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Quelle: http://www.geocities.com/ situ1968 nur vorübergehend online für unsere Diskussion
Raoul Vaneigem
Handbuch
der Lebenskunst für die jungen Generationen
Editorische Notiz: Vorliegendes Buch wurde zwischen 1963 und 1965 verfaßt und in der vorliegenden Form 1967 in Paris veröffentlicht. 1972 wurde das Handbuch von seinen Übersetzern veröffentlicht und nachdem der Fischer Verlag sein Publikationsvorhaben zurückgezogen hatte, 1976 im Verlag Association. "Der Toast auf die Revolutionären Arbeiter" wurde vom Autor als Nachwort 1972 diesem Buch hinzugefügt. Im Frühjahr 1979 veröffentlichte der Autor "Le Livre des Plaisirs" im Verlag ENCRE, Paris.
Edition Nautilus
Verlag Lutz Schulenburg
Hassestr. 22 - 205 Hamburg 80
3. Auflage 1980
ISBN: 3 -921 523-50-8
© Edition P. Gallimard, Paris
Printed in Germany
Inhaltsverzeichnis
1. Teil
Die Perspektive der Macht
I. Das Unbedeutende bekommt Bedeutung
Die unmögliche Beteiligung
oder
Die Macht als Summe der Zwänge
II. Die Erniedrigung
III. Die Isolierung
IV. Das Leiden
V. Der Niedergang der Arbeit
VI. Druckausgleich und dritte Kraft
Die unmögliche Kommunikation
oder
Die Macht als universelle Vermittlung
VII. Das Zeitalter des Glücks
VIII. Tausch und Gabe
IX. Die vermittelte Anwendung der Technik
X. Die Herrschaft des Quantitativen
XI. Vermittelte Abstraktion und abstrakte Vermittlung
Die unmögliche Verwirklichung
oder
Die Macht als Summe der Verführungen
XII. Das Opfer
XIII. Die Trennung
XIV.Die Organisation des Scheins
XV. Die Rolle
XVI. Die Faszination der Zeit
Das Überleben
und seine falsche Kritik
XVII. Das Leiden des Überlebens
XVIII. Die Verweigerung auf Abwegen
2. Teil
Die Umkehrung
der Perspektive
I. Die Umkehrung der Perspektive
II. Kreativität, Spontaneität und Poesie
III. Die Herren ohne Sklaven
IV.Die Raum-Zeit des Erlebten und die Korrektur der Vergangenheit
V.Die einheitliche Dreiheit: Verwirklichung - Kommunikation - Beteiligung
VI. Die Zwischenwelt und die neue Unschuld
VII.Folge von »Wir sind Euch egal?«
Wir werden Euch nicht mehr lange egal sein
Toast auf die revolutionären Arbeiter
Mißgeschick eines Verlegers
Das vorliegende Buch hätte auch in deutscher Sprache ein paar Jahre früher erscheinen können. Es lag seit 1972 allen größeren deutschen Verlegern vor, war aber zugleich in Voraussicht dessen, was Verleger sind, von den Übersetzern als Manuskriptdruck veröffentlicht worden und hat in dieser Form seitdem, nahezu unbemerkt, eine relativ weite Verbreitung gefunden. Erst im Sommer 1974 entdeckte der Fischer Verlag das Buch.
Im Dezember 1974 übernimmt bei Fischer die Verlegerin die Geschäftsleitung: Das Handbuch der Lebenskunst wird auf Eis gelegt. Im Frühjahr 1975 erwirbt der Fischer Verlag die Rechte vom französischen Verleger Gallimard und wenig später die als Piratendruck zirkulierende unautorisierte Übersetzung (dessen erste Auflage übrigens eben von jenem deutschen Privatbankier finanziert wurde, bei dem Baader und Konsorten ein letztes mal, vergeblich, eine Bank über den Aufgang zur Vorstandsetage betraten). Der Verlag übernimmt mit der Übersetzung auch die Teilfinanzierung eines Plakats, das radikal das Warensystem, Unternehmer und Gewerkschaften angreift und die "generalisierte Selbstverwaltung durch die freie Konstruktion des täglichen Lebens" fordert. Das Plakat fordert insbesondere zum Diebstahl des Handbuchs der Lebenskunst auf und soll an alle Buchhandlungen verteilt werden.
Ende 1975 kommen dem Verlag erneut Zweifel. Das Handbuch der Lebenskunst scheint sich auf eigensinnige Weise dagegen zu sperren, eine verlegerische Ware zu werden. In der Lektorenkonferenz wiederholt sich als Farce das Zögern des französischen Verlegers:
"Wir hätten Ihnen gerne vorher geantwortet. Wir haben jedoch lange gezögert, Ihnen mitzuteilen, daß unsere Lektorenkonferenz bezüglich Ihres Buches Traité de Savoir-vivre a l'usage des jeunes générations, das von fragloser Bedeutung ist, sehr geteilter Meinung ist.
Alle unsere Lektoren haben Ihr Talent anerkannt, Ihre Leidenschaft, durch einen kraftvollen Stil und durch prägnante Formulierungen zu überzeugen. Einige sind überzeugt worden, andere jedoch nicht; sie bedauern Wiederholungen in Ihrem Text und halten die Zweiteilung des Buches für künstlich.
Herr Gallimard zögert noch. Er hätte gerne gewußt, wer Sie sind, wie alt Sie sind, welche Projekte Sie haben und in welcher Atmosphäre Sie diesen reichen Essay geschrieben haben, der hinter einem unscheinbaren Titel eine gewaltige Wut verbirgt. Darf ich von Ihnen eine Antwort erhoffen, die über Ihre Persönlichkeit Aufschluß gibt?"
Im Dezember 1975 wird das Buch, dessen korrigierte Druckfahnen vorlagen, ohne Erklärung aus dem Programm genommen. Der ungeschickte Verleger hat danach für das Handbuch der Lebenskunst ("Eine der wenigen heute noch möglichen literarischen Entdeckungen", so die Fischer-Werbung) nahezu sämtliche Kosten getragen, ohne dafür ein Buch zu bekommen. Dem "Genuß", den Fischer dem Leser ankündigt, muß der Verlag entsagen. Und der Leser kommt nun auch um die "Einführung zur deutschen Ausgabe", die dem Fischer-Buch vorangestellt war: Ihr unglücklicher Verfasser hat sie seitdem in einer Frankfurter Studentenzeitschrift veröffentlichen lassen, zum Gebrauch "an der Universität".
Dem Leser kann das alles recht gleichgültig sein. Er hat sich in den meisten Fällen bereits bedient.
Die Übersetzer
EINLEITUNG
Ich denke nicht daran, den erlebten Inhalt dieses Buches Leser spüren zu lassen, die nicht ganz bewußt darauf ausgehen, ihn zu neuem Leben zu erwecken. Ich erwarte, daß er sich verliert und in dem Geist einer allgemeinen Bewegung wiederfindet, so wie ich mir Hoffnung mache, daß die gegenwärtigen Bedingungen aus der Erinnerung der Menschen verschwinden werden.
Die Welt ist neuzumachen: all die Spezialisten ihrer Rekonditionierung werden es nicht verhindern.
Von diesen Leuten, die ich nicht verstehen will, ist es besser, nicht verstanden zu werden.
Von den anderen erbitte ich Wohlwollen, mit einer Bescheidenheit, die ihnen nicht entgehen wird. Ich hätte gewünscht, daß ein solches Buch den Köpfen zugänglich ist, die dem Jargon der Ideen in geringstem Ausmaß verfallen sind. Ich hoffe, daß ich daran nur relativ gescheitert bin. Eines Tages werden aus diesem Chaos Formeln heraustreten, die direkt auf unsere Feinde zielen. Bis dahin mögen die Sätze, die immer wieder zu lesen sind, ihre Wirkung tun. Der Weg zur Einfachheit ist am komplexesten, und gerade hier war es nützlich, den Banalitäten nicht alle Wurzeln auszureißen, um sie auf anderem Boden zu verpflanzen, wo wir sie zu unserem Nutzen kultivieren können.
Niemals habe ich beansprucht, Neues zu enthüllen, Unveröffentlichtes auf den Kulturmarkt zu werfen. Eine winzige Berichtigung des Wesentlichen zählt mehr als hundert nebensächliche Neuerungen. Neu ist nur die Richtung der Strömung, die die Banalitäten fortschwemmt.
Seit der Zeit, da es Menschen gibt - und Menschen, die Lautréamont lesen -, ist alles gesagt und wenige haben es zu nutzen verstanden. Da unsere Kenntnisse an sich banal sind, nutzen sie nur denjenigen, die es selbst nicht sind.
Die moderne Welt muß lernen, was sie bereits weiß, und mit Hilfe der Praxis durch eine ungeheure Verschwörung von Hindernissen hindurch werden, was sie bereits ist. Der Banalität entkommt man nur dadurch, daß man sie manipuliert, beherrscht, in Träume versenkt, dem beliebigen Spiel der Subjektivität ausliefert. Ich habe der Subjektivität jeden Vorzug gegeben, aber niemand soll mir das vorwerfen, ohne vorher abzuschätzen, wie sehr die objektiven Bedingungen der heutigen Welt die Subjektivität begünstigen. Alles fängt bei der Subjektivität an, nichts bleibt bei ihr stehen. Heute weniger als je zuvor.
Der Kampf des Subjektiven und der Kräfte, die es korrumpieren, erweitert künftig die Grenzen des alten Klassenkampfes. Er erneuert und verschärft ihn. Das Leben wählen heißt politische Partei ergreifen. Wir wollen keine Welt, in der die Garantie, nicht zu verhungern, mit der Gefahr erkauft wird, vor Langeweile zu sterben.
Der Mensch des Überlebens ist der aufgeriebene Mensch: in den Mechanismus der hierarchisierten Macht, in einer Verbindung wechselseitiger Überschneidungen, in einem Chaos von Unterdrückungstechniken, das, um feste Ordnung zu werden, nur auf eine beharrliche Programmierung der programmierten Denker wartet.
Der Mensch des Überlebens ist jedoch auch der einheitliche Mensch, der Mensch der globalen Verweigerung. Es gibt keinen Augenblick, in dem nicht jeder von uns widersprüchlich lebt, im Konflikt zwischen Unterdrückung und Freiheit auf allen Ebenen der Wirklichkeit; keinen Augenblick, in dem nicht jeder von uns bizarr festgehalten lebt: der Perspektive der Macht und der Perspektive ihrer Aufhebung.
Der Analyse der einen wie der anderen Perspektive gewidmet, sollten die beiden Teile des Handbuchs der Lebenskunst nicht nacheinander, sondern gleichzeitig gelesen werden, denn die Beschreibung des Negativen begründet das Projekt des Positiven, das wiederum das Negative bestätigt. Die beste Anordnung eines Buches ist es, keine zu haben, damit der Leser in ihm seine eigene erkennt.
Die Unvollkommenheit des Geschriebenen spiegelt die Unvollkommenheit des Lesers als Leser und mehr noch als Mensch wider. Falls das Maß an Langeweile beim Schreiben in einem gewissen Maß an Langeweile beim Lesen zum Vorschein kommt, ist das nur noch ein Argument, um den Mangel an Leben anzuprangern. Möge im übrigen der Ernst der Zeit den Ernst im Ton verzeihen. Die Leichtigkeit bleibt stets nur diesseits der Worte oder schießt über sich hinaus. Hier besteht die Ironie darin, das nie zu vergessen.
Das Handbuch der Lebenskunst wird Teil einer agitatorischen Strömung, über die das letzte Wort noch nicht gesagt ist. Es ist ein einfacher Beitrag unter anderen zum Wiederaufbau der internationalen revolutionären Bewegung. Seine Bedeutung sollte niemandem entgehen, denn mit der Zeit wird niemand seinen Folgerungen entgehen.
1. Teil
Die Perspektive der Macht
I. Das Unbedeutende bekommt Bedeutung
Indem sich das tägliche Leben immer mehr banalisierte, ist es in den Mittelpunkt unserer beherrschenden Gedanken gerückt (1). Keiner Illusion, ob heilig oder weltlich (2), kollektiv oder individuell, gelingt es noch, die Armut unserer täglichen Gesten zu verbergen (3). Die Bereicherung des Lebens verlangt ohne Zögern eine Analyse dieser neuen Armut und eine Vervollkommnung der alten Waffen der Verweigerung (4).
1 Die gegenwärtige Geschichte erinnert an Gestalten aus Trickfilmen, die auf wilder Jagd vor dem Sturz ins Leere plötzlich emporgehoben werden, ohne daß sie es merken. Ihre Vorstellungskraft läßt sie in solcher Höhe fliegen; doch wenn sie sich dessen bewußt werden, fallen sie sogleich. Wie die Helden Bosustows hat das heutige Denken aufgehört, kraft seiner eigenen Phantasiegebilde zu fliegen. Was es emporgehoben hatte, drückt es heute nieder. Mit vollem Schwung wirft es sich vor die Realität, die es zerbrechen wird, vor die tagtäglich erlebte Realität.
*
Ist die Weitsicht, die sichtbar wird, im Wesen neu? Ich glaube nicht. Die Forderung nach einem helleren Licht entsteht stets aus dem Alltagsleben, aus der von jedem empfundenen Notwendigkeit, seinen Rhythmus eines Spaziergängers mit dem Lauf der Welt in Einklang zu bringen. In den 24 Stunden eines Menschenlebens gibt es mehr Wahrheiten als in allen Philosophien. Selbst einem Philosophen gelingt es nicht, das zu verkennen, mit welcher Verachtung auch immer er sich behandelt. Diese Selbstverachtung lernt er von der Philosophie, die sein Trost ist. Weil der Philosoph sich laufend im Kreise dreht und sich selbst auf die Schultern klettert, um von ganz oben der Welt seine Botschaft zu verkünden, sieht er schließlich diese Welt umgekehrt, alle Lebewesen und Dinge sind verkehrt, was oben ist, ist unten, nur um ihn zu überzeugen, daß er richtig und aufrecht geht. Er bleibt jedoch im Zentrum seines Wahns. Das abzustreiten macht ihm seinen Wahn lediglich unangenehmer.
Die Moralisten des 16. und 17. Jahrhunderts herrschen über eine Rumpelkammer voll von Banalitäten. Ihre Sorge, das zu verheimlichen, ist jedoch so groß, daß sie um sie herum einen richtigen Palast von Stuck und Spekulationen erbauen. Ein idealer Palast überdeckt die erlebte Erfahrung und sperrt sie ein. Daraus kommen Überzeugungskraft und Aufrichtigkeit, die der erhabene Klang und die Fiktion des "universellen Menschen" lebendig halten, die aber stets mit einem Hauch von Angst erfüllt sind. I)er Analytiker bemüht sich, durch Tiefgründigkeit der allmählichen Sklerose der Existenz zu entgehen. Je mehr er sich von sich selbst abstrahiert und sich gemäß der herrschenden Phantasie seines Jahrhunderts ausdrückt (dem feudalen Phantasiegebilde, in dem sich unauflöslich Gott, die königliche Macht und die Welt vereinen) und je mehr sein klarer Verstand die Rückseite des Lebens fotografiert, desto mehr "erfindet" er die Alltäglichkeit.
Die Philosophie der Aufklärung beschleunigt den Abstieg zum Konkreten in dem Maße, in dem das Konkrete durch die revolutionäre Bourgeoisie gewissermaßen an die Macht gebracht wurde. Aus den Ruinen Gottes fällt der Mensch in die Ruinen seiner eigenen Wirklichkeit. Was ist geschehen? Etwa folgendes: zehntausend Menschen sind überzeugt, daß sie gesehen haben, wie der Strick eines Fakirs emporstieg, während ebenso viele Fotoapparate beweisen, daß der Strick nicht um einen Finger breit verrückt ist. Die wissenschaftliche Objektivität hat die Mystifizierung denunziert. Ausgezeichnet, doch um was zu beweisen? Einen eingerollten Strick ohne geringstes Interesse. Ich habe wenig Neigung, zwischen dem zweifelhaften Vergnügen, mystifiziert zu werden, und der Langeweile zu wählen, eine Wirklichkeit zu betrachten, die mich nicht berührt. Ist nicht eine Wirklichkeit, auf die ich keinen Einfluß habe, die alte Lüge im neuen Gewand, das letzte Stadium der Mystifizierung?
In Zukunft sind die Analytiker auf der Straße. Ihr klarer Verstand ist nicht ihre einzige Waffe. Ihr Denken läuft nicht mehr Gefahr, von der falschen Wirklichkeit der Götter oder der falschen Wirklichkeit der Technokraten eingefangen zu werden!
