dokumentiert:alter situationistischer Text, immer noch aktuell
aus der nicht mehr lieferbaren Broschüre
Ratgeb
Vom wilden Streik zur generalisierten Selbstverwaltung
MaD Flugschrift
Flugschrift No.11
Deutsche Erstveröffentlichung
Titel der Originalausgabe:
"De la grève sauvage a l'autogestion généralisée"
MaD Verlag Lutz Schulenburg
205 Hamburg 80, Hassestr. 22
1. Auflage
Printed in Berlin 1975
Druck: Oktoberdruck, Berlin
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Kapitel 2 DIE GESELLSCHAFT DES ÜBERLEBENS
Kapitel 3 A B C DER REVOLUTION
Gleich nach der Fabrikbesetzung.
DIE SELBSTVERTEIDIGUNG SCHNELL ORGANISIEREN
DEN ÜBERGANG VON DEN ÜBERLEBENS- ZU DEN LEBENSBEDINGUNGEN BESCHLEUNIGEN.
Im Falle eines begrenzten wilden Streiks.
JEDER STREIK MUSS ZUM WILDEN STREIK WERDEN
JEDER WILDE STREIK MUSS ZUR BESETZUNG DER FABRIK FÜHREN. JEDE FABRIKBESETZUNG MUSS ZU IHRER SOFORTIGEN ZWECKENTFREMDUNG FÜHREN
Vor der Welle der wilden Streiks
DIE INDIVIDUELL AUSGEÜBTE SABOTAGE UND ZWECKENTFREMDUNG IST WIRKSAM, WENN SIE ZUM AUSBRUCH DES WILDEN STREIKS FÜHRT.
Kapitel 4 DIE GENERALISIERTE SELBSTVERWALTUNG
Über die positiven revolutionären Rechte
Über das Recht auf Selbstverteidigung
Über das Recht auf Beteiligung
Über das Recht auf Kommunikation
Über das Recht auf Verwirklichung
Über die Abschaffung der Zwangsarbeit
Über das Recht auf Begegnungen und Affinitäten
Über die freie Verfügung über Raum und Zeit
BEITRÄGE ZUM KAMPF DER REVOLUTIONÄREN ARBEITER, DAZU BESTIMMT, DISKUTIERT, VERBESSERT UND HAUPTSÄCHLICH OHNE GROSSEN AUFSCHUB IN DIE PRAXIS UMGESETZT ZU WERDEN
Vorwort
Wir wollen die Wahrheit in der Form des praktischen Ergebnisses sehen.
Die folgenden Seiten wenden sich an die revolutionären Arbeiter und an niemand sonst. An die Arbeiter, denn außer den direkt in den Produktionsprozeß einbezogenen Arbeitern besitzt niemand die Macht, dem Warenimperialismus die Gräten zu brechen. An die revolutionären Arbeiter, denn diejenigen, die den Parteien, Gewerkschaften, Grüppchen unterworfen bleiben, arbeiten bloß wie Scheiß-Sklaven zur Verstärkung des herrschenden Systems und seines Elends.
In den letzten 10 Jahren haben immer öftere und entschlossenere wilde Streiks das gemeinsame Joch der Bourgeoisie und der bürokratischen Apparate erschüttert, ohne es bisher zerbrochen zu haben. Diese latente aufrührerische Bewegung hat dem Bewußtsein des Proletariats die zunehmende Macht der Ware über das alltägliche Leben, die gesamten menschlichen Verhaltensweisen und die Natur selbst aufgedeckt. Und zu gleicher Zeit hat sie den Beweis ihrer Kraft erbracht, und in ihrer Verweigerung die unheilbare Schwäche des Warensystems und des Staates widergespiegelt.
In der Verweigerung treten auch die Annäherungsversuche an einen Lebensstil hervor, der in krassem Gegensatz zum Überleben steht, das heute das auf der Welt am meisten verteilte Elend ist. Es sind bruchstückhafte und oft konfuse Reaktionen, die aus dem spontanen Willen entstanden sind, mit der Arbeit, dem Opfergeist, dem Spektakel, dem Ökonomismus, der Langeweile, dem Zwang und den Trennungen ein für allemal Schluß zu machen; aber wie verstreut und vereinzelt sie auch sein mögen, bilden sie doch die Basen einer radikalen neuen Gesellschaft: der Gesellschaft der generalisierten Selbstverwaltung.
Die revolutionäre Theorie der generalisierten Selbstverwaltung hat sich bisher bemüht, all den Verweigerungsreaktionen eine größere Kohärenz zu geben. In ihrer Entwicklung hat sie die heutige Stufe erreicht, wo sie ihren Platz wieder in der Bewegung einnehmen muß, aus der sie hervorgegangen ist - der aufrührerischen Bewegung der Arbeiter.
Der Erfolg bzw. der Mißerfolg der generalisierten Selbstverwaltung hängt von nun an von denen ab, die das Schicksal der Ware in ihren Händen halten, sei es in den Fabriken, den Lagerhallen, den großen Warenhäusern, bei den Transportmitteln und auf den Feldern; von denen, die die Güter der Erde und der Industrie zum Nutzen aller zweckentfremden können, oder aber weiterhin dem Warenprozeß ermöglichen, gegen sich selbst und das gesamte Proletariat seine Verschmutzung auszudehnen.
Eine entscheidende Veränderung setzt überall an. Es genügt, sie zu beschleunigen, indem man ihr die Garantien der Wirksamkeit und der praktischen Kohärenz anbietet. Länger warten wäre ein Verbrechen, schlimmer noch, ein historischer Fehler, dessen blutiger Fleck nicht von den Wassern aller Meere weggewaschen werden kann.
Zuerst sind die Bedingungen günstig für uns. Die hochentwickelten Techniken sind zum Greifen nahe und wenn wir sie nur gegen unsere Ausbeuter wenden wollen, dann ist alles möglich und nichts utopisch. Nie herrschte das Überleben so mächtig und nie rief es so viele Revolten hervor. Nie verfügte der Staat besser Über die Macht der Lüge und nie war er durch die alltägliche Wahrheit so verwundbar. Nie trieb das Warensystem die Konditionierung der Menschen durch Geld, Schein und Macht so weit und nie erhoben sich so viel überdachte Wut, Kreativität und Leidenschaft so total, um es zu zerstören.
Wenn sich die revolutionären Arbeiter nicht entscheiden sollten, ihre Sache selbst zu erledigen und die durch wilde Streiks, die Fabrikbesetzungen und Zweckentfremdungen angekündigten sozialen Umwälzungen zuende zu führen, dann werden diejenigen, die nicht über die Mittel verfügen, die generalisierte Selbstverwaltung durchzusetzen, aus ihr eine Lüge mehr im Himmel der Ideen machen und den Messias spielen, der auf die Erde hinabgestiegen ist, um die Organisation des Proletariats zu predigen, in der besten Tradition von Lenin, Trotzki, Mao, Garcia Oliver, Castro, Guevara und sonstiger Bürokraten.
Schließlich steht die Revolution seit zu langer Zeit vor den Toren unserer Städte der Langeweile und der Verschmutzung, unserer Paläste aus Stuck.
Wir haben die Arbeit, die Chefs, die tote Zeit, das Leiden, die Demütigung, die Lüge, die Bullen, die Bosse, die Regierungen und den Staat genug erlitten. Eine zu lange im Zaum gehaltene Ungeduld führt zu blinder Gewalt, zum Terrorismus, zur Selbstzerstörung, sicherlich haben wir besseres zu tun, um uns selbst von einer Gesellschaft zu retten, die Selbstmord begeht, als gegen eine Hundertschaft von Bullen, ein Dutzend Bischöfe, oder eine Reihe von Bossen, Generälen und Staatsmännern Kamikaze zu spielen, aber das Zerrinnen von Stunden ohne Leben ist noch furchtbarer als der Tod. Unser letztes Gefecht hat lange genug gedauert, jetzt müssen wir siegen.
Die hier angebotenen Texte versuchen, auf die Probleme zu antworten, die der Übergang von einer Klassengesellschaft zu einer Gesellschaft der generalisierten Selbstverwaltung stellt. Der erste Teil geht von den am meisten verbreiteten Verweigerungen aus und unterstreicht ihre Bedeutung, denn es liegt viel daran, daß das Vertraute uns am besten bekannt wird, wenn wir wollen, daß all das, was vom alltäglichen Leben kommt, zu ihm zurückkehrt, um es permanent zu bereichern. Der zweite Teil zählt einige Maßnahmen auf, die zu ergreifen sind, je nachdem, ob die Aktion der Arbeiter sich auf Sabotage und Zweckentfremdung beschränkt, sich zum wilden Streik ausdehnt oder zur Besetzung des Arbeitsplatzes führt. Der dritte Teil gibt ein Modell davon, wie die generalisierte Selbstverwaltung und eine auf der Befriedigung des individuellen Willens und der individuellen Leidenschaften gegründeten Gesellschaft sein könnten.
