aber das bedeutet nicht, dass die Aufgabe für Menschen welche sich um Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenrechte sorgen vorüber ist. Ganz im Gegenteil. Die Aufgaben werden wichtiger als noch zuvor, was auch immer das Resultat des Angriffs sein wird. Und was jenes betrifft, hat niemand eine Ahnung: nicht das Pentagon, nicht die CIA, noch irgendjemand anderer. Die Möglichkeiten reichen von grauenvollen humanitären Katastrophen, vor welchen Hilfsorganisationen die im Irak arbeiten gewarnt haben, bis zu relativ harmlosen Auswirkungen - aber auch wenn kein Haar von irgendjemandem gekrümmt wird, wird das nicht die Kriminalität jener mildern, welche dazu gewillt sind hilflose Leute solchen furchtbaren Risiken auszusetzen, für ihre eigenen schamvollen Zwecke.

Was die Auswirkungen betrifft, wird es noch eine lange Zeit dauern bis erste Einschätzungen gemacht werden können. Eine augenblickliche Aufgabe ist es das Gewicht das wir haben auf die Seite der harmloseren Auswirkungen zu schieben. Das bedeutet, hauptsächlich, sich um die Bedürfnisse der Opfer zu kümmern, nicht nur jene dieses Krieges, aber auch die Opfer von Washingtons bösartigem und zerstörerischem Embargo der letzten zehn Jahre, welches die zivile Gesellschaft zerstört hat, den herrschenden Tyrann stärkte, und die Bevölkerung zwang sich für ihr Überleben auf ihn zu verlassen. Wie schon seit Jahren betont worden ist, haben die Sanktionen deswegen die Hoffnung untergraben, dass Saddam Hussein das Schicksal anderer, nicht weniger bösartiger, mörderischer Tyrannen erleidet. Das schließt eine fürchterliche Ansammlung von Verbrechern mit ein, welche auch von jenen die jetzt am Steuer von Washington sitzen unterstützt worden sind, in vielen Fällen, bis zu den letzten Tagen ihrer blutigen Herrschaft: Ceausescu, um nur ein offensichtliches und ins Auge springende Beispiel zu nennen.

Elementarer Anstand würde massive Reparationen von den USA fordern; im Mangel an jenem, wäre zumindest ein Fluss von Hilfe an die Iraker angebracht, so dass sie wiedererrichten können, was zerstört worden ist - auf ihrem eigenen Weg -, nicht, wie es Leute in Washington und Crawford bestimmen, deren höherer Glaube es ist, dass die Macht aus dem Lauf einer Kanone kommt.

Aber die Themen sind viel fundamentaler und weitreichender. Der Widerstand gegen die Invasion des Iraks ist ganz und gar ohne vergleichbaren historischen Vorläufer. Das ist der Grund, warum Bush seine zwei Komplizen auf einem Militärstützpunkt auf einer Insel treffen muss, wo sie in Sicherheit vor irgendwelchen gewöhnlichen Menschen sind. Der Widerstand konzentriert sich zwar auf die Invasion des Iraks, aber die Besorgnisse gehen viel weiter. Es gibt eine wachsende Angst vor der Macht der USA, welche in großen Teilen der Welt als eine der größten Gefahren für den Frieden betrachtet wird, wahrscheinlich von einer großen Mehrheit. Und die Technologie der Zerstörung welche nun in ihren Händen liegt, wird immer tödlicher und gefährlicher, eine Gefahr des Friedens welche eine Gefahr für das Überleben darstellt.

Die Furcht vor der US Regierung ist nicht nur auf dieser Invasion begründet, sondern auch von dem Hintergrund aus, von dem jene ausgeht: eine offen verkündete Entschlossenheit die Welt durch Gewalt zu beherrschen, die eine Dimension in welcher die Macht der USA unangefochten ist, und sicher zu gehen, dass es niemals eine Bedrohung für diese Beherrschung geben wird. Präventive Kriege werden nach Gutdünken geführt: vorbeugende, nicht zuvorkommende. [im Orig.: "Preventive, not Pre-emptive"]. Was auch immer die Rechtfertigungen für einen zuvorkommenden Krieg sein könnten, gelten sie nicht für die vollkommen unterschiedliche Kategorie eines präventiven Krieges: die Benutzung militärischer Macht zur Zerstörung einer eingebildeten oder erfundenen Gefahr. Das offen verkündete Ziel ist jede Bedrohung ihrer "Macht, ihrer Position oder ihres Ansehens" zu verhindern. Solche Bedrohungen, jetzt oder in der Zukunft, und jedes Zeichen, dass sich eine entwickeln könnte, werden von den Herrschern des Landes, welches nun offensichtlich den Rest der ganzen Welt zusammen genommen an Ausgeben für Gewaltmittel übertrifft, mit einer überwältigenden Gewalt begegnet werden, und jenes Land geht neue und gefährliche Wege trotz fast einstimmiger Ablehnung der Welt: die Entwicklung von tödlichen Waffen im Weltraum, zum Beispiel.

