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GRÜNE WOCHE - Berlin
Fresstempel der Nation
Die Grüne Woche rülpst ihrem Ende entgegen. Abgegessen sind die
Besatzungen der Stände, abgefüllt die MessegängerInnen. Wer noch nicht da
war nimmt schnell noch das Wochenende mit.
Die wochelang ausgestellten Frischfische aller Art die niemand mehr essen
wird, verraten schielend, mit eingefallenen Augen, daß sie ihre ewige Ruhe
endlich wollen, Moki-Moki, Dorade genauso wie Dorsch und Teufelsfisch. Das
vergebliche Besprühen mit frischen Wasser macht sie auch nicht mehr
lebendiger aussehen in ihrem Eisbett.
Verwelkende Blumen des niederländischen Blumendoms der Einganghalle werden
die Fische auf ihre letzte Ruhestätte Müllhalde begleiten, ebenso wie
Tonnen leergefutterter Gebinde aus Nah und Fern.
Aber noch gibt es die Happy Hour mit frischen Austern fürn Euro, der
Schampus fließt auch schon ab diesem Preis und die Bierstände aus aller
Welt wetteifern mit den Karibik- und Western-Bars und der an letzteren
herrschenden ausgelassenen Stimmung. Kanada hat sogar einen waschechten
Indianer hinter den Tresen gestellt, wo die Indianer in früheren Zeiten
doch nicht einmal vor denselben kommen durften. Besäufnisse waren da noch
nur den Conquistadoren bzw. ihren nordeuropäischen Pendants erlaubt. Auf
der Grünen Woche saufen manche Leute jedoch was das Zeug hält und die
Stimmung ist bei vielen ZeitgenossInnen entsprechend.
Das hat auch viel Jungvolk erkannt, das das Event der erweiterten
Landwirtschaft zu eigenen Volllaufexperimenten zu nutzen versteht; nun,
und dabei wird natürlich auch gehörig gespachtelt, denn für das Flüssige
braucht es gute Grundlagen. Groß und stark fühlen sich viele ohnehin
schon.
Die Fleischwirtschaft hat es verstanden MessebesucherInnen en Gros zu
WerbeträgerInnen zu machen, indem sie waschmittelgroßpackungsgroße
Behältnisse mit Werbeaufdruck auf Rollgestelle gepackt hat, über die
mensch im Gedränge alle zehn Meter stolpert, wenn stolze BesitzerInnen die
ergatterten Trophäen hinter sich herziehen und -zerren. Beim Stolpern
kriegt mensch unwillkürlich mit: "Fleisch muß sein - beiß rein!". Nun, so
plump sind die Sprüche heute nicht mehr - sie kommen eher softmeatmäßig
daher.
Auf der Tiershow kann mensch gelangweilte bis genervte Viecher allen
Kalibers begaffen und angrabbeln, wenn sie sich begrabbeln lassen. Manches
Hausvieh genießt den Streichelzoo offenbar, wähernd andere, v.a. Pferde
sich ob der zudringlichen grabschhaften Zärtlichkeit des
durchschnittlichen Publikums in die hinterste Ecke verziehen und mit
Arschzeigen ihr Mißfallen kundtuen.
In der Nachbarhalle hat jemand den Wettbewerb gewonnen, wie optisch
ansprechend möglichst viele heimische Fischsorten samt Flußkrebsen auf
möglichst kleinem Raum in ein Aquarium gepfercht werden können.
Sensationshungrige Augen starren durch das Glas und geiern darauf, daß
einer der Hechte sich endlich mal einen der kleineren Vertreter seiner Art
schnappt. Aber der Hecht glotzt jagdunlustig zurück und ist offenbar
vollgefressen.
