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[LPA] (de) :gelesen: +Veranstaltung 1.7. / Bakunin - Konflikt mit Marx

LIBERTARIAN PRESS AGENCY Berlin [LPA] <mailto:lpa(a)free.de>

Veranstaltungstip:

1. Juli 2006 ab 20h im FAU LOKAL Berlin (Straßburger Str. 38, nahe U-Bhf. Senefelder Platz)

"Die Eroberung des Staates ist kein Sozialismus. Bakunin zum 130. Todestag"

Nach der Teilnahme an der Revolution von 1848/49 zweimal zum Tode verurteilt, in Russland eingekerkert, über Japan und Amerika nach Europa geflüchtet, nahm Bakunin bis zu seinem Tod an allen möglichen revolutionären Bewegungen teil. Der Richtungsstreit zwischen politisch- parlamentarischen und sozialrevolutionären Strömungen brachte Bakunin in Gegensatz zu Marx. Wolfgang Eckhardt, Herausgeber der "Ausgewählten Schriften" Bakunins, zeichnet den Konflikt um diese Weichenstellung im internationalen Sozialismus nach.

Rezension:

Michael Bakunin: Konflikt mit Marx, Teil 1: Texte und Briefe bis 1870, mit einer Einleitung von Wolfgang Eckhardt, ISBN: 3-87956-289-X, Karin-Kramer Verlag Berlin 2004, 224 S., Euro 19,80

Der Bakunin-Forscher Wolfgang Eckhardt zeichnet im fünften Band der "Ausgewählten Schriften" den ersten Schlüsselkonflikt zwischen Karl Marx und Michael Bakunin - einen grundlegenden Konflikt zwischen dem politischen (staatsfixierten) und libertären Kommunismus - in der Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA) [besser bekannt als Erste Internationale] nach; einen Konflikt, der seiner Auffassung nach die späteren Auseinandersetzungen in der ersten Internationale vorstrukturierte (vgl. S. 9). Er bezieht sich dabei auf den Zeitraum zwischen 1868 und 1870 - vom Zeitpunkt des Aufnahmeantrags der "Internationale[n] Allianz der sozialistischen Demokratie" (deren Gründung gegen das Votum Bakunins durchgezogen wurde) für eine Mitgliedschaft in der IAA bis hin zur Spaltung der romanischen Föderation bei deren zweiten Kongress im April 1870. Dieser Konflikt zwischen Marx und Bakunin, der sicherlich auch viel mit den unterschiedlichen Charakteren der beiden Männer zu tun hatte, war vorrangig ein Konflikt zwischen zwei unterschiedlichen Spielarten des Sozialismus - dem sozialrevolutionären Sozialismus (Bakunin) und dem politisch-parlamentarischen Sozialismus (Marx). Bakunin schrieb in einem Brief an über die Manifestation dieses Konfliktes im Vorfeld des Kongresses an seinen Freund Albert Richter: "Es steht eine große Schlacht bevor. Sie wird in der Hauptsache um die Frage der Beteiligung oder Nichtbeteiligung der Arbeiter an der Lokalpolitik gehen. [...] Die Schlacht, die in La-Chaux-de-Fonds ansteht, wird über ihre lokale Bedeutung hinaus von großem allgemeinem Interesse sein. Sie ist das Vorspiel zu jener, die wir auf dem nächsten Allgemeinen Kongreß der Internationale schlagen müssen. [...] Wollen wir die vollständige Befreiung der Arbeiter oder bloß eine Verbesserung ihrer Lage? Wollen wir eine neue Welt schaffen oder bloß die alte ausbessern? Das sind die Fragen, die wir untersuchen und für den nächsten Kongreß vorbereiten müssen." (S. 115f.) Anhand von drei "Wutausbrüchen" [Marxens] und der gleichen Anzahl von Schmähschriften, die Eckhardt gekonnt zerpflückt und auf ihre Hintergründe hin untersucht, zeichnet er den folgenschweren Konflikt chronologisch nach. Dabei bezieht er auch das Verhalten und die Stellungnahmen anderer Akteure der internationalen sozialistischen Bewegung mit ein, die an diesem Konflikt partizipierten und bisher in den meisten Betrachtungen außen vorgelassen wurden - z.B. die publizistischen Anfeindungen in der deutschsprachigen, sozialistischen Presse von Wilhelm Liebknecht und anderen Marx-Anhängern. Besonders spannend erscheint mir in diesem Zusammenhang sowohl die Rolle des deutschen Sozialisten Johann Philipp Becker, einem anfänglichen Anhänger Bakunins, der im Laufe der Zeit die Seiten wechselte, als auch die des russischen Emigranten und erklärten Bakunin-Gegners Nikolaj I. Utin. Eckhardt hatte Beckers Sicht der Konflikte in der ersten Internationale bereits in einem Beitrag unter dem Titel "Bakunin und Johann Philipp Becker. Eine andere Perspektive der Auseinandersetzung auf den Beginn der Auseinandersetzung zwischen Marx und Bakunin in der Ersten Internationale" in der Historikerzeitschrift IWK (März 1999) verarbeitet und in dem vorliegenden Band in einen Gesamtkontext eingeordnet. Akribisch hat Eckhardt für seine Untersuchung Quellen ausgewertet und greift auch auf die Aussagen von unterschiedlichen Akteuren aus dem Umfeld der beiden Herren zurück. Er versucht dabei einige vernachlässigte Aspekte in der bisherigen Forschung zu dem Konflikt ins rechte Licht zu rücken, um seine Bewertung des Konfliktes zu begründen.