2 Die Religionen haben den Menschen sich selbst vorenthalten, ihre Bastille hat ihn in eine pyramidenartige Welt mit Gott an der Spitze und dem König gleich unter ihm eingemauert. Leider hat sich am 14. Juli auf den Ruinen der einheitlichen Macht nicht genug Freiheit zusammengefunden, um zu verhindern, daß aus den Ruinen selbst ein Gefängnis entstehen würde. Unter dem zerrissenen Schleier des Aberglaubens erschien nicht, wie es Meslier erträumte, die nackte Wahrheit, sondern der Kleister der Ideologien. Die Gefangenen der pluralistischen Macht finden vor der Tyrannei nur den Schatten der Freiheit als Zuflucht. Keine Geste, kein Gedanke, der sich heute nicht im Netz vorgegebener Ideen verfängt. Langsamer Niederschlag feinster Teile des explodierten alten Mythos verbreitet überall den Staub des Heiligen, ein Staub, der den Geist und den Willen zu leben allmählich erstickt. Der Zwang ist weniger verborgen, ist offensichtlicher geworden, weniger machtvoll, aber besser verteilt. Die Folgsamkeit ergibt sich nicht mehr aus einer kirchlichen Magie, sondern aus einer Menge von kleinen Hypnosen: Information, Kultur, Städtebau, Werbung, konditionierende Vorschläge im Dienst jeder bestehenden und zukünftigen Ordnung. Ein Körper, der von allen Seiten gefesselt ist, Gulliver nach seiner Strandung auf Liliput. Bei dem Versuch, sich zu befreien, blickt er aufmerksam um sich. Das winzigste Detail, die kleinste Erhebung im Boden, die geringste Bewegung - alles bekommt als Anzeichen für eine mögliche Rettung Bedeutung. In dem, was uns vertraut ist, entstehen die sichersten Chancen der Freiheit. War es jemals anders? Kunst, Ethik und Philosophie bestätigen es: unter der Borke von Worten und Begriffen verbirgt sich stets geduckt die lebendige Wirklichkeit der Nichtanpassung an die Welt, jederzeit bereit aufzuspringen. Denn weder Göttern noch Worten gelingt es heute, schamhaft diese Banalität zu bedecken, die nackt auf den Bahnhöfen und öden Bauplätzen spaziert. Bei jeder Ausflucht vor Dir selbst spricht sie Dich an, packt Dich bei der Schulter, tritt in Deinen Blick; und der Dialog beginnt. Man kann sich nur mit ihr verlieren oder sie mit sich selbst befreien.
3 Schon zu viele Kadaver liegen auf den Wegen zum Individualismus und zum Kollektivismus. Aus zwei scheinbar verschiedenen Gründen grassierte ein und dasselbe Gangstertum, ein und dieselbe Unterdrückung des vereinzelten Menschen. Die Hand, die Lautréamont zum Schweigen brachte, erwürgte bekanntlich auch Sergej Jessenin. Der eine stirbt in einem möblierten Zimmer seines Hauseigentümers Jules-François Dupuis, der andere erhängt sich in einem verstaatlichten Hotel. Überall bewahrheitet sich das Gesetz: "Es gibt keine Waffe Deines individuellen Willens, die sich nicht gegen Dich selbst wendet, sobald sie von anderen gehandhabt wird." Wenn jemand sagt oder schreibt, daß die praktische Vernunft sich künftig auf die Rechte des Individuums allein gründen darf, verurteilt er dennoch seinen eigenen Vorschlag, falls er nicht auch zugleich den, an den er sich wendet, dazu auffordert, den Beweis anzutreten. Ein solcher Beweis läßt sich nur erleben, aus dem Inneren heraus führen. Daher muß auch alles, was an Notizen folgt, von jedem in der unmittelbaren Erfahrung überprüft und berichtigt werden. Nichts hat so viel Wert, daß es nicht neu begonnen werden muß, nichts hat genug Reichtum, daß es nicht unermüdlich bereichert werden muß.
*
Wie man im Privatleben unterscheidet zwischen dem, was ein Mensch von sich meint und sagt, und dem, was er wirklich ist und tut, so hat auch jeder die Phrasen und Einbildungen der Parteien von ihrer wirklichen Organisation und ihren wirklichen Interessen, ihre Vorstellungen von ihrer Wirklichkeit unterscheiden gelernt. Die Illusion, die ein Mensch über sich und andere unterhält, ist nicht grundsätzlich von der Illusion verschieden, die Gruppen, Klassen oder Parteien nach außen hin und in ihrem Innern nähern. Sie haben vielmehr eine gemeinsame Quelle: die herrschenden Gedanken, die selbst in ihrer entgegengesetzten Form die Gedanken der herrschenden Klasse sind.
Die Welt der "-ismen" ist, egal ob sie die gesamte Menschheit oder jedes Einzelwesen umgibt, stets mehr als eine Welt ohne Wirklichkeit, sie ist eine furchtbar wirkliche Verführung durch die Lüge. Die dreifache Ausradierung der Kommune, der Spartakus-Bewegung und der roten Kronstadt (1921) hat für alle Zeiten gezeigt, zu welchem Blutbad drei Ideologien der Freiheit führen: der Liberalismus, der Sozialismus und der Bolschewismus. Um das weltweit zu begreifen und zuzugeben, mußten jedoch erst entartete und miteinander verquickte Formen dieser Ideologien ihre ursprüngliche Ungeheuerlichkeit durch belastende Demonstrationen verständlich machen: die Konzentrationslager, das Algerien von Lacoste und Budapest. Den großen kollektiven Illusionen, die heute blutlos sind, weil durch sie genug Blut geflossen ist, sind Tausende von Teilideologien gefolgt, die die Konsumgesellschaft wie tragbare Apparate zur Geistestötung verkauft. Muß ebensoviel Blut fließen, um zu bezeugen, daß tausend Nadelstiche ebenso sicher töten wie drei Keulenschläge?
Was soll ich in einer Aktionsgruppe, die mich zwingt, nicht etwa einige Ideen an der Garderobe abzugeben - denn meine Ideen wären es, die mich zu der in Frage stehenden Gruppe geführt hätten -, sondern meine Träume und Wünsche, von denen ich mich niemals trenne; den Willen aufzugeben, echt und ohne Schranken zu leben. Die Isolierung austauschen, die Monotonie, die Lüge - wozu? Wo die Illusion einer wirklichen Veränderung gebrandmarkt wird, wird die einfache Veränderung der Illusion unerträglich. Doch gerade das sind die gegenwärtigen Bedingungen: die Wirtschaft läßt unaufhörlich mehr konsumieren und unermüdlich konsumieren heißt, Illusionen im beschleunigten Rhythmus verändern, der allmählich die Illusion der Veränderung auflöst. Man findet sich wieder, allein, eingefroren in die Leere, die eine Kaskade von "gadgets", Volkswagen und "pocket books" erzeugt hat.
Leute ohne Phantasie werden der Bedeutung müde, die dem Komfort, der Kultur, der Freizeit und all dem gegeben wird, was die Phantasie zerstört. In Wahrheit aber werden sie nicht des Komforts, der Kultur und der Freizeit müde, sondern des Gebrauchs, der davon gemacht wird, und der es gerade verbietet, sie zu genießen.
In der Überflußgesellschaft ist jeder Voyeur. Jedem sein Kaleidoskop. Eine leichte Bewegung und schon verändert sich das Bild. Bei jeder Runde ein Gewinn: zwei Kühlschränke, ein 2 CV, den Fernseher, eine Beförderung, Zeit zu verlieren. Schließlich gewinnt die Monotonie der konsumierten Bilder die Oberhand, führt zur Monotonie der Geste zurück, die sie entstehen läßt, zu der langsamen Drehung des Kaleidoskops zwischen Zeigefinger und Daumen. Da gab es in Wirklichkeit keinen 2 CV, lediglich eine Ideologie ohne oder fast ohne Beziehung zur Maschine Automobil. Durchtränkt vom "Johnny Walker, dem Whisky der Elite", versinkt man in einem merkwürdigen Gemisch von Alkohol und Klassenkampf. Nichts ist mehr erstaunlich, das ist das Drama Die Monotonie des ideologischen Spektakels führt jetzt zur Passivität des Lebens zurück, zum Überleben. Durch die vorgefertigten Skandale - Affären-Spiegel und Spiegel-Affäre - hindurch enthüllt sich ein positiver Skandal, der Skandal der Gesten, denen jeder Inhalt zugunsten einer Illusion genommen wurde, deren verlorener Zauber sie jeden Tag ekelhafter macht. Leere und matte Gesten, weil sie zu viele glänzende Scheinkompensationen genährt haben. Verarmte Gesten, weil sie zu viele große Spekulationen bereichert haben, in denen sie als Mädchen für alles unter der schändlichen Kategorie von "trivial und banal" aufgenommen wurden. Gesten, die heute freigelassen und ohnmächtig sind, sich jederzeit erneut verlieren oder unter dem Gewicht ihrer Schwäche zugrunde gehen können. Hier, in jedem von Euch sind sic, vertraut und traurig und ganz neuerdings der unmittelbaren und bewegenden Wirklichkeit ausgesetzt, die ihr "spontanes" Milieu ist. Und hier seid Ihr, verloren und in eine neue prosaische Bewegung engagiert, in eine Perspektive, in der nah und fern zusammenfallen.
4 In seiner konkreten und taktischen Form hat das Konzept des Klassenkampfes die ehemals von den Menschen individuell erlebten Zusammenstöße und Entgleisungen erstmalig auf einen gemeinsamen Nenner gebracht. Dieses Konzept ist aus dem Wirbelsturm von Leiden herausgetreten, die die Reduzierung menschlicher Beziehungen auf Ausbeutungsmechanismen überall in den industriellen Gesellschaften nach sich zog. Es entstand aus dem Willen, die Welt zu verwandeln und das Leben zu ändern.
Eine derartige Waffe verlangte eine fortwährende Präzisierung. Aber dennoch sahen wir, wie die I. Internationale den Künstlern den Rücken zudrehte und ausschließlich auf die Forderungen der Arbeiter ein Projekt gründete, von dem Marx doch gezeigt hatte, wie sehr es all die betraf, die in der Ablehnung eines Sklavendaseins ein reiches Leben und eine totale Menschheit suchten. Lacenaire, Borel, Lassailly, Büchner, Baudelaire, Hölderlin - zeigten sie nicht auch das Elend und seine radikale Ablehnung? Wie dem auch sei, so erhält doch dieser Irrtum - ob am Anfang verzeihlich, will ich nicht wissen - von dem Augenblick an phantastische Proportionen, wo weniger als ein Jahrhundert später, als die Konsumgüter-Industrie die Produktionswirtschaft schluckte, die Ausbeutung der Arbeitskraft die Ausbeutung der täglichen Kreativität einschloß. Eine gleiche Energie, die den Arbeitern während ihrer Arbeitszeit oder während ihrer Freizeit geraubt wird, dreht die Turbinen der Macht, die die Verfechter der alten Theorie mit ihrem formellen Protest selig ölen.
Diejenigen, die von Revolution und Klassenkampf sprechen, ohne sich ausdrücklich auf das Alltagsleben zu beziehen, ohne zu begreifen, wie subversiv die Liebe, wie positiv die Ablehnung jedes Zwanges sein kann, haben einen Kadaver im Mund.
Die unmögliche Beteiligung
oder
Die Macht als Summe der Zwänge
Die Mechanismen von Verschleiß und Zerstörung: Erniedrigung (II.), Isolierung (III.), Leiden (IV.), Arbeit (V.), Druckausgleich (VI.).
II. Die Erniedrigung
Auf dem fortwährenden Austausch von Erniedrigungen und aggressiven Haltungen begründet, verbirgt die Ökonomie des täglichen Lebens eine Technik des Verschleißes, die selbst wiederum der Gabe der Zerstörung ausgesetzt ist, die sie widersprüchlich hervorruft (1). - Je mehr der Mensch Objekt ist, um so mehr ist er heute sozial (2). - Die Entkolonisierung hat noch nicht begonnen (3). - Sie ist dabei, dem alten Prinzip der Souveränität einen neuen Wert zu verleihen (4).
1 Als Rousseau einst einen bevölkerten Marktplatz überquerte, wurde er von einem Bauernkerl beleidigt, dessen ausgelassene Frechheit die Menge belustigte. Ohne ein Wort des Widerspruchs zu finden, flüchtete Rousseau verwirrt und fassungslos. Als er sich schließlich gefangen hatte und genug schlagfertige, beißende Antworten gefunden hatte, um den Spötter zum Schweigen zu bringen, war er bereits zwei Stunden vom Ort des Vorfalls entfernt. Besteht nicht die Trivialität des Alltags zumeist - wenn auch nicht in dem lachhaften Abenteuer von Jean Jacques - wohl aber in zerteilten, aufgelösten, zerstückelten kleinen Erlebnissen dieser Art, in dem Augenblick eines Schrittes, Blickes oder Gedankens, der wie ein Schock erlebt wird, in einem flüchtigen Schmerz, der kaum das Bewußtsein erreicht, dem Geist nur eine stumme Verwirrung hinterläßt und ihn nur mühselig die Ursache aufdecken läßt? Im ständigen Stellungswechsel begriffen, drücken die Erniedrigung und ihre Entgegnung den menschlichen Beziehungen den Stempel der Gangart Hinkender und Lahmer auf. Im Hin- und Herwogen der Mengen, die von den kommenden und gehenden Vorortzügen zusammengepfercht und aufgesogen werden, die in die Straßen, Büros und Betriebe einfallen, gibt es nur furchtsamen Rückzug, brutale Attacken, Mätzchen und Seitenhiebe ohne eingestandenen Grund. Nach dem Belieben solcher erzwungener Zusammentreffen verwandelt sich der Wein beim Kosten in Weinessig. Unschuld und Gutartigkeit der Massen - ach was! Seht sie Euch an, wie sie sich, von allen Seiten bedroht, bösartig auf dem Terrain des Gegners bewegen, weit, sehr weit von sich selbst entfernt. Hier, wo ihnen kein Messer zur Verfügung steht, lernen sie den Kampf mit Ellenbogen und Blicken.
Kein Leerlauf, kein Waffenstillstand zwischen den Aggressoren und ihren Opfern. Eine Flut von kaum wahrnehmbaren Zeichen überrollt den Spaziergänger, der nie allein bleibt. Äußerungen, Gesten und Blicke vermengen sich, prallen aufeinander, gleiten anderswohin ab, schwirren wie Geschoßsplitter umher und töten um so sicherer durch die Nervenanspannung, die sie unaufhörlich erzeugen. Wir können uns nur selbst in eine peinliche Klammer setzen; so tragen diese Handbewegungen (ich schreibe dies auf der Terrasse eines Cafés), diese Finger, die das Trinkgeld zurückschieben, und die Finger des Obers, die danach greifen, ebenso wie die Gesichter der beiden Männer, die Zeichen vollendeter Gleichgültigkeit, als versuchten sie, die eingestandene Schandtat zu verbergen.
Unter dem Gesichtspunkt des Zwanges zeigt sich, daß das Alltagsleben von einem ökonomischen System beherrscht wird, in dem sich Produktion und Konsum von Beleidigungen tendenziell ausgleichen. Auf diese Weise versucht sich der alte Traum der Theoretiker vom liberalen Tauschhandel auf einem demokratischen Weg zu verwirklichen, dem die Phantasielosigkeit linken Denkens zu neuer Bedeutung verholfen hat. Erscheint es nicht auf den ersten Blick seltsam, mit welcher Verbitterung die Progressiven das Ruinengebäude des Liberalismus beklagen, als ob die Kapitalisten, seine ständigen Zerstörer, nicht längst entschlossen wären, dieses Ruinengebäude zu verstaatlichen und seinen Neuaufbau zu planen? In Wirklichkeit ist das nicht so seltsam, denn dadurch, daß man die Aufmerksamkeit auf eine Kritik polarisiert, die von den Tatsachen längst überholt ist (als ob nicht überall feststände, daß der Kapitalismus allmählich durch eine Planwirtschaft vervollständigt wird, deren sowjetisches Modell als Primitivismus erscheinen wird), möchte man gerne verschleiern, daß man gerade nach dem Modell dieser veralteten und zu Tiefstpreisen ausverkauften Wirtschaftsform die menschlichen Beziehungen neu aufbaut. Mit welcher beunruhigenden Beharrlichkeit dringen doch die "sozialistischen" Länder darauf, das Leben nach bourgeoiser Manier zu organisieren. Überall findet sich ein "Präsentiert das Gewehr!", vor der Familie, der Ehe, der Aufopferung, der Arbeit, dem Unechten, während vereinfachte und rationalisierte staatliche Mechanismen die menschlichen Beziehungen auf "gerechten" Austausch von Respekt und Erniedrigungen reduzieren. Und bald wird in der idealen Demokratie der Kybernetiker jeder ohne offensichtliche Mühe seinen Teil Würdelosigkeit verdienen, den er nach den vollendeten Regeln der Gerechtigkeit weiterverteilen darf; dann wird die verteilende Gerechtigkeit ihren Höhe)unkt erreichen; glückliche Greise, die diesen Tag erleben werden!
