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1. Mai
Hoch das Weltfest der Arbeit!
oder man muss sich anpassen um zu retten was zu retten geht

Wenn die Dämmerung hereinbrach, drückten sich dunkle Gestalten durch die vom Gaslicht kaum beleuchteten Gassen der Münchner Vorstädte, blieben unauffällig an den Fenstern der kleinen Wirtschaften stehen und spitzten die Ohren. In den niedrigen Stuben saßen die Arbeiter, tranken ein Bier, spielten Karten oder hielten eine Versammlung ab. Hier traf sich der Sparverein, die kleine Unfallkrankenkasse, ein Bildungs- und Leseclub oder Handwerker und Arbeiter einer Branche, so die Handschuhmacher oder die Bäckergesellen oder die Dreher vom „Maffä“ in Schwabing, die eine Gewerkschaft aufbauen wollten, damit man endlich gemeinsam dem Brotherrn, dem Meister oder dem Fabrikanten selbstbewusst entgegentreten konnte.

Die Spitzel merkten sich viele Namen, verdächtige Gesichter und meldeten das, was sie oft nicht so recht verstanden, an die hochwohllöblich-allerhöchste Ordnungsbehörde. Diese sammelte Daten über alle, denen sie dunkel-revolutionäre Umtriebe zutraute, und verfolgte und sistierte und ließ unter Anklage stellen. Die Sozialistengesetze der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts schufen nicht nur in Preußen, auch hier im angeblich gemütlichen München ein Klima der Denunziation und der öffentlichen Hetze gegen alle, denen man fehlenden Patriotismus oder Atheismus oder Sympathie für den Kommunismus oder Verschwörung unterstellte. Es hagelte drakonische Urteile gegen viele Arbeiter, Familien wurden zerstört, wer fliehen konnte, haute ab.

Der Augsburger Buchbinder Johann Most, 1874 und zum zweiten Mal 1877 als Sozialdemokrat in den Reichstag gewählt, beobachtete erstaunt die ängstliche Haltung und Verwirrung in seiner Partei, als 1878 Bismarck sein „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ ratifizieren ließ. Die meisten der Most’schen Kollegen argumentierten, die Zeit der Verfolgung werde auch mal vorübergehen. Man müsse sich jetzt anpassen, um zu retten, was zu retten geht. Der Satz „An unserer Gesetzlichkeit werden unsere Feinde zugrunde gehen“ wurde zum geflügelten Wort.

Fast alle Abgeordneten schützte ihre Immunität, den Arbeitern dagegen ging es an den Kragen. Manche flohen in die Schweiz, nach Frankreich oder England, viele aber ins gelobte Land der Demokratie mit seinen unermesslich weiten Ebenen und hohen Bergen, nach Amerika. 1881 kamen von der Not oder der Verfolgung getrieben 400.000 Einwanderer aus Europa nach Amerika, unter ihnen 210.000 Deutsche.

Most entfernte sich immer mehr von seinen ausschließlich auf parlamentarische Tätigkeit orientierten Kollegen und griff immer häufiger konsequent die herrschende Klassenjustiz an. 1880 schloss man ihn aus der Partei aus, 1882 schiffte er sich nach Amerika ein.

Der 1. Mai in den USA, genannt der moving day, war der Tag, an dem Arbeitsverträge traditionell ausliefen, man zu einem neuen Arbeitsplatz weiter zog, dabei in eine andere Stadt zog, die Wohnung wechselte und einen neuen Vertrag aushandelte. Viele Arbeiter hatten sich der 1883 gegründeten International Working People’s Association angeschlossen, an deren Entstehen Most einen großen Anteil hatte. Die Association legte den 1. Mai 1886 zum Datum der Manifestation und Durchsetzung des 8-Stunden-Tages fest. Most war darüber nicht glücklich. Er meinte, sich auf eine rein ökonomische Forderung zu beschränken, diene, wenn diese erfüllt werde, lediglich zur Integration der Arbeiter, vielmehr müsse man für die generelle Beseitigung des Kapitalismus einstehen.

In den Zeitungen wurde gehetzt. In der Chicago Tribune hieß es: „Es ist sehr hübsch, wahres Elend zu bessern in Stadt und Land; aber die beste Mahlzeit für einen lumpigen Tramp ist Blei. Man sollte ausreichend Portionen geben, um ihren Appetit und ihre Gefräßigkeit zu stillen.“ Und die New York Tribune hetzte: „Handgranaten sollten unter die Unionsleute geworfen werden, die höhere Löhne und kürzere Arbeitszeit fordern. Durch solche Behandlung bekommen sie eine gute Lektion erteilt und die anderen werden vor dem Streiken gewarnt.“

Am 1. Mai 1886 breitete sich ein Generalstreik von New York, Chikago und Philadelphia über den „wilden Osten“ der USA aus. 190.000 Arbeiter streikten, 80.000 in Chikago, unter ihnen viele Deutsche. Dort standen vor der McCormick’s-Landmaschinenfabrik am 3. Mai 1886 Streikposten. Polizei rückte an. Wie immer sollte sie willigen und billigen Streikbrechern den Weg frei prügeln. Egal, ob die Beamten den Befehl hatten oder nicht, sie schossen, töteten sechs Arbeiter und verletzten viele. Am Nachmittag des 4. Mai kam es zu einer Protestdemonstration auf dem Haymarket (Heumarkt). Als gegen Ende der Kundgebung Polizei aufmarschierte und den Abbruch der Veranstaltung verlangte, detonierte eine von einem Provokateur geworfene Dynamitbombe in ihren Reihen. Sofort eröffneten sie das Feuer; sieben Polizisten waren tot und ungezählte Zivilisten, viele verletzt.

Der Staat klagte acht führende Anarchisten der Verschwörung an, vier von ihnen wurden eineinhalb Jahre später gehenkt, einer beging Selbstmord, drei erhielten lebenslängliche Haftstrafen. Die bis dahin größte Justizfarce in der us-amerikanischen Geschichte verursachte weltweite Empörung und brachte der internationalen Arbeiterbewegung massenhaft Zulauf. Most meinte, das „kapitalistische Ungeheuer könne weder gezähmt oder ungefährlich oder gar gemeinnützig gemacht werden. Ihm gegenüber existiere nur ein Heilmittel: der unerbittliche, unbarmherzige und vollständigste Vernichtungskrieg.“

(Willst Du Näheres über die anarchistischen Ursprünge des Ersten Mai wissen, dann lese: 1886, Haymarket. Die deutschen Anarchisten von Chicago. Reden und Lebensläufe, herausgegeben von Horst Karasek, Suhrkamp/Frankfurt am Main 1970 und Daniel Guérin: Die amerikanische Arbeiterbewegung 1867 – 1967, Suhrkamp/Frankfurt am Main 1970.)

Auf dem Pariser Internationalen Arbeiterkongress 1889 versammelten sich vierhundert Delegierte der sozialistischen Parteien und Gewerkschaften und forderten, um sich von der anarchistischen Arbeiterbewegung abzusetzen, dass ihre Organisationen für die Eroberung der politischen Macht auf parlamentarischem Wege kämpfen sollten. Eine Reihe von Forderungen stellten sie auf, unter anderem die gesetzliche Regelung des 8-Stunden-Tags, Verbot der Arbeit für Kinder unter 14 Jahren, Abschaffung der stehenden Heere etc. etc. Der 1. Mai sollte weltweit gefeiert werden; Kundgebungen sollten das Programm der Internationale verbreiten.

1890, nach dem Fall der Sozialistengesetze im Deutschen Reich, versammelten sich am 1. Mai die Münchner Sozialdemokraten im Bürgerlichen Bräuhaus in der Rosenheimer Straße, im Franziskanerkeller in der Hochstraße, im Gasthaus zur Lacke in der Holzstraße und im Kreuzbräu in der Brunnstraße, um Ansprachen anzuhören. Der Nachmittag diente der Familienunterhaltung. In der Polizeiverordnung hieß es:

„Die Versammlungen und Familienunterhaltungen werden polizeilich überwacht. Ebenso die Ausflüge. Ohne besondere Veranlassung soll nicht eingeschritten werden. Dagegen ist gegen Exzesse mit aller Energie einzuschreiten. Hinsichtlich der Ausflüge wird das Tragen rother Abzeichen (mit Ausnahme von Blumen), das Gehen in geschlossenem Zug (hin und zurück) und das Singen revolutionärer Lieder nicht gestattet. Die Garnison hat den ganzen Zug über entsprechende Bereitschaft (Infanterie und schwere Reiter). Die Residenz-, Haupt- und Zuchthauswache sind verstärkt.“

Aber es geschah nichts Schlimmes. Es geschah gar nichts. Auch in den folgenden Jahren. Jedes Jahr das Selbe. Reden mit Forderungen, Protestresolutionen und danach gemütliches Beisammensein.

