Sprachkritik
Dem Staat trau ich jede Gemeinheit zu! - Anarchie!
   Suche Gruppen Themen Links Foren Bücher Start   
Themen
Kommentar
Anarchismus
Medien
Lyrik
Pressespiegel
USA / Imperialismus / "Globalisierung"
Militarismus
Wirtschaft
Tao Te Ching
Humor
Spiritualität
Arbeits-"leben"
BRD - Ein System im Niedergang
Der Zustand der Linken
Selbstorganisation
Mafia - Grundprinzip unserer Gesellschaft
Der neue Mensch
Bannwild und Freiwild
Ich hab' Mein Sach' auf Nichts gestellt
5 Stunden Woche

Mail: beni@anarchie.de

Jugendschutzbeauftragter:
B. Huber

Vorladungen bitte per Email
an obige Adresse - Danke.

Sie wollen mich anzeigen?
Wenden Sie sich an die
Staatsanwaltschaft München I
z. H. Herrn StA Beß
Linprunstrasse 25
80535 München
Tel. +89/5597-4829
Fax. +89/5597-5145

Sie wollen Anarchie.de finanziell unterstützen?
Bitte hier klicken um die Spende mit Paypal zu verschicken:

 Danke!

Session ID: -1
User -1
Name
ModHits: 1
(de) :gelesen: "Der bolschewistische Mythos", Alexander Berkman

A - I N F O S N E W S S E R V I C E http://www.ainfos.ca/ http://ainfos.ca/ index24.html Der bolschewistische Mythos - Tagebuch aus der Russischen Revolution 1920-1922, Alexander Berkman Deutsche Erstübersetzung von Michael Halfbrodt nach EA 1925 New York Verlag Edition AV, Frankfurt a.M., 2. erw. Aufl. 2004; 253 Seiten, Paperback (DIN A5) Preis: 17,00 EURO; ISBN 3-936049-31-9; www.edition-av.info Zu Weihnachten 1920, nach zweijährigem Folter- und IsoKnast wegen Widerstand gegen die US-Beteiligung am 1. Weltkrieg, wird Alexander Berkman (der vorher schon 15 Jahre wegen seines Revolverattentats auf den Industriemagnaten und Arbeitermörder Henry Clay Frick abgesessen hatte) zusammen mit seiner Genossin und Freundin Emma Goldman und weiteren 244 US- Linken auf einem maroden Kahn namens "Buford" überfallartig ins winterliche revolutionäre Russland deportiert. Unterwegs bricht das Eis zwischen den Soldaten der Wachmannschaft und den

RevolutionärInnen, als erstere sehen, daß sie mit dem morschen Schiff selbst in Lebensgefahr gebracht wurden und auf die politischen Gefangenen

angewiesen sind. Berkman wird Sprecher der Gefangenen und tritt couragiert

für diese ein, die bis auf die drei Frauen unter ungesundesten Umständen im leckenden Rumpf des Seelenverkäufers untergebracht sind. Ein Teil der Wachmannschaft bietet den Gefangenen sogar an, zu meutern und mitsamt Schiff zu den Bolschewiki überzulaufen. Als Berkman nach gefahrvoller Reise im Januar 1921 von Finnland aus endlich russischen Boden betritt, möchte er am liebsten auf die Knie fallen, um den Boden seiner Heimat und

der ersehnten Revolution zu küssen.

Von nun an erleben zwei der bekanntesten und erfahrensten US- AnarchistInnen, beide von Geburt russisch, eine zweijährige Odyssee durch

ein ausgeblutetes, zerstörtes Land, das die Knute des Zaren zwar zerbrochen hat, aber unter dem, wie sich herausstellt, noch weit gnadenloseren zentralistischen Terror der BolschewistInnen und deren Repressionswerkzeug Tscheka ("Außerordentliche Kommission zum Kampf gegen

Spekulation und Konterrevolution") stöhnt. Diese Zustandsbeschreibung ist die einhellige Meinung aller. Die einen finden es notwendig und die anderen, sind (vorerst ...) die Opfer.

