Verfassungsschutz bespitzelt Antifa-Bewegung |15 Anwerbeversuche
Von : Antifaschistische Gruppen aus NRW
Ort : NRW / Ruhrgebiet
Datum: 24.03.2003
Antifaschistische Gruppen aus NRW
http://www.antifa-nrw.de
Pressemitteilung vom 23. März 2003
Verfassungsschutz bespitzelt Antifa-Bewegung in NRW
15 Anwerbeversuche im Ruhrgebiet
Während die Verfassungsschutzbehörden noch dabei sind, ihren selbst
produzierten Skandal im NPD-Verbotsverfahren zu verdauen, sich aber
die öffentliche Empörung über das Agieren der Geheimdienstler schon
wieder etwas gelegt hat, bastelt das nordrhein-westfälische Landesamt
des VS bereits an den nächsten Abgründen.
Innerhalb von wenigen Tagen bekamen kürzlich zehn AntifaschistInnen
aus diversen Ruhrgebietsstädten "Besuch" von Damen und Herren, die
sich als Mitarbeiter/innen des Innenministeriums NRW vorstellten und
eine "Zusammenarbeit" suchten, denen aber allesamt eine Kooperation
verweigert wurde. Bei weiteren VS-Einsätzen wurden in Abwesenheit der
"Zielpersonen" Mitbewohner/innen, teilweise auch Eltern, angesprochen
und befragt. Wiederum weitere endeten vor verschlossenen Türen von zu
diesem Zeitpunkt nicht anwesenden Antifaschist/inn/en. Insgesamt sind
uns bisher 15 "Besuche" in dieser Angelegenheit bekannt geworden, eine
höchst ungewöhnlich hohe Anzahl innerhalb eines sehr kurzen
Zeitraumes. Das vordergründig bekundete Begehr des VS: Informationen
zum Thema RechtsRock, also zu rechen Musik-Strukturen in NRW. Zweck
der ungewöhnlich zahlreichen "Besuche" dürften aber vielmehr
Bemühungen der Berufsschnüffler/innen gewesen sein, Informant/inn/en
innerhalb der Antifa in NRW zu gewinnen.
Offensichtlich ist dem Landesamt die Kampagne antifaschistischer
Gruppen aus NRW "kein raum der nazi-musik! we will rock you - tour
2003" (www.antifa-nrw.de/rero) ein Dorn im Auge. Innerhalb dieser
Anfang Februar gestarteten Kampagne gegen die in NRW stark zunehmenden
neonazistischen Aktivitäten im Kulturbereich (Konzerte etc.) werden
über einen längeren Zeitraum hinweg Öffentlichkeit- und
Informationsarbeit, Kulturveranstaltungen sowie demonstrative Aktionen
gegen die boomende rechte Musik-Szene in diversen NRW-Städten und
-Regionen durchgeführt. Die erste Phase der Kampagne - insbesondere
(aber nicht ausschliesslich) die Aktivitäten gegen die Dortmunder
RechtsRock-Band "Oidoxie" - kann als sehr erfolgreich bezeichnet
werden. Weitere Interventionen werden folgen.
Genau diese erfolgreichen Interventionen scheinen nicht nur einzelne
örtliche Abteilungen der Polizeilichen Staatschutzes zu stören,
zumindest aber zu irritieren, sondern jetzt sogar zur "Chef-"Sache auf
der Ebene des Landesinnenministeriums erklärt worden zu sein.
Vertreter der Polizei und des Innenministeriums haben bereits mehrfach
in Zusammenhang mit neonazistischen Aktivitäten, beispielsweise
anläßlich der vielen Neonazi-Demonstrationen in NRW, darauf verwiesen,
daß nicht etwa Neonazis das "eigentliche Problem für Sicherheit und
Ordnung" darstellen würden, sondern antifaschistische
Gegenaktivitäten. Folgerichtig liegt die Zahl der Fest- und
Ingewahrsamnahmen während antifaschistischer Proteste in den letzten
vier Jahren in NRW bei mehreren tausend Personen, darunter auch viele
Jugendliche, ja sogar Kinder. Von den vielen Strafprozessen und
Verurteilungen einmal ganz zu schweigen.
Und auch bei der gravierend zunehmenden Anzahl von Neonazi-Konzerten
in NRW (alleine 17 im Jahre 2002, vgl. LOTTA, Nr. 11, Winter
2002/2003, S. 15) ist es vielerorts kein Deut anders: Nicht das
Stattfinden neonazistischer Großkonzertveranstaltungen treibt
staatliche Stellen zu eifriger Betriebsamkeit, sondern potentieller
oder realer antifaschistischer Protest, der für ein Großaufgebot der
Polizei und amtsübergreifende Durchführung eines "reibungslosen
Ablaufes" sorgt. "Ordnung" wird eben auch in NRW gross geschrieben ...