Solche Notizen sind zwangsläufig mit Schwächen, Unschlüssigkeiten und sogar Irrtümern behaftet, ihre Radikalität kann jedoch nicht bestritten werden. Sie verdienen es, diskutiert zu werden, aber nicht durch diejenigen, die ihnen bloß abstrakte Kritiken entgegensetzen können, nicht durch die intellektuelle Kanaille. Ihr einziges Interesse besteht darin, an den Arbeitsplätzen und in den Werkstätten debattiert zu werden, wenn der Zorn aufsteigt. Erst dann, wenn sie ausprobiert, verbessert und durch all die Mittel verbreitet werden, die in den Händen der Bosse, der Kader und der Gewerkschaftsfunktionäre sind (Telex, Photokopie, Radio, Lautsprecher, Druckereien), ermöglichen sie wirklich, dem aufrührerischen Schwung seinen ganzen Zusammenhalt zu geben, vermeiden sie Verzögerungen und Trägheiten, die in den ersten Augenblicken einer Revolution so oft verhängnisvoll sind, schleudern sie diese Vernunft in der Geschichte den Staatsanhängern ins Gesicht, die diese dann mehr als alles andere fürchten, wenn sie durch das bewaffnete Proletariat zum Ausdruck kommt: "Das ist die Gesellschaft, die wir aufbauen werden. Das ist der Grund, weshalb wir Euch zerstören wollen."
RATGEB
Kapitel 2 DIE GESELLSCHAFT DES ÜBERLEBENS
1
Haben Sie wenigstens ein einziges Mal den Wunsch gehabt, zu spät zur Arbeit zu kommen oder früher aufzuhören?
Wenn ja, haben Sie begriffen,
a) daß die Arbeitszeit doppelt zählt, denn sie ist doppelt verlorene Zeit:
*
als Zeit, die man besser für die Liebe benutzt, für Träumereien, für Vergnügen und Leidenschaften; als Zeit, über die man frei verfügen könnte
*
als Zeit des körperlichen und nervlichen Verschleißes.
b) daß die Arbeitszeit den weitaus größten Teil des Lebens vereinnahmt, da sie auch die "frei" genannte Zeit bestimmt, die Zeit des Schlafes, der Ortsveränderung, die Essens- und Erholungszeiten. Sie erstreckt sich somit auf die Gesamtheit des täglichen Lebens eines jeden von uns, will es auf eine Folge von Orten und Augenblicken reduzieren, denen dieselbe leere Wiederholung gemeinsam ist, dasselbe immer größer werdende Fehlen wahren Lebens.
c) daß die Zeit der Zwangsarbeit eine Ware ist. Überall, wo es Waren gibt, gibt es Zwangsarbeit, und fast alle Tätigkeiten sind allmählich mit erzwungener Arbeit verbunden: wir produzieren, konsumieren, essen, schlafen für einen Boß, einen Chef, für den Staat, für das System der generalisierten Ware.
d) daß mehr arbeiten weniger leben heißt.
Und bewußt oder unbewußt kämpfen Sie bereits für eine Gesellschaft, die jedem das Recht garantiert, selber über Raum und Zeit zu verfügen, tagtäglich sein Leben so zu konstruieren, wie es ihm gefällt. (Siehe III, 49)
2
Haben Sie wenigstens ein einziges Mal den Wunsch gehabt, nicht mehr zu arbeiten (ohne die anderen für sich arbeiten zu lassen)?
Wenn ja, haben Sie begriffen,
a) daß die Zwangsarbeit selbst dann, wenn sie nützliche Güter produzieren würde, wie Kleidung, Nahrungsmittel, Technik, Komfort unterdrückend und unmenschlich bleiben würde, denn:
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der Arbeiter könnte auch dann noch nicht über sein Produkt verfügen und müßte sich auch weiterhin den Gesetzen der Jagd nach Macht und Gewinn beugen;
*
der Arbeiter würde immer noch für die Arbeit das Zehnfache der Zeit aufwenden, die bei einer attraktiven Organisation der Kreativität erforderlich wäre, die allen hundertmal mehr Güter zur Verfügung stellen könnte.
b) daß, auch wenn man uns vom Gegenteil überzeugen möchte, die Zwangsarbeit im überall herrschenden Warensystem nicht die Herstellung von Gütern bezweckt, die für alle angenehm und nützlich sind; daß sie vielmehr die Herstellung von Waren bezweckt. Die Waren sollen ganz unabhängig davon, ob sie nützlichen, unnützen oder schädlichen Zwecken dienen, den Profit und die Macht der herrschenden Klasse erhalten. In einem solchen System arbeitet jeder für nichts und wieder nichts und ist sich dessen mehr und mehr bewußt.
c) daß die Zwangsarbeit durch Anhäufung und Erneuerung von Waren die Macht der Unternehmer, Bürokraten, Chefs, Ideologen verstärkt. Sie wird dadurch für alle Arbeiter widerwärtig. Durch jede Arbeitseinstellung können wir wieder wir selbst werden und die herausfordern, die uns daran hindern.
d) daß die Zwangsarbeit nichts als Waren produziert. Aber zu jeder Ware gehört eine Lüge, die sie repräsentiert. Die Zwangsarbeit produziert somit Lügen, eine Welt von auf der Lüge beruhenden Vorstellungen, eine umgekehrte Welt, in der das Bild die Wirklichkeit ersetzt. In diesem spektakulären Warensystem produziert die Zwangsarbeit in bezug auf sich selbst vor allem diese beiden Lügen:
*
erstens die, daß die Arbeit nützlich und notwendig sei und daß es im Interesse aller liege zu arbeiten;
*
und zweitens die, daß die Arbeiter unfähig seien, sich von der Arbeit und dem Lohnsystem zu emanzipieren, daß sie nicht in der Lage seien, eine radikal neue Gesellschaft aufzubauen, die sich auf eine kollektive und attraktive Kreation und auf die generalisierte Selbstverwaltung gründet.
Und bewußt oder unbewußt kämpfen Sie bereits für eine Gesellschaft, in der die Zwangsarbeit einer kollektiven, von den Wünschen eines jeden geleiteten Kreativität und der unentgeltlichen Verteilung der für die Konstruktion des täglichen Lebens erforderlichen Güter weicht. Das Ende der Zwangsarbeit bedeutet das Ende eines Systems, das vom Profit, der hierarchisierten Macht und der generellen Lüge beherrscht wird. Es bedeutet das Ende des spektakulären Warensystems und den Beginn der globalen Veränderung sämtlicher Tätigkeiten. Die Suche nach der Harmonie der endlich befreiten und anerkannten Leidenschaften wird die Jagd nach Geld und einem Stückchen Macht ablösen. (Siehe III, 59 bis 74)
3
Ist es Ihnen schon öfter passiert, daß Sie außerhalb des Arbeitsplatzes den gleichen Widerwillen, den gleichen Überdruß empfunden haben wie in der Fabrik?
Wenn ja, haben Sie begriffen,
a) daß die Fabrik überall ist. Sie ist auch der Morgen, der Zug, der Wagen, die zerstörte Landschaft, die Maschine, die Chefs, das Zuhause, die Zeitungen, die Familie, die Gewerkschaften, die Straße, das Einkaufen, die Bilder, der Lohn, das Fernsehen, die Sprache, der Urlaub, die Schule, die Hausarbeit, die Langeweile, das Gefängnis, das Krankenhaus, die Nacht. Sie ist die Gewöhnung an sich ständig wiederholende Gesten, an verdrängte Leidenschaften, die nur ersatzweise erlebt werden, vermittels dazwischengeschalteter Bilder.
b) daß jede auf das Überleben reduzierte Tätigkeit Zwangsarbeit ist; und jede Zwangsarbeit das Produkt und den Produzenten zu einem Gegenstand des Überlebens, zu einer Ware macht.
c) daß die universelle Fabrik überall abgelehnt wird, denn überall bei den Proletariern verbreiten sich Sabotage und Entwendung, durch die sie sich das Vergnügen verschaffen, spazieren zu gehen, sich zu lieben, sich zu treffen, miteinander zu sprechen, zu essen und zu trinken, zu träumen, die Revolution des täglichen Lebens vorzubereiten, ohne sich dabei irgendetwas von den Freuden entgehen zu lassen, nicht völlig entfremdet zu sein.
Und bewußt oder unbewußt kämpfen Sie bereits für eine Gesellschaft, in der die Leidenschaften alles, die Langeweile und die Arbeit dagegen nichts sind. Das Überleben hat uns bis heute am Leben gehindert; von jetzt an geht es um die Umkehrung der verkehrten Welt; um die Verstärkung der echten Momente, die im spektakulären Warensystem heimlich bleiben müssen oder der Verfälschung erliegen: die echten Momente wirklichen Glücks, schrankenlosen Vergnügens, der Leidenschaft. (Siehe III, 47 bis 58).
