## mail vom 19.10.04 weitergeleitet von LPA Berlin <mailto:lpa@free.de>
Von: gruppeBASTA@gmx.de
Betreff: "Ohne befehlende Autorität" -
Interview mit Gloria Muñoz (jW 18.10.04)
18.10.2004 junge Welt
Interview
»Ohne befehlende Autorität«
Die Zapatistische Bewegung hat weltweiten Einfluß. Kampf für eine Welt,
in der viele Welten Platz haben.
Ein Gespräch mit Gloria Muñoz Ramírez
* Gloria Muñoz Ramírez aus Mexiko-Stadt ist Journalistin und Autorin
des Buches »EZLN: 20 und 10« (Unrast Verlag) über die Geschichte und
Entwicklung der zapatistischen Bewegung. Zur Zeit stellt sie ihr Buch
auf einer Rundreise in europäischen Ländern vor. Infos & Tourplan
unter www.gruppe-basta.de
F: Seit ihren Anfängen hat die zapatistische Bewegung eine enorme
Ausstrahlungskraft auf viele Bewegungen der Welt. Wie läßt sich das
erklären, und was sind die wichtigsten Aspekte dieser Einflüsse?
GM: Der Aspekt, der am meisten Einfluß auf andere Bewegungen hat, ist die
Organisation von unten. Die Zapatistas praktizieren das Prinzip des
»gehorchenden Befehlens« und schlagen es für die gesamte Gesellschaft
vor. Konkret bedeutet das, daß die Macht von der Basis ausgeht, ohne
eine vertikale Autorität, wobei sie ihre Funktionsträger immer
überwacht und jederzeit ersetzen kann, wenn sie ihre Aufgaben nicht
zufriedenstellend lösen.
Die Zapatistas haben außerdem immer klargestellt, daß man niemals
absolute Gewißheit hat. Sie spielen sich eben nicht als Avantgarde
welcher Strömung auch immer auf, sondern kämpfen für eine horizontale
Organisierung, die Toleranz für alle Denkweisen und Formen des
Kampfes einschließt. Ich denke, dieser Kampf »für eine Welt, in der
viele Welten Platz haben«, ist ein weiterer relevanter Aspekt.
F: Zur Präsentation Ihres Buches sind Sie in verschiedenen
europäischen Ländern gewesen. Sie wollten dabei auch einen Dialog
zwischen der zapatistischen Bewegung und den sozialen Bewegungen in
Europa führen. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
GM: Ich kann mich noch nicht auf Deutschland beziehen, denn ich beginne
gerade mit einer Rundreise durch 15 Städte des Landes. Aber ich kann
über Italien, Spanien oder Frankreich reden. Die zapatistische
Erfahrung lebt dort nicht nur durch die solidarische Unterstützung der
Sache und in den zahlreichen Projekten, die den Widerstand vor Ort
in Mexiko begleiten. Es geht vielmehr darum, daß die sozialen
Bewegungen versuchen, Verbindungen zwischen den Kämpfen zu knüpfen
und einige Vorschläge der Zapatistas zur Diskussion stellen. Konkrete
Beispiele für den Einfluß des zapatistischen Denkens sind die
Bewegung der »disobedienti« (dt.: die Ungehorsamen) in Italien, die
sozialen Zentren sowie die Organisation von Initiativen, die Häuser
für Flüchtlinge oder prekär Beschäftigte besetzen.
F: Angesichts der enormen globalen Probleme: Wofür sollten wir
gemeinsam mit der zapatistischen Bewegung kämpfen?
GM: Die Zapatistas haben vielen von uns beigebracht zu sagen: »Ich weiß
nicht«. Und in vielen Fällen ist es die angemessene Antwort. Wir
müssen immer weiter fragen.
Aber natürlich gibt es grundlegende Linien in ihrem Denken, wie die
generelle Besorgnis wegen des Krieges, den die Mächtigen auf dem
gesamten Planeten führen. Dabei beziehe ich mich nicht nur auf den
Krieg mit Waffen und Armeen, sondern auf den alltäglichen Krieg, den
der Neoliberalismus gegen die Menschheit führt. Es ist ein Krieg, in
dem die Indigenen von ihren angestammten Ländereien vertrieben
werden, um den multinationalen Konzernen Zutritt zu verschaffen. In
diesem Krieg werden den Arbeitern ihre Rechte entzogen und Stück für
Stück alle sozialen Errungenschaften vernichtet. Damit werden die
Renten, die Arbeitslosenhilfe und die Unterstützung für die Kultur
verschwinden, in einem Krieg aller gegen alle. Und ich glaube, das
ist Motiv genug, um gemeinsam mit den Zapatistas zu sagen: »Ya
basta!« - Es reicht!
Interview: Luz Kerkeling
[Hinzugefügte Anmerkung LPA: Wie sicher die meisten von Euch wissen, hat
es die "Centri Sociali", die Sozialen Zentren, in Italien weit vor
Erscheinen der EZLN-Zapatisten gegeben. Italien ist traditionell und
ungebrochen stark von vitalen anarchistischen Initiativen, Gruppen und
Föderationen beeinflußt und somit von libertären Ideen. Die EZLN hierfür
als ursächlich zu betrachten heißt die Geschichte auf den Kopf stellen:
vielmehr wurden die ursprünglichen Zapatistas, Zapata und seine Leute, von
mexicanischen Anarchisten, v.a. von den Brüdern Magón beeinflußt. Dieser
Einfluß spielt im heutigen Mexico erneut eine Rolle und innerhalb der
aufständischen Indigenas gibt es auch Gemeinden die sich als "Magónistas"
bezeichnen und die den alten anarchistischen Idealen aus der Zeit der
Mexicanischen Revolution erneut Präsenz geben (ihr Logo ist der Kopf von
Ricardo Flores Magón).
Eine ungeschriebene Geschichte ist übrigens die damalige gescheiterte
Besetzung der "Baja California", einer großen Landzunge zwischen Mexico
und Californien (heute gibt es dort Walbeobachtungen), durch die alten
aufständischen Magonistas um dort eine anarchistische Republik zu
errichten ...
Ähnliche Einwendungen wie zu Italien ließen sich gegenüber den von G.M.
erwähnten, angeblich zapatistisch beeinflußten Widerstands- und
Selbstorganisationsformen in Spanien und Frankreich erheben, Länder die
mehr als 150 Jahre kontinuierliche anarchistische Traditionen haben.
Dies alles schließt natürlich in keiner Weise aus voneinander zu lernen.
Im Gegenteil: dies ist sogar dringend notwendig!
RGL für LPA]
Chiapas98 Mailingliste
JPBerlin - Mailbox und Politischer Provider
Chiapas98@listi.jpberlin.de
http://listi.jpberlin.de/ mailman/ listinfo/ chiapas98
21.10.2004
LPA-DE