Voll von revolutionärem Idealismus und beglückt wieder in seiner nun vermeintlich befreiten Heimat zu sein, stürzt Alexander Berkman sich in die Umbruchszeit, diskutiert und verhandelt mit Lenin, Sinowjew, Tschitscherin und vielen anderen führenden Bolschewiki. Selbst diese führenden Leute sind voller Illusionen über die Weltlage und

erwarten täglich den Aufstand der Massen in den Industrieländern zur Entlastung des unter Blockade stehenden Russland - eine folgenschwere Fehleinschätzung. Warnungen zureisender RevolutionärInnen aus aller Welt,

sich nur auf die eigenen Kräfte zu verlassen, werden in den Wind geschlagen und als lächerlich abgetan.

Als berühmter Revolutionär wird Berkman mit Aufgaben, wie der Errichtung einer ArbeiterInnen-Erholungsanlage, betraut und mit leitenden Funktionen

ausgestattet. Zug um Zug muß er aber einsehen, daß die "Diktatur des Proletariats" eine Diktatur der frischgebackenen bolschewistischen Nomenklatura über das Proletariat ist. Im bürokratischen Räderwerk erstickt jede Initiative. Dieser bolschewistische Apparat, oft schon korrupt bis auf die Knochen, tritt alles in den Dreck, für das die besten

Köpfe der Revolution gekämpft haben - Freiheit, Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Sozialismus. Es gibt keine ethischen Werte mehr, sondern jedes auch noch so abartige Mittel heiligt den angeblich edlen Zweck.

Die Todesstrafe ist zwar offiziell abgeschafft aber dennoch regieren allerorten willkürliche Liquidation und "Summarische Erschießung", selbst

für kleinste (vermeintliche) "Delikte". Sogar Kinder werden niedergeknallt

und als Geiseln gegen politische Abweichler, linke wie rechte, genommen. Dabei sind die "Hüter der revolutionären Ordnung" meist die Korruptesten und bereichern sich schamlos und brutal. Die ständigen Beschlagnahmungen aller Orten "zu Gunsten des Proletariats" staffieren die gut gekleideten Apparatschiks mit Nahrung, Bekleidung und Mobilar aus, während das arme Volk bitteren Hunger leidet, bafuß geht und es ihm am Nötigsten gebricht.

Die Vergabe von Wohnungen ist von Gutdünken und Schmiergut abhängig und der Entzug von Wohnungen wird -auch im russischen Winter!- als Waffe gegen

unliebsame Personen, vermeintliche Klassenfeinde (Intellektuelle, "Burschui" = sog. Bourgois) und politische Gegner benutzt. Dies kommt oft

einem Todesurteil gleich.

Das Konzept der "Militarisierung der Arbeit", eine Erfindung des nur noch

in militärischen Kategorien denkenden Kriegskommissars Trotzki, lähmt die

Industrie und Wirtschaft und drückt die Arbeitenden auf die Stufe von Sklaven herab, schlimmer als zur Zarenzeit. Denn Arbeitsverweigerung, Abwesenheit oder gewerkschaftliche Betätigung, die nicht im Sinne der Bolschewiki ist, werden mit Gefängnis, Lager (Berkman spricht von Konzentrationslagern - im offenbar vornazistischen Sinn) oder Todesstrafe

wegen "Sabotage" geahndet. Dabei ist der vorrevolutionär erkämpfte Acht- Stunden-Tag abgeschafft und der "pjok" (die Lebensmittelration) der ArbeiterInnen ist eine der niedrigsten und wird oft genug gar nicht ausgegeben. Dies häufig aus bürokratischen Gründen, während (z.T. gespendete) Lebensmittel nicht selten verfaulend in vollen Lagern liegen oder verschoben werden.

Hohle (Militär-)Zeremonien, Reden voll sinnentleerter, falscher Phrasen und ein grassierender Personenkult bestimmen schon 1920 das öffentliche Bild, insbesondere wenn Delegationen von ArbeiterInnen-Organisationen aus

dem Ausland zu Besuch kommen. Letztere werden, um Eindruck zu schinden, mit unangebrachten Luxusbanketten traktiert und in Modellschulen, -heime und -betriebe geführt, während sie peinlichst von der überall herrschenden

Armut und Fäulnis ferngehalten werden, die sie dennoch unvermeidlich mitbekommen. Deutlich wird: alle fatalen Praktiken des noch kommenden Stalinismus sind schon zu Lenins Lebzeiten prall angelegt oder gar üblich.