Weiter gehts in den Wellnessbereich in dem der Deutsche Shaolin Tempel
eine Toprolle einnimmt (www.sltd.de). Die biegsamen und gertenschlanken
Kung Fu FighterInnen zeigen ihre akrobatischen bis kriegerischen
Fähigkeiten auf einer Freifläche und man kann nicht anders als beeindruckt
zu sein und sich demutsvoll über dem eigenen gefülltem Bauch vor dem
Tempel zu verneigen. Beim Qi Gong Showvorführen unter Publikumsbeteilgung
durch den Großmeister setzt jedoch eine gelinde Massenflucht ein, bis zu
dem etwas verloren dastehenden Obermönch doch jemand beherzt
hinzuklettert. Vielleicht ein Landwirt.
Nun sind wir aber schon ein paar Schritte weiter und stehen nicht minder
beeindruckt vor Ansammlungen US-amerikanischer Whirlpools die aussehen wie
umgestülpte Ufos und als wenn sie, einmal in Gang gesetzt, nicht nur ihren
menschlichen Inhalt gnadenlos durchwalken, sondern sogar in drei Meter
Höhe auf einer Fontäne balancieren, wenn nicht gar ausspucken könnten.
Fallen würde mensch mit etwas Glück weich auf eine der zahllosen
Massagematrazen die zu Hauf ausgestellt werden. Grün ist daran wenig,
sieht mensch mal von den Strohmatrazen ab, die es irgendwo dazwischen auch
noch gibt.
Überhaupt scheint die Brücke vom Whirlpool zur Landwirtschaft doch etwas
mühsam zu beschreiten sein, sieht mensch mal vom Urelement Wasser ab. Aber
vielleicht eignet sich so ein Gerät ja auch als Kartoffelwaschmaschine ...
Daß neben so viel Wohlbefinden, von dem ich mich fluchtartig zurückziehen
mußte, wollte mich doch eine agressiv werbende junge Dame mit japanischem
Heilpflanzenöl einreiben, die Ökohalle zu finden ist, steht wohl außer
Frage. Hier ist nicht nur GREENPEACE mit seiner Anti-Gen-Gemüse-Kampagne
zu Hause, sondern alle, die vor einigen Jahren noch bibbernd und von der
grünen Ordnungsmacht bedroht, transparentschwenkend vor den heiligen
Messehallen standen und die GRÜNE WOCHE als "giftgrün" titulierten. Jetzt
haben wir eine Grüne als Landwirtschaftsministerin und mensch ist auf dem
Freien Markt angekommen, zu merken an den doppelt und dreifach so hohen
Preisen. Hier lerne ich immerhin, daß WEIHENSTEPHAN inzwischen von MÜLLER
MILCH gekapert worden ist und Gentech drin ist, na sagen wir drin sein
kann, wo Gentech nicht drauf steht.
Nebenan werden die nachwachsenden Rohstoffe wie Holz beworben. Nachwachsen
schon, aber wann? Holz wächst bekanntlich langsam und zu fragen ist was
kommt hinter dem und wann kommt es hinter dem was wir heute durch die
Pelletöfen schieben. Auch kann mensch durchaus geteilter Meinung darüber
sein, ob Viehfutter oder gar Getreide zur Methanolerzeugung für die
Fortbewegung mittels Verbrennungsmotor angebaut werden sollte oder nicht
doch lieber zur Ernährung. Es gibt ja noch Gebiete in denen Hunger
herrscht.
Da ist mir schon irgenwie die "Solarblume" lieber, die wiedermal ein
einsamer Bastler zum Heizen von Swimmingpools entwickelt hat (www.suntec-
orga-europe.biz). Das hat zwar auch nicht viel mit Ackerbau und Viehzucht
zu tun, aber das innovative Solarthermie-Gerät ist anscheinend doch noch
zu was Anderem als nur zur Herstellung von Wohlfühltemparatur für die
Planschbecken der Reichen verwendbar.