Ein bisschen was geschah aber doch. 1848 wurde in Bayern um den 11-Stunden-Tag gekämpft, in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts um den 10-Stunden-Tag. Die Gewerbe-Novelle von 1892 brachte für Kinder den 8-Stunden-Tag und für Jugendliche den 10-Stunden-Tag. Der Fortschritt bewegte sich wie eine Schnecke. Nur zu offensichtlich waren die Ausbeutung der Arbeit, der Herrschaftsanspruch der besitzenden Klasse und die Rechtlosigkeit der kollektiven Vertretungen der Arbeiter.

1899 konnte die Hohe Polizeidirektion folgende Eingabe lesen:

"Der Unterzeichnete zeigt hiermit an, daß die diesjährige Maifestkommission, bestehend aus den Herrn K. Billard, K. Knieriem, A. Neubauer, J. Adriney, Rüster, P. Hart und O. Kästner mich zu ihrem Vorsitzenden gewählt hat. Die Maifeier findet in Holzapfelkreuth statt, am ersten schönen Sonntag im Mai und ist vorerst der 7. Mai in Aussicht genommen; als Programm ist vorläufig festgestellt: Anmarsch mit Musik nach dem Festplatz vom Sendlingerthorplatz aus durch die Nußbaumstraße Mittags 1/2 1 Uhr, für Unterhaltung auf dem Festplatze ist projektirt ‚Conzert’, Gesang, Tanz, Kreis- und Kegelscheiben, ‚Tauben’- und Adlerstechen, Sackhüpfen, Hochenschlagen, Eierlaufen, Wettlaufen, Walzenrutschen und turnerische Aufführungen. Schluß des Festes mit eintretender Dunkelheit. Um die Genehmigung einer hohen Kgl. Polizeidirektion ersucht Hochachtungsvoll Ottomar Kästner, Lindwurmstraße 11."

Da Unternehmer, deren Arbeiter am 1. Mai feierten, diese nicht selten aus dem Betrieb schmissen, verlegte Partei- und Gewerkschaftsführung die Veranstaltungen in die Abendstunden des 1. Mai oder auf den ersten Sonntag im Monat. Nicht wenige Sozialdemokraten waren mit dem Kurs ihrer Partei und ihrer Gewerkschaft unzufrieden. Diese Querköpfe wurden aus der Partei ausgeschlossen, manche gingen auch freiwillig. Eine neue Gruppierung entstand, die sich „Syndikalisten“ oder auch „freiheitliche Sozialisten“ nannte. Man arbeitete mit den sozialdemokratischen Kollegen an der gleichen Werkbank, begleitete sie auch auf ihre Kundgebungen und meldete in Diskussionen mit ihnen immer wieder Zweifel an. Gustav Landauer fasste diese Argumente in seiner Zeitschrift Sozialist im Jahre 1909 zusammen:

„Der Beschluss, der im Jahre 1889 auf dem internationalen Sozialistenkongreß in Paris gefasst wurde, alljährlich am selben Tag für die Arbeiterforderungen, vor allem den Achtstundentag zu demonstrieren, ist das Kennzeichen einer Bewegung, der der Geist der Initiative, der Plötzlichkeit, der Unwiderstehlichkeit fehlt, und die an seine Stelle die Disziplin und die Mache gesetzt hat. Wirksame Demonstrationen sind nie für unbestimmte Zeiten im voraus von einer Delegiertentagung festgelegt worden; es kam ein Anlass, ein zündender Funke, eine besondere Not in Verbindung mit einer schnell emporgeschossenen Hoffnung, und sie waren da. Solche wirklichen Bewegungen hintan zuhalten, aber den Schein der Heftigkeit und Energie zu erzeugen, war, wenn nicht die Absicht, so doch die tatsächliche Wirkung dieses Taktikerbeschlusses.“

Weihevolle Rituale, mystifizierendes Feiern angeblich germanischer Traditionen und heimattümelnde Darbietungen drängten den kämpferischen Anspruch des Ersten Mai Schritt für Schritt zurück. Lediglich die Ansprachen der Arbeiterführer gefielen sich in hohlem Pathos mit revolutionärem Zungenschlag. Als ob der „Riese“ Proletariat schon längst die Macht in seinen Händen hielt. Es hieß: „Ohne uns geht nichts mehr!“

Es ging auch nichts mehr ohne das Proletariat. Im August 1914 kam es zum „Burgfrieden“ zwischen Kapital, Staat und Arbeiterbewegung. Gewerkschaften und Sozialdemokratie unterstützten die Position der deutschen Bourgeoisie gegen den Willen vieler Mitglieder. Jetzt marschierte man: „Jeder Schuss ein Russ, jeder Stoß ein Franzos ...“ Erich Mühsam merkte kritisch an:

„Die zum nationalen Kampf bereiten Massen haben ökonomische Vorteile so gut wie nie zu erwarten; aber ihre Zugehörigkeit zur Nation wird ihnen als seelischer Wert einleuchtend gemacht, zum nationalen Machtrausch gesteigert, indem jedem Individuum der Stolz geschwellt wird, sich als Teil einer weltwichtigen Autorität fühlen zu dürfen.“

Erst im Laufe des großen Völkermordens formierte sich der Widerstand. Schließlich, am 7. November 1918, kam es in München zur Entscheidung. Die Massenkundgebung auf der Theresienwiese war beendet. Kurt Eisner zog mit seinem Anhang hinauf ins Westend. Die Soldaten in der Schule in der Guldeinstraße waren das erste Ziel. Sie sollten die Waffen niederlegen. Zugleich zogen die Mehrheitssozialdemokraten hinter einer Blasmusik zum Friedensengel. Etwa um 5 Uhr 45 forderte vor der Kaserne, die das Leibregiment des Königs beherbergte, Mühsam vom Verdeck eines Lastkraftwagens aus die Abdankung des Königs und ließ die „bayerische Volksrepublik“ hochleben. Der König floh.

Unter elenden Bedingungen versuchten die Revolutionäre, die andere, bessere Gesellschaft aufzubauen. Anfang Mai 1919 marschierten die „weißen Truppen“ ein und richteten ein Blutbad an. Mühsam schrieb darüber 1927 in seiner Zeitschrift Fanal:

„Was geschah aber am 1. Mai 1919 in München? Das revolutionäre Proletariat verteidigte in namenlos schweren und blutigen Straßenkämpfen die Räterepublik gegen die dem Oberbefehl der Sozialdemokraten Noske und Schneppenhorst unterstellten weißgardistischen Landsknechtsbanden der Ehrhardt, Roßbach, Kriebel und Konsorten. Während aber das Arbeiterblut stromweise über die Straße rann, führten die sozialdemokratischen Partei- und Gewerkschaftsführer ihre getreue Gefolgschaft unter dem Schutz der weißen Garden in den vom Straßenkampf noch nicht erfaßten Stadtvierteln spazieren, und die ‘Maifeier’ wurde beim Knattern der Maschinengewehre, die Herzen und Hirne zukunftglühender Proletarier in die Gossen spritzten, auf Schildern und Transparenten herumgetragen, auf denen zu lesen stand: Gegen den Bürgerkrieg! Gegen den Bolschewismus! Für Ruhe und Ordnung! Für den Völkerfrieden! Für den 8-Stundentag! Es lebe die demokratische Republik! ... Es gibt keine Einigung des ganzen Proletariats, solange ein Teil davon bewusst revolutionsfeindlich ist, es gibt auch keine Einigung des revolutionär gesinnten Teils des Proletariats auf Parteiprogramme, Theorien, Systeme, Dogmen oder Organisationsformen. Am allerwenigsten gibt es eine Einigung des revolutionären Proletariats durch Führer-Abmachungen. Eine Einigung revolutionärer Proletarier ist nur möglich aus ihrem eigenen Antrieb, von unten her, über die Köpfe und Parolen der Führer aller Sorten hinweg und mit dem Willen zu gemeinsamer Kampfaktion. Am 1. Mai, und mag er selbst auf einen Sonntag fallen, gilt es nicht, schwungvolle Rede anzuhören, hübsche Gedichte aufzusagen, gesellig sich zu vergnügen und Mädchen zu küssen, sondern Genosse zu sein dem revolutionären Genossen, die Hand zu ergreifen des revolutionären Nebenmanns, gleichviel ob, gleichviel wo er organisiert sei. Gelingt es, aus der Maifeier ein Kameradschaftsfest der proletarischen Klasse zu machen, dessen Inhalt revolutionäre Solidarität, dessen Gelöbnis revolutionärer Kampf heißt, - dann lasst uns feiern.“

Mit dem Ende der Räterepublik begann der Marsch des Faschismus in die Schlüsselstellungen von Staat und Gesellschaft. Während in Bayern gegen Räterepublikaner und Linke das Standrecht wütete, machten paramilitärische Verbände mobil, hetzten gegen den „Schandvertrag von Versailles“, gegen die „Judenrepublik“ und griffen „Erfüllungspolitiker und Landesverräter“ an. Das neue Deutschtum einte. Und man schreckte auch vor härteren Methoden nicht zurück. Der Münchner Polizeipräsident hielt seine schützende Hand über Mörder republikanischer Politiker, die reichsweit steckbrieflich gesucht wurden.

