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Rote oder blaue Pille? - Anarchie!
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[LPA] (de) Buch & Bund - Leipziger Buchmesse 2004 im Rückspiegel

LIBERTARIAN PRESS AGENCY Berlin mailto: lpa@free.de

BUCH & BUND - die Leipziger Buchmesse im Rückspiegel

Leipzig, die Vorkriegsmetropole deutscher Buchproduktion, hat sich in Nachwendezeiten gemausert. Sie hat wieder eine äußerst vorzeigbare Buchmesse, die sie in ihrem lichten neuen Messegelände präsentiert. Nicht so groß wie die Frankfurter Buchmesse, aber groß genug um sich einige Tage in ihren zwei großen Hallen zu verlaufen - zu sehen und zu lesen gibt es genug. Eigentlich mehr als genug, denn jeder erfahrene Messegänger weiß, daß bei der Vielzahl der Eindrücke nach etlichen Stunden das Übermaß dessen erreicht ist, was noch sinnlich aufgenommen werden kann.

Also ging ich mit meinem Kollegen konzentriert mit Ausblick auf das Wesentliche durch die Reihen, als eine aufgeregte Megafonstimme uns veranlaßte nach der Ursache des Lärms zu schauen. Nach einigen schnellen Schritten befanden wir uns mitten in einem kleinen Auflauf Menschen, die ein Tansparent, Bilder und Ähnliches in die Luft hielten und ihrem Unmut über den dort angesiedelten Aussteller Luft machten: die BUNDESWEHR. Unübersehbar hatte diese staatliche Institution einen üppigen Raum belegt, auf dem sie, ja was eigentlich präsentierte ... sich selbst. Keine Spur von Büchern oder anderem umfangreichen Schrifttum, medialen Angeboten oder vielleicht wenigstens Comix. Nix. Nur karikaturenreife Repräsentanten und - onkelz der wehr-haften Demokratie, flankiert von wehrbereiten Polizeitruppen im oliv Overall, die nun begannen die DemonstantInnen zu bedrängen. Schließlich wurde mit rüpelhafter Brutalität mehrerer "Greifer" ein Mensch abgeschleppt - wie sich später herausstellte, der Chefredakteur der Zeitung "Junge Welt", ein Vertreter der sogenannten "freien Presse". Warum dies? Es war nicht ersichtlich.

Ersichtlich war jedoch, daß an diesem Ort von Seiten der BW versucht wurde grobe Bauernfängerei zu betreiben. Jugendliche spielten ein Planspiel das dem dargestellten Erdball optisch das Eiserne Kreuz der Bundeswehr mit Macht aufdrückte: Peacekeeping International, POL&IS (hier hätte der Name POLICE besser gepaßt ...) "Politik & internationale Sicherheit" - offenbar auf die griechische polis = Stadt, also wohl das "global village" anspielend. "Berliner Jugendoffiziere" stellten zum Krisen- und Kriegsspiel die Begleitbroschüre her - immerhin e t w a s Gedrucktes! Auf dem Carrée des größten Einzelausstellers der Leipziger Buchmesse spielte ein Haufen fast fanatisiert zu nennender Jugendlicher beiderlei Geschlechts Weltpolitik. The World is a Game. Und z.B. die virtuellen Flüchtlinge aus Krisenregionen werden mit Gaudi hin- und hergeschoben und verschoben und abgeschoben. High score KrisenGewältigung. In einer Art Gehirnwäsche scheint hierfür anfälligen jungen Menschen eine Spielvorgabe gemacht zu werden, die logischerweise ihre eigene Logik entwickelt und das ist die des heutigen Staates und die der Staaten - alles wie gehabt. Innerhalb dieser Vorgaben entwickelt sich folgerichtig und nachvollziehbar weil nachspielbar das scheinbar unausweichliche Sach- Zwang-Verhalten der Politik. Die jugendlichen AkteurInnen merken nicht einmal wie sie auf den Holzweg kommen, da sie ihn ja selbst im vorgegebenen Rollenspiel vor sich ausrollen und darauf vorantrampeln wie in Knobelbechern. Wirklich alternativen Wegen läßt das (Vor)Spiel keinen Platz. (Vielleicht sollten einmal DFG-VK, GRASWURZEL-Gruppen und das Anti- Kriegs-Museum eingeladen werden mitzu"spielen".)

So waren es denn gerade auch die spielwütigen Jugendlichen, die dazu von den Uniformträgern aufgefordert eifernd und lautstark als Calqeure in eigener Sache agierten und sich gegenseitig darin überboten, unbeleckt von Allem dummes Zeug zu reden und vor allem ihren Anleitern nach dem Mund zu reden. Immerhin ließen die BW-Offiziellen auch die Meinungen von Protestierenden zu Wort kommen - allerdings oft nur in Flüsterlautstärke, denn plötzlich versiegte häufig und merkwürdigerweise der Ton der Verstärkeranlage.