Zwei Gesichtspunkte sind an diesem Konflikt zwischen den beiden Protagonisten Marx und Bakunin von besonders hohem historischen Interesse - die Hintergründe für die von Marx gehegte Feindschaft (Fehlinformationen aus zweiter Hand, Angst vor Übernahme der IAA durch Bakunin, fehlende Toleranz gegenüber seinen Ideen konträr gegenüberstehenden Konzepten) und die Art der Konfliktführung (Spitzel, bewußt-verfälschte Wiedergabe von Konzepten seines Gegners, Unterstellungen, Anstachelung von Dritten). Marx wiederholte trotz besseren Wissens die Vorwürfe gegen Bakunin in mehreren Schmähschriften - z.B. die von ihm selbst als Schreibfehler titulierte Formulierung über den Klassenkampf in den Statuten der "Internationalen Allianz der sozialen Demokratie" (vgl. S. 163-166). In seiner dritten Schmähschrift, einem Brief an seinen Schwiegersohn Paul Lafurge im Jahre 1870 wiederholt er alle jene im Laufe der zwei Jahre aufgegriffenen Angriffe gegen Bakunin. Eckhardt faßt sie unter fünf Aspekten zusammen und relativiert sie:

"Bakunin habe die Verlegung des Generalrats von London nach Genf betrieben (eine von Moses Hess stammende Falschinformation)

Bakunin habe sich in der Nachfolge Alexander Herzens eine jährliche Geldzahlung von russischen Panslawisten erschlichen (Falschinformation von Johann Philipp Becker)

Bakunin habe den Generalrat in der Égalité angegriffen (Falschinformation von Henri Perret)

Bakunin habe mit dem Ausdruck 'égalisation des clases' für die Fortexistenz der Klassen eintreten wollen (Marx und Bakunin hatten beide diesen Ausdruck als 'Schreibfehler' bezeichnet)

Bakunin habe die Abschaffung des Erbrechts für das 'erste Erfordernis' der soziale Revolution gehalten (Verballhornung des zweiten Punkts im Allianz-Programm.)" (S. 125f.)

Neben einer knapp 140seitigen faktenreichen Einleitung hat Eckhardt für den vorliegenden Band sechs Briefe und Widmungen von Bakunin an Marx aus den Jahren 1847 bis 1868, diverse Dokumente über den Themenkomplex der Auseinandersetzung um das Erbrecht und die Resolutionen der beiden Fraktionen der romanischen Föderation vom thematisierten Kongreß zusammengetragen und sorgfältig editiert. Ergänzend finden sich zwölf Porträts von Personen, die am Konflikt partizipierten, sowie Faksimiles von zwei Briefen.

Eckhardt hat mit diesem Band wieder einen wichtigen Beitrag zur Anarchismus-Forschung geleistet. Der Konflikt in der ersten Internationale ist wie er treffend formuliert ein "entscheidendes Ereignis in der politischen Ideengeschichte" (S. 9). Gleichzeitig liefert der Band neues Material für eine partielle Neuinterpretation der Geschichte der IAA aus anarchistischer Sicht - was auch den MarxistInnen angeraten sei. Der ergänzende Band, der die Entwicklung des Konfliktes bis 1872 thematisiert, soll noch in diesem Jahr erscheinen. Mensch kann gespannt sein, was Wolfgang Eckhardt noch an Material aus den Archiven zu Tage gefördert hat.

Bisher in der von Wolfgang Eckhardt herausgegebenen Bakunin-Reihe "Ausgewählte Schriften" sind folgende Titel erschienen:

Gott und der Staat, ISBN 3-87956-222-9, 11,50 Euro

'Barrikadenwetter' und 'Revolutionshimmel'. Artikel in der 'Dresdner Zeitung', ISBN 3-87956-223-7, 12,50 Euro

Russische Zustände, ISBN 3-87956-231-8, 11,50 Euro

Staatlichkeit und Anarchie, ISBN 3-87956-233-4, 28,50 Euro

Weitere Infos zur Reihe und eine kurze Biographie zu Bakunin: www.bakunin.de.

Das gesamte Verlagsprogramm vom Karin-Kramer-Verlag findet sich unter: www.karin-kramer-verlag.de.

Maurice Schuhmann für LPA Berlin

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COPYLEFT 2006 by LPA Berlin für nichtkommerzielle Medien. Bei Verwendung in jeglicher Form muß LPA benachrichtigt werden. Printmedien müssen LPA zwei Belegexemplare zur Verfügung stellen. In besonderen Fällen kann der Verlag die Verwendung untersagen. 01.07.2006

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