LIBERTARIAN PRESS AGENCY Berlin
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BUCH & BUND - die Leipziger Buchmesse im Rückspiegel
Leipzig, die Vorkriegsmetropole deutscher Buchproduktion, hat sich in
Nachwendezeiten gemausert. Sie hat wieder eine äußerst vorzeigbare
Buchmesse, die sie in ihrem lichten neuen Messegelände präsentiert. Nicht
so groß wie die Frankfurter Buchmesse, aber groß genug um sich einige Tage
in ihren zwei großen Hallen zu verlaufen - zu sehen und zu lesen gibt es
genug. Eigentlich mehr als genug, denn jeder erfahrene Messegänger weiß,
daß bei der Vielzahl der Eindrücke nach etlichen Stunden das Übermaß
dessen erreicht ist, was noch sinnlich aufgenommen werden kann.
Also ging ich mit meinem Kollegen konzentriert mit Ausblick auf das
Wesentliche durch die Reihen, als eine aufgeregte Megafonstimme uns
veranlaßte nach der Ursache des Lärms zu schauen. Nach einigen schnellen
Schritten befanden wir uns mitten in einem kleinen Auflauf Menschen, die
ein Tansparent, Bilder und Ähnliches in die Luft hielten und ihrem Unmut
über den dort angesiedelten Aussteller Luft machten: die BUNDESWEHR.
Unübersehbar hatte diese staatliche Institution einen üppigen Raum belegt,
auf dem sie, ja was eigentlich präsentierte ... sich selbst. Keine Spur
von Büchern oder anderem umfangreichen Schrifttum, medialen Angeboten oder
vielleicht wenigstens Comix. Nix. Nur karikaturenreife Repräsentanten und -
onkelz der wehr-haften Demokratie, flankiert von wehrbereiten
Polizeitruppen im oliv Overall, die nun begannen die DemonstantInnen zu
bedrängen. Schließlich wurde mit rüpelhafter Brutalität mehrerer "Greifer"
ein Mensch abgeschleppt - wie sich später herausstellte, der Chefredakteur
der Zeitung "Junge Welt", ein Vertreter der sogenannten "freien Presse".
Warum dies? Es war nicht ersichtlich.
Ersichtlich war jedoch, daß an diesem Ort von Seiten der BW versucht wurde
grobe Bauernfängerei zu betreiben. Jugendliche spielten ein Planspiel das
dem dargestellten Erdball optisch das Eiserne Kreuz der Bundeswehr mit
Macht aufdrückte: Peacekeeping International, POL&IS (hier hätte der Name
POLICE besser gepaßt ...) "Politik & internationale Sicherheit" - offenbar
auf die griechische polis = Stadt, also wohl das "global village"
anspielend. "Berliner Jugendoffiziere" stellten zum Krisen- und
Kriegsspiel die Begleitbroschüre her - immerhin e t w a s Gedrucktes!
Auf dem Carrée des größten Einzelausstellers der Leipziger Buchmesse
spielte ein Haufen fast fanatisiert zu nennender Jugendlicher beiderlei
Geschlechts Weltpolitik. The World is a Game. Und z.B. die virtuellen
Flüchtlinge aus Krisenregionen werden mit Gaudi hin- und hergeschoben und
verschoben und abgeschoben. High score KrisenGewältigung.
In einer Art Gehirnwäsche scheint hierfür anfälligen jungen Menschen eine
Spielvorgabe gemacht zu werden, die logischerweise ihre eigene Logik
entwickelt und das ist die des heutigen Staates und die der Staaten -
alles wie gehabt. Innerhalb dieser Vorgaben entwickelt sich folgerichtig
und nachvollziehbar weil nachspielbar das scheinbar unausweichliche Sach-
Zwang-Verhalten der Politik. Die jugendlichen AkteurInnen merken nicht
einmal wie sie auf den Holzweg kommen, da sie ihn ja selbst im
vorgegebenen Rollenspiel vor sich ausrollen und darauf vorantrampeln wie
in Knobelbechern. Wirklich alternativen Wegen läßt das (Vor)Spiel keinen
Platz. (Vielleicht sollten einmal DFG-VK, GRASWURZEL-Gruppen und das Anti-
Kriegs-Museum eingeladen werden mitzu"spielen".)