Für mich - und einige andere, hoffe ich - gibt es im Unbehagen kein Gleichgewicht. Planung ist nur eine Antithese zum freien Tauschhandel. Nur der Tausch wurde geplant und die mit ihm verbundenen wechselseitigen Opfer. Wenn jedoch der Begriff ,Neuheit" sinnvoll bleiben soll, muß er hier Aufhebung, darf er nicht bloße Verkleidung bedeuten. Für die Begründung einer neuen Wirklichkeit gibt es kein anderes Prinzip als das der Gabe. Trotz ihrer Irrtümer und Grenzen sehe ich in der geschichtlichen Erfahrung der Arbeiterräte (1917, 1921, 1934, 1956) und in der leidenschaftlichen Suche nach Freundschaft und Liebe den einzigen begeisternden Grund dafür, nicht an der gegenwärtigen Wirklichkeit zu verzweifeln. Aber alles hat sich verschworen, das Positive jener Erfahrungen geheimzuhalten. Mit Sachverstand wird der Zweifel über ihre wahre Bedeutung, d.h. über ihre Existenz, aufrechterhalten. Zufällig hat sich kein Historiker die Mühe gemacht, das Leben der Menschen in äußersten revolutionären Momenten zu untersuchen. Der Wunsch, mit dem freien Tauschhandel in menschlichen Verhaltensweisen Schluß zu machen, zeigt sich folglich auf dem Weg zum Negativen. Das in Frage gestellte Unbehagen zerbricht unter der Wucht eines noch stärkeren und dichteren Unbehagens.
Im negativen Sinn beseitigen die Bomben von Ravachol oder - uns näher das Epos von Caraquemada - die Verwirrung über die globale - überall mehr oder weniger bestätigte - Ablehnung der Beziehungen von Austausch und Kompromissen. Aus meiner eigenen Erfahrung heraus zweifele ich nicht daran, daß jeder, der auch nur eine Stunde im Käfig erzwungener Beziehungen verbracht hat, eine tiefe Zuneigung für Pierre François Lacenaire und die Leidenschaft zum Verbrechen empfindet. Es geht hier keineswegs darum, den Terror zu verteidigen, sondern in ihm die erbärmlichste, aber auch würdigste Geste anzuerkennen, die den selbstregulierenden Mechanismus der hierarchisierten sozialen Gemeinschaft anzuprangern und dadurch zu erschüttern fähig ist. In der Logik einer Gesellschaft, in der es sich nicht leben läßt, erscheint der so verstandene Mord stets nur als Hohlform der Gabe. Es ist das Fehlen einer ganz stark begehrten Gegenwärtigkeit, von der Mallarmé spricht, der gleiche, der im Prozeß der Dreißig die Anarchisten "Engel der Reinheit" nannte.
Meine Sympathie für den einsamen Mörder endet dort, wo die Taktik beginnt, doch vielleicht benötigt die Taktik Aufklärer, die ihre individuelle Verzweiflung zu Vorposten gemacht hat. Wie dem auch sei, die neue revolutionäre Taktik, die sich auf geschichtliche Tradition und davon untrennbar auf die so verkannte und doch so verbreitete Praxis individueller Verwirklichung stützen wird, hat mit denen nichts zu tun, die lediglich die Geste von Ravachol oder von Bonnot nachahmen würden. Sie würde sich jedoch zum politischen Winterschlaf verdammen, wenn sie nicht auf der anderen Seite die Individuen kollektiv zu verführen vermag, die ihre Isolierung und ihr Haß gegen die kollektive Lüge zur rationalen Entscheidung gebracht haben, zu töten und das Leben zu riskieren. Weder Mörder noch Humanist!
Der erstere akzeptiert den Tod, der letztere trachtet nach dem Leben. Wenn sich nur zehn Menschen treffen, die den leuchtenden Funken der Gewalt dem langen Todeskampf des Überlebens vorziehen, endet sofort die Verzweiflung und die Taktik beginnt. Die Verzweiflung ist die Kinderkrankheit der Revolutionäre des Alltagslebens.
Die Bewunderung, die ich als Jugendlicher den Gesetzlosen entgegenbrachte, empfinde ich heute weniger mit überholter Romantik beladen. Sie kennzeichnet vielmehr die Alibis, mit deren Hilfe die gesellschaftliche Macht es ausschließt, direkt in Frage gestellt zu werden. Die hierarchische Gesellschaftsordnung ist einer gigantischen Erpressung ähnlich, deren Geschicklichkeit gerade von dem anarchistischen Terrorismus an den Tag gebracht wird und darin besteht, daß sie sich außer Reichweite der Gewalt bringt, die sie laufend sät, weil es ihr gelingt, in einer Unzahl verdeckter Kämpfe aus jedem die lebendigen Kräfte herauszusaugen. (Eine "humanisierte" Macht verbietet sich den Rückgriff auf Krieg und Rassenvernichtung). Die Zeugen der Anklage sind kaum anarchistischer Sympathien verdächtig. So stellt der Biologe Hans Selye fest, daß "mit dem Verschwinden eigentlicher Krankheitsträger (Mikroben, Unterernährung etc.) ein wachsender Prozentsatz von Menschen an sogenannten Verschleißkrankheiten sterben, Verfallkrankheiten, die aus dem Streß entstehen, d.h. durch den Verschleiß des Körpers als Folge von Konflikten, Schocks, nervösen Spannungen, Ärger, einem kraftraubenden Lebensrhythmus ?" Von jetzt an entkommt niemand mehr der Notwendigkeit, die Erpressung, die ihn bis in seine Gedanken und Träume hinein verfolgt, kritisch zu untersuchen. Die winzigsten Details bekommen ungeheure Bedeutung. Verwirrung, Müdigkeit, Unverschämtheit, Erniedrigung ? cui prodest? Wer profitiert davon? Und wer profitiert von den stereotypen Antworten, die von dem Großen Bruder, dem sogenannten Gesunden Menschenverstand, laufend unter dem Deckmantel der Vernunft als Alibis verbreitet werden? Werde ich mich mit Erklärungen zufriedengeben, die mich töten, wenn ich doch gerade dort alles zu gewinnen habe, wo alles darauf angelegt ist, daß ich mich verliere?
2 Der Handschlag leitet Begegnungen ein und löst sie auf. Eine seltsame und zugleich triviale Geste, von der man zu Recht sagt, daß sie sich austauscht. Handelt es sich hierbei nicht um die Grundform eines Gesellschaftsvertrages? Welche Garantien versucht dieser Handschlag zu sichern, der doch beliebig, zufällig und mit einer Freigebigkeit ausgetauscht wird, die eine offenbar fehlende Überzeugung zu ersetzen scheint? Die Garantie, daß Übereinstimmung herrscht, der Gesellschaftsvertrag besteht, das Leben in der Gesellschaft perfekt ist? Dieses Bedürfnis, sich davon zu überzeugen, daran unerschütterlich zu glauben und es mit Handschlag zu bekräftigen, erregt stets von neuem beängstigende Zweifel.
Der Blick kennt diese Farce nicht, verkennt den Austausch. Die Augen zweifeln, als ob sie in den Pupillen des anderen das Spiegelbild von Leere und Seelenlosigkeit erraten. Kaum streifen sich die Augen, schon gleiten sie ab und schleichen sich davon, ihre Fluchtlinien kreuzen sich an irgendeinem Punkt, zeichnen dabei einen Winkel, dessen Öffnung das Auseinandergehen beschreibt, die grundlegend empfundene Uneinheit. Manchmal findet sich die Einheit, die Augen paaren sich. Das ist der schöne parallele Blick der königlichen Paare in der ägyptischen Bildhauerei. Das ist der verschleierte, ineinander verschmolzene und von Erotik durchtränkte Blick der Liebenden. Die Augen, die sich von weitem verschlingen. Häufiger jedoch widerruft der Blick die schwache Übereinstimmung, die der Händedruck besiegelt hat. Ist die große Beliebtheit der Begrüßungsumarmungen, der energisch bestätigten gesellschaftlichen Übereinstimmung - deren kommerzieller Gebrauch von der entlehnten Floskel "shake hands" hinreichend verdeutlicht wird - nicht eine List im Bereich der Sinne, ein Weg, die Sensibilität des Blickes stumpf zu machen und ihn der Leere der spektakulären Schau anzupassen, ohne daß er sich sträubt? Der gesunde Menschenverstand der Konsumgesellschaft hat den alten Ausdruck ,,den Dingen ins Auge sehen" zu seinem logischen Endergebnis geführt: mit den Augen nichts anderes sehen als Dinge.
Wohlwollend lädt die soziale Organisation jeden dazu ein, so gefühllos und gefügig zu werden wie ein Baustein. Der Bourgeoisie ist es gelungen, die widerwärtigen Demütigungen gerechter zu verteilen, ihnen mehr Menschen aufgrund rationeller Normen zu unterwerfen, indem sie sich auf konkrete und spezialisierte Erfordernisse (ökonomische, soziale, politische, juristische etc. Notwendigkeiten) berief. Die auf solche Weise aufgeteilten Zwänge haben ihrerseits alle List und Energie, die gemeinsam aufgeboten wurden, um sie zu unterlaufen oder zu brechen, zersetzt. Die Größe der Revolutionäre von 1793 bewies sich darin, daß sie es wagten, den göttlichen Übergriff auf die Regierungen der Menschen zunichte zu machen. Die proletarischen Revolutionäre gewannen aus dem, was sie verteidigten, eine Größe, die der bourgeoise Gegner ihnen kaum hätte gewähren können; ihre Kraft kam allein aus ihnen selbst.
Eine Ethik, die auf dem Warenwert aufbaut, auf dem angenehmen Nützlichen, der Würde der Arbeit, den maßvollen Wünschen, dem Überleben und auf ihrem Gegenteil, dem absoluten Wert, den selbstlosen Bemühungen, dem Schmarotzertum, der instinktiven Brutalität, dem Tod: das ist der stinkende Bottich, in dem seit nunmehr bald zwei Jahrhunderten die menschlichen Möglichkeiten sieden. Das sind die - sicherlich bald noch verfeinerten - Zutaten, mit deren Geschmack die Kybernetiker den zukünftigen Menschen vertraut machen wollen. Sind wir überzeugt, daß wir die Sicherheit von vollkommen angepaßten Wesen, die sich unbeständig und unbewußt wie Insekten bewegen, nicht schon erreicht haben? Seit geraumer Zeit schon laufen Versuche unsichtbarer Werbung. Auf dem Bildschirm wird für den 24sten Teil einer Sekunde ein besonderes Bild eingeblendet, das wohl die Netzhaut trifft, jedoch nicht bewußt wahrgenommen wird. Die ersten Botschaften lassen die weitere Folge leicht vorausahnen. Sie besagen: "Fahrt langsamer!", "Geht in die Kirche!". Doch was bedeutet eine kleine Vervollkommnung dieser Ordnung angesichts der ungeheuren Konditionierungsmaschine, deren zahllose Getrieberäder, Städtebau, Werbung, Ideologie, Kultur ?, Hunderte von gleichen Vervollkommnungen zuwege bringen? Noch einmal: die Kenntnis des Schicksals, das die Menschen auch weiterhin zu ertragen gezwungen werden, wenn sie nicht auf der Hut sind, ist weniger von Interesse als das erlebte Gefühl einer derartigen Degradierung. "Schöne neue Welt" von Huxley, "1984" von Orwell und "Der fünfte Trompetenstoß" von Touraine verdrängen auf später das Frösteln, das ein kurzer Blick auf die Gegenwart leicht hervorrufen müßte; in der Gegenwart nämlich reifen Bewußtsein und Wille der Verweigerung. Angesichts meines gegenwärtigen Gefängnisses ist die Zukunft für mich ohne Interesse.
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Das Gefühl der Erniedrigung ist nichts anderes als das Gefühl, Objekt zu sein. So verstanden schafft es ein klares, kämpferisches Bewußtsein, in dem sich die Kritik der Organisation des Lebens mit der sofortigen Organisation eines Projekts für ein andersartiges Leben verbindet. Jeder Aufbau vollzieht sich auf der Basis der individuellen Verzweiflung und ihrer Aufhebung: die Anstrengungen, die unternommen wurden, um die Verzweiflung zu beschönigen und sie durch neue Verpackungen zu manipulieren, müßten ausreichender Beweis sein.
Welche Illusion verführt den Blick so sehr, daß sie ihm den Zerfall der Werte, die Ruine der Welt, die Unechtheit und die fehlende Totalität zu verheimlichen vermag? Ist es der Glaube an mein Glück? Wohl kaum! Ein derartiger Glaube hält weder der Analyse noch den Beklemmungen der Angst stand. Es ist vielmehr, denke ich, der Glaube an das Glück der anderen, eine unerschöpfliche Quelle von Neid und Eifersucht, die dem Menschen auf dem Boden der Negation das Gefühl gibt, zu existieren. Ich beneide, also bin ich. Sich von anderen ausgehend begreifen heißt, sich als etwas anderes begreifen. Und das andere ist stets Objekt. So sehr, daß sich das Leben nach dem Grad der erlebten Erniedrigung bemißt. Je mehr man seine Erniedrigung wählt, um so mehr "lebt" man; um so mehr lebt man das geordnete Leben der Dinge. Das ist der Trick der Verdinglichung, durch den sie unauffällig wie Arsen in der Konfitüre wirkt.
Die vorhersehbare "Gefälligkeit" der Unterdrückungsmechanismen hilft durchaus die Perversion zu erklären, die mich wie in Grimms Märchen daran hindert, "der König ist nackt!" zu rufen, sobald die Souveränität meines Alltagslebens ihr Elend enthüllt. Gewiß wütet immer noch die Polizeibrutalität, und wie! Überall, wo sie zuschlägt, beklagt das ehrliche Gewissen der Linken mit vollem Recht ihre Niederträchtigkeit. Aber danach? Gelingt es den Linken, die Massen dazu aufzuwiegeln, sich zu bewaffnen? Provozieren sie legitime Repressalien? Ermutigen sie zu einer Jagd auf Polizisten, wie jene, die die Bäume von Budapest mit den schönsten Früchten der A.V.O. schmückte? Nein, sie organisieren friedliche Demonstrationen; ihre Gewerkschaftspolizei behandelt jeden als Provokateur, der sich ihren Parolen widersetzt. Dort findet sich die neue Polizei. Sie wartet auf die Wachablösung. Die Psycho-Soziologen werden ohne Kolbenschläge, d.h. ohne Leichenschauhaus regieren. Die Gewalt der Unterdrückung beginnt sich in eine Vielzahl von vernünftig verteilten Nadelstichen umzuwandeln. Diejenigen, die vom Gipfel ihrer erhabenen Gefühle die Menschenverachtung der uniformierten Polizei verurteilen, muntern zugleich dazu auf, unter der Menschenverachtung der zivilisierten Polizei zu leben. Der Humanismus läßt die von Kafka in der "Strafkolonie" beschriebene Maschine reibungsloser laufen. Weniger Knirschen, weniger Schreie. Macht Blut kopflos? Auf diese Frage kommt es nicht an - die Menschen werden blutlos leben. Die Herrschaft des zugesicherten Überlebens wird die Herrschaft des angenehmen Todes sein. Und für die Möglichkeit, angenehm zu sterben, schlagen sich die Humanisten. Kein Guernica mehr, kein Auschwitz, kein Hiroshima, kein Sétif. Bravo! Aber: das unmögliche Leben, die erstickende Mittelmäßigkeit, das Fehlen von Leidenschaften? Und diese Wut voll Neid, bei der der Groll darüber, daß man niemals man selbst ist, das Glück der anderen erfindet? Und daß man sich niemals ganz in seiner eigenen Haut fühlt? Soll doch niemand behaupten, daß es sich hier um Details handelt, um Punkte von zweitrangiger Bedeutung. Es gibt keine nebensächliche Qual, kein nebensächliches Unerfülltsein. In der geringsten Schramme bildet sich ein beißendes Geschwür. Die Krisen, die die Welt erschüttern, unterscheiden sich nicht grundsätzlich von den Konflikten, in denen meine Gesten und Gedanken von den feindlichen Kräften angegriffen werden, die sie behindern und irreführen. (Wie soll das, was für mein tägliches Leben bedeutend ist, für die Geschichte keine Bedeutung haben, wo doch die Geschichte insgesamt nur an dem Punkt Bedeutung gewinnt, wo sie meine persönliche Existenz berührt.) Durch häufige Teilung und Vervielfältigung der Qualen und Erniedrigungen wird jeder schließlich gezwungen, gegen das Atom einer leblosen Wirklichkeit anzugehen und wird dabei plötzlich eine nukleare Energie freisetzen, die niemand mehr unter so viel Passivität und trüber Resignation verborgen vermutet. Was das Allgemeinwohl produziert, ist stets furchtbar.