Schlimmer noch - Lenin selbst gab oft die Parolen und Befehle dazu aus.

Aber auch die AnarchistInnen in Russland sind sich uneins: einige sind mit

wehenden Fahnen ganz zu den Bolschewiki übergegangen und einige wenige sind sogar in hohen verantwortlichen Positionen (oft mit großem Ansehen).

Andere tolerieren die KommunistInnen und nennen sich "Universalisten" mit

einem eigenen Club in Moskau. "Ideini-"/"Ideen-AnarchistInnen, also solche, die ihre Ideen nicht versuchen umzusetzen oder auch nur zu propagieren, sollen laut Lenin toleriert werden. Jedoch sind die Erlasse das Papier nicht wert, auf denen sie geschrieben stehen.

Wieder andere kritisieren die neuen Machthaber, halten aber still und einige kämpfen mit der Waffe in der Hand gegen die allgegenwärtige kommunistische Parteikamarilla, wie der mehrfach von der Roten Armee verratene Machnow mit seiner Bauernguerilla in der Ukraine (1917-1921). Berkman verfehlt zwar den revolutionären Anführer der anarchistischen Reiterarmee, kann aber klandestin dessen junge Frau "Gallina", eine Lehrerin, treffen, die ebenso wie Machnow selbst mit an der Spitze der kämpfenden Truppe reitet und großen Einfluß auf Machnow hat. Selbst die KommunistInnen müssen zugeben, daß sie ohne die Machnowstschina von den "weißgardistischen" Invasoren und Gegenrevolutionären überrannt worden wären. Trotzki dankt es den Machnowzi schlecht: 1921 müssen die letzten ins Ausland flüchten, darunter der schwerverletzte Machnow (siehe: Volin,

Die unbekannte Revolution).

Die zwei kurzen Besuche bei dem alten Revolutionär Peter Kropotkin werfen

zwar ein bezeichnendes Licht auf die Verhältnisse, sind aber in Emma s Goldman"Niedergang der Russischen Revolution" (Karin Kramer Verlag) plastischer und mit mehr Hintergrund wiedergegeben. Der angesehene Wissenschaftler Kropotkin, ein Mensch mit großem Ansehen im

Volk, lebt, aus Moskau vertrieben und auf der Hut vor der Tscheka, weitgehend isoliert in dem Dörfchen Dmitrow ca. 65 km von Moskau. Unter dem Jubel der Menschen war er hochbetagt aus Frankreich ins revolutionäre

Russland heimgekehrt. Nun arbeitet er kränkelnd unter schlechtesten Umständen an seinem Werk "Die Ethik", dem Hauptpunkt, der der bolschewistischen Führung abgeht. Seine Einschätzung der Dinge heißt: "Die

Bolschewiki haben uns gezeigt, wie man eine Revolution NICHT machen darf!"

Kropotkins Tod 1921 wird die letzte große Kundgebung der AnarchistInnen in

Russland (einige werden nach zähen Verhandlungen nur für das Begräbnis aus

dem Gefängnis beurlaubt) und ihrer SympathisantInnen in der werdenden UdSSR (12/1922) - eine unübersehbare Menschenmenge folgt dem Sarg ... Die BolschwistInnen machen weiter mit Kropotkins gutem Namen Reklame und sogar zeitweilig in Moskau ein Kropotkin-Museum auf (geleitet von Vera Figner, der berühmten Revolutionärin - siehe Biografie "Nacht über Russland"). Die meisten aktiven AnarchistInnen siechen derweil in den Gefängnissen und Lagern dahin.