So waren es denn gerade auch die spielwütigen Jugendlichen, die dazu von
den Uniformträgern aufgefordert eifernd und lautstark als Calqeure in
eigener Sache agierten und sich gegenseitig darin überboten, unbeleckt von
Allem dummes Zeug zu reden und vor allem ihren Anleitern nach dem Mund zu
reden.
Immerhin ließen die BW-Offiziellen auch die Meinungen von Protestierenden
zu Wort kommen - allerdings oft nur in Flüsterlautstärke, denn plötzlich
versiegte häufig und merkwürdigerweise der Ton der Verstärkeranlage.
Nun könnte man hier noch viel schreiben, schreiben von Menschen die
interessiert gafften aber nach keiner Seite die Initiative ergriffen,
schreiben von groszschen und grotesken Zügen des Ganzen, schreiben von
(Militär?)Polizeiwillkür und Übergriffen oder von abgegriffenen Phrasen
und leerem Stroh das gedroschen wurde. Man könnte schreiben von
Bauernfängerei und Landsknechts-Werbung durch geistiges Besoffenmachen des
Kanonenfutters.
Über allem steht aber die Frage nach dem WARUM. Warum tritt ein
branchenfremder Aussteller auf einer Buch- und Medienmesse auf, der er
nichts anderes bieten kann als Provokation pazifistisch gesinnter Menschen
und die Präsentation seiner kruden Gesinnungstäterschaft. Was hätte wohl
Tucholsky dazu gesagt.
Warum läßt man nicht gleich auch Polizei, Zoll, Bundesgrenzschutz, Post,
Bundesbahn und alle anderen Uniformträger der Republik in Leipzig auf der
Buchmesse ihren Auftritt in gleicher Weise und Größe haben. Vielleicht
könnte man dann in der Vorhalle grad noch ein paar Stände mit Büchern
ausstellen - am besten welche die zum Thema passen - und, sagen wir
draußen um den Messe-See, die anderen Buchheinis ein wenig Flohmarkt
machen lassen? Sozusagen als Dekoration für die Rekrutierung der Behörden.
Oder umgekehrt: warum nicht auf Polizei-, Waffen- und Behördenmessen
überall ein wenig Buchmesse? Fragen über Fragen. Und vor allem die Frage
an die Messeleitung von Leipzig: "Tut das not?"
Irgendwann hatten mein Kollege und ich dann doch dem feldgrauenhaften und
NATOd-olivgrünen Geschehen den Rücken gewandt - wir waren ja schließlich
gekommen um Bücher zu sichten und Verlage kennenzulernen und nicht um
lauwarmen Krieg zu spielen.
Da paßt es doch ganz gut, daß die DVA das bekannte Buch des Anarchisten
und Gründers des Anti-Kriegs-Museums, Ernst Friedrich über die Greuel des
Ersten Weltkrieges "Krieg dem Kriege" wieder als Reprint der
Originalausgabe von 1924 verlegt. Diese kostet aber auch 19,90 EURO. Die
damals deutlich weniger aufwendige Taschenbuch-Ausgabe des Verlag 2001 mit
ihren 2,90 DM "Volkspreis" war da natürlich massentauglicher. Aber
immerhin. (256 S., 15,2 x 22,2 cm, ISBN 3-421-05840-7)
Ferner auf der Positivseite des Messegeschehens zu vermelden ist die
Verleihung des "Kurt-Wolff-Preises" an den NAUTILUS-Verlag Hamburg, der
mit seinen rund 400 veröffentlichten wohleditierten Büchern seit den 60ern
Kulturgeschichte geschrieben hat. Aus dem ehemals winzigen MaD-Verlag Lutz
Schulenburg haben letzterer und Hanna Mittelstädt ein beachtliches und
beachtetes Verlagshaus gemacht, das sich guter Kultur und libertärer
Weltsicht auch nach Jahrzehnten immer noch verpflichtet fühlt. Hier hat es
einmal die Richtigen getroffen und daß diesem Projekt mit Liebe zur
Anarchie in der Laudatio der Staatsministerin Christina Weiss die
"Anerkennung vom Staat" testiert wird, schmälert die Freude kaum und
erhöht das Amüsement. Weiter viel Glück, altes Unterseeboot! Und grüßt
Nemo - er soll aufpassen, daß die Bücher nicht naß werden ...