3 Der Kolonialismus der Jahre 1945 bis 1960 hat der Linken einen von der Vorschung gesandten Vater gegeben. Einem Gegner von der Größe des Faschismus gegenüber brauchte sie sich nicht aus sich selbst, d.h. aus dem Nichts heraus zu definieren; sie konnte sich durch Bezug auf etwas anderes behaupten; der Kolonialismus hat ihr dadurch ermöglicht, sich als "Ding" in einer Ordnung zu verstehen, in der Dinge alles und nichts sind.
Niemand hat es gewagt, das Ende des Kolonialismus zu feiern, aus Furcht, er könnte überall wieder wie ein Geist aus einer schlecht verschlossenen Flasche emporsteigen. Von dem Moment an, wo die zusammenbrechenden Kolonialregime den Kolonialismus der Herrschaft über die Menschen an den Tag legten, erhielten die Probleme der Hautfarben und Rassen die Dimension eines Kreuzworträtsels. Wozu dienten diese Marotten des Anti-Rassismus und des Anti-Semitismus, die die Narren unter den Linken zur Schau stellten? Letztlich doch nur dazu, die Schreie der gequälten Neger und Juden zu ersticken, die alle die ausstießen, die weder Neger noch Juden waren, angefangen bei den Negern und Juden selbst! Ich denke selbstverständlich nicht daran, den Teil großzügiger Freiheit in Frage zu stellen, der die antirassistischen Gefühle noch bis vor nicht allzulanger Zeit nährte. Doch die Vergangenheit läßt mich indifferent, wenn ich sie nicht selbst gewählt habe. Ich spreche heute. Und niemand wird mich im Namen von Alabama oder Südafrika, d.h. im Namen einer spektakulären Ausbeutung, vergessen lassen, daß sich das Zentrum dieses Unbehagens in mir und in jedem Menschen befindet, der von einer Gesellschaft erniedrigt und in jeder Hinsicht verhöhnt wurde, die so darauf bedacht ist, sich als zivilisierte Gesellschaft zu bezeichnen, was jedoch die offensichtliche Wirklichkeit stets eigensinnig mit Polizeistaat übersetzt.
Ich werde nicht auf meinen Teil Gewalt verzichten.
In den menschlichen Beziehungen gibt es keinen mehr oder weniger erträglichen Zustand, keine mehr oder weniger annehmbare Würdelosigkeit; die Quantität zählt hier nicht. Verletzen beleidigende Ausdrücke wie "Kanake" oder "Ratte" mehr als ein Aufruf zur Ordnung? Wer könnte das aufrichtig behaupten. Von einem Bullen, einem Chef, einer Behörde festgehalten, abgekanzelt und belehrt zu werden - wer fühlt sich dabei nicht tief in seinem Herzen und mit sicherer Bewertung solcher flüchtigen Ereignisse ohne Vorbehalt als "Judenschwein", "Japser" oder "Nigger"?
Was für ein schönes Phantombild der Macht boten uns die alten Kolonialherren, als sie den Rückfall in tierische Barbarei und Elend für den Fall weissagten, daß man ihre Anwesenheit für unerwünscht erklären würde. Sicherheit ist alles, sagt der Wächter zum Gefangenen. Die Gegner des Kolonialismus von gestern humanisieren den generalisierten Kolonialismus der gegenwärtigen Herrschaft. Sie machen sich auf geschickteste Art zu Wachhunden, indem sie gegen alle Folgen der Unmenschlichkeit von gestern anbellen.
Bevor sich Aimé Cesaire um das Präsidentenamt von Martinique bewarb, stellte er in einem berühmt gewordenen Satz fest: "Die Bourgeoisie hat sich außerstande gefunden, die größten Probleme zu lösen, die sie verursacht hat: das Problem des Kolonialismus und das Problem des Proletariats." Er vergaß damals bereits hinzuzufügen: "denn es handelt sich um ein und dasselbe Problem, von dem man von dem Augenblick an nichts begreift, wo man es trennt".
4 Ich lese bei Gouy: "Die geringste Beleidigung des Königs kostete sofort das Leben" (Histoire de France); in der amerikanischen Verfassung: "Das Volk ist souverän"; bei Pouget: "Die Könige fraßen sich an ihrer Souveränität fett, während wir an der unsrigen vor die Hunde gehen" (Père Peinard); und Courbon sagt nur: "Das Volk besteht heute aus der Menschenmenge, der jede Rücksicht verweigert wird" (Secret du peuple). In wenigen Zeilen ist hier die Geschichte vom Scheitern des Prinzips der Souveränität wiedergegeben.
Die Monarchie bezeichnete als "Subjekte" die Objekte ihrer Willkür. Zweifellos versuchte sie dadurch, die grundlegende Unmenschlichkeit ihrer Herrschaft abzuwandeln und in eine Menschlichkeit mit idyllischen Beziehungen zu verpacken. Der Respekt gegenüber der Person des Königs ist nicht an sich kritisierbar. Er wird erst widerwärtig, wo er sich auf das Recht gründet, durch Unterwerfung zu erniedrigen. Die Verachtung hat den Thron der Monarchen verfaulen lassen. Was aber soll man von der Bürger-Monarchie halten, ich meine damit: von den Rechten, die bürgerlicher Neid und bürgerliche Nichtigkeit vervielfältigt haben, von der Souveränität, die jedem wie eine Dividende zugeteilt wird? Was soll man von dem monarchistischen Prinzip halten, das demokratisch zerstückelt wurde?
Frankreich zählt heute 24 Millionen "Mini-Könige", von denen die größten, d.h. die Chefs, den Schein ihrer Größe lediglich auf die Größe ihrer Lächerlichkeit gründen. Der Sinn des Respekts ist so heruntergekommen, daß er schließlich nur noch Demütigungen beansprucht. Zu öffentlichen Funktionen und Rollen demokratisiert, schwimmt das monarchistische Prinzip wie ein toter Fisch mit dem Bauch nach oben auf dem Wasser. Lediglich sein ekelhaftester Aspekt ist sichtbar. Sein Wille, (ohne Grenzen und absolut) höherwertig sein zu wollen, ist verschwunden. Weil niemand mehr sein Leben auf die Souveränität gründet, versucht heute jeder, seine Souveränität auf das Leben anderer zu gründen. Sklavensitten.
III. Die Isolierung
Para no sentirme solo
Por los siglos de los siglos.
Unsere einzige Gemeinschaft ist die Illusion, zusammen zu sein. Und gegen die Illusion verschriebener Heilmittel richtet sich allein der allgemeine Wille, die Isolierung zu zerbrechen (1). - Die neutralen Beziehungen sind das Niemandsland der Isolierung - Die Isolierung ist ein Todesurteil, unterzeichnet von der heutigen gesellschaftlichen Organisation und ausgesprochen gegen sie (2).
1 Sie hockten wie in einem Käfig, unfähig zu entfliehen, obwohl er weit offen stand. Nichts außerhalb des Käfigs hatte noch Bedeutung, denn außerhalb des Käfigs gab es nichts mehr. In diesem Käfig blieben sie. Alles andere blieb ihnen unbekannt. Nicht einmal die Andeutung eines Wunsches richtete sich auf irgend etwas jenseits der Gitterstäbe. Es wäre ungewöhnlich, sogar unmöglich, zu etwas fliehen zu wollen, das weder Wirklichkeit noch Bedeutung hat. Völlig ausgeschlossen. Denn im Inneren des Käfigs, in dem sie geboren wurden und starben, war die einzig ertragbare Erfahrungswelt das Wirkliche, das lediglich ihr unerschütterlicher Instinkt war, in den Dingen Bedeutung sehen zu wollen. Denn nur, wenn sie in den Dingen Bedeutung sehen konnten, konnten sie atmen und leiden. Es schien, als ob es darüber zwischen ihnen und den stummen Toten eine Übereinkunft gegeben hätte, denn die Gewohnheit, so zu tun, als hätten die Dinge Bedeutung, war zu einem menschlichen Instinkt geworden, den man für unveränderlich hätte halten können. Das Leben war das, was Bedeutung hatte. Das Wirkliche gehörte zu dem Instinkt, der dem Leben ein wenig Sinn gab. Der Instinkt ließ außer Betracht, was jenseits des Wirklichen existieren könnte, denn es gab nichts jenseits des Wirklichen. Nichts, das Bedeutung hätte. Der Käfig blieb offen und wurde immer qualvoller in seiner Wirklichkeit, die aus zahllosen Gründen und auf zahllose Arten Bedeutung hatte.
Wir haben nie das Zeitalter der Sklavenhändler verlassen.
Die Leute zeigen in den öffentlichen Verkehrsmitteln, die sie mit statistischer Gleichgültigkeit gegeneinander werfen, einen unerträglichen Ausdruck von Enttäuschung, Hochmut und Verachtung, so wie ein zahnloser Hund den Eindruck des Todes hervorruft. Die Atmosphäre der falschen Kommunikation macht jeden zum Polizisten seiner eigenen Begegnungen. Der Aggressions- und Fluchtinstinkt folgt der Spur der modernen Ritter der Lohnabhängigen, die für ihre jämmerlichen Streifzüge nur noch die U-Bahn und die Vorstadtzüge haben. Wenn die Menschen sich in Skorpione verwandeln, die sich selbst und sich gegenseitig stechen - liegt dann der Grund dafür nicht darin, daß nichts geschehen ist, daß die Menschen mit leeren Augen und ausgetrocknetem Gehirn "mysteriöserweise" zu Schatten von Menschen, zu Phantomen ihrer selbst geworden sind und an einem bestimmten Punkt nur noch dem Namen nach Menschen sind?
Gemeinsam haben wir nur noch die Illusion, zusammen zu sein. Gewiß, ein echtes kollektives Leben beginnt im Verborgenen mitten im Zentrum der Illusion zu keimen - es gibt keine Illusion, die nicht irgendeinen Rückhalt im Wirklichen hat -, doch eine wahre Gemeinschaft muß erst noch geschaffen werden. Es kommt vor, daß die Kraft der Lüge die harte Realität der eigenen Isolierung aus dem Bewußtsein der Menschen verdrängt. Es kommt vor, daß man in einer belebten Straße vergißt, daß es noch Leiden und Trennungen gibt. Doch gerade weil man es aufgrund der Kraft der Lüge vergißt, versteinern sich Leiden und Trennungen. Auf diesem Stein wird das Rückgrat der Lüge selbst zerbrechen. Keine Illusion kann sich mit der Größe unserer Verwirrung messen.
Das Unbehagen überfällt mich in dem Ausmaß der Menge, die mich umgibt. Sogleich tauchen die Kompromisse, die ich der Dummheit gegenüber geschlossen hatte, wieder vor mir auf und stürzen auf wahnhaften Wogen von Köpfen ohne Gesicht auf mich zu. Das berühmte Bild von Edvard Munch "Der Schrei" weckt in mir eine Empfindung, die ich zehnmal am Tag nacherlebe. Ein Mensch, der von einer Menge fortgeschwemmt wird, die nur er allein sieht, schreit plötzlich auf, um den Bann zu brechen, um sich an sich selbst zu erinnern, um in seine Haut zurückzufinden. Stillschweigendes Einverständnis, erstarrtes Lächeln, Worte ohne Lebendigkeit, Schlaffheit und Demütigungen sammeln sich unter seinen Schritten an, strömen in ihn hinein, treiben seine Wünsche und Träume aus ihm heraus, vernichten die Illusion, "mit jemandem zusammen zu sein". Man geht nebeneinander her, ohne einander zu begegnen. Die wachsende Isolierung kennt kein Ende. Je dichter die Menschen zusammen leben, um so stärker bemächtigt sich ihrer die Leere. Die Menge zerrt mich aus mir heraus und läßt in meiner Leere tausend kleine Verzichte entstehen.
Überall wiederholt die glitzernde Neonreklame den Satz Plotins: "Alle Lebewesen sind zusammen, obwohl jedes einzelne von ihnen getrennt bleibt." Dennoch genügt es, die Hand auszustrecken, um sich zu berühren, die Augen emporzurichten, um einander zu begegnen, und durch diese einfache Geste wird alles wie durch Zauberkunst nah und fern.
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In gleicher Weise wie die Menge, die Droge und das Verliebtsein besitzt der Alkohol das Privileg, den klarsten Verstand zu vernebeln. Durch ihn erscheint die betonierte Wand der Isolierung wie aus Papier, das die Akteure ihrer Phantasie entsprechend zerreißen können, denn der Alkohol verfügt auf der Bühne des intimen Theaters über alle Mittel. - Eine großzügige Illusion, die um so sicherer tötet.
In einer Bar, in der die Leute tödlich gelangweilt ausharren, zerbricht ein junger betrunkener Mann sein Glas, ergreift eine Flasche und zerschmettert sie an einer Wand. Niemand regt sich auf; in seiner Erwartung enttäuscht, läßt er sich hinauswerfen. Dennoch wurde seine Geste in allen Köpfen nachvollzogen. Er allein hat sie konkretisiert, er allein hat den ersten radioaktiven Strahlungsgürtel der Isolierung durchbrochen: die innere Isolierung, diese eingebaute Trennung, die die Außenwelt und das eigene Ich ausgeschlossen hält. Niemand hat auf sein Zeichen reagiert, von dem er doch glaubte, es sei eindeutig gewesen. Er ist ebenso allein geblieben wie ein Rocker, der eine Kirche in Brand steckt oder einen Polizisten umbringt, in Übereinstimmung mit sich selbst, aber zum Exil so lange verdammt, wie die anderen aus ihrer eigenen Existenz ins Exil zurückgezogen leben. Er ist dem Magnetfeld der Isolierung nicht entkommen, jetzt wird er im Zustand der Schwerelosigkeit festgehalten. Dennoch nimmt er vom Grunde der Gleichgültigkeit her, die ihn empfängt, besser die Nuancen seines Schreis wahr, er weiß, daß er auf anderer Tonlage mit noch mehr Kraft, mit mehr Zusammenhang erneut beginnen muß, selbst wenn ihm diese Erkenntnis zunächst Qualen bereitet.
Lediglich die Verdammung wird gemeinsam sein, solange nicht jedes isolierte Wesen begreifen will, daß eine Geste der Freiheit, wie schwach und ungeschickt sie auch immer sein mag, stets Trägerin einer echten Kommunikation, einer entsprechenden persönlichen Mitteilung ist. Die Repression, die den anarchistischen Rebellen trifft, trifft zugleich alle Menschen. Das Blut aller Menschen fließt mit dem Blut auch nur eines ermordeten Durruti. Überall da, wo die Freiheit auch nur einen Fingerbreit zurückweicht, erhöht sie um das Hundertfache das Gewicht der Ordnung der Dinge.
Von der echten Beteiligung ausgeschlossen, verirren sich die Gesten des Menschen in der zerbrechlichen Illusion, zusammen zu sein, oder in ihrem Gegenteil, in der brutalen und absoluten Verweigerung jeder Gesellschaft. Sie schwingen von dem einen zum anderen wie ein Pendel, das die Stunden auf der Uhr des Todes dahinfliegen läßt.
Die Liebe vergrößert noch ihrerseits die Illusion der Einheit. Zumeist handelt es sich sowieso nur um Totgeburten, Nichtigkeiten. Die Furcht, zu zweit oder zu zehnt den gleichen, schon zu bekannten Weg gehen zu müssen, den Weg der Vereinsamung, bedroht die verliebten Symphonien mit eingefrorener Harmonie. Die Verzweiflung erwächst nicht aus einem ungestillten, ungeheuren Begehren, sondern aus einer beginnenden Leidenschaft, die mit ihrer eigenen Inhaltlosigkeit konfrontiert wird. Der unersättliche Wunsch, sich in unendlich viele charmante Mädchen zu verlieben, entsteht aus der Angst vor der Liebe, so groß ist die Furcht, niemals über die Begegnung von Objekten hinauszukommen. Der junge Morgen, an dem sich die Umarmungen auflösen, ist wie der junge Morgen, an dem die Revolutionäre ohne Revolution sterben. Die Isolierung zu zweit widersteht nicht der Isolierung aller. Das Vergnügen bricht vorzeitig ab, die Liebenden finden sich nackt und bloß in der Wirklichkeit wieder und ihre Gesten werden plötzlich lächerlich und kraftlos. In einer unglücklichen Welt ist keine Liebe möglich. Die Barke der Liebe zerbricht am alltäglichen Leben.