Nun könnte man hier noch viel schreiben, schreiben von Menschen die interessiert gafften aber nach keiner Seite die Initiative ergriffen, schreiben von groszschen und grotesken Zügen des Ganzen, schreiben von (Militär?)Polizeiwillkür und Übergriffen oder von abgegriffenen Phrasen und leerem Stroh das gedroschen wurde. Man könnte schreiben von Bauernfängerei und Landsknechts-Werbung durch geistiges Besoffenmachen des Kanonenfutters.

Über allem steht aber die Frage nach dem WARUM. Warum tritt ein branchenfremder Aussteller auf einer Buch- und Medienmesse auf, der er nichts anderes bieten kann als Provokation pazifistisch gesinnter Menschen und die Präsentation seiner kruden Gesinnungstäterschaft. Was hätte wohl Tucholsky dazu gesagt. Warum läßt man nicht gleich auch Polizei, Zoll, Bundesgrenzschutz, Post, Bundesbahn und alle anderen Uniformträger der Republik in Leipzig auf der Buchmesse ihren Auftritt in gleicher Weise und Größe haben. Vielleicht könnte man dann in der Vorhalle grad noch ein paar Stände mit Büchern ausstellen - am besten welche die zum Thema passen - und, sagen wir draußen um den Messe-See, die anderen Buchheinis ein wenig Flohmarkt machen lassen? Sozusagen als Dekoration für die Rekrutierung der Behörden. Oder umgekehrt: warum nicht auf Polizei-, Waffen- und Behördenmessen überall ein wenig Buchmesse? Fragen über Fragen. Und vor allem die Frage an die Messeleitung von Leipzig: "Tut das not?"

Irgendwann hatten mein Kollege und ich dann doch dem feldgrauenhaften und NATOd-olivgrünen Geschehen den Rücken gewandt - wir waren ja schließlich gekommen um Bücher zu sichten und Verlage kennenzulernen und nicht um lauwarmen Krieg zu spielen.

Da paßt es doch ganz gut, daß die DVA das bekannte Buch des Anarchisten und Gründers des Anti-Kriegs-Museums, Ernst Friedrich über die Greuel des Ersten Weltkrieges "Krieg dem Kriege" wieder als Reprint der Originalausgabe von 1924 verlegt. Diese kostet aber auch 19,90 EURO. Die damals deutlich weniger aufwendige Taschenbuch-Ausgabe des Verlag 2001 mit ihren 2,90 DM "Volkspreis" war da natürlich massentauglicher. Aber immerhin. (256 S., 15,2 x 22,2 cm, ISBN 3-421-05840-7)

Ferner auf der Positivseite des Messegeschehens zu vermelden ist die Verleihung des "Kurt-Wolff-Preises" an den NAUTILUS-Verlag Hamburg, der mit seinen rund 400 veröffentlichten wohleditierten Büchern seit den 60ern Kulturgeschichte geschrieben hat. Aus dem ehemals winzigen MaD-Verlag Lutz Schulenburg haben letzterer und Hanna Mittelstädt ein beachtliches und beachtetes Verlagshaus gemacht, das sich guter Kultur und libertärer Weltsicht auch nach Jahrzehnten immer noch verpflichtet fühlt. Hier hat es einmal die Richtigen getroffen und daß diesem Projekt mit Liebe zur Anarchie in der Laudatio der Staatsministerin Christina Weiss die "Anerkennung vom Staat" testiert wird, schmälert die Freude kaum und erhöht das Amüsement. Weiter viel Glück, altes Unterseeboot! Und grüßt Nemo - er soll aufpassen, daß die Bücher nicht naß werden ...

Für Libertäre fand sich weiter Interessantes, auch an unerwarteten Stellen des Buchgeschehens. Im Schweizer "Chronos-Verlag" sind 2003 zwei beachtliche Bücher über Frauenleben erschienen: * Karin Huser, Eine revolutionäre Ehe in Briefen - Die Sozialrevolutionärin Lidija Petrowna Kotschetkowa und der Anarchist Fritz Brupacher (434 S., 38,80 EURO - ISBN 3-0340-0640-3) sowie * Ina Boesch, Gegenleben. Die Sozialistin Margarete Hardegger und ihre politischen Bühnen (436 S., 30,-- EURO - ISBN 3-0340-0639-X) Beides sind umfangreiche, schön editierte und fadengebundene Hardcoverbände, die in Text und Bild interessante, mit Anarchismus verbundene Lebensläufe beleuchten und so ein tieferes Verständnis für die Zeit und die in ihr verquickten Individuen ermöglichen. (Besprechungen folgen)

Im Merlin-Verlag ist HAIE von Jens Bjoerneboe, sein letztes Buch, in einer grafisch gefälligen Hardcoverausgabe neu erschienen (312 S., 19,50 EURO - ISBN 3-87536-237-3) und auch seine Biografie von Jens Wandrup (360 S., 12,40 EURO - 3-875361-99-7) sowie die Triologie der menschlichen Bestialität wird weiter vorrätig gehalten. Der im eigenen Land hochangesehene norwegische, von Kropotkin beeinflußte Anarchist mit seinem Hang zur deutschen Kultur ist ein humorvoller Autor, der gleichzeitig an den Übeln der Menschheit verzweifelte und sich nervlich zerrüttet 1976 das Leben nahm. Vor Jahren erschien schon im Trotzdem Verlag "Wider den Bevormundungsmenschen" von Bjoerneboe. (www.merlin-verlag.de) (Besprechungen der Merlin-Bücher folgen.)