4
Hatten Sie schon einmal die Absicht, Ihre Maschine zu benutzen, um einen Gegenstand herzustellen, den Sie außerhalb der Arbeit gebrauchen können ?
Wenn ja, haben Sie begriffen,
a) daß die Maschine ganz entgegengesetzte Wirkungen hat, je nachdem, ob sie zugunsten eines Bosses oder des Staates oder aber vom Arbeiter zu seinem unmittelbaren Vorteil benutzt wird.
b) daß das Prinzip der Entwendung (der radikalen Umfunktionierung) darin besteht, gegen den Feind die Techniken und Waffen zu wenden, die er gegen uns verwendet.
c) daß das Gegenteil der Zwangsarbeit die individuelle und kollektive Kreation ist. Die Proletarier wollen ihre eigenen Lebensbedingungen schaffen, um nicht mehr Proletarier sein zu müssen. Von einigen seltenen revolutionären Momenten abgesehen ist diese Kreativität (Benutzung der Maschinen, Basteln, Experimentieren, Suche noch neuen Leidenschaften und Sensationen) im Dunkeln verborgen geblieben.
d) daß die Leidenschaft der Kreativität alles sein will. Als Leidenschaft der Zerstörung des Warensystems und der Konstruktion des täglichen Lebens ist sie die Leidenschaft, die alle anderen enthält. Die Entwendung (radikale Umfunktionierung) der Techniken zugunsten der Kreativität aller ist der einzige Weg zur Abschaffung der Arbeit und der Trennungen, die sie überall erzeugt (manuell-intellektuell, Arbeit-Freizeit, Theorie-Praxis, Individuum-Gesellschaft, Sein-Scheinen).
Und bewußt oder unbewußt kämpfen Sie bereits für eine Gesellschaft, in der die Lager, die Distributionszentren, die Fabriken und Techniken den Streikversammlungen gehören und danach der Gesamtheit der in Selbstverwaltungsversammlungen gruppierten Individuen. (Siehe III, 1 bis 20)
5
Haben Sie schon einmal vorsätzlich halbfertige oder fertige Erzeugnisse sabotiert?
Wenn ja, haben Sie begriffen,
a) daß der Kampf der Arbeiter gegen die Ware der richtige Ausgangspunkt der Revolution ist. Er zeigt klar, daß die Lust, man selbst zu sein und sich an allem erfreuen zu können, die Lust voraussetzt, auf totale Weise zu zerstören, was uns tagtäglich zerstört.
b) daß die Ware das Herz einer herzlosen Welt ist; sie ist die Stärke und die Schwäche der hierarchisierten Macht, des Staates und seiner Bürokratie. Die individuelle Freiheit und das individuelle Glück aller verlangen nicht nur, daß man ihr einige Schläge versetzt, sondern mehr noch, daß man sie definitiv und total vernichtet (die bloße Sabotage z.B. genügt nicht, da der in die Produkte eingebaute Verschleiß dem Privatkapitalismus wie dem Staatskapitalismus - UdSSR, Cuba, China ... - den beschleunigten Ersatz der Waren und die beschleunigte Erneuerung der Ideologien gestattet; da er die Akkumulation der Ware, ihrer Bilder und der von ihr aufgezwungenen gesellschaftlichen Verhaltensweisen fördert).
c) daß die Sabotage, indem sie die Arbeit stoppt, Kraft sparen hilft und dazu anspornt, nicht mehr zu arbeiten.
d) daß die Sabotage von Fertigerzeugnissen, auch wenn sie nicht genug ist, eine gesunde Reaktion ist. Sie drückt die Verachtung des Arbeiters für die Ware und für die ROLLE des Arbeiters aus, d.h. für die mit der Vorstellung von der Notwendigkeit der Arbeit, der gut ausgeführten Arbeit und anderem Unsinn verbundenen Einstellung, die ihm das herrschende System aufzwingt.
e) daß die Ablehnung der Rolle des Arbeiters mit der Ablehnung der Arbeit und der Ware einhergeht. Diese Ablehnung kann sich leicht auf alle Rollen ausdehnen, auf alle Haltungen, die den einzelnen nicht seinen Wünschen und Leidenschaften entsprechend handeln lassen, sondern - guten oder schlechten - Bildern zufolge, die ihm aufgedrängt werden und die die Lügen sind, durch die sich die Ware zur Schau stellt. Sagen Sie einmal, was von Ihnen selbst übrigbleibt, wenn Sie einen ganzen Tag lang Rollen Übernehmen wie die des Familienvaters, des Ehemanns, des Arbeiters, des Autofahrers, des politischen Aktivisten, des Fernsehzuschauers, des Verbrauchers ?
Und bewußt oder unbewußt kämpfen Sie bereits für eine Gesellschaft, in der die Trennungen verschwinden mit dem Verschwinden der Arbeit selbst; in der jeder endlich völlig wahr sein kann, weil er nicht mehr die Ware und die Lüge produziert (die verkehrte Welt, in der der Schein wichtiger als das Echte ist). (Siehe III, 69,90).
6
Haben Sie schon einmal außerhalb der Sabotage der Produktion Lust zur Sabotage der repressiven Instanzen (bürokratische Apparate, Polizisten, Vorarbeiter, Information und Urbanismus) gehabt?
Wenn ja, haben Sie begriffen,
a) daß das Warensystem die teilweise Sabotage sehr gut für sich auszunutzen versteht. Die auf Erzeugnisse beschränkte Sabotage zerstört noch nicht das Warensystem; denn die dadurch erhaltene minderwertige Qualität ergänzt lediglich den von den Unternehmern zum Zweck des beschleunigten Ersatzes eingebauten Verschleiß. Hinzu kommt, daß die Sabotage, als terroristische Aktion, den Bildervorrat des Spektakels mit Negativen auffrischt (der abscheuliche Saboteur, der schreckliche Brandstifter ?).
b) daß das, was ein Produkt zur Ware macht, und die Ausdehnung des Warenprozesses auf alle gesellschaftlichen Tätigkeiten erlaubt, die Zwangsarbeit ist sowie die Kräfte, die sie schützen und erhalten: Staat, Gewerkschaften, Parteien, Bürokratie und Spektakel, die alle der Ware dienen und selbst Ware sind (Ideologien, Kultur, Rollen, herrschende Sprache).
c) daß die Zerstörung der Ware durch die Vernichtung der Zwangsarbeit deshalb untrennbar von der Vernichtung des Staates ist, der Hierarchie, des Zwanges, der Aufopferung, der Lüge und all derer, die die Organisatoren des Systems der generalisierten Ware sind. Die Sabotage bleibt, wenn sie sich nicht GLEICHZEITIG gegen die Produktion der Ware und ihre Beschützer richtet, partiell und unwirksam; aus ihr wird dann der Terrorismus, der die Verzweiflung der Revolution und die selbstzerstörerische Fatalität der Überlebensgesellschaft ist.
d) daß alles, was sich nicht zugunsten der Revolutionäre entwenden läßt, durch Sabotage zerstört werden muß. Daß alles, was die Entwendung behindert, zerstört werden muß.
Und bewußt oder unbewußt kämpfen sie bereits für eine Gesellschaft, in der es weder den Staat noch sonst eine Form hierarchisierter Macht gibt, wo stattdessen die Verfügungsgewalt über die Produktivkräfte und die unentgeltliche Güterverteilung in den Händen der Selbstverwaltungsversammlungen liegen, die jede Gefahr der Neubildung des Warensystems ausschließen. (Siehe III, 27 bis 39).
7
Haben Sie schon einmal den Wunsch gehabt, keine Zeitung mehr zu lesen und Ihren Fernseher zu zerschlagen?