In der Nacht vor dem 1. Mai 1923 sammelten sich im Oberland konspirative Gruppen. Lastwägen, auf denen entschlossene Männer saßen, das Gewehr in der Faust, fuhren nach München. Gruppen uniformierter Nazis marschierten im Gleichschritt durch die Stadt Richtung Oberwiesenfeld. Hier sammelten sich in einem Feldlager die Vaterländischen Verbände, bereit, gegen den Maiaufmarsch der Gewerkschaften loszuschlagen. Im letzten Moment ließ die Bayerische Staatsregierung, die sich den Zeitpunkt des Handelns nicht vorschreiben lassen wollte, das Oberwiesenfeld von Landespolizei umstellen und die Rechtsnationalisten entwaffnen.

Auch der „Marsch auf Berlin“ im November 1923 scheiterte. Nicht am Widerstand der Linken oder der Republikaner. Einzig die Bayerische Staatsregierung, die für die „nationale Erhebung gegen das rote, verjudete Berlin“ einen anderen Zeitplan und eine andere Strategie favorisierte, brachte den Vaterländischen und Hakenkreuzlern, die ihr über den Kopf gewachsen waren, eine Niederlage bei.

Die Münchner Anarchosyndikalisten der Freien Arbeiterunion Deutschlands beschlossen, dem am 2. Mai 1919 in München ermordeten Gustav Landauer einen Grabstein zu setzen. Sie sammelten Geld und konnten das Denkmal schließlich in Auftrag geben. Im Mai 1925 weihten sie bei einer kleinen Feier im Waldfriedhof den Stein ein. Zwischen den Bäumen wimmelte es von uniformierten und zivil gekleideten Staatsschützern. Auf dem Grabstein war zu lesen:

„Jetzt gilt es noch Opfer anderer Art zu bringen, nicht heroische, sondern stille unscheinbare Opfer, um für das rechte Leben ein Beispiel zu geben.“

In den zwanziger Jahren gingen viele Errungenschaften der Revolution wieder verloren. Der Anarchist Herbert Wehner, in den sechziger und siebziger Jahren als einflussreicher Sozialdemokrat in der Troika mit Helmut Schmidt und Willy Brandt, meinte 1928 im Der freie Arbeiter:

„Seit geraumer Zeit wird von den Arbeitern alljährlich der 1. Mai festlich begangen. Mit roten Fahnen, Transparenten und geschmückt mit roten Schleifen ziehen an diesem Tage diejenigen, die sich Sozialisten nennen, durch die Straßen. Jedes Jahr dasselbe Schauspiel, das kaum noch eine wirklich revolutionäre Bedeutung aufweist. Man könnte im Gegenteil eher sagen, dass dieses unentwegte, stumpfsinnige ‘Feiern’ am 1. Mai ein Zeichen von konservativer Gesinnung ist ... Die Proletarier demonstrieren für die gesetzliche Festlegung des achtstündigen Arbeitstages. Sie stellen ‘Forderungen’ an die Kapitalisten, wo sie handeln sollten. Immer sehen wir die Untätigkeit und die verdammte deutsche Disziplin triumphieren. Gegen derartigen Schematismus hilft nur eins: nicht mittun! ... Dem Gegner eine Macht vorzutäuschen, ist leicht, wertvoller jedoch ist es eine Macht zu sein ... Die achtstündige Arbeitszeit war in Deutschland schon ‘gesetzlich festgestellt’. Es erwies sich aber, dass Gesetze nichts bedeuten für die Arbeiter. Nachdem die Proleten sich einigermaßen an die neue Einrichtung gewöhnt hatten, wurde sie wieder beseitigt. Und warum? - Weil sie sich auf den Staat verlassen hatten, weil sie die Hände in den Schoß legten und ihre Vertreter walten ließen. Der Staat aber, den sie selbst fortwährend stützten, machte die ‘Errungenschaft’ wieder rückgängig, unter Mitwirkung der Gewerkschaften. Heute aber führen diese selben Gewerkschaften ihre Schäflein wieder auf die Straßen, damit sie, wohlgeordnet, für den Achtstundentag bitten sollen. Keiner denkt, keiner rebelliert gegen solche Demagogie.“

Gegen Ende der zwanziger Jahre verschob sich das Kräfteverhältnis immer mehr zugunsten der Rechtsnationalisten. Seit Ausbruch der Weltwirtschaftskrise versuchten die Unternehmer, die Krisenlasten abzuwälzen. Dem Anstieg der Arbeitslosenzahlen und den wachsenden Haushaltsdefiziten begegnete der Staat mit dem Abbau der Sozialleistungen. Zum Jahresende 1930 waren 67.000 in München arbeitslos; 140.000 beanspruchten Fürsorgeunterstützung. Den Gewerkschaften liefen ihre Mitglieder davon.

Sozialdemokraten argumentierten: „Solange wir diesen Weimarer Staat stützen, hat der Kapitalismus es nicht nötig, die Nazis an die Macht zu bringen, so dass wir mit ihrer Machtergreifung nicht zu rechnen brauchen.“ Im Winter 1931/32 gaben 30 Münchner Suppenküchen ca. 8,5 Millionen Essen an Bedürftige aus. Die Selbstmordrate stieg weiter an. Verzweiflung und Angst machten sich breit. Die Nazis beherrschten schon die Straße.

1933 Machtübergabe an die Nazis. Die sozialdemokratischen Gewerkschaften und die SPD schwankten zwischen Widerstand und Anpassung. In den untersten Ebenen, bei der Mitgliedschaft, war die Motivation zum Widerstand weit verbreitet. Je höher wir in der Hierarchie der Organisationen nach oben steigen, desto geringer war die Bereitschaft zum Widerstand mit Ausnahme einiger Prominenter und desto häufiger finden sich Motive des Greifens nach Strohhalmen der Hoffnung. Es herrschte eine verzweifelte Vorstellung, man müsse sich anpassen, um von den Beständen der Gewerkschaften und der Partei zu retten, was zu retten geht - in einer scheinbar kurzen Periode der Hitlerschen Herrschaft, der ja bald wieder abwirtschaften werde.

Nichts half. Die Nazis besetzten das Münchner Gewerkschaftshaus in der Pestalozzistraße; aus seinem Keller hörte man die Schreie der Gefolterten. Und man gönnte sogar den Toten im Grabe keine Ruhe. Die Nazis zertrümmerten die Denkmäler für Kurt Eisner und Gustav Landauer, die die liebevolle Solidarität der Arbeiter ihren großen Toten errichtet hatte, und schickten die Urnen mit den sterblichen Überresten in einem Sack an die Jüdische Gemeinde in München.

Wieder kam die Zeit der Spitzel und der Denunziation. Man musste sich zweimal überlegen, was man sagte. Die Männer in den langen Mänteln kamen meist im Morgengrauen und das Lager in Dachau füllte sich.

Zur Peitsche kam das Zuckerbrot: Die Nazis erklären den 1. Mai zum gesetzlichen Feiertag. Nach 1945 blieb er gesetzlicher Feiertag. Und so feiern wir heute noch. Bis wir nichts mehr zum Feiern haben.

G. Gerstenberg


n


Folgende mögliche Abbildungen sende ich Euch als TIF-Dateien zu:

Maifest-Postkarte 1897, Privatsammlung.
Titel der Maifest-Zeitung der SPD für 1899.
Ankündigung für den Ersten Mai in der Münchener Post 97 vom 29. April 1900, 4.
Der wahre Jakob, 1904.
Maifest-Postkarte um 1904, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung.
Marke des Maurerverbandes 1907, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung.
Marke des Maurerverbandes 1908, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung.
Marke der Bauarbeiter 1909, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung.
Gustav Landauers Grabmal im Waldfriedhof 1925, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung.
Titel des Syndikalist vom 25. April 1925.
Maifest-Zeitung der SPD für 1930, 3.
Vignetten zur Gestaltung.