Man sollte bedenken, dass die Worte die ich gerade zitiert habe, nicht jene von Dick Cheney oder Donald Rumsfeld oder anderen radikalen Statisten und Extremisten waren die jetzt an der Macht sind. Das waren die Worte des respektierten früheren Staatsmannes Dean Acheson, vor 40 Jahren, als er führender Berater der Kennedy Administration war. Er rechtfertigte die Aktionen der USA gegen Kuba - im vollen Bewußtsein, dass diese internationale terroristische Kampagne, welche auf "Regime-Wechsel" abzielte, gerade die Welt an den Rand eines finalen nuklearen Krieges gebracht hatte. Trotzdem wies er die American Society of International Law an, dass kein "Rechtsthema" ins Spiel kommt, wenn die USA auf eine Bedrohung ihrer "Macht, ihrer Position oder ihres Ansehens" antwortet, insbesondere mit Terroranschlägen und wirtschaftlicher Kriegsführung gegen Kuba.

Ich erwähne dies um zu erinnern, dass die Probleme tiefe Wurzeln haben. Die derzeitige Verwaltung ist am extremen Ende des die Politik planenden Spektrums, und ihr Abenteuertum und ihre Neigung zur Gewalt sind ungewöhnlich gefährlich. Aber das Spektrum ist nicht so breit, und sofern nicht diese tieferen Probleme angegangen werden, können wir sicher sein, dass andere ultrareaktionäre Extremisten Kontrolle über unglaubliche Mittel zur Zerstörung und Unterdrückung gewinnen werden.

Die "Imperiale Ambition" der derzeitigen Machthaber, wie sie offen genannt wird, hat ein Schaudern durch die Welt geschickt, auch durch den Mainstream des Establishments zu Hause. Anderswo sind die Reaktionen natürlich von noch mehr Schrecken erfüllt, besonders bei den üblichen Opfern. Sie kennen die Geschichte zu gut um von der erhabenen Rhetorik beschwichtigt zu werden, sie haben sie auf die brutale Art gelernt. Sie haben von diesen Dingen über die Jahrhunderte genug gehört, während sie von dem Prügel welcher "Zivilisation" genannt wird geschlagen worden sind. Gerade vor wenigen Tagen hat der Vorsitzende Bewegung der Blockfreien die Bush-Verwaltung als aggressiver als Hitler bezeichnet. Er ist zufälligerweise ein großer Befürworter der USA und im Zentrum von Washingtons internationalen wirtschaftlichen Projekten. Und es gibt wenig Zweifel, dass er für viele der üblichen Opfer spricht, und inzwischen sogar für viele ihrer traditionellen Unterdrücker.

Es ist ein Einfaches fortzufahren, und es ist wichtig über diese Zusammenhänge nachzudenken, mit Vorsicht und Ehrlichkeit.

Sogar bevor die Bush Verwaltung ihre Ängste in den letzten Monaten stark eskalierte haben Geheimdienste und Spezialisten für internationale Beziehungen jeden der zuhören wollte, darüber informiert, dass die Politik welche Washington verfolgt wahrscheinlich zu einer Steigerung des Terrorismus und der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen führen wird, als Rache oder einfach als Abschreckung. Es gibt zwei Arten für Washington auf diese von ihren Aktionen und erschreckenden Äußerungen hervorgerufenen Gefahren zu reagieren. Eine Möglichkeit ist die Gefahren dadurch zu vermindern, das man auf die gerechtfertigten Beschwerden hört, und indem man akzeptiert ein zivilisiertes Mitglied der Weltgemeinschaft zu werden, mit einem gewissen Respekt für die Weltordnung und ihre Institutionen. Die andere Möglichkeit ist es noch mehr Maschinen zur Zerstörung und Beherrschung zu entwickeln, so dass jede empfundene Bedrohung, wie weit hergeholt auch immer, niedergeschlagen werden kann - und so neue und größere Bedrohungen zu provozieren. Dieser Weg birgt ernsthafte Gefahren für die Menschen der USA und der Welt, und könnte, sehr wahrscheinlich, bald zur Auslöschung der Spezies führen - keine reine Spekulation.

Ein endgültiger nuklearer Krieg ist in der Vergangenheit durch an Wunder grenzendes abgewendet worden; einige Monate vor Achesons Rede, um den Fall zu erwähnen, welcher unsere Gehirne heute beschäftigen sollte. Die Gefahren sind schwerwiegend und sie türmen sich auf. Die Welt hat guten Grund mit Furcht und Beklommenheit zu beobachten was in Washington passiert. Die Menschen die sich in der besten Position befinden um diese Ängste zu mildern, und den Weg zu einer hoffnungsvolleren und konstruktiveren Zukunft zu beginnen, sind die BürgerInnen der Vereinigten Staaten, welche die Zukunft gestalten können.

Das sind einige der großen Besorgnisse, welche man - glaube ich - klar im Kopf behalten sollte, während man sich ansieht wie die Ereignisse sich in ihrem unvorhersehbaren Lauf entfalten, während die furchterregendste Militärische Kraft der menschlichen Geschichte gegen einen wehrlosen Feind losgelassen wird, von einer politischen Führerschaft, welche eine grauenvolle Geschichte der Zerstörung und der Barbarei schrieb, seit sie die Zügel der Macht vor 20 Jahren an sich nahm.

Artikel hier erfasst: 24.03.2003

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