## mail vom 10.04.05 weitergeleitet von LPA Berlin <mailto:lpa@free.de>
Die Hintergründe des Tschetschenien-Krieges
Wir gehen davon aus, dass es keinen gerechten Krieg in unserer modernen
Zeit gibt, ausser dem Klassenkrieg. Unserer Ansicht nach sind die
Schuldigen auf beiden Seiten [des Krieges] die Herrschenden, und die Opfer
sind die einfachen Leute.
Beim Beginn des Zweiten Tschetschenien-Krieges hatte unsere Gruppe [KRAS-
IAA] auf Flugblättern, die wir an die Mauern von Moskau plakatiert hatten,
das Folgende bekanntgegeben:
"Nieder mit dem Krieg! Ihr könnt uns nicht verarschen! Yelzins, Mashadovs
(1), Putins, Bashayevs (2) - sie alle sind die selbe Bande! Sie haben den
Terror in Moskau, Volgodonsk, Dagestan und Tschetschenien organisiert. Es
ist ihr Spiel, es ist ihr Krieg. Sie brauchen ihn für ihre Machtspiele!
Sie brauchen ihn für ihren Kampf ums Öl. Warum sollten unsere Kinder für
ihre Interessen sterben? Die Oligarchen sollten sich besser gegenseitig
abknallen! Glaubt nicht dem nationalisischen Wahnsinn: man kann nicht eine
"Nation" für die Verbrechen einiger weniger verantwortlich machen, schon
gar nicht für Verbrechen, die nur den Herrschenden aller "Nationen"
dienen.
Beteiligt euch nicht an diesem Krieg!
Leistet mit allen notwendigen Mitteln Widerstand!
Streikt gegen den Krieg und gegen Kriegstreiber!"
Für uns sind die Kriegsgründe also eindeutig. Trotzdem wollen wir einige
Details erläutern. Was die russischen Herrschenden betrifft, dient dieser
Krieg der nationalistischen Legitimation ihrer Macht. Es ist auch eine
Übung für die neuen Wahltechnologien von Putin und die Oligarchen, die ihn
unterstützen. Aber es gibt auch andere Gründe, warum Russlands Herrschende
Ströme von Blut im Kaukasus fliessen lassen. Einige von ihnen sind
einfacher wirtschaftlicher Natur. Öl und seine Transportwege sind für die
Wirtschaft des kapitalistischen Russlands sehr wichtig. In der Tat sind
die Ölvorräte in Tschetschenien nicht sehr reichhaltig und von schlechter
Qualität. Aber sie gewährleisten eine billige Ölversorgung für die ganze
Region. Auch transportieren zwei wichtige Pipelines Öl aus dem Kaspischen
Meer durch Tschetschenien. Russland will diese nicht verlieren und
ausserdem befinden sich die russischen Ölmultis im Kampf mit US-Multis um
die azerbejianischen Ölvorräte. Sie ziehen es vor dieses Öl durch
russisches Gebiet statt durch die Türkei zu transportieren.
Ein weiterer, eher politischer Grund ist, dass das senile russische
Imperium nicht die Abspaltung von Tschetschenien möchte, weil es Angst
davor hat, das würde ein Vorbild für andere Regionen werden. Besonders
jetzt, da die lokalen Verwalter und Herrscher an mehreren Orten zunehmend
unabhängiger und stärker werden. Tschetschenien muss geschlagen werden und
dient als Beispiel, um andere abzuschrecken.
Was die tschetschenischen Herrschenden betrifft, so wünschen sie die
Hegemonie in der Region durch das Abtrennen vom Land des alten Imperiums
zu gewinnen. Das ist das imperialistische Prinzip des Stärkeren. Das
tschetschenische Militär spielt eine wichtige Rolle, zum Beispiel in den
Kämpfen gegen georgische Truppen in Abchasien und die tschetschenischen
Politiker träumen von einer Föderation kaukasischer Nationen. Die Gründe
für das Interesse der tschetschenischen Eliten für einen Krieg im
Nordkaukasus sind auch innerer Natur. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde
dieses Land tatsächlich zwischen verschiedenen Warlords aufgeteilt, die
sich feudal aufführten und ihre eigenen Armeen unterhielten, sowie
Entführungen durchführten, usw..