(Bei Zeitungen und Vignetten ist eine Quellenangabe nicht nötig, bei Fotos, Marken und Postkarten schon.)


n


Folgende Texte könnten (bis 1914 vielleicht auch in alter Schrift) in je einem Kasten als Abbildungen beigegeben werden. Fettgedrucktes ist im Original fettgedruckt, ist aber in der Abbildung nicht notwendig fett. Wenn noch Platz ist, dann sucht die am besten geeigneten Texte aus:


Die Vorsichtsmaßregeln, welche die Polizeibehörde treffen zu müssen geglaubt hatte, erwiesen sich Dank der Schulung und Selbstdisziplin der Arbeitermassen als vollständig überflüssig ... In der Mitte des Festplatzes ragte der Rahmen des Bildnisses der Göttin der Freiheit empor, welches, wie bereits mitgetheilt, am Samstag von der Polizei konfiszirt, aber dem Eigenthümer wieder zurückgegeben worden war, nachdem er auf Bürgerehre hatte versichern müssen, daß es nicht öffentlich aufgestellt werde. Anstatt des Bildnisses der Freiheitsgöttin prangte in großen Lettern die Inschrift: ‘Göttin der Freiheit polizeilich konfiszirt’. Hier wollen wir gleich anfügen, daß die Polizei die Freiheitsgöttin konfiszirte auf Grund des Hochverrathsparagraphen. Sie meint, der Anblick der Menge reize die Menge zur blutigen Revolution. Um diese Auffassung wird unsere Hochlöbliche niemand beneiden ... Bei Eintritt der Dunkelheit verbreiteten Tausende von farbigen Lampions, welche theilweise die Inschrift trugen: ‘Hoch der Achtstundentag’, magisches Licht. Gegen den Schluß des Festes gaben Böllerschüsse das Zeichen zur Achtstunden-Marseillaise. Statt einer gemalten Freiheitsgöttin erschien in dem farbigen Glanze bengalischer Beleuchtung eine lebende ‘Göttin der Freiheit’, welche unter den zündenden Weisen der Arbeitermarseillaise, welche aus Tausend Kehlen erscholl, die rothe Fahne emporhielt. Die papierne Freiheitsgöttin ward sohin leicht entbehrt. Hierauf zogen die Festtheilnehmer wieder in endlosen Zügen heimwärts der Stadt zu. Keine Unzukömmlichkeit störte das schöne Fest, welches in seiner Art einzig in München dasteht. Die Angstmeier können wieder ruhig schlafen.

Münchener Post 102 vom 5. Mai 1891, 3.

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Die zur Annahme gelangte Resolution lautet:
‘Die heute am 1. Mai in München versammelten Maifeiernden erklären mit Bezug auf die Beschlüsse der internationalen Arbeiterkongresse, daß sie von der heutigen Gesellschaft fordern, daß sie der Arbeit endlich ihr Recht gewähre. Sie erklären ferner, daß es die Pflicht der heutigen Gesellschaft sei, für das Wohl aller ihrer Mitglieder Sorge zu tragen und durch besondere Maßnahmen der geistigen und körperlichen Entartung der Arbeiterklasse vorzubeugen.
Zu diesem Zecke fordern die Arbeiter von der politischen Organisation der Gesellschaft, vom Staate das allgemeine gleiche Wahlrecht ohne Unterschied des Geschlechts und daß er die Gleichberechtigung aller Klassen vor dem Gesetz gewährleistet und insbesondere den Arbeitern in der Benutzung des Vereinigungsrechts volle Freiheit gewährt.
Ferner fordern die Maifeiernden: die gesetzliche Beschränkung der täglichen Arbeitszeit auf höchstens acht Stunden, die Beseitigung der Kinderarbeit, besonderen Schutz der weiblichen Arbeitskraft gegen die Ausbeutung derselben; außerdem die Organisation eines durchgreifenden Arbeiterschutzes.
Die Versammelten erklären sich zu diesen Forderungen um so mehr berechtigt, da es die Arbeiter ja erst sind, die der heutigen Gesellschaft die Existenzmöglichkeit geben.
Zum Schlusse entbieten die versammelten Maifeiernden allen für die Befreiung der Menschheit kämpfenden Proletariern der Welt zum heutigen Tage ihren brüderlichen Gruß und Handschlag.’
Und nun Parteigenossen, Arbeiter und Arbeiterinnen, nehmt auch am allgemeinen Ausflug nach Holzapfelkreuth regen Antheil, erscheint in Masse und das Maifest der Münchener Arbeiterschaft vom Jahre 1895 steht allen bisherigen, steht der großen Bewegung im allgemeinen würdig zur Seite.

Münchener Post 101 vom 3. Mai 1895, 3.

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Die große Volksversammlung am Vormittag, in der Genosse Vollmar referirte, war imposant besucht und das ‘Orpheum’ thatsächlich überfüllt. Leider kann von der Nachmittagsversammlung, die speziell für die Arbeiter in der Lebensmittelbranche (Bäcker, Metzger etc.) arrangirt war, dasselbe nicht gesagt werden. Diese Versammlung war schwach besucht und tadelte der Referent Genosse Birk, mit vollem Recht die Saumseligkeit der betr. Arbeitergruppen, die das Entgegenkommen der Maifestkommission so wenig würdigten ... Die Referenten ... protestirten gegen die heutige Gesellschaftsunordnung, forderten den Achtstundentag, ausreichenden Arbeiterschutz, politische Freiheit und wirthschaftliche Unabhängigkeit für die arbeitende Klasse, Beseitigung der Kapitalherrschaft ... Nach einigen weiteren Gesangsvorträgen und Konzertpiecen trennten sich die Festversammelten, neugestärkt im Glauben an der Freiheit Sieg ... NB. Ein brauner Lederhandschuh, der am Vormittag des 1. Mai im ‘Orpheum’ gefunden wurde, kann vom Eigenthümer bei Gen. Pickelmann, Sendlingerstr. 20, abgeholt werden.

Folgen des Schäfflerstreiks. Die dringendsten Schäfflerarbeiten werden gegenwärtig in verschiedenen Brauereien von Lehrjungen, Handlangern und sonstigen ungelernten Arbeitern, die einfach von der Straße weggeholt werden, verrichtet. Welche schlimmen Folgen eine derartige Wurstelei und Murxerei nach sich zieht, das zeigen wieder einmal drei Unfälle ...

Die organisirten Schuhmacher haben den 1. Mai eine Nachmittags-Unterhaltung im Vereinslokal ‘Ober-Ottl’ veranstaltet, welche recht zahlreich besucht war und einen prächtigen Verlauf nahm. Auch noch dem Gesangverein ‘Nicht verzagt’ den besten Dank für die treffliche Mitwirkung. -- Schuhmachermeister H. Hanauer hat seine sämmtlichen 13 Arbeiter entlassen, da sie erklärten, den 1. Mai feiern zu wollen. Erst wurde den Arbeitern der Feiertag bewilligt, dann aber untersagt. Näheres folgt.

Münchener Post 101 vom 3./4. Mai 1896, 3.

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Cito Zum Ref. VIII mit dem ergebensten Ersuchen, anläßlich des nächsten Sonntags 7. M. Nachm. u. abends im Maximilianskeller stattfindenden Volksfestes der Centrumspartei u. der am gleichen Tage in Holzapfelkreut stattfindenden sozialdemokratischen Maifeier die dienstfreie Mannschaft der XIV. u. XV. Abteilung in ihren Lokalen zu consigniren, um bei etwaigen Provocationen Seitens der Sozialdemokraten in der Nähe des Maximilianskeller zur Verfügung zu stehen. K. Pol. Dir.

Vormerkung vom 4. Mai 1899, Bestand Pol.Dir. 185, Staatsarchiv München-Oberbayern.

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Am Nachmittag war ein Ausflug nach Harlaching arrangirt und weil Nachmittags richtiges Maienwetter mit warmem Sonnenschein eintrat, pilgerten viele Tausende, Männer, Frauen und Kinder hinaus, um das Arbeiterweltfest freudig bewegt zu begehen. Die Gartenlokalitäten erwiesen sich als viel zu eng, weit auf die Wiesen hinaus hatten sich fröhliche Gruppen gelagert; kurzum es herrschte ein Leben und Treiben, an dem man so recht seine helle Freude haben konnte.
Aus zahlreichen Geschäften, die zum Theil den ganzen Tag, zum Theil (wie Kustermann) nur den Nachmittag freigegeben hatten, rückten die Arbeiter in Kolonnen an. Dann hatten sich wieder die verschiedenen Branchen so viel wie möglich gemeinsam gelagert. Die Maifestzeitung fand guten Absatz und durch tausende von Maifest-Postkarten, die beschrieben wurden, dürfte der herrliche Verlauf des Festes in die entferntesten Winkel Deutschlands, und noch weiter hinaus berichtet worden sein ...
So verlief die Maifeier, in allen Theilen geradezu glänzend und dieser Verlauf straft die hämischen Fälschungen Lügen, welche liberale und ultramontane Söldlinge zur Verhöhnung des werktätigen Volkes zu verzapfen beliebten.
In der am Vormittag hier stattgehabten Kontrollversammlung der Reservisten hielt der Herr Offizier eine Ansprache ungefähr folgenden Inhalts:
‘Es ist Jedem von Euch ganz besonders streng verboten, während des Kontrolltages an einer revolutionären oder sozialdemokratischen Versammlung theilzunehmen. Ebenso ist es verboten, sozialdemokratische Abzeichen zu tragen oder sozialdemokratische Lieder zu singen. Das gilt insbesondere für heute, heute ist der erste Mai; der erste Mai ist ein Tag wie jeder andere. Dagegen hat jeder die Pflicht, ihm etwa begegnende Vorgesetzte bis heute Nachts 12 Uhr zu grüßen.’ Es folgte dann noch die übliche Strafandrohung und der Staat war gerettet.