Bist Du bereit, die Klippen der alten Welt zu zerbrechen, damit Deine Liebe nie wieder zerbricht? Die Liebenden müssen ihre Lust nur mit mehr Konsequenz und mehr Poesie lieben. Es heißt, daß der Prinz Shekour einst eine Stadt eroberte und sie seiner Lieblingsfrau für ein Lächeln schenkte. Einige unter uns sind so leidenschaftlich in die Lust verliebt, ohne Schranken zu lieben, daß sie der Liebe das prachtvolle Bett der Revolution schenken wollen.
2 Die Anpassung an die Welt erfolgt wie bei der Entscheidung durch "Kopf oder Zahl". Es wird von vornherein festgelegt, daß das Negative positiv wird, daß die Unmöglichkeit zu leben Grundlage sine qua non des Lebens wird. Die Entfremdung setzt sich am besten fest, wenn sie sich als angeborenes Recht ausgibt. In Positivität verwandelt, ist das Bewußtsein der Isolierung nichts anderes als privates Bewußtsein, jenes unverzichtbare Stück Individualität, das die guten Bürger wie ihr Eigentum mit sich umhertragen, zwar hinderlich, aber wertvoll. Eine Art lustvoll erlebter Angst verhindert, daß man für immer sich entweder in der Illusion einer Gemeinschaft einrichtet oder im Keller der Isolierung gefangen bleibt.
Zwischen der freudigen Hinnahme falscher Gemeinschaften und der globalen Ablehnung der Gesellschaft erstreckt sich das Niemandsland neutraler menschlicher Beziehungen. Hier herrscht die Krämermoral, das "man muß sich gegenseitig unter die Arme greifen", "überall findet man noch ehrliche Leute", "nichts ist nur gut oder nur schlecht, alles hat seine Vor- und Nachteile"; hier herrscht Höflichkeit, l'art pour l'art des Mißverständnisses.
Da die menschlichen Beziehungen das geworden sind, wozu sie die gesellschaftliche Hierarchie gemacht hat, wollen wir anerkennen, daß die neutralen Beziehungen die am wenigsten ermüdende Form der Verachtung sind: sie gestatten, ohne unnütze Reibereien die täglichen Kontakte zu überstehen. Die neutralen Beziehungen hindern bei weitem nicht daran, von Formen höherer Zivilisation zu träumen, wie die vornehme Höflichkeit beweist, mit der Lacenaire am Abend vor seiner Hinrichtung einen Freund nachdrücklich bittet: "Sagt bitte vor allem meinen Dank Herrn Scribe. Sagt ihm, daß ich eines Tages vom Hunger getrieben zu ihm kam, um ihn um Geld anzugehen. Mit viel Feingefühl hat er meiner Bitte entsprochen; ich denke, er wird sich dessen entsinnen. Sagt ihm auch, daß er richtig gehandelt hat, denn ich hielt in greifbarer Nähe in meiner Tasche etwas, mit dem ich Frankreich von einem dramatischen Autor befreit hätte."
Die Harmlosigkeit neutraler Beziehungen ist jedoch nur ein toter Punkt im hin- und herwogenden Kampf gegen die Isolierung, ein kurzer Übergang auf dem Weg zur Kommunikation oder - viel häufiger übrigens - zur Illusion der Gemeinschaft. Ich würde meinen Widerwillen, einen Unbekannten anzuhalten, um ihn nach der Uhrzeit, einer Auskunft, einigen Worten zu fragen, mit dieser zweifelhaften Art und Weise erklären, den Kontakt zu suchen: die Freundlichkeit neutraler Beziehungen baut mühsam auf Sand; leere Zeit hat mir noch nie genützt.
Überall ist die Unmöglichkeit zu leben mit einem derartigen Zynismus garantiert, daß die ausgeglichene Mischung von Lust und Angst in den neutralen Beziehungen Teil des generellen Mechanismus der Zerstörung der Menschen geworden ist. Letzten Endes erscheint es besser, sich ohne Aufschub der radikalen, taktisch erarbeiteten Verweigerung anzuschließen, als freundlich an alle Türen anzuklopfen, hinter denen sich eine Art des Überlebens gegen die andere austauscht.
"Es würde mich anöden, so jung zu sterben", schrieb Jacques Vaché zwei Jahre bevor er Selbstmord beging. Wenn sich die Verzweiflung am Überleben nicht mit der neuen Schärfung des Bewußtseins trifft, um die Jahre, die vor uns liegen, zu erschüttern, dann bleiben den isolierten Menschen nur noch zwei "Entschuldigungen": das Scheißhaus von Parteien und Sekten religiöser Pataphysik oder der sofortige Tod mit Umour. Ein 16jähriger Mörder erklärte jüngst: "Ich tötete, weil ich mich langweilte." Wer auch immer schon einmal in sich die Macht seiner eigenen Zerstörung hat emporsteigen fühlen, weiß, wie leicht er im unkontrollierten Überdruß die Organisatoren der Langeweile töten könnte. Eines Tages. Zufällig.
Wenn jedoch jemand zugleich die Gewalt des Nichtangepaßten und die Anpassung an die Gewalt der Welt ablehnt - wo kann er seinen Weg finden? Wenn es ihm nicht gelingt, den Wunsch, die Einheit der Welt mit sich selbst herzustellen, auf die Ebene einer zusammenhängenden Theorie und Praxis zu stellen, wird das eisige Schweigen des sozialen Raumes ihm den Palast einsamen Wahns bauen.
Die zur Geisteskrankheit Verurteilten stoßen aus der Tiefe ihres Gefängnisses die Schreie einer Revolte aus, die im Negativen zerbrochen wurde. Mit Sachverstand wurde Fourier in jenem Kranken getötet, von dem der Psychiater Volnat berichtet: "In ihm begannen sein Ich und die Außenwelt ihren Unterschied zu verlieren. Alles, was in der Welt geschah, geschah auch in ihm. Es gelang ihm nicht, eine Flasche zwischen zwei Bretter eines Wandschrankes zu stellen, denn die Bretter verengten sich und drohten die Flasche zu zerbrechen. Und diese Verengung spürte er in seinem Kopf. Es war, als würde sein Kopf zwischen den Brettern eingeklemmt. Er konnte keinen Koffer schließen, denn das Zudrücken des Deckels spürte er gleichzeitig in seinem Kopf. Wenn er einmal das Haus verließ, nachdem er Türen und Fenster sorgfältig geschlossen hatte, fühlte er in seinem Gehirn den Druck zusammengepreßter Luft. Er mußte zurückkehren, um eine Tür oder ein Fenster zu öffnen. ,Ich brauche Raum, freies Feld, um mich wohl zu fühlen ( ? ) Ich muß in meinem Raum frei sein können. Ich kämpfe gegen die Dinge, die mich umgeben'."
Der Konsul hielt an. Er las die Inschrift: "No se puede vivir sin amor." (Lowry: "Unter dem Vulkan.")
IV. Das Leiden
Das Leiden der naturbedingten Entfremdung hat dem Leiden der sozialen Entfremdung Platz gemacht, gleichzeitig wurden aus Heilmitteln Rechtfertigungen (1). - Wo die Rechtfertigung fehlt, schaffen Beschwörungen Abhilfe (2). - Aber kein Trick verbirgt mehr die Existenz einer Organisation des Leidens, die ihre Grundlage in einer sozialen Organisation zur Verteilung der Zwänge findet (3). - Das Bewußtsein, das auf ein Bewußtsein der Zwänge reduziert wird, ist das Vorzimmer des Todes. Die Verzweiflung des Bewußtseins bringt die Mörder im Dienst der Ordnung, das Bewußtsein der Verzweiflung die Mörder im Dienst der Unordnung hervor (4).
1 Die Symphonie von Schreien und Wörtern gibt der Straßenszene eine bewegliche Dimension. Auf einer nicht endenden Kette tiefer Töne bauen sich schwere und leichte Themen auf, krächzende Stimmen, singende Zurufe, schwermütige Sätze ohne Ende. Eine klangvolle Architektur türmt sich über den Straßenzügen und Fassaden auf, ergänzt oder korrigiert die anziehende oder abstoßende Note eines Viertels. Von der Contrescarpe bis zu den Champs-Elyseés klingen jedoch alle Grundakkorde gleich: ihr dumpfer Widerhall hat sich in allen Ohren so fest verkrustet, daß er niemanden mehr erregt: "So ist das Leben", "Der Mensch läßt sich nicht ändern", "Es kommt, wie es kommen soll", "Man muß eben etwas daraus machen", "Es ist nicht gerade immer erfreulich" ? Dieses Klagelied, dessen falsches Spiel die unterschiedlichsten Gespräche in Einklang bringt, hat die Sensibilität so sehr pervertiert, daß es zur gemeinsten menschlichen Ausdrucksweise geworden ist. Wo darauf nicht eingegangen wird, kann die Verzweiflung zumeist nicht mehr wahrgenommen werden. Daß seit zwei Jahrhunderten in der europäischen Musik jegliche Freude fehlt, scheint niemanden zu beunruhigen. Das sagt alles. Konsumieren, verzehren: die Asche ist die Norm des Feuers geworden.
Woher kommt diese Bedeutung, die das Leiden und die Rituale der Beschwörung des Leidens angenommen haben? Zweifellos von den harten Überlebensbedingungen, denen die ersten Menschen in einer feindlichen Natur voller brutaler und mysteriöser Mächte ausgesetzt waren. Angesichts der Gefahren entdeckten die Menschen in ihrer Schwäche, daß ihnen die soziale Gruppe nicht nur Schutz gewähren, sondern auch erlauben würde, mit der Natur zusammenzuarbeiten, mit ihr zu paktieren, sie sogar zu verwandeln. Im Kampf gegen die naturbedingte Entfremdung (Tod, Krankheit, Leiden) ist die soziale Entfremdung entstanden. Und damit wurden auch Tod, Krankheit und Leiden - wie immer man auch darüber denken will - sozial. Wir sind der Härte des Klimas, dem Hunger und der Unbequemlichkeit entkommen, um in die Falle der Sklaverei zu gehen. Sklaverei unter der Herrschaft der Götter, der Menschen und der Sprache. Und dennoch - eine derartige Sklaverei trug in sich einen Teil von Sieg, denn menschliche Größe war nötig, um unter dem Terror eines Gottes zu leben, der Dich andererseits unbesiegbar machte. Diese Blendung von Menschlichem und Unmenschlichem würde bereits ausreichen, um die Zweideutigkeit des Leidens im Verlauf der Geschichte zu erklären, das einmal als ein schändliches Übel, ein andermal als ein heilsames Übel und damit sozusagen als etwas Gutes erschien. Man muß jedoch hierbei das Eigengewicht der Religionen berücksichtigen, vor allem das der christlichen Mythologie, die jene krankhafte und perverse Lebensregel am weitesten perfektioniert hat: Schütze Dich vor Verstümmelung durch Selbstverstümmelung!
"Seit der Ankunft Christi sind wir zwar nicht vom Leiden, wohl aber. vom unnützen Leiden erlöst", schrieb ganz richtig der Jesuitenpater Charles aus der "Gesellschaft Jesu". Das Problem der Macht bestand niemals darin, sich aufzulösen, sondern eine Rechtfertigung zu finden, um nicht "unnütz" zu unterdrücken. Durch Vereinigung von Mensch und Leiden unter dem Vorwand göttlicher Gnade oder des Naturgesetzes ist dem Christentum, dieser krankhaften Therapie, sein "Meisterstück" gelungen. Stets bildet das Prinzip des nützlichen Leidens und der freiwilligen Aufopferung die solideste Grundlage der hierarchisierten Gewalt: vom Prinzen bis zum Manager, vom Priester bis zum Spezialisten, vom Beichtvater bis zum Psychologen. Was auch immer als Begründung angegeben wird, die bessere Welt, das Jenseits, eine sozialistische Gesellschaft oder eine berauschende Zukunft: das Leiden, das die Menschen auf sich nehmen, ist immer christliches Leiden, immer. Auf die widerliche Schlangenbrut der Kirche folgen heute die Fanatiker eines rotgefärbten Christus. Durch die offiziellen Forderungen hindurch schimmert feinversponnen das ekelhafte Bild vom Gekreuzigten, überall werden die Genossen dazu aufgefordert, den dümmlichen Heiligenschein märtyrerhafter Aktivisten zur Schau zu tragen. Die Braumeister der "Gerechten Sache", bereiten aus dem vergossenen Blut die Blutsuppe der Zukunft: weniger Kanonenfutter, mehr Opfer auf dem Altar der Prinzipien!
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Auf den ersten Blick schien die bourgeoise Ideologie entschlossen, das Leiden mit der gleichen Beharrlichkeit zu bekämpfen, mit der sie die Religionen ihres Hasses weiterverbreitete. Ihre Vernarrtheit in Fortschritt, Komfort, Profit, Wohlstand und Vernunft gab ihr genug Waffen - wenn auch keine wirklichen, so doch illusionäre -, um von ihrem Willen zu überzeugen, mit dem Leiden und dem Glauben wissenschaftlich fundiert Schluß zu machen. Wie wir wissen, konnte sie schließlich nur neue Betäubungsmittel und neuen Aberglauben erfinden.
Gott wurde beseitigt: das Leiden wurde "natürlicher" Teil der "menschlichen Natur"; seine Beendigung ist möglich, muß aber mit neuen, ausgleichenden Formen des Leidens erkauft werden: den Märtyrern der Wissenschaft, den Opfern des Fortschritts, den geopferten Generationen. Doch bei dieser Entwicklung enthüllte der Begriff des natürlichen Leidens seine soziale Wurzel. Die Natur des Menschen wurde beseitigt: das Leiden wurde sozial, der Gesellschaft zugehörig. Doch die Revolutionen haben nachgewiesen, daß soziales Leid kein metaphysisches Prinzip ist, daß eine Gesellschaft möglich ist, in der Menschen, ohne zu leiden, leben können. Die Geschichte zerstörte die gesellschaftliche Seinslehre, aber heute hat das Leiden, weit davon entfernt, zu verschwinden, in den Forderungen einer Geschichte, die plötzlich ihrerseits in ihrem Lauf in die bekannte Einbahnstraße geraten ist, neue Daseinsberechtigung gefunden. China bereitet seine Kinder durch eine Erziehung zur Liebe zum Vaterland, zur Familie und zur Arbeit auf die klassenlose Gesellschaft vor. Die geschichtliche Seinslehre sammelt die Abfälle aller metaphysischen Systeme der Vergangenheit, alle An-sichs, Gott, die Natur, den Menschen und die Gesellschaft. Künftig werden die Menschen gegen die Geschichte Geschichte machen, denn die Geschichte ist das letzte Bollwerk der Seinslehre der Macht, der allerletzte Trick, hinter dem sie unter dem Versprechen eines langen Wochenendes ihren Willen versteckt, bis zum Sonnabend zu dauern, der niemals kommt. Jenseits der zum Fetisch gewordenen Geschichte wird das Leiden in seiner Abhängigkeit von der hierarchisierten gesellschaftlichen Organisation sichtbar. Wenn erst der Wille, mit der hierarchisierten Macht Schluß zu machen, das Bewußtsein der Menschen genug gereizt hat, wird jeder zustimmen, daß an der bewaffneten Freiheit und dem Gewicht der Zwänge nichts metaphysisch ist.
2 Die technisierte Zivilisation hat das Glück und die Freiheit auf die Tagesordnung gesetzt und doch zugleich auch die Ideologie von Glück und Freiheit erfunden. Sie verurteilte sich in der Folge dazu, nichts als eine apathische Freiheit und ein Glück in Der Passivität zu schaffen. Sosehr diese Erfindung auch pervertiert wurde, sie genügte dennoch, um universell zu bestreiten, daß das Leiden notwendiger Bestandteil der Bedingungen menschlichen Lebens ist, daß auf ewig unmenschliche Bedingungen Bestand haben können. Deswegen scheitert das bürgerliche Denken in seinem Bemühen, über das Leiden hinwegzutrösten: keine Rechtfertigung erreicht die Kraft der Hoffnung, die die Bourgeoisie einst erzeugte, als sie alles auf die Technik und den Wohlstand setzte.