Wenn ja, haben Sie begriffen,
a) daß Zeitungen, Radio und Fernsehen die schlimmsten Träger der Lüge sind. Nicht nur, daß sie jedermann von den wirklichen Problemen fernhalten - von der Frage, wie es sich besser leben läßt -, sie treiben auch jeden einzelnen dazu, sich mit stereotypen Bildern zu identifizieren, sich abstrakt an die Stelle eines Staatschefs zu setzen, eines Stars, eines Mörders, eines Opfers, kurz so zu handeln, als wäre er jemand anderes. Die uns beherrschenden Bilder sind der Triumph dessen, was wir nicht selbst sind und was uns aus uns selbst vertreibt; was aus uns Gegenstände macht, die nach dem System der weltweiten Ware klassifiziert, etikettiert und hierarchisiert werden sollen.
b) daß es eine Sprache im Dienst der hierarchisierten Macht gibt. Diese Sprache ist nicht allein die der Information, der Werbung, der stereotypen Ideen, der Gewohnheiten und konditionierten Gesten, sondern vielmehr jede Sprache, die nicht die Revolution des täglichen Lebens vorbereitet, die nicht im Dienst unseres Vergnügens steht.
c) daß das Warensystem seine Vorstellungen, seine Bilder, seinen Sinn, seine Sprache jedesmal dann durchsetzt, wenn man für dieses System arbeitet, d.h. fast immer. Diese Gesamtheit von Ideen, Bildern, Identifikationen, von der Notwendigkeit der Akkumulation und der Erneuerung von Waren bestimmten Verhaltensweisen, bildet das SPEKTAKEL in dem jeder das spielt, was er nicht wirklich lebt, und verfälscht lebt, was er nicht ist. Deshalb ist die Rolle eine lebende Ware und das Überleben ein Unbehagen, das nie aufhört.
d) daß das Spektakel (Ideologien, Kultur, Kunst, Rollen, Bilder, Vorstellungen, Wort-Waren) die Gesamtheit der gesellschaftlichen Verhaltensweisen ist, durch die die Menschen in das Warensystem eingehen, sich gegen sich selbst an ihm beteiligen, indem sie zu Gegenständen des Überlebens - zu Waren - werden, indem sie auf die Lust verzichten, wirklich für sich selbst zu leben und ihr tägliches Leben frei zu gestalten.
e) daß wir inmitten einer Gesamtheit von Bildern überleben, mit denen wir uns identifizieren sollen. Wir werden immer weniger von uns aus tätig, handeln immer häufiger in Funktion von Abstraktionen, die uns den Gesetzen des Warensystems (Profit und Macht) entsprechend lenken.
f) daß es kaum einen Unterschied macht, ob die Rollen oder Ideologien dem System freundlich oder feindlich sind, denn sie bleiben im Spektakel, im herrschenden System. Nur das, was die Ware UND ihr Spektakel zerstört, ist revolutionär.
Sie haben also genug von der organisierten Lüge, der verkehrten Wirklichkeit, von den Grimassen, die das wahre Leben nachäffen und schließlich verarmen. Und bewußt oder unbewußt kämpfen Sie bereits für eine Gesellschaft, in der alle das Recht auf wirkliche Kommunikation haben, in der jeder das, was ihn angeht, bekannt machen kann, mit Hilfe frei verfügbarer Techniken (Druck-, Nachrichtentechniken), in der die Konstruktion eines erregenden Lebens die Notwendigkeit beseitigt, eine Rolle zu spielen und mehr Gewicht dem Schein zu geben als dem echten Erlebten. (Siehe III, 40 bis 46).
8
Kommt es vor, daß Sie das unangenehme Gefühl haben, abgesehen von seltenen Momenten, nicht sich selbst zu gehören, sich selbst fremd zu werden?
Wenn ja, haben Sie begriffen,
a) daß durch jede unserer mechanisierten, wiederholten und voneinander getrennten Gesten hindurch die Zeit zerbricht und uns Stück für Stück aus uns herauszieht. Diese toten Zeiten reproduzieren und akkumulieren sich, indem sie arbeiten und uns arbeiten lassen für die Reproduktion und die Akkumulation von Waren.
b) daß das Alterrn heute nichts anderes ist als die wachsende Zunahme toter Zeiten, der Zeit, in der das Leben immer weniger wird. Deshalb gibt es weder Alte noch Junge, sondern nur noch Individuen, die mehr oder weniger lebendig sind. Unsere Feinde sind diejenigen, die sich und anderen einreden, daß eine globale Veränderung unmöglich ist, es sind die Toten, die uns regieren und die sich regieren lassen.
c) daß wir, wenn wir arbeiten, essen, lesen, schlafen, konsumieren, ausspannen, uns Bildung verabreichen, uns ärztlich behandeln lassen, wie Zimmerpflanzen überleben. Wir überleben gegen alles, was uns Lust macht zu leben. Wir überleben für ein unmenschliches und totalitäres System - für eine Religion von Dingen und Bildern -, das uns fast überall einfängt, fast immer mit dem Ziel der Vermehrung der Profite und der Stückchen Macht der bürokratisch-bürgerlichen Klasse.
d) daß wir nichts weiter wären als das, was das System überleben läßt, wenn wir nicht manchmal wir selbst werden würden, wenn uns nicht der Wunsch packen würde, leidenschaftlich zu leben. Die nicht ersatzweise, durch dazwischengeschaltete Bilder, sondern echt erlebten Momente und das schrankenlose Vergnügen, das sich mit der Ablehnung all dessen verbündet, was dieses Vergnügen einschränkt und verfälscht, sind bereits direkt gegen das Warensystem gerichtete Schläge. Es genügt, ihnen einen größeren Zusammenhang zu geben, um sie auszudehnen, zu vervielfachen, zu verstärken.
e) daß wir, indem wir leidenschaftlich die für die Entwicklung der Leidenschaften günstigen Bedingungen schaffen, alles zerstören wollen, was uns zerstört. Die Revolution ist die Leidenschaft, die alle anderen erlaubt. Eine Leidenschaft ohne Revolution ist der Ruin der Lust.
Sie haben also genug davon, zwischen toten Zeiten und offenem Zwang zu überleben. Und bewußt oder unbewußt kämpfen Sie bereits für eine Gesellschaft, die sich nicht mehr auf die Jagd nach Macht und Profit gründet, sondern auf die Suche und die Harmonisierung der Leidenschaften. (Siehe III, 75 bis 92)
9
Haben Sie schon einmal den Wunsch gehabt, eine Distributionsfabrik (Warenhaus, Supermarkt, Warenlager) niederzubrennen ?
Wenn ja, haben Sie begriffen,
a) daß die wahre Verseuchung der Umwelt die weltweite Verseuchung durch die Ware ist, die sich auf alle ASPEKTE des Lebens erstreckt. Jede in einem Supermarkt ausgestellte Ware ist das zynische Loblied auf die unterdrückende Lohnarbeit, auf die verkaufsfördernde Lüge, auf den Austausch und auf die Chefs und die Bullen, die für ihre Aufrechterhaltung sorgen.
b) daß die Ausstellung von Waren ein Moment des Überlebens und die Glorifizierung seines Elends ist: ein Loblied auf das mit den Stunden der Zwangsarbeit verlorene Leben, auf die Opfer, die für den Kauf irgendeines Scheißdrecks (verfälschte Nahrungsmittel, gadgets, Autosärge, Wohngefängnisse etc.) gebracht werden; auf die Verdrängungen, auf die Lust-Ängste; auf lächerliche Bilder, die im Austausch für das Fehlen wahren Lebens angeboten und als Ausgleich gekauft werden.
c) daß das anzünden eines Warenhauses weiter nichts ist als ein Akt des Terrorismus. Da die Ware so konzipiert ist, daß sie sich zerstört und ersetzt wird, zerstört die Brandstiftung nicht das Warensystem, sondern nimmt mit lediglich übersteigerter Brutalität an ihm teil. Doch wir wollen nicht, daß die Ware uns zerstört, indem sie sich selbst zerstört. Sie muß total zerstört werden, um die generalisierte Selbstverwaltung aufzubauen.
Sie haben also genug von der Ausschmückung der Langeweile, von dem Dekor für Voyeure; von einer Welt, in der das, was man anschaut, am Leben hindert, und in der das, was am Leben hindert, sich als seine abstrakte Karikatur zur Schau stellt. Und bewußt oder unbewußt kämpfen Sie bereits für eine Gesellschaft, in der das wahre Ende der Ware im freien Gebrauch der Produkte liegt, die das Ende der Zwangsarbeit schafft. Wir wollen nicht die Arbeit, die den Überfluß ausschließt und nur seinen verfälschten Anschein erzeugt, wir wollen den Überfluß, der die Kreativität und die Leidenschaft fördert. (Siehe III, 47 bis 58)
10
Haben Sie schon einmal den Wunsch gehabt, einen Gegenstand aus der Fabrik oder dem Geschäft mitzunehmen, einfach deswegen, weil Sie an seiner Herstellung beteiligt waren, oder besser noch, weil Sie ihn gut gebrauchen können?