Der Alexander-Verlag Berlin verhilft einem anderen Libertären wieder zum Schritt aus dem Schatten, Jörg Fauser, der in diesem Jahr 60 geworden wäre. Bis 2006 will der Verlag eine Werkausgabe in Paperbacks herausbringen, die mit dem Band "Marlon Brando - Der versilberte Rebell" beginnt. (www.alexander-verlag.com) Gleichzeitig wird 2004 im Tiamat-Verlag eine Fauser-Biographie erscheinen. Auch andere Verlage entdecken den Autor wieder, der 1987 unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommen ist. Wem das noch nicht genug Fauser ist, der/die kann sich beim Münchener TRIKONT-Label den "Fauser O-Ton" ordern (US 0245), eine schon 1997 erschienene, bibliophil editierte Doppel-CD-Ausgabe mit von Fauser selbst gelesenen Texten (Besprechung folgt!).

In ganz andere Gefilde entführt uns der Verlag Graswurzelrevolution mit seinem Buch "Das andere Indien" (1. Auflage 500, 244 S., 17,80 - ISBN 3- 9806353-2-5). Hierin wird aufgezeigt, daß nach Gandhi die libertären Ideen in Indien nicht aufgehört haben zu wirken und hierzu eine Vielzahl an Beispielen aufgeführt. Unbedingt lesenswert! Schnell zugreifen: es gibt nicht mehr viele Exemplare! (www.graswurzel.net)

Als Marginalie sei noch ein Verlag angeführt der einst gar nicht marginal war. Nicht, daß er nicht mehr existierte oder produzierte. Aber er geht etwas im zusammengekauften "Verlagsimperium" Sabine Groenewold Verlage unter: der gute alte ROTBUCH Verlag - er fiel kaum ins Auge, so niedlich war sein Anteil am Messegeschehen, klein wie sein Schild(chen). Mit "Dear Mr. President" von Gabe Hudson, einem Golfkriegsveteranen, ist jedoch auch hier ein interessantes Buch mit Anti-Kriegs-Erzählungen erschienen. Daß man für die 169 Seiten jedoch 18,90 EURO hinlegen muß, ist schon eine große Zugreifbremse, meine ich. (Besprechung folgt)

Wem mehr nach Hören als nach Lesen ist, der/die kommt immer beim TRIKONT ("Our own Voice") auf seine/ihre Kosten. Von TSS über die Rythmen der Welt von unten findet sich eine Fülle hörbaren und tanzbaren Materials. (www.trikont.de oder www.trikont.com - englischsprachig). Einzelbesprechungen werden folgen.

Eine Entdeckung ist auch HÖRSTURZ booksound. In diesem Vertrieb findet sich eine derartige Fülle erstklassiger Hörbücher auf CD, daß ein paar dürre Worte diese Fülle kaum andeuten können. Wenn ich mich recht entsinne sind etwa 600 Titel im Angebot, darunter Thoreau, Dada, O.M. Graf, Helmut Qualtinger mit etlichen libertären AutorInnen wie Erich Fried, die er liest, große Literatur und Kleinkunst, nicht zu vergessen Musik. (Katalog: mailto booksound@t-online.de)

An dieser Stelle mache ich mal Schluß mit meinem Springturnier über das Leipziger Messegelände und verweise auf kommende Buch-Besprechungen bei LPA, die etwas ausführlicher im Detail sind. Ansonsten: selbst hinfahren - 2005 ist wieder Buchmesse, dann hoffentlich ohne das ungeistige Feldlager der Bundeswehr. Und wenn doch ... erst recht hinfahren!

RGL für LPA

Kleiner Nachtrag zur Schwarzen Kunst: Da gibt es auch noch das wunderbare "Museum für Druckkunst Leipzig" in der Nonnenstraße 38. In dem alten Produktionsgebäude der Offizin Andersen Nexö wird tatsächlich noch produziert - wie vor 30 Jahren - wenn auch in kleinem Rahmen. Hier können noch die alten Techniken des Bleibuchstabengießens, des Hand- und Maschinensatzes und des 1880 erfundenen Lichtdruckens life bestaunt werden, hier stehen noch all die alten Maschinen, auf denen all die alten Bücher produziert wurden, ein nach heutigen Maßstäben Höllenaufwand. Und es stehen auch noch die alten Fachkräfte für Fragen und Aufträge zur Verfügung. Wessen Herz für Bücher schlägt, die/der kann es hier in Druckerschwärze baden! Eintritt Erwachsene: 3 EURO - www.druckkunst-museum.de Öffnungszeiten Mo.-Fr. 9-17 Uhr, Sa. 10-15 Uhr

[Copyleft by LPA Berlin, R@lf G. Landmesser - Der Abdruck in nichtkommerziellen Medien ist nach Rückfrage und Bestätigung gestattet. Kommerzielle Medien werden gebeten, das übliche Honorar zu vergüten.] 14.04.2004

LPA-DE

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