USA schlugen weitgehende Angebote aus
Geheime Kontaktversuche des Irak vor dem Krieg
Von Knut Mellenthin
Die irakische Führung hat zwischen Spätherbst 2002 und März dieses Jahres versucht, geheime Kontakte zum Pentagon anzuknüpfen, um durch weitgehende Zugeständnisse den Krieg abzuwenden. Die schon längst zum Angriff entschlossene US-Regierung war nicht einmal bereit, die Vorschläge zu prüfen.
Die wichtigsten Punkte des irakischen Angebots:
- Den USA sollte gestattet werden, mehrere tausend Experten und Soldaten in den Irak zu schicken, um zu überprüfen, dass das Land tatsächlich - wie inzwischen fest steht- über keine biologischen oder chemischen Waffen mehr verfügte.
- Amerikanische Konzerne sollten einen privilegierten Status bei der Ausbeutung der Ölvorkommen erhalten.
- Die irakische Regierung versprach volle Zusammenarbeit bei der Bekämpfung des Terrorismus zu. Der in irakischer Haft sitzende Abdul Rahman Jasin, dem in USA Beteiligung am Bombenattentat auf das World Trade Center 1993 vorgeworfen wird, sollte ausgeliefert werden.
- Die Durchführung freier Wahlen innerhalb der nächsten zwei Jahre wurde in Aussicht gestellt.
Um diese Angebote an die US-Regierung heranzutragen, bedienten sich hohe irakische Geheimdienststellen des Beiruter Geschäftsmannes Imad el-Hage, der sowohl die libanesische wie die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt. Bei den einschlägigen Stellen war allgemein bekannt, dass Hage, der jahrelang in Washington gelebt hat, gute Beziehungen ins Pentagon hat.
Hage wandte sich an Michael Maloof, der damals im Verteidigungsministerium für die Überwachung von Waffen- und Technologie-Exporten zuständig war. Maloof, der selbst libanesischer Abstammung ist, gehört zum Mitarbeiterkreis von Richard Perle, der berüchtigten „grauen Eminenz“ der Neokonservativen und einer der Hauptkriegstreiber gegen den Irak und andere arabische Staaten. Maloof arbeitete damals in einer von Pentagon-Staatssekretär Douglas Feith eingesetzten geheimen Arbeitsgruppe. Deren Auftrag bestand darin, zur Untermauerung der Kriegspropaganda Verbindungen des Irak zu al-Kaida „nachzuweisen“. Zu dieser Arbeitsgruppe gehörte auch David Wurmser, gleichfalls ein enger Mitarbeiter von Perle.
Durch Vermittlung Maloofs kam es zu mehreren Treffen zwischen Hage und Perle, das letzte Anfang März, kurz vor Kriegsbeginn, in London. Hage wollte erreichen, dass Perle oder andere amerikanische Vertreter sich zu einem Gespräch mit Abgesandten der irakischen Führung bereit erklärten. Perle sagt dazu jetzt, er wäre dazu grundsätzlich bereit gewesen, aber das sei von Regierungsstellen abgelehnt worden. Perle hat dazu mehreren Medien offenbar unterschiedliche Auskünfte gegeben. Eine Version ist, dass Perle die Auskunft verweigert habe, welche Regierungsstelle für die Ablehnung des irakischen Angebots zuständig war. Anderen Medien hat Perle jedoch gesagt, es sei die CIA gewesen. Dazu muss man wissen, dass Neokonservative wie Perle die CIA als Filiale des Außenministeriums und Gegnerin ihres Kriegskurses bekämpfen. Da der Kontakt über das Pentagon zustande gekommen war, hätte sich Perle diesen bestimmt nicht von der CIA verbieten lassen.
Die US-Regierung hat zur Veröffentlichung der Geheimkontakte und der irakischen Angebote nur lapidar erklärt, es habe damals viele solcher Vorstöße von verschiedenen Seiten gegeben, aber nichts davon sei interessant gewesen. Das Minimum war für Washington schon Monate vor dem Krieg der Sturz Saddams und die unbefristete Besetzung Iraks durch amerikanische Truppen. Praktisch lief das auf Krieg um jeden Preis heraus.
Artikel hier erfasst: 09.11.2003
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