Der Gipfel des abgeschmackten Zynismus (oder der Instinktlosigkeit?) ist das Ansinnen Lenins ausgerechnet an Berkman, sein unsäglich dummes und abfälliges Pamphlet "Der Linksradikalismus, die Kinderkrankheit des Kommunismus" ins Englische zu übersetzen. Das berühmt-berüchtigte Machwerk

ist gerade frisch für die Russland besuchende britische Delegation geschrieben. Überbringer der Botschaft ist Radek. Berkman stimmt unter der

Bedingung zu, ein Vorwort schreiben zu dürfen, da das Manifest alles entstelle und besudele für das der einstehe. Majestätsbeleidigung! Tatsächlich empört und verbittert zieht Radek von dannen, die Stimmung gegen Berkman schlägt um. Von nun an setzen für Berkman Schikanen ein, die seine Lage in Moskau prekär machen. Augustin Souchy, gerade als Delegierter der FAUD in Moskau,

sagt zu ihm: "Du bist zur persona non grata geworden." Der Besuch bei Kropotkin, zusammen mit Bertrand Russel ("Ich komme mir vor wie ein Gefangener ...") wird hintertrieben und sabotiert. (S. 106 ff) "Moskau ist von der Bürokratie zerfressen, Petrograd eine sterbende Stadt.

Nicht hier ist die Revolution. Draußen im Land unter den gewöhnlichen Menschen muss man das neue Russland suchen [...]", hofft Berkman. Zusammen mit Emma Goldman tritt er die Flucht nach vorne an und ergreift die Chance für ein "Museum der Revolution" Material zu sammeln. Sie reisen

ab Richtung Ukraine, in der noch grausame Kämpfe toben. Es ist Juli 1920.

Berkman (ver)urteilt in seinem Buch nicht direkt, sondern beschreibt was er in Moskau und Petersburg und als Leiter der Bolschewistischen Geschichtskommission für ein Revolutionsmuseum auf den ausgedehnten, riskanten Materialsicherungsreisen durch das Land über Kiew bis Odessa und

nördlich nach Archangelsk zu Gesicht bekommt und erlebt. Unter Lebensgefahr trifft er hervorragende Leute der sozialistischen Opposition, v.a. linke SozialrevolutionärInnen und AnarchistInnen, um ihre

Sicht der Dinge zu erfahren. Aber auch einige aufrechte und mutige KommunistInnen reden mit Berkman Klartext und geben ihrer Enttäuschung und

ihrer Empörung gegenüber der diktatorischen und unfähigen Regierung Ausdruck. Andere kleine und höhere kommunistische FunktionärInnen geben unwillkürlich mit ihrem Verhalten und ihren von Berkman referierten Selbstäußerungen den Blick auf die tatsächlichen Verhältnisse und Motivationen frei. Zwar ist trotz der bolschewistischen Usurpation aller Funktionen und Ämter noch eine relativ große Anzahl RevolutionärInnen anderer Richtungen präsent (durch ArbeiterInnendruck oder einfach durch Zufall), aber diese werden zunehmend zurückgedrängt. Die Hoffnung, daß nach dem Kriegskommunismus alles besser wird, wird sich zerschlagen.

Über allem schwebt das Damokles-Schwert der allmächtigen Tscheka (später umbenannt in GPU, noch später in KGB), damals schon ein Staat im Staat. Hier, wie in allen Gliederungen der KP haben sich ehemalige zaristische (Polizei)Beamte, Ochrana-AgentInnen und jede Art KarrieristInnen eingenistet, die an der neuen Staatsmacht partizipieren wollen. RevolutionärInnen liquidieren muß für diesen Schlag Mensch ein Mordsspaß sein! JedeR die/der in den Genuß von Vorteilen kommen will, tritt in die Kommunistische Partei ein. Die neue Klasse entsteht. Stück um Stück eines Puzzles setzt sich bis zum hautnahen Erlebnis des von

Trotzki brutal niederkartäschten revolutionären Aufstands von Kronstadt 1921 (für die Wiedererrichtung der Räte und Gleichbehandlung) das Bild eines schon in voller Ausprägung begriffenen totalitären Staates zusammen,

wie ihn die Welt bis dahin noch nicht gesehen hat.