Die verzweifelte Brüderlichkeit in der Krankheit ist das Schlimmste, was einer Zivilisation passieren kann. Weniger der Tod widert die Menschen des 20. Jahrhunderts an, als die Abwesenheit eines wahren Lebens. Jede leblose, mechanisierte, spezialisierte Geste nimmt hundert-, tausendmal am Tag ein Stück Leben fort, bis zur Erschöpfung von Geist und Körper, bis zu einem Ende, das nicht das Ende des Lebens ist, sondern Abwesenheit, die ihren Sättigungsgrad erreicht hat; das ist es, was den Apokalypsen, den gewaltigen Zerstörungen, der totalen Vernichtung, dem totalen, brutalen und sauberen Tod Charme zu verleihen droht. Auschwitz und Hiroshima sind "der Trost des Nihilismus". Es reicht aus, daß die Ohnmacht, das Leiden zu besiegen, kollektives Gefühl wird, damit sich plötzlich die Forderung zu leiden und zu sterben der Gemeinschaft bemächtigt. Bewußt oder unbewußt ziehen die meisten Menschen es vor zu sterben, als dauernd die Unzufriedenheit in ihrem Leben zu spüren. Stets habe ich bei den Demonstrationen der Atomgegner, abgesehen von einer aktiven radikalen Minderheit, eine Mehrheit von Büßern gesehen, die ihren eigenen Wunsch, mit der gesamten Menschheit zugrunde zu gehen, auszutreiben versuchten. Selbstverständlich wehren sie sich gegen diese Feststellung, doch der Mangel an Freude, der ihr Gesicht zeichnet - die wahre Freude ist immer revolutionär -, führt den Gegenbeweis, ohne Widerspruch.
Das ganze Spektakel, das im Einzelfall um das Elend und den Schmerz herum aufgezogen wird, soll vielleicht vermeiden, daß ein universeller Wunsch, zugrunde zu gehen, die Menschen überwältigt. Eine Art gemeinnütziger Menschenfreundlichkeit drängt jeden dazu, sich mit dem Spektakel der Gebrechen anderer über seine eigenen Gebrechen hinwegzutrösten.
Beispiele sind die Bilder von Katastrophen das Drama des hintergangenen Sängers, der lachhafte Unrat, den die Sensationspresse ausschüttet, die Hospitale, die Asyle, die Gefängnisse, alles Museen zur Tröstung jener, denen die Furcht dort hinzukommen, die Freude bereitet, nicht dort zu sein. Manchmal spüre ich in mir ein derartiges Leid, diffus und überall in mir verteilt, daß ich mit Erleichterung das Unglück beobachte, das das Leid konkretisiert, rechtfertigt, ein Abreagieren erlaubt. Nichts wird mich in dieser Überzeugung irremachen: meine Traurigkeit, die ich bei einem Bruch, einem Mißerfolg, einer Trauer verspüre, trifft mich nicht wie ein von außen kommender Pfeil, sondern quillt aus mir wie aus einer Quelle, die ein Erdrutsch freigelegt hat. Es gibt Verletzungen, die den Geist einen lange angehaltenen Schrei ausstoßen lassen. Die Verzweiflung gibt ihr Opfer nie wieder frei; das Opfer sieht die Verzweiflung nur im Ende einer Liebe oder im Tod eines Kindes, dort, wo nur der Schatten der Verzweiflung herrscht. Die Trauer ist nur Vorwand, eine angenehme Art, das Nichts in kleinen Stößen zu ejakulieren. Die Tränen, die Schreie, das Geheul der Kindheit bleiben im Herzen der Menschen gefangen. Auf ewig? Auch die Leere in Dir wächst ständig.
3 Ein Wort noch zu den Alibis der Macht. Nehmen wir an, ein Tyrann findet Vergnügen daran, Gefangene, die vorher am lebendigen Leibe enthäutet wurden, in eine enge Zelle zu werfen, ihre grausigen Schreie zu hören und sie jedesmal aufeinander losgehen zu sehen, wenn sie miteinander in Berührung kommen. Gleichzeitig fühlt er sich dadurch angeregt, über die menschliche Natur und das seltsame Betragen der Menschen zu meditieren. Nehmen wir außerdem an, daß es zur gleichen Zeit im gleichen Land Philosophen und Gelehrte gibt, um der Welt der Wissenschaft und der Kunst zu erklären, daß das Leiden seinen Grund im räumlichen Zusammenleben der Menschen, in der unvermeidlichen Gegenwart der anderen, in der Gesellschaft als solcher findet - hätte man nicht Grund, diese Leute als Wachhunde des Tyrannen anzusehen? Eine gewisse existentialistische Konzeption hat mit solchen Thesen klar das Zusammenspiel der Linksintellektuellen mit der Macht ebenso gedeckt wie den plumpen Trick, mit dem eine unmenschliche gesellschaftliche Organisation den eigenen Opfern die Verantwortung für ihre Grausamkeiten auferlegt.
Ein Publizist schrieb im 19. Jahrhundert: "Auf Schritt und Tritt begegnen uns in der heutigen Literatur Versuche, die das individuelle Leiden als soziales Übel erklären wollen und die Organisation unserer Gesellschaft für das Elend und die Degradierung ihrer Mitglieder verantwortlich machen wollen. Das ist eine vollkommen neue Vorstellung. Man sieht seine Leiden nicht mehr als Schicksalsschläge an." Eine so aktuelle "Neuigkeit" hat offenbar die guten, in Schicksalsgläubigkeit eingezuckerten Geister nicht sonderlich aufgerührt: Sartre und die Hölle, die die anderen sind, Freud und der Todestrieb, Mao und die historische Notwendigkeit. Welcher Unterschied besteht denn noch zu dem idiotischen: die Menschen sind nun mal so.
Die hierarchisierte gesellschaftliche Organisation ist einem System von Trichtern vergleichbar, das von scharfen Klingen durchzogen ist. Wenn die Macht uns die Haut vom lebendigen Leibe zieht, setzt sie all ihre Geschicklichkeit daran, uns davon zu überzeugen, daß wir uns gegenseitig die Haut vom Leibe reißen. Das nur zu schreiben heißt in der Tat, nur eine neue Schicksalsgläubigkeit zu nähren; doch ich schreibe es mit der Absicht, daß sich niemand darauf beschränkt, es nur zu lesen.
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Der Altruismus bildet die Rückseite der Medaille der "Hölle, die die anderen sind"; diesmal stellt sich die Mystifizierung unter dem Zeichen des Positiven dar. Ein für allemal Schluß mit dem Geist der Veteranen! Um an dem anderen Interesse zu finden, muß ich zuerst die Kraft für ein derartiges Interesse in mir selbst finden. Das, was mich mit den anderen verbindet, muß in dem sichtbar werden, was mich mit dem reichsten und anspruchsvollsten Teil meines Willens zu leben verbindet. Nicht umgekehrt. In den anderen sehe ich immer mich selbst, meine Bereicherung, meine Verwirklichung. Möge sich jeder dessen bewußt werden! Dann wird das "jeder für sich" in letzter Konsequenz zu einem "alle für jeden" werden. Die Freiheit des einen wird die Freiheit aller sein. Eine Gemeinschaft, die nicht von den individuellen Forderungen und ihrer Dialektik ausgeht, kann nur die unterdrückende Gewalt der Macht verstärken. In den anderen, in denen ich nicht mich selbst finde, finde ich nichts anderes als ein Ding; und der Altruismus lädt mich gerade zur Liebe zu den Dingen ein. Zur Liebe meiner Isolierung.
Aus dem Blickwinkel des Altruismus oder der Solidarität - dem Altruismus der Linken - steht das Gefühl der Gleichheit kopf. Denn was ist es anderes, als die gemeinsame Furcht der isolierten, gedemütigten, erniedrigten, geschlagenen, hintergangenen, zufriedengestellten Mitglieder der Gesellschaft, die Furcht von getrennten Teilen, die sich vereinigen möchten, doch nicht etwa in der Wirklichkeit, sondern in einer mystischen Einheit, egal welcher, der Einheit der Nation oder der Arbeiterbewegung, Hauptsache man fühlt sich wie "unter Brüdern" in den Nächten großer Trinkgelage. Die Gleichheit in der großen Familie der Menschen verherrlicht den Weihrauch der religiösen Mystifikationen. Man muß schon beide Nasenlöcher verstopft haben, damit einem nicht übel wird.
Ich selbst erkenne keine andere Gleichheit an als die, die mein Wille zu leben in dem Lebenswillen der anderen anerkennt. Die revolutionäre Gleichheit wird untrennbar individuell und kollektiv sein.
4 Nur einen einzigen Horizont eröffnet die Perspektive der Macht: den Tod. Das Leben geht so lange zu diesem Brunnen der Verzweiflung, bis es hineinfällt und ertrinkt. Überall, wo der lebendige Fluß des Alltags zum Stillstand kommt, spiegeln die Gesichter der Lebenden die Züge des Ertrunkenen wider; beim genauen Hinsehen ist das Positive negativ, was jung ist, ist bereits alt, was gerade neu erbaut wird, droht schon umzustürzen. Im Reich der Verzweiflung blendet die Weitsicht ebenso wie die Lüge. Die Menschen sterben, ohne es zu wissen, von hinten getroffen. Das lauernde Bewußtsein des Todes verschlimmert noch die Tortur und beschleunigt den Todeskampf. Der Verschleiß durch gebremste, behinderte, verbotene Gesten zerfrißt sicherer als Krebs, doch nichts breitet den "Krebs" schneller aus als das klare Bewußtsein eines derartigen Verschleißes. Ich bin davon überzeugt, daß einen Mann, den man ständig fragen würde: "Hast du die Hand, die dich in jeder Beziehung schonend umbringt, entdeckt? " nichts mehr vor der Vernichtung bewahrt. Die Wirkung jeder einzelnen Schikane zu bewerten und das Gewicht jeden einzelnen Zwanges an der Nervenbelastung zu messen, genügt, um das kraftvollste Individuum in die Ecke eines einzigen, alles beherrschenden Gefühls zu drängen, des Gefühls grausamer Schwäche und völliger Ohnmacht. Das Geschwür der Zwänge wächst aus der Tiefe des Geistes und nichts Menschliches widersteht ihm.
Manchmal habe ich das Gefühl, daß mich die Macht ihr gleich macht: eine große Kraft kurz vor dem Zusammenbrechen, eine gewaltige Wut, die sich nicht austoben kann, eine Leidenschaft nach Totalität, die sich plötzlich verhärtet. Eine machtlose Ordnung herrscht nur, wenn sie die Machtlosigkeit ihrer Sklaven sichert; das haben Franco und Batista glanzvoll bewiesen, als sie die gefangenen Revolutionäre kastrierten. Die Herrschaftssysteme, die man scherzhaft "demokratisch" taufte, humanisieren lediglich die Kastration: vorzeitiges Altern zu bewirken, erscheint auf den ersten Blick weniger mittelalterlich als die Benutzung des Messers und der Ligatur. Doch nur auf den ersten Blick, denn sobald ein klarer Geist begreift, daß es von da an der Geist ist, der die Ohnmacht bewirkt, kann man ohne weiteres die Partie für verloren erklären!
Es gibt ein Verständnis, das die Macht zuläßt, weil es ihren Zwecken dient. Die eigene Weitsicht vom Licht der Macht ableiten heißt, Licht in die Dunkelheit der Aussichtslosigkeit zu bringen, heißt, ihre Wahrheit durch die Lüge zu verstärken. Das Stadium des Ästhetischen definiert sich wie folgt: entweder der Tod gegen die Macht oder der Tod in der Macht; Arthur Cravan und Jacques Vaché auf der einen Seite, SS, Paras und Fremdenlegionäre auf der anderen. Bei ihnen ist der Tod eine logische und natürliche Vollendung, die höchste Bestätigung eines fortwährenden Tatbestandes, letzter Gedankenstrich auf einer Lebenslinie, auf der letztlich nichts geschrieben steht. Was der fast universellen Anziehungskraft der Macht nicht entgeht, vergeht gleichförmig. Das ist immer der Fall der Dummheit und der geistigen Verwirrung, das ist oft der Fall der Intelligenz. Mit entgegengesetztem Vorzeichen haben Drieu undJacques Rigaux den gleichen Knacks: die Ohnmacht des ersteren führt zur Unterwerfung und Unterwürfigkeit, die Revolte des letzteren bricht sich vorzeitig am Unmöglichen. Die Verzweiflung des Bewußtseins schafft die Mörder im Dienst der Ordnung, das Bewußtsein der Verzweiflung schafft die Mörder im Dienst der Unordnung. Dem Fall der angeblichen Anarchisten der Rechten in die Anpassung entspricht mit gleicher Schwerkraft der Fall der verdammten Erzengel in die stählernen Klauen des Leidens. Auf dem Grunde der Verzweiflung mahlen mit schepperndem Geräusch die Mühlen der Konterrevolution.
Das Leiden ist der Schmerz empfundener Zwänge. Ein wenig reine Freude, wie klein sie auch immer sein mag, hält es in Schach. Den Teil echter Freude und echten Feierns zu verstärken, gleicht den Vorbereitungen eines allgemeinen Aufstandes zum Verwechseln.
Heute werden die Menschen zu einer gewaltigen Jagd auf Mythen und eingefleischte Ideen eingeladen, doch um jedes Mißverständnis auszuschließen: sie werden ohne Waffen oder, schlimmer noch, mit den Papierwaffen der reinen Spekulation in einen Sumpf von Zwängen geschickt, in dem sie schließlich steckenbleiben. Deshalb wird es uns vielleicht die erste große Freude bereiten, den ersten Stoß den Ideologen der Entmystifizierung vor allen anderen zu versetzen, um zu sehen, wie sie sich aus der Affäre ziehen, und dann aus dem, was sie zuwege bringen, unseren Vorteil zu ziehen oder aber über ihren Körpern voranzuschreiten.
Die Menschen werden von einem Schrank erdrückt, wie Rosanow schreibt. Wenn es nicht gelingt, den Schrank emporzuheben, ist es unmöglich, ganze Völker von endlosen und unerträglichen Leiden zu befreien. Es ist schrecklich, wenn auch nur ein einziger Mensch erdrückt wird. Er will ja atmen, aber er kann nicht mehr. Der Schrank lastet auf allen Menschen und dennoch erhält jeder seinen unabtretbaren Teil am Leid. Zwar bemühen sich alle Menschen, den Schrank hochzuheben, nur mit unterschiedlicher Überzeugungskraft und Stärke. Seltsame, ächzende Zivilisation.
Die Denker fragen sich: "Die Menschen unter einem Schrank! Wie sind sie darunter gekommen? " Sie sind jedenfalls darunter gekommen. Und wenn jemand im Namen der Objektivität beweisen will, daß es unmöglich sei, eine solche Bürde jemals wieder abzuwerfen, dann erhöht jeder seiner Sätze, jedes seiner Worte das Gewicht des Schrankes, dieses Objekt, das er durch die Universalität seines "objektiven Bewußtseins" darstellen will. Dann haben wir das ganze christliche Denken vor uns, das das Leiden wie einen treuen Hund streichelt und das Bild erdrückter, aber lächelnder Menschen verbreitet. "Das Recht ist stets auf der Seite des Schrankes", geben Tausende tagtäglich veröffentlichter Bücher zu verstehen, die nur darauf warten, in den Schrank gestellt zu werden. Dennoch möchte jeder atmen, aber keiner kann atmen und viele sagen sich: "Wir werden später atmen", und die meisten sterben nicht, denn sie sind bereits tot.
Es wird jetzt geschehen oder nie.
V. Der Niedergang der Arbeit
Die Pflicht zu produzieren entfremdet die Leidenschaft, schöpferisch zu handeln. Die produktive Arbeit gehört zu den Verfahren zur Aufrechterhaltung der Ordnung. Die Arbeitszeit verringert sich in dem Maße, wie der Machtbereich der Konditionierung wächst.
