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Harald Neuber,
Freitag Nr. 47 vom 12.11.2004
MEXIKO - Ein Präsident redet von Demokratie und tut alles, um die linke
Opposition auszubooten
Es hätte die Chance zur Aussöhnung sein können: Als sich Vicente Fox
jüngst mit seinem linken Gegenspieler, dem Gouverneur von Mexiko-
Stadt Andrés Manuel López Obrador, traf, waren die Zeitungen mit wilden
Spekulationen über den Ausgang des Gesprächs gefüllt. Eine verständliche
Reaktion, denn die politische Rivalität zwischen dem Konservativen Fox und
dem Sozialdemokraten López Obrador hatte demLand turbulente Wochen
beschert. Offen ausgebrochen war der Konflikt, nachdem Abgeordnete von
Obradors Partei der Demokratischen Revolution (PRD) das Parlament während
einer Regierungserklärung des Staatschefs im September in ein wohl
kalkuliertes Chaos gestürzt hatten. Mit Transparenten und Sprechchören
warf die Linksfraktion Fox "Lügen" und "Täuschung" vor. 21mal musste der
ehemalige Coca-Cola-Manager seine Rede unterbrechen, zwölf Mal rief der
Parlamentspräsident zur Ruhe -das hatte es in der mexikanischen
Parlamentsgeschichte bis dahin kaum je gegeben.
Die innenpolitische Bilanz von Vicente Fox ist nach vier von sechs
Amtsjahren in der Tat kein Ruhmesblatt. Nach mehreren
Privatisierungswellen findet sich seine Nationale Aktionspartei (PAN) auf
der Beliebtheitsskala nach unten durchgereicht. Protestierten wenige
Wochen nach Fox' Amtsübernahme Ende 2000 bereits 100.000 Landarbeiter
gegen den drohenden US-Freihandel, rebellieren inzwischen auch die
staatlichen Stromversorger, etliche Gewerkschaften, Mediziner und
Studenten.
Als der Präsident am 1. September eine Rede zur Lage der Nation hielt,
sicherten mehr als 4.000 Polizisten den Kongress mit einer doppelten
Stahlmauer vor wütendem Aufruhr. Am nächsten Tag verkündeten die
Kolumnisten, der oberste Sachwalter des Staates sei wohl vor der Menge,
aber nicht vor seinen dürftigen Argumenten geschützt worden. Fox lobte
"unsere Fortschritte" in der Wirtschaft, im Bildungs- und Sozialwesen und
eine um 16 Prozent gesunkene Armutsrate. "Wäre die Massensterblichkeit in
den benachteiligten Bevölkerungsschichten gestiegen", spottete der
Politologe Carlos Monsiváis wenig später in der Zeitschrift Proceso,
"könnte man dem Mann sogar glauben". Tatsächlich sind seit Antritt der
Regierung Fox durch Privatisierungen über 400.000 Arbeitsplätze abhanden
gekommen. Allein 2003 stieg die Quote der "remesas", der Finanztransfers
von mexikanischen Wirtschaftsemigranten in den USA an ihre Familien
zuhause, um gut ein Viertel. Eine staatliche Umfrage zur sozialen Pyramide
offenbarte gleichfalls brisante Zahlen: Die oberen zehn Prozent beziehen
27 Prozent des Gesamteinkommens, die untersten zehn müssen gerade einmal
mit 1,6 Prozent auskommen. Kann sich die Bilanz der Ära Fox also sehen
lassen, wie das Auslandsbüro der CDU nahen Konrad-Adenauer-Stiftung im
jüngsten Bericht aus Mexiko unterstellt? Selbst der Präsident scheint
unschlüssig. "Das Beste kommt noch", rief er den Sprechchören der
Opposition entgegen. Beruhigt hat das niemanden.
Vor vier Jahren war Vicente Fox mit einem beachtlichen Amtsbonus
angetreten - er hatte dem 71 lange Jahre währenden Regime der Partei der
Institutionellen Revolution (PRI) eine Auszeit beschert und wollte
demokratisieren, wo es nur möglich schien. Es blieb bei Versprechen,
moniert López Obrador die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit in der
Politik des Präsidenten und bringt sich mit seiner vehementen Kritik
zugleich als Herausforderer für die Präsidentschaftswahlen 2006 ins
Gespräch. Dass ihm dabei gute Chancen eingeräumt werden, dürfte ein Grund
für sein belastetes Verhältnis zum Amtsinhaber sein.
Das eingangs erwähnte Treffen brachte denn auch keine Entspannung, schon
einen Tag später suchte "AMLO", wie López Obrador den Initialen seines
Namens nach genannt wird, wieder die Offensive. Fox wolle ihn mit allen
Mitteln von einer Präsidentschaftskandidatur fernhalten. Aber er werde
"die Waffen zu führen wissen". Sollte die andere Seite weiter ein
"Komplott" gegen ihn schmieden, müsse Fox mit "gewaltlosem zivilem
Widerstand" rechnen. Einen Vorgeschmack darauf lieferten seine Anhänger
nur Tage spter. Am 5. Oktober besetzten PRD-Abgeordnete über Nacht das
Parlament, um gegen geplante Kürzungen des Etats von Mexiko-Stadt durch
die Bundesregierung zu protestieren. In einer taktischen Allianz mit der
PRI-Fraktion im Kongress hatte die regierende PAN versucht, die Verfassung
zu ändern, um über die Finanzen der Hauptstadt selbst entscheiden zu
können. Je spartanischer das finanzielle Hinterland des Gouverneurs López
Obrador, desto geringer seine Chancen im Wahlkampf, so das Kalkül.
Außerdem liegt ein Antrag beim Obersten Gericht, die Immunität des PRD-
Politikers aufzuheben, weil er einen gerichtlich angeordneten Baustopp für
Straßenprojekte in Mexiko-Stadt missachtet hat. Beim Streit um das
Verfahren geht es allerdings weniger um den Fall an sich als die
Konsequenzen, eine Gerichtsverhandlung würde López Obrador vermutlich dazu
zwingen, auf eine Präsidentschaftskandidatur zu verzichten.
Der bislang wachsende Unterstützung für den PRD-Star fußt auf einer
geschickten Doppelstrategie. Auf der einen Seite stellt sich Obrador als
Opfer politischer Intrigen dar, andererseits verfolgt er einen betont
aggressiven Kurs gegenüber der Regierung Fox. Anders als PRI oder PAN
verfügt die erst 1989 gegründete PRD über kein landesweites Netzwerk von
Unterstützern. Will sie bei den Prsidentschaftswahlen nicht scheitern,
müssten ihre Aktivisten in kürzester Zeit eine größtmgliche Basis
schaffen, die in der heißen Phase der Wahlkampagne mobilisiert werden
könnte. In einem Buch unter dem Titel "Ein alternatives Projekt für die
Nation" veröffentlichte López Obrador vor wenigen Tagen sein Quasi-
Regierungsprogramm. Darin plädiert erfür mehr Staat und mehr zentral
gesteuerte Investitionen, um die akuten Probleme des 105-Millionen-
Einwohner-Landes zu lösen. Ein mexikanischer Lula, so scheint es, der sich
durchaus zu inszenieren versteht. So stellte Obrador gerade ein Treffen
mit dem Dalai Lama in den Dienst der Eigenwerbung. Vor laufenden Kameras
legte der Tibetaner seinem Gastgeber einen silbernen Schal um die
Schultern. "Ihre Sorge um die Zukunft ist wirklich beeindruckend",
verkündete er dazu.
[Chiapas98]
13.11.2004
LPA-DE