Als 1921 schließlich die NEP (Neue Ökonomische Politik) von Lenin und dem

ZK eingeführt wird, ein NeoKapitalismus in gewissen Grenzen, weil es schien, daß die wirtschaftliche Katastrophe nicht anders beendet werden könnte (es gab mittlerweile 4-5 Millionen Verhungerte), bricht für viele noch überzeugte RevolutionärInnen eine Welt zusammen. Wenigstens den Kapitalismus glaubte mensch für alle Zeiten abgeschafft. Nun gab es wieder

elegante, in Luxusläden shoppende Damen und Herren gegenüber zerlumpten, hungernden ProletInnen. Lenin: "Bereichert Euch!" Zwar bleiben die Grundindustrien verstaatlicht,

aber ansonsten heiligt der Zweck wieder einmal die Mittel.

[Einige Zeit nach Lenins Tod 1924 machte Stalin diesen Schritt (ähnlich wie es später in der Nachkriegs-DDR gemacht wurde) rigide wieder rückgängig, produzierte durch seine "Entkulakisierung" weitere Millionen Hungertote und setzte nach Trotzkis Muster einen militarisierten StaatsMonopolKapitalismus mit zentral gelenkter Planwirtschaft ein.]

Nicht nur die völlig desaströse Politik der Bolschewiki wird in dem Buch sozusagen selbsterklärend beleuchtet, sondern immer wieder auch die furchtbare Situation der Juden und Jüdinnen unter den verschiedenen Kriegsregimes. Die Einfälle der Weißgardisten und Polen sind alle, v.a. in

der Ukraine, mit schlimmsten Pogromen und Vergewaltigungsorgien verbunden.

Ganze Dörfer und kleine Städte werden ausgelöscht. Mit die bestialischste

Truppe soll die des General Denikin gewesen sein.

Aber auch Machnows Leuten werden hartnäckig Pogrome nachgesagt, vor allem

von der kommunistischen Presse. Berkman geht dem nach, spricht mit Betroffenen und findet zwar Anhaltspunkte von Exzessen Einzelner, aber sonst durchweg Zeugenaussagen verschiedenster politischer Richtung, daß Machnow Hetzparolen gegen die jüdische Bevölkerung, Übergriffe und Pogrome

drakonisch bestraft: mit dem Tod.

Auch unter den Kommunisten fühlen sich jüdische Menschen relativ sicher (wenn es auch im einzigartigen Buch Isaak Babels, "Die Reiterarmee" über Budjonnys Polenfeldzug, Schilderungen von antisemitischen Übergriffen und

Pogromen seitens der Roten gibt - Babel, selbst Jude, ritt inkognito als Journalist dort mit; unter Stalin wurde der Autor liquidert).

Schließlich, als es keine Hoffnung auf Besserung der Verhältnisse mehr zu

geben scheint, beschließen Berkmann und seine GenossInnen, das Land zu verlassen. Das kapitalistische Ausland wird für die dort verhassten RevolutionärInnen zur zweifelhaften und verzweifelten letzten Zuflucht. Im Dezember 1921 können Berkman und Goldman mit anderen AnarchistInnen, darunter Machnows Biograf Volin, aufgrund eines Regierungsabkommens mit Gewerkschaftdelegierten aus dem Ausland (RGI*), als einige der letzten Oppositionellen aus der RSFS ausreisen. Das Schicksal der Zurückbleibenden

ist fast immer Lager, Gefängnis und Erschießung - letztendlich auch das der meisten führenden Bolschewiki.

Berkman hat diese Aufzeichnungen aus zwei Jahren unter ständiger Gefahr für Leib und Leben gemacht und deutet in der Einleitung an, daß ihn nur seine Gefängniserfahrungen in den USA befähigt haben, die Schriftstücke zu

verstecken und durchzubringen. Dennoch wäre das Tagebuch beinahe verloren

gegangen und konnte erst nach einer Odyssee durch halb Europa am Ende auf

dem Dachboden einer verängstigten Frau in Deutschland sichergestellt werden. Fast 80 Jahre nach seinem Erscheinen in New York liegt das Buch nun endlich in der Sprache des Landes vor, in dem Berkman das Manuskript wiederfand. Es ist ein einmaliges Dokument der Entlarvung bolschewistischer Pressetäuschung und Geschichtsklitterung, das gleichzeitig aufzeigt wie sehr die meisten führenden BolschewistInnen unlöslich im autoritären und dogmatischen Denken ihrer Zeit befangen waren. Die Schilderung Berkmans macht klar, daß es sich in aller Regel bei