Für Libertäre fand sich weiter Interessantes, auch an unerwarteten Stellen
des Buchgeschehens. Im Schweizer "Chronos-Verlag" sind 2003 zwei
beachtliche Bücher über Frauenleben erschienen:
* Karin Huser, Eine revolutionäre Ehe in Briefen - Die
Sozialrevolutionärin Lidija Petrowna Kotschetkowa und der Anarchist Fritz
Brupacher (434 S., 38,80 EURO - ISBN 3-0340-0640-3)
sowie
* Ina Boesch, Gegenleben. Die Sozialistin Margarete Hardegger und ihre
politischen Bühnen (436 S., 30,-- EURO - ISBN 3-0340-0639-X)
Beides sind umfangreiche, schön editierte und fadengebundene
Hardcoverbände, die in Text und Bild interessante, mit Anarchismus
verbundene Lebensläufe beleuchten und so ein tieferes Verständnis für die
Zeit und die in ihr verquickten Individuen ermöglichen.
(Besprechungen folgen)
Im Merlin-Verlag ist HAIE von Jens Bjoerneboe, sein letztes Buch, in einer
grafisch gefälligen Hardcoverausgabe neu erschienen (312 S., 19,50 EURO -
ISBN 3-87536-237-3) und auch seine Biografie von Jens Wandrup (360 S.,
12,40 EURO - 3-875361-99-7) sowie die Triologie der menschlichen
Bestialität wird weiter vorrätig gehalten. Der im eigenen Land
hochangesehene norwegische, von Kropotkin beeinflußte Anarchist mit seinem
Hang zur deutschen Kultur ist ein humorvoller Autor, der gleichzeitig an
den Übeln der Menschheit verzweifelte und sich nervlich zerrüttet 1976 das
Leben nahm. Vor Jahren erschien schon im Trotzdem Verlag "Wider den
Bevormundungsmenschen" von Bjoerneboe.
(www.merlin-verlag.de)
(Besprechungen der Merlin-Bücher folgen.)
Der Alexander-Verlag Berlin verhilft einem anderen Libertären wieder zum
Schritt aus dem Schatten, Jörg Fauser, der in diesem Jahr 60 geworden
wäre. Bis 2006 will der Verlag eine Werkausgabe in Paperbacks
herausbringen, die mit dem Band "Marlon Brando - Der versilberte Rebell"
beginnt. (www.alexander-verlag.com)
Gleichzeitig wird 2004 im Tiamat-Verlag eine Fauser-Biographie erscheinen.
Auch andere Verlage entdecken den Autor wieder, der 1987 unter mysteriösen
Umständen zu Tode gekommen ist.
Wem das noch nicht genug Fauser ist, der/die kann sich beim Münchener
TRIKONT-Label den "Fauser O-Ton" ordern (US 0245), eine schon 1997
erschienene, bibliophil editierte Doppel-CD-Ausgabe mit von Fauser selbst
gelesenen Texten (Besprechung folgt!).