Wenn ja, haben Sie begriffen,
a) daß, wer sich aneignet, was er hergestellt hat, nicht stiehlt. Diebe sind die Handlanger des Warensystems und die gedungenen Agenten des Staates: Unternehmer, Bürokraten, Polizei und Justiz, Soziologen, Urbanisten, Ideologen. Nur weil wir sie immer noch nicht praktisch zum Verschwinden verurteilt haben, wagen sie es immer noch, einen Arbeiter im Namen des Rechts zu verurteilen, wenn er sich aus einer Fabrik oder einem Geschäft das mitnimmt, was er braucht.
b) daß ein industrielles oder landwirtschaftliches Erzeugnis nur dann Wert hat, wenn es frei der Befriedigung eines jeden dient. Es ist ein Verbrechen gegen das Recht auf Genuß, wenn man es in eine Ware verwandelt, wenn man es zu einem Bestandteil des Austausches und des Spektakels macht.
c) daß die notwendige Voraussetzung dafür, daß ein dem Warenprozeß entrissener Gegenstand nicht wieder in ihn zurückkehrt, natürlich die ist, daß er weder weiterverkauft oder zum privaten Nutzen angeeignet noch gegen etwas Geld oder Macht eingetauscht wird (wer etwas klaut, um eine Rolle zu spielen, reproduziert zwangsläufig, ob nun vom Staat toleriert oder nicht, den spektakulären Warenprozeß.).
d) daß die Bedingungen dafür, daß ein bestimmter Gegenstand oder eine bestimmte Haltung nicht wieder vom Warensystem integriert werden, die ist, daß sie gegen dieses System eingesetzt werden, daß sie gegen die in ihrer eigenen Bewegung erfaßte Ware verwandt werden (diese Bewegung, die ein Erzeugnis zur Ware macht, verläuft vom konkreten Gegenstand zum abstrakten Bild, und das abstrakte Bild wird seinerseits in verschiedenen Konditionierungen sozialer Haltungen, in Rollen konkretisiert).
e) daß die vollständige Zerstörung der Ware nur durch die kollektive Entwendung (radikale Umfunktionierung) der landwirtschaftlichen und industriellen Güter zugunsten der und durch die generalisierte Selbstverwaltung möglich ist.
Sie haben also genug davon, sich dem Geld und den Rollen zu unterwerfen, um im Austausch die notwendigen Güter für ein Leben zu erhalten, das nur dem Schein nach eins ist. Und bewußt oder unbewußt kämpfen Sie bereits für eine Gesellschaft, in der die Unentgeltlichkeit und die Gabe die einzig möglichen sozialen Beziehungen kennzeichnen. (Siehe III, 54, 55, 56).
11
Waren Sie schon einmal an der Plünderung einer Distributionsfabrik beteiligt (Supermarkt, Warenhaus, Verbrauchermarkt)?
Wenn ja, haben Sie begriffen,
a) daß die individuelle Rückeroberung der von Staat und Unternehmern gestohlenen Güter in den Warenprozeß abgleitet, wenn sie nicht zu einer kollektiven Aktion führt und zur totalen Vernichtung des Systems (so sympathisch die Geste auch ist, die Rückeroberung der Güter allein genügt nicht, sie muß sich auch auf die gestohlene Zeit und den gestohlenen Raum erstrecken).
b) daß die Plünderung eine ganz normale Reaktion auf die Provokation der Ware ist (z.B. durch die Bezeichnung als "Gratisangebot" oder die Aufforderung zur "Selbstbedienung"). Sie ist, wie die kriminelle Brandstiftung, lediglich eine Abwandlung des Systems. So wie sich das Warensystem auf einen bestimmten Prozentsatz von Diebstählen in Warenhäusern und Fabriken eingerichtet hat, wird es sich auf eine gewisse Zahl von Plünderungen einrichten und seine Selbstregulierung in Funktion solcher voraussehbarer und programmierter "Unfälle" berechnen. Diese Tatsache ist so offensichtlich, daß ein Vertreter des Gesetzes, der Lütticher Richter Kinnard, Einzelrichter in Strafsachen, am 12. September 1973 mit folgender Urteilsbegründung die Bestrafung eines Warenhausdiebstahls ablehnte: "Die Diebstähle in Warenhäusern mit Selbstbedienung sind die unvermeidliche und im übrigen in der Preiskalkulation berücksichtigte Folge dieser Verkaufsform, bei der die Verbraucher durch reißerische Werbung und vielfältige, nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten angeordnete Verführungen dazu provoziert werden, sehr viel mehr zu kaufen als sie entweder gebrauchen oder aber bezahlen können. Der Warenhausdiebstahl zeugt im allgemeinen nicht von einer strafwürdigen Haltung oder Einstellung des Täters." Eine Rechtsprechung, die zweifellos Schule machen wird.
c) daß, wenn sich bei einer Plünderung jedermann die Güter so aneignet, als würden sie sein Privateigentum, die Ware wieder die Oberhand gewinnt und das System weiter besteht (in dem Fall ist es besser, alles zu zerstören: dann haben wir wenigstens 90% Scheiße weniger).
d) daß die Plünderung ohne das Bewußtsein der generalisierten Selbstverwaltung bestenfalls ein zusammenhangloser Distributionsmodus ist. Sie ist dann getrennt von den revolutionären Bedingungen, unter denen die Gemeinschaft, die die Güter schafft, sie direkt an ihre Mitglieder verteilt. Sie führt dann leicht zu Not und einem Mangel an nützlichen Gütern, zur Verwirrung und in der Folge zur Rückkehr zu den Mechanismen der Warendistribution.
Und bewußt oder unbewußt kämpfen Sie bereits für eine Gesellschaft, in der die nicht mehr lohnabhängige Produktion und die unentgeltliche Güterverteilung durch die Abschaffung des Eigentums und die Gruppierung der Produzenten in Selbstverwaltungsversammlungen möglich werden. Dazu kommt der Wille eines jeden durch die Stimme verantwortlicher und jederzeit absetzbarer Delegierter zum Ausdruck. Diese Delegierten machen eine Aufstellung der vorhandenen Ressourcen und harmonisieren die Angebote produktiver Kreation und die individuellen Nachfragen, so daß sich der Überfluß progressiv und definitiv durchsetzt. (Siehe III, 1 bis 10).
12
Haben Sie vor, bei der erstbesten Gelegenheit Ihrem Chef oder irgendeinem anderen, der Sie als Untergebener behandelt, die Fresse zu polieren?
Wenn ja, haben Sie begriffen,
a) daß, wer Chef wird, aufhört, menschlich zu sein. Der Chef verpackt die Ware und ist selbst Verpackung. Außerhalb des Warensystems ist er unbrauchbar. Wie die Waren reproduziert und akkumuliert er sich; sein Maßstab ist die Menge Macht, die er auf der Stufenleiter der Hierarchie besitzt. Und diese Macht leitet er von der Macht her, die das Spektakel als ökonomischer Wille und gesellschaftliche Vorstellung über den weitaus größten Teil des täglichen Lebens ausübt.
b) daß, je mehr sich die Macht zerstückelt und überall ausdehnt, sie zugleich stärker und schwächer wird. Je mehr Chefs es gibt, um so ohnmächtiger sind sie. Und je ohnmächtiger sie sind, um so größer ist der Leerlauf der bürokratischen Maschine, um so mehr versucht sie, sich den Anschein der Allmacht zu geben, und um so eher lernen die Leute, die Knechtschaft global abzulehnen.
c) daß überall da, wo die Autorität herrscht, der Geist des Opfers herrscht und umgekehrt. Der Chef und der Militante sind derselbe Stein, an dem die Revolution zerbricht, der Punkt, an dem sie umkippt und sich in das Gegenteil der Emanzipation verkehrt.
d) daß der terroristische Akt, der Bürokrat und Unternehmer Rücken an Rücken mit derselben Kugel erledigt, nichts an den Strukturen ändert und lediglich zu einem beschleunigten Ersatz der Führungskader führt. Zur Liquidierung des Staates und der hierarchisierten Organisationen, die ihn früher oder später reproduzieren, bedarf es der Vernichtung des Warensystems.
e) daß der Staat der Regulator, das Nervenzentrum und das Schutzschild der Ware ist. Er versucht, die ökonomischen Widersprüche auszubalancieren, die gesellschaftliche Arbeit politisch in Rechte und Pflichten der Bürger umzuformen, die ideologische Marktschreierei zu organisieren sowie die repressiven Mechanismen, die aus jedem einzelnen einen Knecht des Warensystems machen.
f) daß das Zusammenspiel des Staates mit der Ware auf den ersten Blick an der Schnelligkeit erkannt werden kann, mit der die Bullen einschreiten - und die Unternehmer und Gewerkschaftsmilizen -, sobald ein wilder Streik ausbricht.
Und bewußt oder unbewußt kämpfen Sie bereits für eine Gesellschaft ohne Zwang und Opfer, in der jeder Herr seiner selbst ist und unter solchen Bedingungen lebt, daß er nie einen anderen Menschen als Sklaven behandeln muß; eine klassenlose Gesellschaft, in der die an die Räte delegierte Macht stets vor den Augen und nach dem Willen eines jeden einzelnen ausgeübt wird. (Siehe III, 28, 29).
13
Freuen Sie sich bei dem Gedanken an den Tag, an dem man als menschliches Wesen die Bullen behandeln kann, die nicht an Ort und Stelle erschossen zu werden brauchen ?