den alten Bolschewiki um aufrechte revolutionäre Charaktere handelte, die

sich in die machiavellistische Idee der Staatseroberung verrannt hatten. Diesem Götzen brachten sie alles zum Opfer: die Kernpunkte des Sozialismus

und, wissentlich oder unwissentlich, neben all den anderen Opfern ihrer Irrtümer - sich selbst.

Das Buch ist flüssig übersetzt, sauber editiert und verfügt neben einem kurzen Lebenslauf Alexander Berkmans über eine zur Einordnung hilfreiche Zeittafel, ein Glossar von Begriffen und Übersetzungen, einen sehr nützlichen, umfang- und aufschlußreichen Anmerkungsapparat und einen kleinen Fototeil. Bei genauerer Redigierung wären einige kleinere Fehler und Satzfehler zu vermeiden gewesen. Aber dies läßt sich ja noch in einer hoffentlich erfolgenden 3. Auflage verbessern. Dann könnte auch der mißverständliche Untertitel des Buches auf "1921-1922" korrigiert werden, denn der Zeitraum

des Geschehens IN Russland erstreckt sich von Januar 1921 bis Dezember 1922 (Abfahrt der "Buford" aus den USA Ende Dezember 1920).

Das Werk kann ohne Einschränkung wärmstens empfohlen werden. Der Rezensent

wünscht ihm eine weitestmögliche Verbreitung angesichts der Tatsache, daß

die wirklichen Umstände der Russischen Revolution -als der vielleicht wichtigsten und lehrreichsten Revolution des 20. Jahrhunderts- immer noch

weitgehend unbekannt bzw. bis zur Unkenntlichkeit verfälscht dargestellt sind. Hierzu haben sowohl die bürgerliche wie auch die bolschewistische Geschichtsschreibung mit ihren Verzerrungen und bewußten mehrfachen Fälschungen massiv beigetragen.

Der spannend zu lesende, authentische Augenzeugenbericht des Alexander Berkman aus zwei russischen Revolutionsjahren ist, auch wegen seiner hohen

literarischen Qualität, seinem Einfühlungsvermögen und seinem schlichten Bemühen um Gerechtigkeit gegenüber allen geschilderten Menschen und Umständen eine Möglichkeit, sich dieser uns nun so fernen Zeit und ihren Personen und "Überpersonen" zu nähern und sie und ihr Handeln aus einem menschlichen Blickwinkel verstehend zu erfassen. Nicht zuletzt um daraus zu lernen.

RGL für LPA Berlin

[*Anm.: RGI ist "Rote Gewerkschafts Internationale", gegründet 1921 in Moskau unter der Weltführung der Bolschewiki, analog zur KomIntern. Wegen

des absoluten Führungsanspruchs der KommunistInnen traten fast alle syndikalistischen Gewerkschaften nicht ein und gründeten 1921/22 in Berlin, als eigene libertäre Internationale, die IAA - Internationale Arbeiter Assoziation" mit 3,5 Millionen Mitgliedern weltweit, die bis heute -zahlenmäßig schwach- weiterexistiert.]

+++++

Zusätzlich empfehlenswerte Literatur zum Thema:

Alexander Berkman, Die Tat (Gefängnisbericht, unrast verlag, Münster) Alexander Berkman, ABC des Anarchismus (Verlag Klaus Guhl, Berlin) Alexander Berkman, Die Kronstadt Rebellion (z.B. www.anarchismus.at) Alexander Berkman, Die russische Tragödie (Libertad Verlag, Berlin 1980)

[Alexander Berkman * 21.11.1870 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Wilna, aufgewachsen in St. Petersburg, wählte arm und schwerkrank angesichts seines schmerzhaften Prostatakrebses 1936 in Südfrankreich den

Freitod, zwei Wochen vor Ausbruch der Spanischen Revolution.]