Münchener Post 100 vom 3. Mai 1899, 3.

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In der letzten Delegirtensitzung des Arbeiter-Sängerbundes wurden in Bezug auf die Betheiligung an der Maifeier folgende Beschlüsse gefasst: Für die Vormittagsversammlung im Münchner Kindl wurden die Lieder: Festgesang, Vorwärts und Der Völker Freiheitssturm bestimmt. Für die Abendversammlungen wurden die Vereine folgendermaßen eingetheilt. Es singen im Kreuzbräu die Vereine Morgenroth und Gutenberg, im Arzbergerkeller Nordwest und Nordend, beim Loherwirth Handschuhmacher und Au, in der Alhambra Frisch Auf und Sendling, in der Petuelbrauerei Echo, im Hirschbräukeller Nichtverzagt, im Bürgerlichen Bräuhaus München-Ost, Wach Auf und Hafner, im Volksgarten Nymphenburg der Gesangverein Neuhausen und die Buchbinder.

Münchener Post 97 vom 29. April 1900, 3.

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Mehr als Tausend Personen kamen per Fahrrad, eine nicht geringe Anzahl noch kleine Erdenbürger rückten in Kinder-Equipagen an, und die Tram-Car ließ 16 Wagen mit je drei Pferden bespannt, zwischen Sendling und dem Festplatz gehen. Sie beförderte allein 4000 Personen hin und her. Ein Bombengeschäft machte auch die Trambahn, die den Betrieb auf der Sendlinger Linie entsprechend verdichtet hatte.
Mindestens ein Dutzend zum Theil sinnreich dekorirter Gesellschaftswagen trafen ebenfalls ein.
Die Parteigenossen von Pasing, Gauting und Nymphenburg kamen in stattlichen Zügen mit Kind und Kegel, voran fliegende rothe Fahnen und Musikabtheilungen, am Festplatze mit Hochrufen begrüßt, herangezogen ...
Auf dem Weg von Sendling bis zum Festplatze sorgten Leierkasten-Männer, die in ansehnlicher Zahl in wohlberechneten Abständen Aufstellung genommen hatten, für ‘Vergnügen’. Krüppel aller Art, die an der Straße saßen, machten ebenfalls ein Geschäft ...
Am Rand der Wiese, in Mitten des tannenbewachsenen Terrains, prangte auf hoher Felsterrasse die von Bildhauer Maier modellirte Göttin der Freiheit, ihr zu Füßen die Fahnen der vertretenen Vereine ...
An etwa 20 Schänken floß Thomasbräu; der Stoff war ganz vorzüglich und fand allgemeines Lob. Getrunken wurden 435 Hektoliter, gewiß ein respektables Quantum, das aber keineswegs als übermäßig gelten kann im Hinblick auf die Frequenz, die vom Festkomitee auf 40 - 50000 Personen geschätzt wurde.
Heiterkeit erregte eine Notiz, die das gestrige Morgenblatt der M. N. Nachr. brachte. Sie lautet:
‘Sozialdemokratische Maifeier. Mit Rücksicht auf die heute (6. Mai) stattfindende sozialdemokratische Maifeier wurde angeordnet, daß die Hauptwache unter Kommando eines Hauptmannes in der Stärke von 36 Rotten aufzieht, im Laufe des Nachmittags die Feuerpikets zu allenfallsiger Unterstützung der Polizeiorgane bereitstehen und daß die Militärangehörigen den Besuch von Holzapfelkreuth, sowie der dortigen Umgebung vermeiden.’

Münchener Post 103 vom 8. Mai 1900, 3.

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Etwa 30 Radler hatten ihre Räder mit roten Schleifen und Buketts geschmückt und machten, ehe sie sich zur Versammlung begaben, eine kleine Spazierfahrt durch die Stadt. In der Briennerstraße wollte es der Zufall, daß der improvisierte Korso dem Gefährte des Prinzregenten begegnete. Ein Schutzmann winkte mit der Hand und rief ein paarmal: Korso halt!, allein der Regent ließ sein Fuhrwerk anhalten und betrachtete mit Vergnügen den Zug der Radler und ihrer rot geschmückten Räder.

Münchener Post 101 vom 3./4. Mai 1908, 1.

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Die Maifeier verlief trotz aller gegnerischer Machinationen in noch nie dagewesener demonstrativer Weise. Von seiten der Arbeitgeber, speziell im Holz- und Baugewerbe, wurde trotz tariflicher Abmachung in letzter Stunde die Bestimmung erlassen, jeder den Ersten Mai feiernde Arbeiter solle auf bestimmte Zeit, die Bau- und Möbelschreiner vom 1. bis 6. Mai ausgesperrt werden. Der Arbeitgeberverband des Baugewerbes für München und Umgebung aber gab an seine Mitglieder folgende Order aus: Es sei das Ersuchen der Arbeiter um Genehmigung der Maifeier strikte abzulehnen, die Lohnauszahlung habe am Samstag zur üblichen Zeit stattzufinden und jedes Mitglied habe das Recht, Leute, die den 1. Mai feiern, zu entlassen. Zugleich wurden die Mitglieder ersucht, in dieser Frage einheitlich vorzugehen und sich den Übermut der sozialdemokratischen Gewerkschaften nicht gefallen zu lassen.
Die Arbeiter gaben auf diese Brutalität der Scharfmacher die gebührende Antwort. Die Bauhandwerker versammelten sich am 1. Mai um 10 Uhr im Münchner Kindlkeller. Sie rückten zu Tausenden an, so daß innerhalb einer halben Stunde der größte Saal Münchens überfüllt war. Die Festrede des Landtagsabgeordneten Franz Schmitt wurde mit stürmischer Zustimmung aufgenommen; als er konstatierte, daß das Ergebnis der strengen Maßnahmen der Arbeitgeber ein überfüllter Saal sei, durchbrausten minutenlange Beifallsstürme das Lokal als Ausdruck der Freude über die am 1. Mai so machtvoll zutage tretende Solidarität der Bauhandwerker, an der alle Scharfmachergelüste zerschellen ...
Neben diesen gewaltigen Demonstrationen fanden aber zu gleicher Stunde noch neun Versammlungen statt, die nicht minder stark besucht waren.

Geschäftsbericht des Gewerkschaftsvereins 1909, 44f.

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Zum ersten Mal fand öffentlich ein Aufmarsch der klassenbewußten Arbeiterschaft statt. Der Aufmarsch vollzog sich von 12 Lokalen aus, die als Sammelstellen bestimmt waren, mustergültig. Pünktlich mittags 1 Uhr trafen die einzelnen Kolonnen auf der Theresienwiese ein, wo von acht Tribünen Ansprachen über die Bedeutung des Tages gehalten wurden. Folgender Resolution wurde einhellig zugestimmt:
Am Tag des 1. Mai bekunden die Versammelten begeistert ihre Übereinstimmung mit den Beschlüssen des Weltparlaments der organisierten Arbeiterschaft aller Länder.
Die Versammelten fühlen sich eins mit den klassenbewußten Proletariern in dem weltbewegenden Kampfe für den Völkerfrieden und für die planmäßige Förderung der neuen Kultur der Arbeit.
Sie fordern den Ausbau der Arbeiterschutzgesetzgebung,
einen höchstens 8 Stunden dauernden Normalarbeitstag,
eine mindestens 36 Stunden dauernde Ruhepause [wöchentlich],
Verbot der Erwerbsarbeit für Kinder unter 14 Jahren.
Die Versammelten fordern die Beseitigung aller Hemmnisse einer freien Entfaltung der politischen und wirtschaftlichen Rechte der Arbeiter, vor allem die Einführung und ungehinderte Durchführung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts. Sie begrüßen in diesem Sinne die von dem preußischen Proletariat getragene Wahlrechtsbewegung und versprechen, mit aller Kraft diese tapferen Kämpfer zu unterstützen.
Die Versammlung drückt ferner den gegen brutale Unternehmerwillkür hart kämpfenden Bauarbeitern ihre herzlichsten Sympathien und ihre volle Solidarität aus.

Geschäftsbericht des Gewerkschaftsvereins 1910, 38f.

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Trotz des neubayerischen Kurses war die Beteiligung der organisierten Arbeiter an der Maifeier eine gewaltige. In schier endlosen Reihen zogen Männer und Frauen geordnet durch die Straßen der Stadt. Fahnen und Embleme wurden mitgetragen. 15 Musikkorps hoben durch muntere Weisen die Stimmung.

Geschäftsbericht des Gewerkschaftsvereins 1912, 36.