Wenn ja, haben Sie begriffen,
a) daß der Bulle der Wachhund des Warensystems ist. Wo die Lüge der Ware nicht ausreicht, um die Ordnung durchzusetzen, verteidigt der Bulle überheblich wie unterwürfig die herrschende Klasse oder bürokratische Kaste.
b) daß der Bulle, abgesehen von der Verachtung, die er sich selbst entgegenbringt, verachtet wird als bezahlter Mörder, als Henkersknecht, als Diener aller Regime, als berufsmäßiger Sklave, als Ware mit Schutzfunktion, als repressive Klausel im vom Staat den Bürgern aufgezwungenen Wirtschafts- und Gesellschaftsvertrag.
c) daß es überall, wo es einen Staat gibt, auch Bullen gibt, daß es überall, wo es Bullen gibt - angefangen bei dem Ordnungsdienst der Demonstrationen -, auch den Staat oder staatliche Ansätze gibt.
d) daß die Hierarchie eine Polizeihierarchie ist.
e) daß das Töten von Bullen ein Zeitvertreib für Selbstmordkandidaten ist. Solcher Mittel darf man sich nur im Fall einer Selbstverteidigung bedienen, in der allgemeinen Bewegung der Liquidierung jeder hierarchischen Macht.
f) daß das Glück nur da möglich ist, wo der Staat aufgehört hat zu bestehen, wo keinerlei Hierarchisierung seine Rückkehr vorbereitet.
Sie haben also genug von Zwang und Kontrolle, von dem Bullen, der Sie daran erinnert, daß Sie nichts sind, während der Staat alles ist, von dem System, das die Voraussetzungen des illegalen Verbrechens schafft und das Verbrechen der Justiz legalisiert, die es verfolgt. Und Sie kämpfen bereits für eine Harmonisierung der leidenschaftlichen Interessen (durch das Verschwinden ökonomischer und spektakulärer Interessen) und für eine Organisation der Beziehungen zwischen den Individuen durch einen Überfluß an Begegnungen und freie Verbreitung der Wünsche. (Siehe III, 11 bis 18).
14
Haben Sie schon einmal den Wunsch gehabt, Ihre Lohnabrechnung Ihrem Arbeitgeber an den Kopf zu werfen?
Wenn ja, haben Sie begriffen,
a) daß die Lohnarbeit das Individuum auf eine ökonomische Kennziffer reduziert. Aus kapitalistischer Sicht ist der Lohnabhängige kein Mensch, sondern Kostenfaktor in der Produktion und Kaufkraft im Konsum.
b) daß die Lohnarbeit genauso die Grundlage der globalen Ausbeutung ist, wie die entfremdete Arbeit und die Warenproduktion die Grundlage des spektakulären Warensystems sind. Die Lohnarbeit verbessern heißt, die Ausbeutung des Proletariats durch die bürokratisch-bürgerliche Klasse verbessern. Man kann sie nur abschaffen.
c) daß die Lohnarbeit von uns verlangt, mehr als acht Stunden unseres Lebens für acht Stunden Arbeit zu opfern im Austausch gegen eine Summe Geld, die nur einem kleinen Teil der geleisteten Arbeit entspricht, der Rest ist unternehmerischer Profit. Und diese Summe wiederum muß ausgetauscht werden gegen verseuchte oder behandelte Produkte, gegen um das zehnfache zu teuer bezahlte Haushaltsgeräte, gegen entfremdende gadgets (der Wagen z.B., der es erlaubt, zu arbeiten, zu konsumieren, die Luft zu verpesten, die Landschaft zu zerstören, leere Zeit zu gewinnen und sich umzubringen); und dazu noch die Gebühren für den Staat, die Spezialisten, die erpresserischen Gewerkschaften ?
d) daß es falsch ist zu glauben, Lohnforderungen können den Privat- oder Staatskapitalismus gefährden: die Unternehmer gestehen den Arbeitern nur die Erhöhungen zu, die die Gewerkschaften brauchen, um zu beweisen, daß sie noch zu etwas nützlich sind; und die Gewerkschaften verlangen von den Unternehmern (die außer über die Lohnerhöhungen noch über die Preiserhöhungen verfügen) nur das Geld, das nicht ein System gefährdet, von dem sie in zweiter Linie profitieren.
Sie haben also genug davon, die meiste Zeit nur des Geldes wegen zu leben, der Diktatur des Ökonomischen unterworfen zu sein, zu überleben, ohne Zeit und Muße zu haben, leidenschaftlich zu leben. Und bewußt oder unbewußt kämpfen Sie bereits für eine Verteilung der nützlichen Güter, die nichts mit der Jagd nach Profit zu tun hat, sondern den wirklichen Bedürfnissen der Leute entspricht. (Siehe III, 31, 34, 35, 40, 51, 52).
15
Kommt es vor, daß Sie auf einen Pfaffen spucken, der vorbeigeht? Daß Sie gerne eine Kirche anstecken möchten, einen Tempel, eine Moschee, eine Synagoge?
Wenn ja, haben Sie begriffen,
a) daß die Religion das Opium der unterdrückten Kreatur ist.
b) daß jede Religion Opfer verlangt und daß jedes Verlangen von Opfern religiös ist (siehe als Beispiel die politischen Aktivisten).
c) daß die Religion das universelle Modell der Lüge ist, der Verkehrung des Wirklichen zugunsten einer mythischen Welt, aus der, einmal entweiht, das Spektakel des täglichen Lebens wird.
d) daß das Warensystem verweltlicht; es zerstört den religiösen Geist und macht seine Souvenirs (Papst, Koran, Bibel, Kruzifix ?) lächerlich, aber zugleich bewahrt es ihn als ständige Aufforderung, den Schein dem Wirklichen vorzuziehen, das Leiden der Lust, das Spektakel dem Erleben, die Unterwerfung der Freiheit, das herrschende System den Leidenschaften. Das Spektakel ist die neue Religion und die Kultur ihr kritischer Geist.
e) daß die religiösen Symbole von der ständigen Verachtung zeugen, mit denen die hierarchischen Systeme aller Zeiten die Menschen behandelt hoben. Ein Beispiel genügt: Christus ? Die christlichen Kirchen, die unter den Zweigstellen göttlicher Produkte an erster Stelle rangieren, haben sich unter dem Druck des Warenprozesses einem akrobatischen Exhibitionismus hingegeben, der erst mit dem vollständigen Verschwinden seiner Werbemarke aufhört: dem Chamäleon Jesus: Sohn Gottes, Sohn einer Hure, Sohn einer Jungfrau, Wunderdoktor und Verwandlungskünstler, Päderast und Puritaner, Aktivist und Ordner, Ankläger und Angeklagter, Diener und Astronaut, es gibt keine ROLLE, für die sich dieser erstaunliche Hanswurst nicht eignen würde. Man hat ihn als Reisenden in Sachen Leiden, als Vertreter von Gottes Gnaden sehen können, als Sansculotte, als Sozialist, als Faschist, als Antifaschist, als Stalinist, als Castrist, als Reichianer, als Anarchist. Er wurde auf allen Abzeichen, auf allen Fahnen getragen, war auf beiden Seiten des Knüppels, bei den meisten Exekutionen, wo er die Hand des Henkers genauso hält wie die des Verurteilten. Er hat seinen Platz auf den Polizeiwachen, in den Gefängnissen, den Schulen, Bordells, Kasernen, Supermärkten und Guerillalagern. Man hat ihn als Anhänger benutzt, als Wegweiser, als Schreckgespenst, um die Toten ruhen und die Lebenden auf Knien zu lassen, als Folterinstrument und als Abmagerungsmittel; er wird auch noch als Kunstschwanz herhalten müssen, sobald die Händler heiliger Vorhäute kommerziell die Sünde rehabilitiert hoben. Armer Mohammed, armer Buddha, armer Konfuzius, traurige Vertreter von Konkurrenzunternehmen ohne Phantasie und Dynamik: Jesus liegt überall vorn. Jesus Christus Superdroge und Superstar: die Bilder all dessen, was im Namen Gottes als göttlicher Verkaufsschlager verhökert wird.
Und bewußt oder unbewußt kämpfen Sie bereits für eine Gesellschaft, in der die Organisation der Leiden und ihrer Kompensationen verschwunden ist, wo jeder sein eigener Herr ist und die Vorstellung von einem Gott deshalb unsinnig ist, wo vor allem die Probleme des echten Erlebens und der Befriedigung der Leidenschaften die Probleme des verkehrten Lebens und der Verdrängung der Leidenschaften besiegt hoben. (Siehe III, 75 bis 92).
16
Widert Sie die systematische Zerstörung des Landes und der Stadtlandschaft an?