In einer industrialisierten Gesellschaft, die Arbeit mit Produktivität verwechselt, stand die Notwendigkeit zu produzieren, stets im Gegensatz zu dem Wunsch, schöpferisch zu handeln. Was bleibt an menschlichem Funken, das heißt an möglicher Kreativität, bei einem Wesen übrig, das jeden Morgen um sechs aus dem Schlaf gerissen wird, in den Vorstadtzügen hin- und hergeworfen, vom Lärm der Maschinen betäubt, vom Akkord, den sinnlos gewordenen Gesten, der statistischen Überwachung ausgelaugt und am Ende des Tages wieder in die Bahnhofshallen ausgestoßen wird, diese Kathedralen des Aufbruchs in die Hölle der Arbeitswochen und das winzige Paradies der Wochenenden, wo die Menge in der Erschöpfung und im Stumpfsinn verbunden ist? Von der Jugend bis zum Rentenalter wiederholt sich unablässig und gleichförmig im Kreislauf von 24 Stunden das Zerbröckeln gebrochener Scheiben: Zerbrechen im erstarrten Rhythmus, Zerbrechen in der Zeit, die Geld ist, Zerbrechen in der Unterordnung unter den Chef, Zerbrechen in der Langeweile, Zerbrechen in der Erschöpfung. Von der brutal zerstückelten lebendigen Kraft bis hin zum klaffenden Riß im Alter zerbricht das Leben überall unter den Stößen der Zwangsarbeit. Nie hat eine Zivilisation einen derartigen Grad von Verachtung gegenüber dem Leben erreicht; im Ekel ertränkt hat nie eine Generation leidenschaftlicher den Wunsch zu leben empfunden. All die, die langsam in den mechanisierten Schlachthäusern der Arbeit getötet werden, sind auch hier, um zu diskutieren, zu singen, zu trinken, zu tanzen, zu lieben, sind in den Straßen, greifen zu den Waffen, erfinden eine neue Poesie. Schon bildet sich die Front gegen die Zwangsarbeit, schon formen die Gesten der Verweigerung das zukünftige Bewußtsein. Jeder Aufruf zur Produktivität ist unter den Bedingungen des Kapitalismus und des sowjetisierten Wirtschaftssystems ein Aufruf zur Sklaverei.
Die Notwendigkeit zu produzieren findet ihre Rechtfertigung so leicht, daß jeder Ideologe der Technokratie wie Fourastié damit mühelos zehn Bücher vollstopfen kann. Zum Unglück für die Volkswirtschaftler neuer Schule gehören die Rechtfertigungen ins 19. Jahrhundert, eine Epoche, in der das Elend der arbeitenden Klassen das Recht auf Arbeit dem Recht auf Sklaverei gleichstellte, das im Morgen unseres Zeitalters von den der Massakrierung geweihten Gefangenen gefordert wurde. Es ging vor allem anderen darum, nicht physisch zugrunde zu gehen, zu überleben. Die Gebote der Produktivität sind die Gebote des Überlebens; doch künftig wollen die Menschen leben und nicht nur überleben.
Den gemeinsamen Ursprung der Worte "Arbeit" und "Mühe" zu vergessen, zeugt von einer gewissen Sorglosigkeit. Den Adligen blieb wenigstens ihre Würde wie auch die Würdelosigkeit ihrer Untertanen in der Erinnerung. Die aristokratische Verachtung der Arbeit spiegelte die Verachtung des Herrschers gegenüber den beherrschten Klassen wider; die Arbeit war Buße, zu der sie auf ewig göttlicher Ratschluß verdammte, der sie aus unerforschlichen Gründen zu Untertanen ausersehen hatte. Die Arbeit gehörte zu den Sanktionen der Vorhersehung, war Strafe für den Armen, eine Strafe, von der auch das Wohlergehen in der Zukunft abhing und die daher zugleich Freude bedeuten konnte. Im Grunde genommen war die Arbeit weniger wichtig als die Unterordnung.
Die Bourgeoisie beherrscht nicht, sie beutet aus. Sie unterwirft weniger, sie nutzt lieber aus. Warum hat man nicht erkannt, daß das Prinzip produktiver Arbeit einfach an die Stelle des Prinzips feudaler Autorität getreten ist? Warum wollte man das nicht verstehen?
Ist es, weil die Arbeit die Lebensbedingungen der Menschen verbessert und den Armen - zumindest illusionär - aus der ewigen Verdammnis erlöst? Sicherlich. Doch heute wird ersichtlich, daß die Erpressung für eine bessere Zukunft gelehrig der Erpressung für das Heil im Jenseits nachfolgt. In beiden Fällen ist es immer die Gegenwart, die unter den Schlägen der Unterdrückung leidet.
Ist es, weil die Arbeit die Natur verwandelt? Ja Aber was soll ich mit einer Natur anfangen, die nach Profitgesichtspunkten innerhalb einer Ordnung von Dingen arrangiert ist, in der die technische Inflation die Deflation in der Verwendung des Lebens verdeckt? Wie im übrigen der Sexualakt nicht die Funktion hat, Kinder zu zeugen, sondern dies nur ganz zufällig tut, so verwandelt die organisierte Arbeit auch nur ganz nebenher das Gesicht der Erde, folgerichtig, aber ohne Absicht. Arbeiten, um die Welt zu verändern? Was nicht noch alles! Die Veränderung der Welt folgt dem Bestand der Zwangsarbeit; deshalb verändert sie sich so schlecht.
Verwirklicht sich der Mensch womöglich in seiner aufgezwungenen Arbeit? Im 19. Jahrhundert fand sich in der Arbeit noch eine winzige Spur von Kreativität. Zola beschrieb einen Wettkampf der Nagelschmiedekunst, in dem die Arbeiter bei ihren kleinen Meisterstücken an Geschicklichkeit wetteiferten. Es waren ohne Zweifel die Liebe zum Handwerk und eine, wenn auch mühsame Suche nach schöpferischem Ausdruck, die die Arbeiter 10 bis 15 Stunden durchstehen ließen, was nicht möglich gewesen wäre, hätte sich nicht etwas Freude in sie eingeschlichen. Eine im Prinzip noch handwerkliche Konzeption erlaubte es jedem, sich in der Unsicherheit der Hölle der Fabrik komfortabel einzurichten. Der Taylorismus versetzte dieser Mentalität, die der archaische Kapitalismus liebevoll gepflegt hatte, den Gnadenstoß. Von der Fließbandarbeit läßt sich nicht einmal eine Karikatur von Kreativität erhoffen. Die Liebe zur gut durchgeführten Arbeit und der Wunsch nach einem Vorwärtskommen in der Arbeit sind heute unauslöschliche Zeichen von Schlappheit und allerdümmster Unterwerfung. Deswegen bahnt sich überall dort, wo Unterwerfung gefordert wird, der alte ideologische Furz seinen Weg, von dem "Arbeit macht frei" der Konzentrationslager bis zu den Reden von Henry Ford und Mao Tse-tung.
Was ist also die Funktion der Zwangsarbeit? Der Mythos der Macht, der von dem Herrscher und Gott gemeinsam unterhalten wurde, leitete seine Zwangsgewalt von der Einheit des feudalen Systems her. Die pluralistische Herrschaft der Bourgeoisie zerbrach den einheitlichen Mythos und errichtete unter dem Zeichen der Krise die Herrschaft von Ideologien, die weder einzeln noch gemeinsam auch nur einen Bruchteil der Wirksamkeit des Mythos erreichen werden. Die Diktatur der produktiven Arbeit tritt zum richtigen Zeitpunkt die Nachfolge an. Aufgabe der produktiven Arbeit ist es, so viele Menschen wie möglich biologisch zu schwächen, kollektiv zu kastrieren und zu verdummen, um sie so für die unfruchtbarsten, unmännlichsten und greisenhaftesten Ideologien empfänglich zu machen, die es je in der Geschichte der Lüge gegeben hat.
Das Proletariat des 19. Jahrhunderts bestand in seiner Mehrheit aus physisch geschwächten Menschen, die die Tortur der Werkstatt systematisch zerbrochen hatte. Die Revolten gingen von den kleinen Handwerkern, den Privilegierten oder den Arbeitslosen aus, nicht von den Arbeitern, die von einem 15-Stunden-Tag fertiggemacht wurden. Ist es nicht beunruhigend, daß die Arbeitszeit zu einer Zeit verringert wird, in der das Spektakel ideologischer Spielarten, das die Konsumgesellschaft in Szene gesetzt hat, in der Lage scheint, wirksam alle feudalen Mythen zu ersetzen, die die junge Bourgeoisie zerstört hat? (Viele Leute haben wirklich für einen Kühlschrank, einen Wagen, einen Fernseher gearbeitet, und viele tun es auch heute noch, dazu "eingeladen", die Passivität und die leere Zeit zu konsumieren, die ihnen die "Notwendigkeit" zu produzieren "bietet".)
Eine 1938 veröffentlichte Statistik besagt, daß die notwendige Arbeitszeit bei Anwendung moderner Produktionsmethoden auf drei Stunden pro Tag verringert werden könnte. Mit unserem siebenstündigen Arbeitstag sind wir nicht nur weit von dieser Zahl entfernt, die Bourgeoisie (und ihre sowjetisierte Version) verfolgt außerdem auch weiterhin die Zerstörung des Menschen außerhalb der Arbeitszeit, nachdem sie Generationen von Arbeitern dadurch verschlissen hat, daß sie ihnen den Wohlstand versprach, den sie ihnen heute auf Abzahlungskredit verkauft. Morgen wird sie den Menschen für fünf Stunden täglichen Verschleißes mit einer Freizeit von Kreativität ködern, die sie so weit ausdehnen wird, wie es ihr gelingt, sie mit der Unmöglichkeit auszufüllen, schöpferisch zu handeln. (Das ungeheure Problem der Freizeitbeschäftigung.)
Mit Recht schrieb man: "China sieht sich gewaltigen wirtschaftlichen Problemen gegenüber; die Produktivität ist für sie eine Überlebensfrage." Niemand denkt daran, das zu leugnen. Was mir jedoch schwerwiegend erscheint, das sind nicht die wirtschaftlichen Notwendigkeiten, es ist die Art und Weise, wie man ihnen begegnet. Die rote Armee von 1917 bildete einen neuartigen Organisationstyp. Die rote Armee von 1960 ist eine Armee, wie man sie auch in kapitalistischen Ländern findet. Die Umstände haben bewiesen, daß sie den revolutionären Milizen weit unterlegen blieb. In gleicher Weise verdammt sich die chinesische Planwirtschaft durch ihre Ablehnung autonomer Arbeitsorganisation der föderierten Gruppen dazu, ein weiteres Beispiel des perfektionierten Kapitalismus zu werden, der sich Sozialismus nennt. Hat man sich je die Mühe gemacht, die Arbeitsformen primitiver Völker zu studieren, die Wichtigkeit des Spiels und der Kreativität, den unglaublichen Ertrag, den Methoden erzielen, die eine Unterstützung durch moderne Techniken noch hundertfach wirksamer machen würde. Anscheinend nicht. Jeder Aufruf zur Produktivität kommt von oben. Doch nur die Kreativität ist auf spontane Weise reich. Von der Produktivität kann man sicher kein reiches Leben erwarten, von der Produktivität läßt sich keine kollektive und begeisterte Antwort auf die wirtschaftlichen Bedürfnisse erhoffen. Doch was soll man noch sagen, wenn man weiß, mit welchem Kult die Arbeit auf Kuba wie in China geehrt wird und wie leicht die tugendhaften Seiten eines Guizot künftig in eine Ansprache zum 1. Mai gehören können?
In dem Maße, wie Automation und Kybernetik einen massiven Ersatz von Arbeitern durch mechanische Sklaven vorhersehen läßt, enthüllt die erzwungene Arbeit ihre Zugehörigkeit zu den barbarischen Methoden zur Aufrechterhaltung der Ordnung. Auf diese Weise fabriziert die Macht die für die passive Anpassung an ihre Fernseh-Diktate erforderliche Dosis Erschöpfung. Für welchen Köder jetzt noch arbeiten? Der Schwindel verliert seine Kraft; es gibt nichts mehr zu verlieren, nicht einmal eine Illusion. Die Organisation der Arbeit und die Organisation der Freizeit schließen die Kastrationsschere, die die Rasse unterwürfiger Hunde verbessern soll. Werden wir eines Tages Streikende erleben, die die Automation und die 10-Stunden-Woche fordern und zur Durchsetzung der Arbeitseinstellung in den Fabriken, Büros und Kulturzentren lieben werden? Nur die Planer, Manager, Gewerkschaftsführer und Soziologen würden sich darüber wundern und beunruhigt sein. Nicht ohne Grund. Schließlich geht es dabei um ihren Kopf.
VI. Druckausgleich und dritte Kraft
Bis zur Gegenwart haben die Tyranneien nur die Tyrannen gewechselt. Im gemeinsamen Respekt der Führerfunktion haben die widerstreitenden Kräfte stets den Keim für ihre spätere Koexistenz gelegt. (Wenn der Spielleiter die Macht eines Chefs übernimmt, stirbt die Revolution mit den Revolutionären.) Die unaufgelösten Cegensätze sterben ab und verbergen dadurch die wahren Widersprüche. Der Druckausgleich ist die permanente Kontrolle der gegensätzlichen Kräfte durch die herrschende Klasse. Die dritte Kraft radikalisiert die Widersprüche und fuhrt im Namen der individuellen Freiheit und gegen alle Zwänge zu ihrer Aufhebung. Die Macht hat lediglich die Möglichkeit, die dritte Kraft zu zerschlagen oder sie einzufangen, ohne ihre Existenz anzuerkennen.
Stellen wir fest, wo wir uns befinden. Einige Millionen Menschen lebten in einem riesigen Gebäude ohne Fenster und Türen. Unzählige Öllampen kämpften mit ihrem mageren Licht gegen die dauernde Finsternis. Sie mußten, wie es seit eh und je üblich war, von den Armen unterhalten werden, und daher spiegelte ihr Schein getreulich das Auf und Ab zwischen aufflackernden Revolten und windstiller Ruhe wider. Eines Tages brach ein allgemeiner Aufstand los, der heftigste, den dieses Volk jemals erlebt hatte. Die Anführer verlangten eine gerechte Verteilung der Beleuchtungskosten; eine große Zahl von Revolutionären verlangte den Gratistarif, da es sich um eine gemeinnützige Einrichtung handele; einige Extremisten gingen sogar so weit, die Zerstörung des Wohnortes zu verlangen, der nach ihrer Behauptung gesundheitsschädlich und für ein gemeinsames Leben ungeeignet war. Wie gewöhnlich sahen sich die Vernünftigsten der Brutalität der Kämpfe hilflos gegenüber. Im Verlauf besonders heftiger Kampfhandlungen mit den Kräften der Ordnung sprengte eine vorbeigezielte Kanonenkugel eine Öffnung in die äußere Umfassungsmauer, durch die Tageslicht eindrang. Nach einem ersten Augenblick der Fassungslosigkeit wurde das hereinflutende Licht als Sieg gefeiert. Dort lag die Lösung: Jetzt genügte es, weitere Öffnungen herauszusprengen. Die Lampen wanderten auf den Müll oder in die Museen, die Macht fiel denen zu, die die Fenster aufbrachen. Man vergaß die Anhänger einer radikalen Zerstörung und selbst ihre unauffällige Liquidierung schien fast unbemerkt zu bleiben. (Man stritt sich über Anzahl und Lage der Fenster.) Ein oder zwei Jahrhunderte später entsann man sich wieder ihrer Namen, als das Volk, dieser ewig Unzufriedene, daran gewöhnt, weite verglaste Fensterfluchten vor sich zu sehen, begann, sich extravagante Fragen zu stellen. "Seine Tage in einem klimatisierten Gewächshaus dahinschleichen zu sehen - heißt das "leben"? fragte es sich.
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Das heutige Bewußtsein ist einmal das Bewußtsein eines lebendig Eingemauerten, ein andermal das Bewußtsein eines Gefangenen. Der schillernde Wechsel bedeutet für ihn Freiheit; wie ein Verurteilter wandert er zwischen der weißen Wand seiner Zelle und dem vergitterten Fenster, das die Flucht verhindert, hin und her. Wenn jemand eine Öffnung in den Keller der Isolierung bricht, dringt Hoffnung mit dem hereinflutenden Licht ein. Von der Hoffnung auf Flucht, die die Gefängnisse aufrechterhalten, hängt die Gefügigkeit des Gefangenen ab. Ein Mann hinter einer Mauer ohne Ausblick hingegen, kennt nur noch die Wut, sie niederzureißen oder sich an ihr den Kopf einzurennen, was aus dem Blickwinkel einer guten, sozialen Organisation nur bedauerlich wäre (selbst wenn der Selbstmörder nicht den glücklichen Einfall hat, im Stil der orientalischen Prinzen nach Abschlachtung all seiner Sklaven aus dem Leben zu scheiden: Richter, Bischöfe, Generäle, Polizisten, Psychiater, Philosophen, Manager, Spezialisten und Kybernetiker).
Der lebendig Eingemauerte hat alles zu gewinnen, der Gefangene kann nur noch die Hoffnung verlieren. Die Hoffnung ist das Gängelband der Unterwerfung. Von dem Moment an, wo die Macht auseinanderzubrechen droht, betätigt sie das Sicherheitsventil, sie verringert den Druck im Inneren. Es heißt, sie ändert sich; in Wahrheit paßt sie sich nur an und beseitigt ihre Schwierigkeiten.