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Ruhig und ohne Störung des Straßenverkehrs marschierten die Züge dem Versammlungsorte zu. Dort waren drei Rednertribünen errichtet und rote, blauweiße und schwarzgelbe Flaggen gehißt, die die Eingänge zu dem großen Platze markierten, der für die Abhaltung der Maifeier bestimmt war. Durch den Abbruch der Parsevalhalle war bedeutender Raum gewonnen worden, ein begrüßenswerter Zuwachs an Platz, ohne den die vielen Tausende zählenden Massen, die hier zusammenströmten, nicht hätten Aufstellung nehmen können. Gegen halb elf Uhr trafen die Spitzen der von drei Hauptrichtungen anrückenden Kolonnen auf der großen Rasenfläche ein. An dem Zug der Radfahrer beteiligten sich an 1200 Radler und Radlerinnen. Die Räder waren mit roten Bändern oder roten Blumen geschmückt; von sechs Radlern, deren Räder mit roten Guirlanden verbunden waren, wurde ein Emblem mit der Inschrift: Arbeiterradfahrerbund Solidarität, gefahren, zwölf Reigenfahrer bildeten eine schöne, durch rote Bänder verbundene Gruppe. Der Einzug auf dem Festplatz vollzog sich trotz der ungeheuren Massen ohne Störung und war kurz nach 11 Uhr beendet. Ein gewaltiges Menschenmeer umwogte die Rednertribünen, aus dem die jetzt im Winde flatternden Fahnen aufragten. Ein lebendiges und überwältigendes Bild von der Macht der Solidarität. Von der östlichen Tribüne aus gab Genosse Knieriem den Sängern, die in der Mitte des Platzes Aufstellung genommen hatten, mit roter Flagge ein Zeichen und mächtig setzte aus mehreren hundert Kehlen der Männerchor Tord Foleson ein. Als der Chorgesang verklungen war, hob sich auf der östlichen Tribüne wieder die rote Flagge und die als Redner bestimmten Genossen, Landtagsabgeordneter Franz Schmitt, Landtagsabgeordneter Auer und Gemeindebevollmächtigter Mauerer, begannen ihre Ansprachen.

Geschäftsbericht des Gewerkschaftsvereins 1913, 55f.

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Um 10 Uhr aber bot sich im Innern der Stadt ein merkwürdiges Bild dar. Mitten durch das werktägliche Verkehrsgetriebe schoben sich endlos lange Züge ernster Gestalten, Männer der Arbeit, nicht selten von ihren Frauen begleitet. Ruhig bewegten sie sich vorwärts, imponierend durch ihre Massen. Die Polizei, die besorgt war, den Verkehr aufrecht zu erhalten, hatte aber keinen Anlaß, sich zu betätigen. Denn diese Massen waren organisiert; der gemeinsame Wille, von dem all diese Tausende beseelt waren, kam auch zum Ausdruck in der Ordnung, mit der diese Arbeiterzüge ihren Versammlungen zumarschierten ...
Dann sprachen die Referenten von dem, was der Erste Mai den modern denkenden Arbeiter lehren, an was er ihn erinnern, zu was er ihn anspornen soll. Am Vorabend der Maifeier hatte ja der Reichsrat die Regierungsvorlage, die den geringfügigen Beitrag von 75,000 M. für die Arbeitslosenversicherung forderte, abgelehnt.
Im vorigen Jahre war für die Einführung der Arbeitslosenversicherung ein Königswort verpfändet worden. Und jetzt stimmte der reaktionäre Klüngel des Kapitals und der Scharfmacher gegen dieses Quentchen sozialer Staatshilfe ... Ein Entrüstungssturm ging durch die Versammlungen, als die Redner darauf hinwiesen. Aber diese Reichsratsschmach zeigte ja den Versammelten erst recht deutlich, was alles noch zu tun ist, wie die Arbeiterschaft noch politisch gestärkt werden muß, ihrem Ziele näher zu kommen. Die bayerische Reaktion schielt ja schon nach Preußen, wo man angefangen hat, die Gewerkschaften zu knebeln ...
Mit Begeisterung wurden die Ansprachen entgegengenommen und anhaltender stürmischer Beifall dankte den Referenten, die auf die einzelnen Lokale wie folgt verteilt waren: Münchener Kindlkeller Timm, Mathäserbrauerei Raith und Neubauer, Zentralsäle Ischinger und Thomas, Schwabinger Brauerei Franz Schmitt, Brauerei Thalkirchen Reißner, Milbertshofen (Rest. Gollinger) Karl Schmid. Die Versammlungsleiter brachten dann auf die internationale Sozialdemokratie ein begeistert aufgenommenes Hoch aus. Gesang beschloß die Versammlungen, in denen einstimmig folgende Resolution angenommen wurde:
Die Versammelten erklären ihre Übereinstimmung mit den Beschlüssen des Weltparlaments der organisierten Arbeiterschaft aller Länder. Die Versammelten fühlen sich eins mit den klassenbewußten Proletariern in dem weltbewegenden Kampfe für den Völkerfrieden und für die planmäßige Förderung der neuen Kultur der Arbeit.

Münchener Post 102 vom 3. Mai 1914, 8.

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Der Erste Mai ist unser Fest aus eigenem Recht. Keine Kirche lockert dem Pöbel die Zügel für kurze Rauschstunden, kein König läßt seinen Untertanen aus Marktbrunnen roten Wein fließen und den Hungernden zu stumpfer Völlerei Ochsen braten. Die Masse, die unser ernstes, verfolgtes und gefährdetes Fest feiert, ist nicht mehr euer geduldiges, armseliges, feiges Volk, dem ihr die Glieder und Gedanken nach Willkür verstümmelt, und das ihr mit huldvollen Vergnüglichkeiten begnadet, nachdem es euch sein Menschentum geopfert hat. Wir wollen kein Recht, das wir nicht selbst erobert, keine Freiheit, die wir nicht selber gefügt, keine Freude, die wir nicht selber gespendet und auch kein Fest, das wir nicht selber uns gewonnen.

Kurt Eisner, Festlicher Kampf, in: Gesammelte Schriften Bd. 2, Berlin 1919, 96.

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Im Kleinlichen sind wir groß; diese Worte sollten als Überschrift an den Eingangspforten des Münchner Rathauses und der Polizeidirektion angebracht werden. Eine große Idee soll durch die Politik kleinlicher Nadelstiche ertötet werden.
Der Ortsausschuß München als Träger der Maifeier wollte diese auf der Theresienwiese in einer machtvollen Kundgebung durchführen. Die heilige Hermandad verbot unter Bezugnahme auf den Ausnahmezustand öffentliche Kundgebungen unter freiem Himmel mit folgendem Schreiben:

Nr. 583 VI
Polizeidirektion München
Betrifft: Maifeier 1925
München, den 21. April 1925
An den Gewerkschaftsverein München, München, Pestalozzistraße 40.
Die mit Schreiben vom 3. April 1925 nachgesuchte Genehmigung zur Abhaltung geschlossener Aufmärsche und Veranstaltungen einer Feier auf dem Platz vor der Bavaria (Versammlung unter freiem Himmel) kann nicht erteilt werden (Verordnung vom 14.2.1925 Abschnitt III § 1).
gez. Mantel

Auf dieses Schreiben wurde folgendes erwidert:

München, den 27. April 1925
An die Polizeidirektion München, München, Ettstraße.
Im Nachgange zu unserer Eingabe vom 3. April 1925 und Schreiben der Polizeidirektion vom 21./23.4.25 stellen wir das Gesuch, uns den Spielplatz am Schyrenplatz, der als umfriedeter Raum anzusprechen ist, zur Abhaltung der Maifeier am 1. Mai 1925 zur Verfügung zu stellen.
Gleichzeitig stellen wir das Gesuch, uns Mitteilung darüber zukommen lassen zu wollen, ob gegen die Zusammenkunft am 1. Mai 1925, nachmittags 3 Uhr, im Stadtgarten Hellabrunn, ehemaliger Zoo, durch die Polizei eine Erinnerung besteht.
Gewerkschaftsverein München, Ortsausschuß des ADGB,
gezeichnet: Gustav Schiefer.

Darauf kam folgende Antwort:

Polizeidirektion München
Nr. 737 VI/d
München, den 27. April.
Betrifft: Maifeier
An den Gewerkschaftsverein München, München, Pestalozzistraße 40.
Die Abhaltung einer Maifeier auf dem städtischen Turnspielplatz an der Schyrenstraße am Freitag den 1. Mai 1925, vormittags 10 Uhr, wird gemäß Abschnitt III § 1 der Verordnung vom 14. Februar 1925 genehmigt.
Die Genehmigung für einen geschlossenen An- und Abmarsch einzelner Vereine, Sektionen und Gruppen zu dieser Feier kann nicht erteilt werden, ebenso ist das Tragen und Zurschaustellen entfalteter Partei- und Vereinsfahnen außerhalb des für die Feier genehmigten Platzes an der Schyrenstraße nicht gestattet.
gezeichnet: Mantel.

