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"Perlen & Trüffel - Eine kleine Reise durch 25 Jahre Verlagsgeschichte"
Reihe Critica Diabolis #124
Edition Tiamat, Berlin 2004
160 Seiten
ISBN 3-89320-081-9
Preis: 2 EUR (kein Tippfehler: zwei!)
Die Edition Tiamat feiert 25jähriges Verlagsjubiläum.
Sonne und Faulheit
über den Hinterhöfen
Tauben lungern auf zerbröckelnden Dächern -
Genießen Sie den Untergang des Abendlandes!
... so beginnt ein wortgewaltiges Textplakat, welches um 1980 in der
politischen Szene Westberlins und der BRD die Runde machte. Es gehört mit
zu den frühen verlegerischen (Groß-)Taten als die Edition Tiamat noch in
Nürnberg ansässig war und vor 1981 Edition Sonne & Faulheit ("Edition
Comunella" war wohl auch mal angedacht) hieß. Aber dies taucht leider in
der Verlagsgeschichte, die Klaus Bittermann, Verleger, Autor und
Journalist jetzt in einem Jubiläums-Band beschrieben hat, nicht auf. Nun
gut, auf 37 Buchseiten lassen sich natürlich nicht alle Episoden einer
25jährigen Verlagstätigkeit schildern, aber zumindest muss anerkannt
werden, dass in seinem viel zu kurz geratenen Rückblick, die kleinen
Johann-Most-Bändchen, sowie der eine oder andere anfängliche "Raubdruck"
doch noch Erwähnung finden. Er kennt seine Wurzeln, und seine stoische
Gelassenheit hat ihn dahin gebracht, wo er heute steht: Ein respektabler
Verleger, der auch selber noch gut schreiben kann, und vor allem aber
seine allseitige Unabhängigkeit bewahrt hat.
Auf der verlegerischen Suche nach den Ressourcen werden wir vielleicht
noch vor dem 60. Verlagsjubiläum mit einem Folgeband beglückt, der uns die
Geschichten hinter dem bedruckten Papier noch näher bringt.
Seit dem Winter 1981 wurde dann mit dem Titel "Aufruf aus dem Gefängnis
von Segovia", ein Dokument spanischer inhaftierter Libertärer, das
Buchformat festgelegt und durchnummeriert. Das Verlagssignet, der etwas
irre dreinblickenden Dame, aus den Zeiten als die Bilder Laufen lernten,
tauchte zwar bereits 1981 in der hauseigenen Zeitschrift "Anschläge" auf
(von der leider nur 6 Ausgaben erschienen), aber die Buchrücken zierte es
erst etwas später, ebenso den Reihentitel "Critica Diabolis". Aller Anfang
ist schwer.
Inzwischen hat die Reihe mit dem Jubiläumsband die Nummer 124 erreicht,
obwohl seit Jahren zwei Bände zwar aufgeführt aber bisher nicht erschienen
sind: Band 73, Robert Kurz "Dabei sein ist alles" von 1997 als "Noch nicht
erschienen" und Band 96, Arnulf Rating "Das haben wir gerne" von 2000 als
"Nie erschienen" deklariert. Beide Werke mit hoffnungsvollen und
bezeichnenden Titeln! Passiert den größten Verlagen.
Die 1980er und vor allem die 1990er Jahre waren nicht sehr günstig für
libertäre Verlage. Die politischen Umbrüche und ihre Umstände zwangen sie
zu einigen Missgriffen und -verständnissen. Neben den aber immer
wiederkehrenden dadaistischen und surreal-subversiven Dokumenten blieb
sich der Verleger Klaus Bittermann in seiner libertären Grundhaltung treu.
Die Bibliographie liest sich immer noch als das Who-is-who der
Gesellschafts- und Kulturkritiker unserer Zeit. Wenngleich die
anarchistischen Pamphlete von der heute üblichen beißenden Kritik, nach
dem Motto "Warum den Leuten auf die Füße treten, wenn man sie auch vor den
Kopf stoßen kann", abgelöst worden sind.