Die zentralisierte Macht des Präsidenten Mashadov kontrolliert nur einen
kleinen Teil des Landes. Warlords, die sich ihm widersetzen, wie Basayev,
haben den wahabitischen Islam als eine Art nationales Bindemittel und
Kontrollfunktion für die gesamte Region. Sie werden von Saudi-Arabien, den
Taliban und anderen islamischen Fundamentalisten unterstützt. Die
fundamentalistischen Visionen des Islam sind beliebt und haben sich unter
den Eliten verschiedenen kultureller Gruppen im benachbarten Dagestan
verbreitet, die gegen die herrschenden Stammesverbände rebellieren, welche
wiederum von Moskau unterstützt werden. Das erneute Aufflammen der Krise
im Nord-Kaukasus ist in der Tat von oppositionellen Kräften aus Dagestan
ausgegangen, wobei tschetschenische Warlords daran teilgenommen haben.
Ausbreitung und Krieg ist im Interesse der tschetschenischen Warlords,
denn es kräftigt ihre Stellung gegen die Zentralmacht in [der Hauptstadt]
Grozny.
Nach dem Ersten Tschetschenienkrieg (1994-1996), der mehr als
hunderttausend Leben kostete, wurde es klar, dass das Problem nicht zu
regeln ist und dass die Herrschenden auf beiden Seiten den Frieden nur als
eine kurze Pause betrachtet hatten. Schon 1999 war die Unvermeidbarkeit
einer Eskalation offensichtlich. Die Verschlechterung der politischen und
wirtschaftlichen Lage in Russland und Tschetschenien hat die Herrschenden
in einen neuen "siegreichen" Krieg geführt, der ein nationalistisches
Ablenkungsmanöver darstellte. Als eine Ausrede für den neuen Konflikt
dienten der russischen Elite die Entführungen die durch tschetschenische
Warlords betrieben wurden und deren islamistische Oppositionsaktivitäten
in den benachbarten Regionen. Im Herbst [2004] hat das russische Militär
seine sogenannte "Anti-Terror-Operation" begonnen, die sich sehr rasch als
totale Intervention herausgestellt hat. Seitdem herrscht wieder Krieg.
Wenn wir über Interessen reden, müssen wir auch die Positionen der
westlichen Herrschenden betrachten. Es ist logisch, dass diese so
zwiespältig sind, wie die Zwiespältigkeit der Interessen der westlichen
Mächte in der Region. Auf der einen Seite haben sie Angst vor den Folgen
eines möglichen unkontrollierten Zerfalls des russischen Imperiums, sie
haben Angst vor Chaos in diesem Teil Osteuropas und Nordasiens und sie
haben Angst vor dem Verlust ihres Monopols an Atomwaffen. Die westlichen
Staaten brauchen ein starkes Russland, aber nicht zu stark. Russland soll
die Rolle einer regionalen Supermacht ausüben, die ein Bollwerk gegen
Islamismus und Fundamentalismus darstellt und auf diese Art die Interessen
des westlichen Imperialismus verteidigen. Aber Russland soll sich mit
dieser Rolle zufrieden geben und nie wieder anstreben eine Weltsupermacht
zu werden. Solche Verflechtungen sind bezeichnend für die Politik der
westlichen Staaten in Bezug auf Russland und besonders in der Frage dieses
Krieges. Sie blicken voll Neid auf das Wiederaufleben und die neue
Arroganz des russischen Militärs, aber förmlich verdammen sie den
russischen militärischen Terror und Massenmord in Tschetschenien. Aber
gleichzeitig sind sie zufrieden mit den offiziellen kindischen Sanktionen
und immer wieder erinnern sie daran, dass Tschetschenien "sowieso zu
Russland gehört".
Vadim D., KRAS-IAA Moskau
(Konföderation Revolutionärer Anarcho-Syndikalisten -
Internationale ArbeiterInnen-Assoziation)
http://www.kras.fatal.ru http://www.iwa-ait.org
Anmerkungen:
(1) Mashadov = u.a. tschetschenischer Präsident
(2) Basayev = tschetschenischer [Rebellen-]Führer
Quelle: Abolishing the Borders from Below #12,
http://www.abb.hardcore.lt
Übersetzung: Anarchosyndikat "eduCat",
http://anarchosyndikalismus.org
10.04.2005
LPA-DE