So weit, so gut. Der Hauptausschuß des Stadtrates München hatte die Überlassung des Schyrenplatzes für die Maifeier ohne Erinnerung genehmigt. Erst in geheimer Sitzung wurde der Tagesordnungspunkt für die Plenarsitzung reklamiert mit der Ausrede, man habe auf der rechten Seite den Antrag des Stadtschulrates Baier nicht verstanden. In der Plenarsitzung, die einen stürmischen Verlauf nahm, wurde dann die Überlassung mit Mehrheit abgelehnt. Folgender Schrieb ging dem Ortsausschuß zu:

Stadtrat der Landeshauptstadt München.
Nummer 1989 VIII 25.
IX Ir. H.
An den Gewerkschaftsverein München,
Ortsausschuß des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, hier.
Betrifft: Ablassung des Schyrenplatzes.
Auf Ihr Gesuch vom 20. April 1925 um Ablassung des Spielplatzes für die Maifeier des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes beehren wir uns mitzuteilen, dass der Stadtrat in seiner Vollsitzung vom 28. April 1925 beschlossen hat, das Gesuch abzulehnen und dabei grundsätzlich festlegte, daß zu politischen Zwecken stadteigene Gründe nicht abgelassen werden.
Bürgermeister: i.V. gezeichnet: unleserlich.

Die reaktionäre bürgerliche Mehrheit hatte damit einen Sieg errungen, die Maifeier wurde in die Säle gebannt. Und trotzdem! Der Erste Mai wurde eine Massenkundgebung der Münchener Arbeiterschaft ...
Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf, das konnte sich die bürgerliche Reaktion Münchens an diesem Tage ins Tagebuch schreiben. Die Nachmittagsveranstaltung in der Menterschwaige, an Stelle des Stadtgartens Hellabrunn, war vom Wettergott ungünstig beeinflußt.

Die Münchener Gewerkschaftsbewegung 1925, 47f.

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Herrliches Maiwetter ließ einen starken Besuch des Maifestes in der Waldrestauration Menterschwaige erwarten. Mit einem solchen Massenandrang aber hatte niemand gerechnet. Die Straßenbahn versagte, mußte versagen, sie konnte diesen Betrieb nicht bewältigen; auch die Eisenbahnzüge nach Großhesselohe waren stark belegt. Dazu kamen die Massen Radfahrer und Fußwanderer.
... Genossinnen der verschiedenen Sektionen hatten alle Tische mit Maßkrügen geziert, die mit rotem Papier und Tannenzweigen geschmückt waren. Am Haupteingang, der durch rote Fahnen weithin kenntlich war, leuchtete das Weiß einer Büstengruppe (die Freiheit, Marx, Lassalle), beim zweiten Haupteingang war eine Fahne in Reichsfarben aufgezogen.
... An die Kinder wurden Tausende von roten Fähnchen verteilt. Im großen Saale drehten sich die Paare beim lustigen Maitanz.

Münchener Post 106 vom 9. Mai 1927, 6.

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Der Fest-Abend in der Tonhalle
Das ausgezeichnet, mit Sinn und Geschmack zusammengestellte Programm war, wie natürlich, abgestimmt auf das Thema Durch Nacht zum Licht, auf hoffnungsvolle, freudige Lebensbejahung. Schon die einleitende Egmont-Ouvertüre von Beethoven, unter Joseph Reitmeiers Leitung von dem 45 Mann starken Münchener Konzertorchester eindringlich wiedergegeben, läßt sich in dieser Richtung ausdeuten, ebenso die Kampf und Sieg schildernde Ouvertüre 1812 Tschaikowskys (mit der Marseillaise), die - eine Prachtleistung des Orchesters - stürmische Begeisterung hervorrief. In die Ausführung der Chöre teilten sich der Buchdruckergesangverein, der Volkschor Lassallia und der Volkschor Nordwest unter wechselnder Führung der Herren Reitmeier und Hans Ritt. Groß und stark empfunden ist die Vertonung von Oskar Fried des Dehmelschen Ernteliedes für Männerchor und Orchester: das Anwachsen der Tonmassen vollzieht sich in unwiderstehlicher Steigerung, entwickelt aus einem einfachen, kantigen und doch ungemein prägnanten Motiv. Ergreifend wirkte Bruckners Trösterin Musik (mit Orgel), begeisternd der Uthmannsche Frauenchor Frühlingsglaube, hinreißend und erhebend in einem des gleichen Komponisten abschließender Chor Das heilige Feuer. Alle Sänger, beseelt von dem Festesgedanken, gaben ihr Bestes, und so kam die Besonderheit des Eindrucks zustande, der bei allen Teilnehmern noch lange nachwirken dürfte.

Münchener Post 101 vom 2. Mai 1928, 1.

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Ein besserer Arbeiter ... hat eine Lebensversicherung, ist gut versichert gegen Unfall, Krankheit und Arbeitslosigkeit. Er hat eine kleine, ganz nette Bibliothek von Büchern der Gutenberg-Gilde. Er ist genossenschaftlich, gewerkschaftlich und sozialdemokratisch organisiert. Meist hat er auch einen Photoapparat und singt im Männerchor ‘Freiheit’ oder ‘Vorwärts’. Er ist im allgemeinen sehr vernünftig. Haß ist ihm nicht sehr geläufig, eher ein bißchen Neid. Er betrachtet die Oberschichten der Gesellschaft theoretisch für Mehrwertschinder, hat aber Respekt vor ihnen und würde es nicht ungern sehen, probiert es auch, daß sein Sohn auf dem Umweg über das Lehrerseminar oder gar auf dem Umweg über die Universität in diese Oberschicht hineinkommt.
Politisch ist er, wie gesagt, Sozialdemokrat und wendet sich nicht selten selber oder in Form seines Sohnes der Berufspolitik zu, wo er es bis zu den höchsten Staatsstellen bringen kann, in denen er sich recht oft als musterhafter Verwaltungsmann bewährt. So etwa wie Ebert oder Severing oder Braun oder auch Noske ...
Eine gewisse Ängstlichkeit vor Entwurzelung und Abstieg macht ihn politisch sehr vorsichtig. Wenn er seine Kinder in die sozialistische Organisation gehen läßt, so nur deshalb, damit man merke, daß er zur ‘sozialistischen Kirche’ stehe, und weil er weiß, daß man die Jugend gewinnen muß, damit sie sozialistisch stimme. Er hält aber sehr auf väterliche Autorität und sorgt dafür, daß die Jugendorganisation Parteibeiträge nur dann erhalte, wenn sie der Parteileitung der Alten sich unterwirft. Er hofft, so zu verhindern, daß die Jugend auf private und politische Abwege gerate ...
Am Werktag ist er patriotisch, am 1. Mai international. Politisch ist er für die Autorität der Führer, da man aufsteigt, wenn man kriecht.

Fritz Brupacher, Hingabe an die Wahrheit. Texte zur politischen Soziologie, Individualpsychologie, Anarchismus, Spießertum und Proletariat, Berlin 1979, 141f.

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Unglaubliche Leistung der Münchener Polizeibürokratie.
‘Republikschutz’ gegen die republikanische Partei Bayerns.

Wie alle Jahre, so hält auch heuer die Sozialdemokratische Partei München am ersten schönen Maisonntag auf dem Gesamtareal der Waldrestauration Menterschwaige ihr Maifest ab. Daran sollte die Münchener Bevölkerung durch ein Plakat erinnert werden, das Freitag, Samstag und Sonntag an den Plakatsäulen Münchens kleben sollte. Am Mittwoch, nach 6 Uhr abends, erhielt das Parteisekretariat von der Polizeidirektion die Mitteilung, daß das Ankleben des Plakats verboten sei. Einmal dürfe der Tanz nicht, wie auf dem Plakat angegeben, um 3 Uhr, sondern erst um 4 Uhr beginnen, und außerdem enthalte das Plakat einen Satz, der auf Grund des Republikschutzgesetzes nicht durchgelassen werden könne.
Wie lautet der beanstandete Satz?
Volksgenossen! Macht diese Veranstaltung zu einem Fest der Arbeit und zu einer
Demonstration gegen den volksfeindlichen Kurs der Reichsregierung!
Wirklich, höher geht’s nimmer.
In Bayern, wo bis zum Abgang der Regierung Hermann Müller einzelne Minister und die gesamte Reichsregierung auf das widerlichste beschimpft werden konnten, in diesem Bayern ist nun auf einmal untersagt, zum volksfeindlichen Kurs der jetzigen Reichsregierung in einem Anschlag Stellung zu nehmen.
Wenn Lächerlichkeit töten würde, wäre der Veranlasser dieser Polizeimaßnahme sicher noch am letzten April gestorben.
In der gleichen Richtung geht die Verfügung der Polizeidirektion, nach der im Demonstrationszug am Vormittag des 1. Mai ein Schriftband nicht getragen werden durfte, auf dem stand: ‘Gegen die faszistische Pest’ Die organisierte Arbeiterschaft wird, das wissen wir, mit einem Hohnlachen über diese Polizeischikanen hinweggehen und nun erst recht für einen demonstrativen Besuch der Veranstaltungen in der Menterschwaige sorgen.

Münchener Post 100 vom 2. Mai 1930, 1f.