Wahrlich, es läßt sich nicht nur so manche Perle in dieser Buchreihe
finden, es reicht durchaus schon für eine Halskette - zumindest für jene,
die keinen dicken Hals bekommen, wenn sie Autorennamen wie Franz Dobler,
Wiglaf Droste, Eckhard Henscheid, Wolfgang Nitschke, Wolfgang Pohrt, Fritz
Tietz, Roger Willemsen usw. lesen.
Dank muss dem Verlag gezollt werden für die Bücher der genialen
Journalisten Christian Schultz-Gerstein, Lothar Baier, Eike Geisel oder
eben auch derer von Guy Debord, Zeitgenossen, die inzwischen nicht mehr
unter den Lebenden weilen.
Dazu gesellen sich "Klassiker" wie Hannah Arendt, Alain Finkielkraut und
Harry Mulisch. Nein, die LeserInnenschaft kann durchaus dankbar sein für
den einen oder anderen Titel, so wie es der Verleger selbst auch ist, wenn
er z.B. die Jörg Fauser-Biographie von M. Penzel und A. Waible publiziert,
weil Fauser u.a. auch einer der ersten Rezensenten der Critica Diabolis
war.
Der Jubiläumsband liefert neben der kompletten Critica Diabolis-
Biographie, leider ohne die berühmt-berüchtigen Anfangspublikationen,
einen hervorragenden Querschnitt aus den bisher erschienenen Büchern,
sowie Fotos und Artikel, wie z.B. den hervorragenden Artikel "Sorge dich
nicht, zahle", den Joseph von Westphalen in der Süddeutschen Zeitung
(27.11.98) veröffentlichte, weil der trutschige Scherz Verlag aus München
(wie der bloß zu seinem Namen gekommen ist?) Klaus Bittermann unter
Strafandrohung verbieten ließ, einen Sammelband mit dem Titel "Sorge dich
nicht, lese! Siebenunddreißig Glossen gegen den Bestseller" zu verkaufen.
Hier hört die Scherzerei auf! Hätte es doch passieren können, dass
Verwechselungen auftreten, möglicherweise hätten die Leute aus Versehen zu
einem guten Buch gegriffen. Aber auch diese Scherz-Krise hat der Verlag
gemeistert.
Nun, Klaus Bittermann gehört immer noch zu jenen Verlegern, denen Bücher
mehr ein Lebens-Mittel, denn eine Ware sind, der manchmal auch bereit ist
Buchprojekte zu realisieren, nur weil ihm selbst der Autor oder der Text
als wichtig erscheint, und er schafft es - ohne verzweifelt anbiedernd zu
wirken - Zeitgeist-Bücher zu machen, die in ihrer Kulturkritik durchaus
ein längeres Haltbarkeitsdatum besitzen, als nur die im Buchhandel
üblichen sechs Monate bis zum nächsten Verlagsprogramm.
Kurz und gut: Kauft das Buch "Perlen & Trüffel" was das Zeug hält! Pusht
es in die Spiegel-Bestsellerliste! An vermoppelten Ich's und
altersschwachen Wüstlingen vorbei auf Platz 1. Das wäre ihm zu gönnen,
denn wer es heute schafft 25 Jahre im Verlagsgeschäft zu bleiben, mit
Büchern, die oft heiß geliebt, aber selten gekauft werden, dem muss mal
geholfen werden. Und wenn zuvor die Ausrede benutzt wurde, dass die Bücher
zu teuer seien, so kann das hier nun nicht mehr gelten, denn nie waren
gute Texte preiswerter. Also am besten im 10er Pack kaufen, selber lesen
und verschenken.
Jochen Knoblauch für LPA
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Klaus Bittermann (Hg.); Perlen & Trüffel - Eine kleine Reise durch 25
Jahre Verlagsgeschichte. Edition Tiamat Berlin 2004 / Reihe: Critica
Diabolis 124 / Abb. / 160 S. / 2 Euro (in echt!)
08.11.2004
LPA-DE