Emma Goldman, Der Niedergang der russischen Revolution (K.Kramer-Verlag) Emma Goldman, Gelebtes Leben, 3 Bde. (Karin Kramer Verlag, Berlin) Maurice Brinton, Die Bolschewiki und die Arbeiterkontrolle (vergr.) Ida Mett, Die Kommune von Kronstadt (Karin Kramer Verlag, Berlin 1971) Volin, Die unbekannte Revolution, 3 Bde. (vergr.) Arschinow, Anarchisten im Freiheitskampf (über Machno-Bewegung; vergr.) Isaak Steinberg, Gewalt und Terror in der Revolution, (K.Kramer-Verlag) Victor Serge, Erinnerungen eines Revolutionärs (Assoziation, vergr.) Victor Serge, Eroberte Stadt (St. Petersburg 1919) (evtl. K.Kramer- Verlag) Isaak Babel, Die Reiterarmee (Friedenauer Presse, Berlin 1994)

LIBERTARIAN PRESS AGENCY Berlin [LPA] <mailto:lpa@free.de>

COPYRIGHT 2005 by LPA Berlin für Verwendung jeglicher Art. COPYLEFT 2004 by LPA Berlin für nichtkommerzielle Medien gegen Benachrichtigung bzw./und zwei Belegexemplare. In besonderen Fällen behält

sich LPA vor die Verwendung zu untersagen.

Nachrichten über und von Interesse für Anarchisten

Anmelden -> eMail an LISTS@AINFOS.CA mit dem Inhalt SUBSCRIBE A-INFOS Info -> http://www.ainfos.ca/ org Kopieren -> bitte diesen Abschnitt drin lassen

22.03.2005

A-INFO

Kommentare
Zum selber kommentieren bitte hier Einloggen
Meldungen
Blättern:
1 .. 64 65 66 [67] 68 69 70 .. 194
28.03.2005
(de) Palästina-Israel, Bil'in, Der tägliche Kampf gegen die Apartheidsmauer geht weiter (en, ca)
27.03.2005
[LPA] (de) Chomsky Interview: Anarchismus, Marxismus und Zukunft
26.03.2005
[LPA] (de) Veranstaltungsreihe: Vieques libre -keine Bomben, nirgends-
26.03.2005
[LPA] (de) 27.3. Aufruf: Ostermarsch in die FREIe HEIDe - Bombodrom im
26.03.2005
[LPA] (en) xUSSR: Avtonom #23 English summary (fwd)
24.03.2005
[LabourNet Germany] Neu am Donnerstag, 24. Maerz 2005
24.03.2005
(de) 28.3.05: Chomsky in Leipzig "Europa-Israel-Palästina"
24.03.2005
[LPA] (de) 28.3.05: Chomsky in Leipzig "Europa-Israel-Palästina"
23.03.2005
(de) Großbritannien, Das Dissent! Festival 6.-10. April
22.03.2005
(de) :gelesen: "Der bolschewistische Mythos", Alexander Berkman
22.03.2005
(de) :gelesen: "Der bolschewistische Mythos", Alexander Berkman
22.03.2005
(de) Irland: MP3-Audio: Andrew Flood und die Anti-Kriegsbewegung in Irland (en)
22.03.2005
[LabourNet Germany] Neu am Dienstag, 22. Maerz 2005
20.03.2005
[LPA] (de) :gelesen: "Der bolschewistische Mythos", Alexander Berkman
18.03.2005
[LPA] (de) ZNet - Argentinien: Mitarbeiterin von ZANON gekidnappt
18.03.2005
[LPA] (de) Medienplanet ANARES mit neuer Homepage - Info weiterleiten
18.03.2005
[LPA] (de) Bolivien: Sieben Menschen sterben an BAYER-Pestizid (fwd)
18.03.2005
(de) Schweiz, Rebellion Nr. 32: Die libertäre Antifa stärken! (fr)
18.03.2005
[LabourNet Germany] Neu am Freitag,18.März 2005
17.03.2005
(de) :gelesen: Leo Tolstoi - Libertäre Volksbildung, U. Klemm
Blättern:
1 .. 64 65 66 [67] 68 69 70 .. 194