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Als der Gesang verstummte, ergriff Stadtrat Gustav Schiefer, 1. Vorsitzender des ADGB., das Wort zu seiner inhaltreichen Festrede, in der er u.a. ausführte: ‘Ein furchtbarer Notwinter liegt hinter uns. Das Frühjahr zeigt nur geringe Anzeichen einer wirtschaftlichen Besserung. Die Massennot der Millionen Arbeitslosen mit ihren zur Arbeit bereiten Händen ist die größte Anklage gegen das kapitalistische System, das an seiner eigenen ‘Ordnung’ zugrunde geht ... Wir fordern die 40-Stundenwoche oder die Fünf-Tagewoche ... Heute widersetzt sich das kapitalistische System genau so unserer neuen Forderung wie früher dem Acht-Stundentag. Es ist aber nicht in der Lage, auch nur für acht Stunden Arbeit zu beschaffen. Unsere Arbeitsbrüder und Arbeitsschwestern, die Arbeitslosen, müssen von der Straße weg in die produktive Arbeit gestellt werden. Wenn eine Verkürzung der Arbeitszeit auch nicht allen Erwerbslosen Brot bringt, so doch mindestens 800.000 bis 900.000 ... Unser entschiedenster Kampf gilt dem Wettrüsten. Unser Appell an das Weltgewissen lautet deshalb: Nicht Wettrüsten und Krieg, sondern Sicherung des Weltfriedens. Wir rufen am 1. Mai auf zum Kampfe für die Erhaltung der Demokratie, für den sozialen Fortschritt, zur Abwehr der faszistischen Machtbestrebungen und der vom Faszismus heraufbeschworenen Kriegsgefahren.

Münchener Post 100 vom 2./3. Mai 1931, 1.

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Reichstagspräsident Genosse Löbe: ‘Alle Menschheitsziele lassen sich nur auf dem Wege der Demokratie verwirklichen und nur, wenn die breiten Massen, die unter den heutigen Zuständen leiden, selbst zur Mitwirkung in Staat und in der Wirtschaft bestimmt sind. Wo der Faschismus sein Haupt erhebt oder wo die Vertreter der ‘nordischen Rasse’, wie Herr Goebbels oder Herr Frick oder Herr Hitler die Herrschaft in die Hand nehmen, werden die breiten Massen weiter fronen und leiden und mit Brosamen abgespeist werden. Die Entwicklung der modernen Zeit gebietet, daß das ganze Volk sie miterlebt und seine Interessen vertritt. Weil der Kapitalismus seine stärksten Säulen wanken fühlt, darum macht er den Kleinbürger, den Angestellten u.a.m. einer scheinbar antikapitalistischen Bewegung dienstbar, die bis heute nur eine Schutzgarde und Hilfstruppe des gleichen Kapitals war. Alle jene Kreise, die im Hakenkreuz das Ideal eines freien deutschen Volkes sehen, werden eines schönen Tages erkennen - viele haben es schon erkannt - daß sie mißbraucht wurden ... Herr Hitler spricht vom Köpferollen der Novemberverbrecher, nach Herrn Stöhr werde die Hanfseilindustrie eine gute Konjunktur bekommen, und die Herrschaften verlangen dann noch, daß wir ihrer ‘Legalität’ glauben. Die sozialistische Bewegung hat den Sturz Bismarcks erlebt, den Weltkrieg und die Inflation überwunden und wird auch mit dem Nationalsozialismus und dem Faschismus in Deutschland fertig werden! (Stürmischer Beifall.) Wenn die Herrschaften drohen, dann können wir ihnen nur antworten: Glauben Sie mit solchen Drohungen die Arbeiterschaft oder ihre Führer schrecken zu können? Wir werden, wenn es hart auf hart geht, nicht in der Villa Hanfstaengel verschwinden! (Stürmischer Beifall.) Wir werden auch nicht in die Schweiz flüchten, wohin manche ihr Geld vorausgeschickt haben, wir stehen an der Seite der Volksgenossen in guten und in schweren Tagen! Wenn es hart auf hart ginge, könnte vielleicht der Kopf des einen oder anderen von uns fallen, die Hunderttausende, die Millionen kann man nicht hinrichten ...’ ... Und als seine hinreißenden Worte, Satz für Satz unterbrochen von spontanem Applaus der Massen, verklungen waren, da war wohl keiner im Saal, der bei den Tönen der stehend gesungenen Internationale und dem Sturm der wallenden und wehenden roten Fahnen nicht von der unsterblichen Kraft der Arbeiterbewegung mit Zuversicht und Ergriffenheit sich geneigt und nicht auch im Herzen den Schwur der Millionen des 1. Mai erneuert hätte: ‘Völker hört die Signale, auf zum letzten Gefecht!’

Münchener Post 101 vom 2. Mai 1932, 1f.

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AN DIE MITGLIEDER DER GEWERKSCHAFTEN!
Kollegen und Kolleginnen !
Im Zeichen des 1. Mal habt ihr alljährlich euch zu der großen Aufgabe bekannt, in der deutschen Arbeiterschaft den hohen Gedanken der gegenseitigen Hilfe durch Erziehung zu Standesbewußtsein, Gemeinschaftswillen und Kameradschaftsgeist unermüdlich zu wecken, zu pflegen und zu fördern, wie er in unseren Gewerkschaften seinen organisatorischen Ausdruck gefunden hat.
Am Tage des 1. Mal erglühte stets erneut das Bekenntnis der von leidenschaftlichem Kulturwillen beseelten deutschen Arbeiter, den werktätigen Menschen einem dumpfen Arbeitsdasein zu entreißen und ihn als freie, selbstbewußte Persönlichkeit in die Gemeinschaft des Volkes einzuordnen.
So habt ihr im Zeichen des 1. Mal euch den gesetzlichen Achtstundentag, das Recht auf menschenwürdige Existenz erobert.
Wir begrüßen es, daß die Reichsregierung diesen unseren Tag zum gesetzlichen Feiertag der nationalen Arbeit, zum deutschen Volksfeiertag erklärt hat.
An diesem Tage soll nach der amtlichen Ankündigung der deutsche Arbeiter im Mittel- punkt der Feier stehen.
Der deutsche Arbeiter soll am 1. Mai standesbewußt demonstrieren, soll ein vollberechtigtes Mitglied der deutschen Volksgemeinschaft werden. Das deutsche Volk soll an diesem Tage seine unbedingte Solidarität mit der Arbeiterschaft bekunden.
Kollegen und Kolleginnen in Stadt und Land! Ihr seid die Pioniere des Maigedankens. Denkt Immer daran und seid stolz darauf.
In herzlicher Kameradschaft mit euch allen unerschütterlich verbunden, senden wir euch zu diesem Tage unseren gewerkschaftlichen Gruß.
Berlin, 15. April 1933.
Der Bundesvorstand des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes

Gewerkschafts-Zeitung. Organ des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes Nr. 16 vom 22. April 1933, 1

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Gastredner auf der Kundgebung zum Ersten Mai 1953 ist der englische Labour-Abgeordnete Richard Crossman. Vor etwa 80.000 Menschen auf dem Königsplatz sagt er: „Es gibt gewisse Herren in Bonn, die ein großes Interesse haben, dass keine Vier-Mächte-Besprechungen stattfinden.“ Er fordert damit auch, die Sowjetunion nicht aus den Verhandlungen auszugrenzen. Im Anschluss an die Kundgebung ziehen viele Menschen Fahnen tragend durch die Luisenstraße. Ein Transparent an der Spitze des Zuges wird entrollt. „Ins Präsidium wurde gemeldet, ein Zug Demonstranten mit einem staatsfeindlichen Transparent marschiere durch die Luisenstraße und ebenso prompt kam der Befehl zurück: ‘Der Zug ist aufzulösen.’“ (Münchner Merkur) Die Polizei greift auf der Höhe des Luisenbunkers ein. Wasserwerfer kommen zum Einsatz. Bereitschaftspolizei, mit Stahlhelm und Karabinern bewaffnet, löst den Zug auf. Viele marschieren weiter in Richtung Bahnhofsplatz. An der Kreuzung Elisen-/Luisenstraße „feuert“ der Wasserwerfer. Mit Kolbenhieben räumt die Polizei. Aus der Menge ertönen Rufe: „SS!“ Vom Wasserwerfer gejagt, bricht der 59jährige Bahnangestellte Georg Bachl Ecke Luisen-/Prielmayerstraße tot zusammen. Gegenüber dem Telegraphenamt kesselt eine empörte Menschenmenge drei junge Männer ein. „Ein älterer Mann griff sofort einen der drei umzingelten Zivilisten an, der plötzlich seine beiden Hände aus der Jackentasche nahm. In der rechten blitzte eine Pistole, in der linken die Marke der Kriminalpolizei. Die Demonstranten stoben nach allen Seiten auseinander.“ (Abendzeitung)

G. Gerstenberg

Artikel hier erfasst: 11.05.2008

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