In ganz andere Gefilde entführt uns der Verlag Graswurzelrevolution mit
seinem Buch "Das andere Indien" (1. Auflage 500, 244 S., 17,80 - ISBN 3-
9806353-2-5). Hierin wird aufgezeigt, daß nach Gandhi die libertären Ideen
in Indien nicht aufgehört haben zu wirken und hierzu eine Vielzahl an
Beispielen aufgeführt. Unbedingt lesenswert! Schnell zugreifen: es gibt
nicht mehr viele Exemplare!
(www.graswurzel.net)
Als Marginalie sei noch ein Verlag angeführt der einst gar nicht marginal
war. Nicht, daß er nicht mehr existierte oder produzierte. Aber er geht
etwas im zusammengekauften "Verlagsimperium" Sabine Groenewold Verlage
unter: der gute alte ROTBUCH Verlag - er fiel kaum ins Auge, so niedlich
war sein Anteil am Messegeschehen, klein wie sein Schild(chen). Mit "Dear
Mr. President" von Gabe Hudson, einem Golfkriegsveteranen, ist jedoch auch
hier ein interessantes Buch mit Anti-Kriegs-Erzählungen erschienen. Daß
man für die 169 Seiten jedoch 18,90 EURO hinlegen muß, ist schon eine
große Zugreifbremse, meine ich. (Besprechung folgt)
Wem mehr nach Hören als nach Lesen ist, der/die kommt immer beim TRIKONT
("Our own Voice") auf seine/ihre Kosten. Von TSS über die Rythmen der Welt
von unten findet sich eine Fülle hörbaren und tanzbaren Materials.
(www.trikont.de oder www.trikont.com - englischsprachig).
Einzelbesprechungen werden folgen.
Eine Entdeckung ist auch HÖRSTURZ booksound. In diesem Vertrieb findet
sich eine derartige Fülle erstklassiger Hörbücher auf CD, daß ein paar
dürre Worte diese Fülle kaum andeuten können. Wenn ich mich recht entsinne
sind etwa 600 Titel im Angebot, darunter Thoreau, Dada, O.M. Graf, Helmut
Qualtinger mit etlichen libertären AutorInnen wie Erich Fried, die er
liest, große Literatur und Kleinkunst, nicht zu vergessen Musik.
(Katalog: mailto booksound@t-online.de)
An dieser Stelle mache ich mal Schluß mit meinem Springturnier über das
Leipziger Messegelände und verweise auf kommende Buch-Besprechungen bei
LPA, die etwas ausführlicher im Detail sind.
Ansonsten: selbst hinfahren - 2005 ist wieder Buchmesse, dann hoffentlich
ohne das ungeistige Feldlager der Bundeswehr. Und wenn doch ... erst recht
hinfahren!
RGL für LPA
Kleiner Nachtrag zur Schwarzen Kunst:
Da gibt es auch noch das wunderbare "Museum für Druckkunst Leipzig" in
der Nonnenstraße 38. In dem alten Produktionsgebäude der Offizin Andersen
Nexö wird tatsächlich noch produziert - wie vor 30 Jahren - wenn auch in
kleinem Rahmen. Hier können noch die alten Techniken des
Bleibuchstabengießens, des Hand- und Maschinensatzes und des 1880
erfundenen Lichtdruckens life bestaunt werden, hier stehen noch all die
alten Maschinen, auf denen all die alten Bücher produziert wurden, ein
nach heutigen Maßstäben Höllenaufwand. Und es stehen auch noch die alten
Fachkräfte für Fragen und Aufträge zur Verfügung. Wessen Herz für Bücher
schlägt, die/der kann es hier in Druckerschwärze baden!
Eintritt Erwachsene: 3 EURO - www.druckkunst-museum.de
Öffnungszeiten Mo.-Fr. 9-17 Uhr, Sa. 10-15 Uhr
[Copyleft by LPA Berlin, R@lf G. Landmesser - Der Abdruck in
nichtkommerziellen Medien ist nach Rückfrage und Bestätigung gestattet.
Kommerzielle Medien werden gebeten, das übliche Honorar zu vergüten.]
14.04.2004
LPA-DE