Um Informationsgewinnung über die Neonazi-Szene geht es dem
Innenministerium bei seinen "Besuchen" mit Sicherheit nicht,
schließlich verfügt eine personell und technisch hervorragend
ausgestattete Landesbehörde wie der VS NRW über unvergleichbar mehr
Kapazitäten und Möglichkeiten, sich ein Bild von der Neonazi-Szene zu
machen, als sie unabhängige Antifa-Gruppen ohne jedwede finanzielle
Unterstützung jemals haben werden. Zudem stehen auch dem VS die
diversen öffentlich zugänglichen antifaschistischen Publikationen(1)
zur Verfügung, um sich ein Bild über die Lage zu machen. Dass diese
Schriften seitens des VS sehr wohl zu Rate gezogen werden, zeigen die
alljährlichen Publikationen der Behörden, in denen nicht selten sogar
die eine oder andere "Erkenntnis" wörtlich abgeschrieben wurde.
Es geht dem Innenministerium also wohl eher um ein Durchleuchten
antifaschistischer Strukturen. Eigenverantwortliches Agieren von
AntifaschistInnen, die staatlichen Verlautbarungen und
Lageeinschätzungen kritisch gegenüberstehen, sich lieber selbst einen
Eindruck verschaffen und auf dieser Grundlage eigene politische
Aktivitäten entfalten, gerät damit in das Fadenkreuz der staatlichen
Berufsschnüffler/innen und wird letztendlich staatlicher
Repressionspolitik ausgesetzt. Wer weiss, eventuell geht es dem VS ja
auch einmal mehr darum, einen ihrer V-Männer oder -Frauen zu schützen,
dieses mal vielleicht in den nordrhein-westfälischen
RechtsRock-Strukturen. Grossartig verwundern würde es gewiß niemanden,
wenn sich diese Spekulation als Realität heraus stellen sollte.
Schliesslich kann gerade bei der Beantwortung der Frage, ob sich auch
in Deutschland ein militanter Arm der neonazistischen
Terrororganisation "Combat 18" (C 18) herausbildet, ein nicht
unerhebliches staatliches Interesse unterstellt werden. Und sowohl
"Oidoxie", als auch die in teilweiser Personalunion betriebene
Sauerländer Band "Weisse Wölfe" sowie die Formation "Weaponed Hate"
stehen C18 sehr nahe, wenn sie nicht gar als Teil von C18 und damit
als deren nordrhein-westfälischer kulturpolitischer Arm bezeichnet
werden können.
Wir werten den großangelegten Durchleuchtungs- und Anwerbeversuch des
VS NRW auch als massiven Einschüchterungsversuch gegenüber
antifaschistischen Strukturen!
Wir als unabhängige antifaschistische Gruppen aus NRW teilen hiermit
in aller Deutlichkeit öffentlich mit:
- Für uns wird es auch weiterhin KEINERLEI Zusammenarbeit mit den
Damen und Herren Schlapphüten geben! Eine Zusammenarbeit mit
denjenigen, deren (Informations)politik in Sachen extreme Rechte
gegenüber der Öffentlichkeit von Verschleierung und Bagatellisierung
geprägt ist (es wird zudem nur das veröffentlicht, was ohnehin schon
bekannt ist), die sogar durch ihre V-Mann-Praxis Neonazi-Strukturen
stärken, ist für uns ausgeschlossen. Und den genannten Gründen für
eine völlige Unvereinbarkeit könnten reihenweise weitere hinzugefügt
werden. Für die Verfassungsschutzbehörden sind AntifaschistInnen und
"Rechtsextremisten" ohnehin nur zwei Seiten ein und der selben
"Extremismus"-Medaille, also im Prinzip ein und das selbe.
- Wir fordern alle vom VS "angesprochenen" Personen auf, jedwedes
"Gespräch" konsequent zu verweigern und derartige Kontaktaufnahmen
sofort öffentlich zu machen!
- Wir werden auch weiterhin nicht davon ablassen, uns gegen die
erstarkende extreme Rechte zur Wehr zu setzen und rufen dazu auf, sich
vermehrt an Aktionen der Kampagne "we will rock you" zu beteiligen!
Kein Raum der Nazi-Musik!
Verfassungsschutz auflösen!
Nazistrukturen zerschlagen!
Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an eine der unter
http://www.antifa-nrw.de im Adressverzeichnis aufgeführten Gruppen.
23.3.2003
antifaschistische Gruppen aus NRW
Fussnote:
(1) Zum Beispiel LOTTA - antifaschistische Zeitschrift aus NRW
http://www.free.de/ lotta, Antifaschistisches Infoblatt
http://www.nadir.org/ nadir/ periodika/ aib, Der Rechte Rand
http://www.der-rechte-rand.de
nadir-aktuell-abo mailing list
nadir-aktuell-abo@lists.nadir.org
https://lists.nadir.org/cgi-bin/mailman/listinfo/nadir-aktuell-abo
24.03.2003
NADIR