Wenn ja, haben Sie begriffen,
a) daß der Urbanismus die Aneignung des Territoriums durch das Warensystem und ihre Polizisten ist.
b) daß das Elend des spektakulären Dekors der Dekor des allgemeinen Elends ist.
c) daß ein Städteplaner = Soziologe = Ideologe = Polizist ist.
d) daß es für das herrschende System weder Landschaft, Natur noch Straßen zum Schlendern gibt, sondern auf den Quadratmeter bezogene Rentabilität; Mehrwert an Prestige durch die Erhaltung einer Grünzone, einer Baumgruppe, einer Gesteinsformation; Wohnraumzerstörung und hierarchisierte Umsiedlung der Bevölkerung; polizeiliche Kontrolle der Arbeiterviertel; ausgeklügelte Wohnarchitektur, die zur Langeweile und zur Passivität konditioniert.
e) daß die Macht nicht einmal mehr zu verschleiern versucht, daß die Raumordnung vor allem unter dem Gesichtspunkt eines zukünftigen Bürgerkrieges erfolgt: die Straßen werden panzerfest gebaut; die neu errichteten Wohntürme und Neubaugebiete erhalten Kameraeinrichtungen, die jede Bewegung in den Straßen festhalten; in den modernen Hochhäusern werden Schießposten für die Scharfschützen der Polizei installiert.
f) daß der auf allem ruhende Blick des herrschenden Systems alles zur Ware macht. Die Ideologie ist das künstliche Auge der Macht, durch das als noch lebend erscheint, was bereits tot ist, was bereits zur Ware gemocht wurde.
Und bewußt oder unbewußt kämpfen Sie bereits für eine Gesellschaft, in der sich Ihr Wunsch, dem Urbanismus und den Ideologen zu entkommen, in der Freiheit ausdrückt, den Raum und die Zeit Ihres täglichen Lebens Ihren Leidenschaften entsprechend zu gestalten, sich Ihre Wohnung selber zu bauen, als Nomade zu leben, ein städtisches Leben zu schaffen, das erregend und spielerisch ist. (Siehe III, 93 bis 98).
17
Haben Sie den Wunsch, leidenschaftlich und nicht gewohnheitsmäßig Ihren Partner zu lieben, die oder den Erstbesten, Ihre Tochter, Ihre Eltern, Ihre Freunde und Freundinnen, Ihre Brüder und Schwestern?
Wenn ja, haben Sie begriffen,
a) daß Schluß gemacht werden muß mit der der Liebe auferlegten Zurückhaltung, mit den Tabus, dem Anstand, der Aneignung, dem Zwang, der Eifersucht, der Libertinage, der Vergewaltigung, mit allen Formen des Austausches, der vom Skandinavismus bis zur Prostitution, die Kunst zu lieben in Beziehungen zwischen Dingen verwandelt.
b) daß Sie genug haben von der mit Angst vermischten Lust; von der unvollständig, entstellt, unecht erlebten Liebe; vom ersatzweisen Bumsen aufgrund dazwischengeschalteter Bilder; vom melancholischen Vögeln; von schwachsinnigen Orgasmen; von hygienischen Beziehungen; von verklemmten, verdrängten Leidenschaften, die ihre Energie für ihre Selbstzerstörung einsetzen, die sie für ihre Selbstverwirklichung in einer Gesellschaft einsetzen würden, die ihre Harmonisierung begünstigt.
c) daß alle, ob sie es sich eingestehen oder nicht, die leidenschaftliche Liebe suchen, die vielfältig und ganzheitlich ist. Wir wollen gesellschaftlich die geschichtlichen Bedingungen eines permanent erregenden Abenteuers schaffen, eines Genusses, dessen einzige Grenze die Erschöpfung des Möglichen ist, eines Spiels, in dem Lust und Unlust ihre Positivität neu entdecken (z.B. im Entstehen einer freien Liebesbeziehung).
d) daß die Liebe untrennbar von der individuellen Verwirklichung ist, von der Kommunikation zwischen den Individuen (von den Möglichkeiten von Begegnungen), von der echten und leidenschaftlichen Beteiligung an einem gemeinsamen Projekt. Sie ist untrennbar von der generalisierten Selbstverwaltung.
e) daß jedes Vergnügen seinen Sinn im revolutionären Kampf findet; so wie die Revolution nur den Sinn hat, alle Vergnügen in ihrer freien Entwicklung zu verwirklichen.
Und bewußt oder unbewußt kämpfen Sie bereits für eine Gesellschaft, in der das Maximum der Möglichkeiten sozial eingesetzt wird zugunsten einer Vielfalt freier und wechselnder Verbindungen zwischen Leuten, die von der gleichen Tätigkeit angezogen werden, von den gleichen Vergnügen, wo die sich auf die Neigung zur Abwechslung, zur Begeisterung, zum Spielerischen gründende Anziehungskraft den Gemeinsamkeiten wie auch den Verschiedenheiten und den Abweichungen Rechnung trägt. (Siehe III, 75 bis 92).
18
Kommt es vor, daß Sie sich in Ihrer Haut unwohl fühlen, wenn die herrschenden Verhältnisse Sie dazu zwingen, eine Rolle zu spielen ?
Wenn ja, haben Sie begriffen,
a) daß es nur die totale Lust gibt, zu werden, was man ist, sich als Mensch von Wünschen und Leidenschaften zu verwirklichen. Die sozialen Verhältnisse dagegen, die als Schauspiel, als Spektakel des täglichen Lebens organisiert sind, zwingen jeden dazu, sich im Schein darzustellen, sich unecht zu verhalten; sie fordern zur Identifikation mit Bildern, mit Rollen auf.
b) daß die Rollen das verfälschte gelebte Elend sind, das das wirklich gelebte Elend kompensiert. Alle Rollen (die des Chefs, des Untergebenen, des Familienvaters, der Hausfrau, des folgsamen oder rebellischen Kindes, des Radikalen, des Konformisten, des Ideologen, des Verführers, des angesehenen Mannes, des Theoretikers, des Aktivisten, des Schulmeisters, des Gebildeten etc.) gehören demselben Gesetz der Akkumulation und Reproduktion von Bildern in der spektakulären Organisation der Ware an und zugleich verschleiern und erhalten sie die wirkliche Ohnmacht der Individuen, ihr tägliches Leben wirklich zu verändern, es mit Leidenschaft zu füllen, es als Gesamtheit harmonisierter Leidenschaften zu leben.
c) daß die Ablehnung der Rollen die Ablehnung der herrschenden Bedingungen verlangt (man soll dabei nicht vergessen, daß die Rolle auch als Schutz dienen kann, hinter der Rolle des guten Arbeiters z.B. können sich Sabotage und Entwendung verbergen).
d) daß es nicht darum geht, andere Rollen zu spielen, sondern das System zu vernichten, das einen dazu zwingt, sich darzustellen. Der revolutionäre Kampf ist der Kampf für das echt gelebte Leben. Und bewußt oder unbewußt kämpfen Sie bereits für das Recht auf Echtheit, für das Ende der aufgezwungenen Verstellungen und Lügen, für das Recht, die Eigentümlichkeiten eines jeden anzuerkennen, ohne ihn zu be- oder verurteilen, seinen Wünschen und Leidenschaften, wie einzigartig sie auch sein mögen, freien Lauf zu lassen. Sie kämpfen für eine Gesellschaft, in der die Wahrheit in jedem Augenblick praktisch ist. (Siehe III, 11 bis 18,40 bis 46).
19
Empfinden Sie ein instinktives Mißtrauen gegen alles, was intellektuell ist und zur Intellektualisierung zwingt?
Wenn ja, haben Sie begriffen,
a) daß die intellektuelle Funktion zusammen mit der manuellen Funktion das Ergebnis der gesellschaftlichen Arbeitsteilung ist. Die intellektuelle Funktion ist die des Herrn, die manuelle ist die des Sklaven. Beide sind gleichermaßen verachtenswert, und wir werden beide abschaffen, indem wir die Arbeitsteilung und die Arbeit abschaffen.
b) daß die Kultur im Kampf der revolutionären Bourgeoisie gegen die feudale Klasse und den religiösen Geist eine Waffe partieller Befreiung war, eine Waffe der Entmystifizierung. Als die Bourgeoisie ihrerseits eine herrschende Klasse wurde, hat die Kultur noch eine zeitlang ihre revolutionäre Form behalten. Intellektuelle wie Fourier, Marx, Bakunin haben aus den in den Streiks und Aufständen zum Ausdruck gekommenen proletarischen Forderungen eine radikale Theorie entwickelt, die schnell zur Liquidierung der Bourgeoisie hätte führen können, wenn sie in das Bewußtsein und die Praxis der Arbeiter eingegangen wäre.
c) daß dagegen die spezialisierten Denker des Proletariats - Arbeiterintellektuelle und intellektuelle Arbeiter -, die sich zu den Volkstribunen, zu Führern der Arbeiterklasse aufspielten, aus der radikalen Theorie eine IDEOLOGIE gemacht haben, eine Lüge, Ideen im Dienste der Herrschenden. Der Sozialismus und die verschiedenen Abarten des Jacobinismus (Blanquismus, Bolschewismus) waren die Bewegung, die die bürokratische Diktatur über das Proletariat ankündigte, die dann mit den "Arbeiter"-Parteien, den Gewerkschaften und linksradikalen Organisationen in Erscheinung trat.