Da hab ich doch schon ein viel besseres Verhältnis zu den Blockhäusern die
in den Untergeschossen ausgestellt werden, mitten im sonstigen Gartenkram
für Haus und Hof. "Mexikanische Wunderblumen" - ein Aronstabgewächs - die
ohne Wasser und ohne Erde auf der Fensterbank blühen, bevor mensch sie
wegschmeißt oder zum Recycling in die irgendwo doch notwendige Erde
steckt, gibt es genauso wie alle möglichen Knollen und Zwiebeln bekannter
und unbekannter "Blümscher", wie der Rheinländer sagt.
Bevor ich wieder aus den Hallen taumele, die vollgestopft mit Sinn und
Unsinn, mit Fraß und Frust und Wein und Werbeweibern sind, gerate ich noch
in den Tiroler Frohsinn, der sich schnadelhüpfend und jodelnd (wenigstens
nicht ödelnd) in einer ganzen Halle breitmacht. Gsuffa wird, gfressa aaa
und a bissl tanzt, schoo. Ganz Austria ergießt sich in Italiens Gefilde
und zwischen Speck und Würsten und Pasta und Parma wird mir ganz
wunderlich im Gedärm und ich muß kaufen. Jaja - und dabei noch einen
schönen Espresso, so winzig und so stark und so gut wie er sein muß:
grazie!
Uff. Was hab ich vergessen? Die Litauer(innen), die Polen und Polinnen,
überhaubt die Balten (und Baltinnen!) mit manch neuen Gaumengenüssen, die
volkstanzende Ukraine und den dattel- und nußtrockenen Iran, der
angesichts der internationalen Krise und großer Ausstellungsfläche nichts
tut, um seinen Sympathiefaktor (z.B. mittels Speisen) zu erhöhen. Belgiens
Biere und Belgische Riesen (Karnickel) diesmal vertreten von Deutschen
Riesen, schneeweißen Osterhasen, na besser als ein Riesendeutschland.
Frankreich mit seinen reichen Speisen und "vive le vin!", Spanien, Korea
mit Kohl und Ginseng (nein, das sind NICHT die Spitzenpolitiker beider
Länder!), japanischer Tee und indisches Papadam. Alle deutschen Lande
sowieso, z.B. Mc Pomm das sich störtebeckernd gibt und mit einigen Kähnen
aufwartet. Peru und Argentinien und manches schöne Land mehr. Naja - an
dieser Messe kann mensch sich nur verschlucken und -immerhin- gibt es noch
ein paar neue Errungenschaften der mechanisierten Landwirtschaft zu
bewundern: elektrische Holzspalter zum Beispiel in jeder Größenordnung
(wie hierbei wohl die Öko-Bilanz ist?). Da kann man sich wenigsten nicht
mehr die Axt ins Bein hauen, sondern nur noch schlechtestensfalls den
Handrücken spalten. Heiligs Säckle!
Wer von diesen Flashlights aufs Messegeschehen nicht genug hat, gehe
selber hin, notfalls nächstes Jahr, in dem die GRÜNE WOCHE sicher nicht
grüner aber kaum weniger kommerziell geworden ist - und der Eintritt noch
teurer; eine landwirtschaftliche Leistungsschau, der die Show anscheinend
wichtiger geworden ist als die Landwirtschaft. Der Gemischtwarenmarkt wird
sich weiter ausbreiten und die Fress- und Ramsch- und
nichtlandwirtschaftlichen Kommerzstände werden mehr werden - dann können
sich der Bauer und die Bäuerin auf der Messe nicht nur den Brockhaus zur
geistigen Erbauung kaufen.
Wen das alles frustriert oder begeistert der/die kann sich aus den
jeweiligen guten Gründen auf jeden Fall dort die Hucke zusaufen (nach dem
unvermeidlichen Schaffen der genügenden Grundlage), denn alle Alkoholika
der Welt sind dort in jedem Fall maßlos zu Hause und in jeder Form und
Preislage zu begutachten. Und das hat schon immer irgendwie zum
bäuerlichen Leben gehört - der "gute Tropfen", auch wenn es nicht mehr der
eigene Kartoffelschnaps ist.
RGL für LPA
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30.01.2005
LPA-DE