d) daß die Intellektuellen die Reservearmee der Bürokratie sind, ganz gleich, ob es sich um Arbeiterintellektuelle oder um intellektuelle Arbeiter handelt.
e) daß die Kultur heute die Form intellektueller Integration in das Spektakel ist, das Gütezeichen, das alle Waren verkauft, die Initiation in die verkehrte Welt der Ware. Die Kultur eignet sich unter dem Vorwand der Notwendigkeit der Bildung das Bedürfnis nach praktischem Wissen an und verwandelt es in getrennte Kenntnisse; so zwingt sie zur Erzeugung eines Mehrwerts durch abstraktes Wissen, zur Kompensierung des täglichen Überlebens, zum Aufstieg in die Bürokratie der Spezialisten. Da sie ein Wissen ist, das ungebraucht bleiben soll, dient sie letzten Endes immer dem spektakulären Warensystem.
f) daß insbesondere das angebliche ökonomische Wissen eine bürokratisch-bürgerliche Mystifizierung ist. Es hat überhaupt nur in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung Bedeutung, und selbst da ist es höchst fragwürdig. Sobald diese Ordnung abgeschafft ist, ist jeder Arbeiter weitaus besser in der Lage, eine neue Produktion zu organisieren, als der klügste aller Wirtschaftswissenschaftler (die Arbeiter von Lip haben, auch ohne über einen Reformismus hinauszugehen, zumindest bewiesen, daß sie zur Weiterführung des Betriebs fähig waren und auf das Führungspersonal verzichten konnten).
g) daß die Ablehnung der Intellektualisierung nur innerhalb des Kampfes für die Liquidierung der Arbeitsteilung, der Hierarchie und des Staates Sinn hat.
h) daß die Arbeiterintellektuellen Arschlöcher und Halunken sind. Als Intellektuelle akzeptieren sie, verschämt oder auch nicht, die Beibehaltung einer Führungsrolle in der Rolle und der Funktion eines Arbeiters betreiben sie weiterhin den Schwindel der Rolle und erhalten eine sklavische Funktion, die kein Arbeiter mehr will. Da sie sich für die Fabrikarbeit entscheiden, während die Arbeiter dazu gezwungen sind und nur auf den Moment warten, wo sie sich endgültig von ihr befreien können, sind sie lächerlich und konterrevolutionär (denn die Aufforderung zum Opfer ist immer konterrevolutionär).
i) daß die Arbeiter, die stolz darauf sind, Arbeiter zu sein, knechtische Arschlöcher sind. Die intellektuellen Arbeiter sind genau solche Schweine wie irgendein Führungskandidat, der auf die knechtische Haltung der "guten Arbeiter" setzt.
j) daß die radikale Theorie, die aus dem Emanzipationskampf des Proletariats entstanden ist, jetzt in ihrer klarsten wie einfachsten Form denen gehört, die in der Lage sind, sie zu praktizieren, den revolutionären Arbeitern, d.h. all den Proletariern, die für das Ende des Proletariats und der Klassengesellschaft kämpfen. Sie gehört all denen, die die Schlacht für die generalisierte Selbstverwaltung aufnehmen, für die Gesellschaft von Herren ohne Sklaven.
Sie kämpfen also bereits für eine Gesellschaft, die sich so organisiert, daß die Trennungen verschwinden, daß die Vielfalt in der Einheit des revolutionären Projekts zunimmt, daß die Gesamtheit der in der Kultur eingefangenen Kenntnisse der Praxis der Bereicherung des täglichen Lebens zurückgegeben wird; daß das Wissen dort ist, wo das Vergnügen herrscht; daß Vernunft und Leidenschaft untrennbar sind; daß die bis zur äußersten Konsequenz getriebene Aufhebung der Arbeitsteilung wirklich die Bedingungen sozialer Harmonisierung schafft. (Siehe III, 47 bis 58).
20
Empfinden Sie die gleiche Verachtung für diejenigen, die die Politik machen, wie für diejenigen, die sie nicht machen, aber die anderen sie für sich machen lassen?
Wenn ja, haben Sie begriffen,
a) daß es zum guten Ton gehört, die Politiker als Clowns des ideologischen Spektakels anzusehen. Dadurch kann man sie verachten und dennoch weiterhin für sie stimmen. Niemand kann ihnen völlig entkommen, denn niemand kann völlig der spektakulären Organisation der alten Welt entkommen.
b) daß die Politik immer die Staatsraison ist. Um mit ihr Schluß zu machen, muß man mit dem System der spektakulären Ware Schluß machen und mit ihrem Schutzsystem, dem Staat.
c) daß es einen revolutionären Parlamentarismus genausowenig gibt, wie es einen revolutionären Staat gibt oder geben kann. Zwischen den parlamentarischen und den diktatorischen Ordnungen gibt es nur den Unterschied, der zwischen der Macht der Lüge und der Wahrheit des Terrors liegt.
d) daß die Politik, wie jede Ideologie, wie jede getrennte Tätigkeit, die radikalen Forderungen integriert, um sie zu zerstückeln und in ihr Gegenteil zu verkehren. So wird z.B. der Wunsch, das Leben zu ändern, unter den Händen von Parteien und Gewerkschaften zu einer Lohnforderung, zu einer Forderung nach Freizeit und anderen Verbesserungen des Überlebens, die das Unbehagen nur noch vergrößern, indem sie es momentan etwas erträglicher machen.
e) daß die großen politischen Ideologien (Nationalismus, Sozialismus, Kommunismus) ihre Anziehungskraft in dem Maße verloren haben, wie die von dem Warenimperialismus aufgezwungenen Verhaltensweisen eine Unzahl von "Ideologien für Jedermann" geschaffen haben. Diese ideologischen Brocken (Ideen bezüglich der Umweltverschmutzung, der Kunst, des Komforts, der Erziehung, der Abtreibung, der Waschbären) politisieren sich ihrerseits in der Form grober Blöcke des Rechts- oder Linksradikalismus. Doch das ist nur eine Methode, um jeden von dem einzigen fernzuhalten, was ihm wirklich am Herzen liegt: sein eigenes tägliches Leben zu ändern im Sinne ständiger Bereicherungen und erregender Abenteuer.
f) daß es niemanden gibt, der nicht für sich selbst kämpft und dem es nicht meistens so geht, daß er sich selbst bekämpft. Die politische Aktion ist eine der Hauptgründe für die Verkehrung des erstrebten Resultats. Nur der in allem von allen geführte Kampf für die Selbstverwaltung entspricht dem wirklichen Wunsch eines jeden Individuums. Deshalb ist dieser Kampf weder politisch noch unpolitisch, sondern sozial und total.
Und bewußt oder unbewußt kämpfen Sie bereits für eine Gesellschaft, in der die Entscheidung bei allen liegt, in der die Unterschiede zwischen den Individuen und Gruppen nicht zur gegenseitigen Zerstörung, sondern zur wechselseitigen Verstärkung zum Vorteil aller benutzt werden. Der in der Politik eingeschlossene und abgetötete Teil des Spielerischen muß sich im Spiel der Beziehungen zwischen Individuen und verwandten Gruppen durch ausgeglichene und harmonisierte Verbindungen von Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten befreien. (Siehe III, 75 bis 92).
21
Haben Sie schon lange Ihren Gewerkschaftsausweis zerrissen ?
Wenn ja, haben Sie begriffen,
a) daß es falsch ist, sich von den Gewerkschaften verraten zu fühlen. Sie bilden eine von den Arbeitern getrennte Organisation, die zwangsläufig eine bürokratische Macht wird, die sich gegen die Arbeiter richtet und dabei gleichwohl die spektakuläre Schau ihrer Verteidigung organisiert.
b) daß die für die Verteidigung der unmittelbaren Interessen eines extrem ausgebeuteten Proletariats gegründeten Gewerkschaften mit der Entwicklung des Kapitalismus zu amtlichen Unterhändlern der Arbeitskraft geworden sind. Ihr Ziel ist nicht die Abschaffung, sondern die Verbesserung der Lohnarbeit. Sie sind deshalb die besten Knechte des Kapitalismus, der in privater oder verstaatlichter Gestalt die ganze Welt beherrscht.
c) daß die anarchistische Vorstellung von einem "revolutionären Syndikat" bereits die bürokratische Integrierung der direkten Macht bedeutet, die die Arbeiter durch die Vereinigung in Räteversammlungen direkt ausüben können. Diese Idee, die aus der Ablehnung des Politischen im Namen des Sozialen entstanden ist, geht in die Falle der Trennung und der Führer (auch wenn sich einige von ihnen nicht als Chefs aufführen wollen).
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