Es gibt keine Autorität, die nicht eine ähnliche Autorität unter umgekehrtem Vorzeichen gegen sich gerichtet sieht. Nun gibt es für das Prinzip hierarchisierter Regierung nichts Gefährlicheres als die gnadenlose Auseinandersetzung zwischen zwei entgegengesetzten Gruppen, die von der Wut totaler Vernichtung erfüllt sind. In einem derartigen Konflikt reißt die Flut des Fanatismus die beständigsten Werte mit sich, das Niemandsland breitet sich überall aus und schafft ein Interregnum, in dem "nichts wahr und alles erlaubt ist". Allerdings bietet die Geschichte kein einziges Beispiel eines titanenhaften Kampfes, der nicht geschickt entschärft und in einen Operettenkonflikt verwandelt wurde. Woher kommt der Druckausgleich? Von dem stillschweigenden prinzipiellen Einverständnis der vorhandenen Kräfte.
Das hierarchische Prinzip ist in der Tat von den Tollwütigen beider Lager anerkannt. Niemals greift man einander ungestraft oder unschuldig an. Gegen den Kapitalismus der Lloyd Georges und der Krupps erhebt sich der Anti-Kapitalismus eines Lenin und eines Trotzki. Aus dem Spiegel der Herren von heute lächeln bereits die Herren von morgen. Wie Heinrich Heine schreibt:
Lächelnd scheidet der Tyrann
Denn er weiß nach seinem Tode
Wechselt Willkür nur die Hände
Und die Knechtschaft kennt kein Ende.
Die Chefs unterscheiden sich nach den Methoden, mit denen sie herrschen, aber sie bleiben stets Chefs; Inhaber einer Macht, die sie als privates Recht ausüben. (Die Größe Lenins lag unbestritten in seiner romantischen Weigerung, die absolute Führungsfunktion zu übernehmen, die seine stark hierarchisierte bolschewistische Organisation erforderlich machte; dieser Größe verdankt die Arbeiterbewegung übrigens auch Kronstadt 1921, Budapest 1956 und "Väterchen" Stalin.)
Der gemeinsame Standpunkt wurde seitdem Ansatzpunkt des Druckausgleichs. Den Gegner mit dem Bösen zu identifizieren und sich selbst mit dem Heiligenschein des Guten zu umgeben, hat sicherlich den strategischen Vorzug, die Energie der Kämpfenden zu polarisieren und so eine Aktionseinheit sicherzustellen. Doch verlangt diese Kampfführung zugleich auch eine Vernichtung des Gegners. Eine derartige Perspektive läßt die Gemäßigten zögern. Dies um so mehr, als die radikale Vernichtung des Gegners die Vernichtung dieses gemeinsamen Teils der entgegengesetzten Gruppen auch im eigenen Lager notwendig macht. Die bolschewistische Logik hätte die Köpfe der sozialdemokratischen Chefs fordern müssen. Denn diese Chefs beeilten sich, in ihrer Eigenschaft als Chefs Verrat zu üben. Die anarchistische Logik hätte zur Liquidation der bolschewistischen Macht führen müssen. Denn diese beeilte sich, in ihrer Eigenschaft als hierarchisierte Macht die Anarchisten zu vernichten. Die gleiche Kette vorhersehbaren Verrats brachte die Anarchisten Durrutis vor die Gewehrläufe der republikanischen, sozialistischen und stalinistischen Union.
Von dem Moment an, wo sich Spielleiter in Führer verwandeln, rettet das hierarchische Prinzip seine Haut, übernimmt die Revolution das Präsidium über das Massaker der Revolutionäre. Es gilt, ohne Unterlaß darauf hinzuweisen: Das Projekt des Aufstandes gehört den Massen, der Spielleiter unterstützt es, der Chef verrät es. Die echte Auseinandersetzung spielt sich am Anfang zwischen Spielleiter und Chef ab.
Der spezialisierte Revolutionär bemißt das Kräfteverhältnis nach dem Mengenverhältnis, so wie sich der militärische Grad nach der zahlenmäßigen Stärke der befehligten Einheit bemißt. Die Chefs der aufständischen oder angeblich aufständischen Parteien geben das Qualitative zugunsten eines quantitativen Überblicks auf. Mit zusätzlichen 500 000 Mann und moderner Bewaffnung hätten die "Roten" die spanische Revolution dennoch verloren. Sie wäre unter den Stiefeln der Volkskommissare gestorben. Die Reden der Pasionaria klangen bereits wie Beerdigungsansprachen; das pathetische Geschreie erstickte die Sprache der Tatsachen, den Geist der Gemeinden von Aragon, den Geist einer radikalen Minderheit, die entschlossen war, alle Köpfe der Hydra auf einmal abzuschlagen, nicht nur den faschistischen.
Niemals, und das mit Grund, ist eine absolute Auseinandersetzung bis zum Ende ausgetragen worden. Alles ist völlig neu zu beginnen. Die Geschichte hat nur eine einzige Rechtfertigung: uns dabei zu helfen.
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Dem Druckausgleich unterworfen, altern die anfangs unüberbrückbaren Gegensätze Seite an Seite, erstarren in einer formellen Opposition, verlieren ihre Substanz, neutralisieren sich, überziehen sich gegenseitig mit Schimmel. Wer würde den Bolschewik mit dem Messer zwischen den Zähnen in dem Gagarinismus des verblödeten und vergreisten Moskau wiedererkennen? Dank der Gnade des ökumenischen Wunders zementiert das "Proletarier aller Länder vereinigt Euch!" die Union aller Führer. Ein rührendes Bild. Hier finden wir den gemeinsamen Teil der Gegensätze wieder, die Saat der Macht, die ein radikaler Kampf im Keim zerstört hätte, der nun von neuem die feindlichen Brüder versöhnt.
Liegen die Dinge so einfach? Nein. Die Farce würde zu schwach wirken. Auf der internationalen Szene bieten der vergreiste Kapitalismus und der vergreiste Anti-Kapitalismus die große Schau ihres geistigen Süßholzraspelns. Den Zuschauern soll bei dem Gedanken an Uneinigkeit frösteln, sie sollen vor Freude jauchzen, wenn der Friede die umschlungenen Völker segnet! Verliert das Interesse an Kraft? Die Berliner Mauer wird um einen weiteren Stein erhöht; blutrünstig fletscht Mao seine Papierzähne, während ein Chor junger Chinesen Vaterland, Familie und Arbeit feiert. Zusammengeflickt geht der alte Manichäismus weiter seinen Weg. Das ideologische Spektakel schafft die Mode entwaffneter Gegensätze, um sich zu erneuern: Sind Sie für oder gegen Brigitte Bardot, die Beatles, den 2 CV, die Hippies, die Verstaatlichung, die Spaghetti, die Alten, die UNO, die Mini-Röcke, die Pop Art, den thermo-nuklearen Krieg, die Anhalter? Niemand wird nicht irgendwann einmal im Verlauf eines Tages von einem Plakat, einer Information, einem Stereotyp angesprochen, aufgefordert, sich zu vorgefertigten Details zu äußern, die mit Sorgfalt immer wieder alle Quellen der Kreativität im Alltag verschütten. In den Händen der Macht - dieser glasierte Fetisch - formen diese gegensätzlichen Teilchen einen magnetischen Ring, um den Kompaß der Individuen durcheinanderzubringen, jeden von sich selbst fortzuziehen und die Kraftströme umzuleiten.
Der Druckausgleich ist nichts anderes als die Manipulation der Gegensätze durch die Macht. Der Konflikt zwischen zwei Kräften wird erst durch die Intervention einer dritten bedeutend. Wenn es nur zwei Pole gibt, heben sich beide auf, denn jeder Pol entlehnt seine Bewertung der des anderen. Wo es nicht mehr möglich ist, ein Urteil zu fällen, betreten wir das Reich der Toleranz und der Relativität, das der Bourgeoisie so viel bedeutet. So versteht sich das Interesse der apostolischen und romanischen Hierarchie an dem Streit zwischen Manichäismus und Dreieinigkeit! Was wäre bei einer gnadenlosen Auseinandersetzung zwischen Gott und dem Satan an kirchlicher Autorität übriggeblieben? Die Krisen um das Tausendjährige Reich haben es bewiesen. Deshalb übt die weltliche Macht ihr heiliges Amt aus, deshalb brennen die Scheiterhaufen für die Mystiker Gottes oder des Teufels, für die verwegenen Theologen, die das Prinzip der Dreieinigkeit in Frage stellen. Nur die irdischen Herren des Christentums dünken sich fähig, die Auseinandersetzung zu schlichten, indem sie den Herrn des Guten dem Herrn des Bösen gegenüberstellen. Sie sind die großen Verbindungsmänner, über die obligatorisch der Weg zum Guten oder zum Bösen führt, sie kontrollieren die Wege des Heils wie die der Verdammnis, was für sie wichtiger ist als das Heil oder die Verdammnis selbst. Auf der Erde machten sie sich zu Richtern, gegen deren Spruch keine Berufung eingelegt werden konnte, denn sie wollten erst im Jenseits nach Gesetzen gerichtet werden, die sie selbst erfunden hatten.
Der christliche Mythos entschärfte den manichäischen Konflikt und bot den Gläubigen die Möglichkeit individuellen Heils. Das war die Bresche, die der Bastard von Nazareth schlug. So entging der Mensch einer Auseinandersetzung, die notwendig zur Zerstörung der Werte, zum Nihilismus geführt hätte. Doch er verpaßte dadurch auch die Chance, sich selbst mit Hilfe eines allgemeinen Umsturzes zu erobern, die Götter und ihre Geißeln zu verjagen und seinen Platz im Universum einzunehmen. So scheint die Bewegung des Druckausgleichs die wesentliche Funktion zu haben, den unangreifbaren Kern des menschlichen Willens, den Willen, ungeteilt er selbst zu sein, in Fesseln zu legen.
In allen Konflikten entgegengesetzter Kräfte kommt irgendwo ein ununterdrückbarer Teil individueller Forderungen ins Spiel, der häufig drohend seine Ansprüche geltend macht. So nachdrücklich, daß ein Punkt erreicht wird, an dem man allen Grund zur Annahme einer dritten Kraft hat. Die dritte Kraft ist in der individuellen Perspektive das, was der Druckausgleich in der Perspektive der Macht ist. Sie ist spontane Hilfskraft aller Kämpfe und radikalisiert als solche die Erhebungen, brandmarkt die falschen Probleme, bedroht die Herrschaft selbst in ihrer Struktur. Ihre Wurzel liegt überall im Alltagsleben. Auf sie spielt Brecht in einer Geschichte von Keuner an: "Ein Arbeiter wurde vor Gericht gefragt, ob er die weltliche oder die kirchliche Form des Eides benutzen wolle. Er antwortete: ,Ich bin arbeitslos.' "Mit der dritten Kraft beginnt nicht das Absterben, sondern die Aufhebung der Widersprüche. Wird sie zu früh gebrochen oder eingefangen, so wird sie kraft einer umgekehrten Bewegung zur Kraft des Druckausgleichs. So ist auch das Seelenheil nichts anderes als der Wille zu leben, der vom Mythos integriert, vermittelt und von seinem wirklichen Inhalt geleert wurde. Auf der anderen Seite erklärt die unumstößliche Forderung nach einem reichen Leben den Haß, der einige gnostische Sekten und die "Brüder des Freien Geistes" traf. Zum Zeitpunkt des Verfalls des Christentums stand in der Schlacht zwischen Pascal und den Jesuiten die reformistische Doktrin des Heils und der Aussöhnung mit dem Himmel der Notwendigkeit gegenüber, Gott in dem nihilistischen Umsturz der Welt zu verwirklichen. Diese Notwendigkeit der Verwirklichung füllte schließlich - von ihrer theologischen Schlacke befreit - das marxistische Projekt vom totalen Menschen, die Träumereien von Fourier, die Entfesselung der Kommune und die anarchistische Gewalttätigkeit mit neuem Leben.
Individualismus, Alkoholismus, Kollektivismus, Aktivismus ? der Abwechslungsreichtum der Ideologien beweist es: es gibt Hunderte von Arten, auf der Seite der Macht zu stehen. Es gibt nur eine Art, radikal zu sein. Die Mauer, die es einzureißen gilt, ist gewaltig, doch so viele Risse haben sie bereits gespalten, daß bald ein einziger Schrei genügen wird, um sie einstürzen zu sehen. Möge bald aus dem Nebel der Geschichte die herrliche Wirklichkeit der Dritten Kraft mit allem treten, was es an individuellen Leidenschaften jemals im Verlauf der Erhebungen gegeben hat! Wir werden herausfinden, daß das Alltagsleben eine Energie einschließt, die Berge versetzen und Entfernungen aufheben kann. Die lange Revolution bereitet sich darauf vor, die Geste in die Tat zu übertragen, die ihre unbekannten oder namenlosen Autoren mit Sade, Fourier, Babeuf, Marx, Lacenaire, Stirner, Lautréamont, Léhautier, Vaillant, Henry, Villa, Zapata, Machno, mit den Föderierten, mit denen aus Hamburg, Kiel, Kronstadt und Asturien verbindet und all die, die noch immer ihr Spiel spielen, mit uns verbindet, die wir gerade erst das große Spiel mit der Freiheit beginnen.
Die unmögliche Kommunikation
oder
Die Macht als universelle Vermittlung
Im Ordnungssystem der Macht ist die Vermittlung verfälschte Notwendigkeit; in ihr lernt sich der Mensch auf rationelle Weise zu verlieren. Heute wird die Entfremdungskraft der Vermittlungen durch die Diktatur des Konsumierbaren (VII.), den Vorrang des Tausches über die Gabe (VIII.), die Kybernetisierung (IX.) und die Herrschaft des Quantitativen (X.) verstärkt und zugleich in Frage gestellt.
VII. Das Zeitalter des Glücks
Der moderne Wohlstandsstaat entspricht unzeitgemäß den Überlebensgarantien, die die Enterbten der alten Produktionsgesellschaft forderten (1). - Der Reichtum des Überlebens beinhaltet die Verarmung des Lebens (2). - Die Kaufkraft ist die Genehmigung, Macht zu kaufen, Objekt innerhalb der Ordnung der Dinge zu werden. Unterdrückte und Unterdrücker fallen immer mehr unter die gleiche Diktatur des Konsums, nur mit unterschiedlicher Geschwindigkeit (3).
1 Das Gesicht des Glücks schimmert nicht mehr als Filigran durch die Werke der Kunst und der Literatur hindurch, seit es sich als Blickfang entlang der Mauern und Bauzäune vervielfacht hat und jedem einzelnen Passanten das universelle Bild bietet, in dem er sich wiedererkennen soll.
Ein Volkswagen löst alle Probleme!
Ajax zaubert ihre Sorgen fort!
Dieser Mann beweist Geschmack und Vernunft: er wählt Mercedes.
Das Glück ist kein Mythos, freut Euch Adam Smith und Bentham Jeremias: "Je mehr wir produzieren, desto besser leben wir", schrieb der Humanist Fourastie, und wie ein Echo antwortete einanderesGenie, der General Eisenhower: "Um die Wirtschaft zu retten, muß gekauft werden, egal was." Produktion und Konsum sind die Brüste der modernen Gesellschaft. So gestillt, vermehrt sich die Kraft, blüht die Schönheit der Menschheit: Erhöhung des Lebensstandards, unzählige Erleichterungen, abwechslungsreiche Zerstreuungen, Kultur für jedermann, bequemes Träumen. Am Horizont des Chruschtschow-Rapports bricht endlich der strahlende kommunistische Morgen an, der seine Herrschaft mit zwei revolutionären Verordnungen ankündigt: Abschaffung der Steuern und kostenloser öffentlicher Transport. Das goldene Zeitalter ist in der Tat in Sicht, ist zum Greifen nahegerückt.
Diese Umwälzung meldet einen wichtigen Vermißten: das Proletariat. Ist es vom Erdboden verschwunden? Organisiert es seinen Widerstand im Untergrund? Oder ist es in ein Museum verbannt? "Sociologi disputant." Manche versichern, daß es den Proletarier in den hochindustrialisierten Ländern nicht mehr gibt Andere entrüsten sich dagegen über diesen Taschenspielertrick und weisen mit erhobenem Finger auf ein Arbeitermilieu hin, dessen niedrige Löhne und miserable Bedingungen unweigerlich an das 19. Jahrhundert erinnern. "Randgruppe, die ihren Rückstand bald aufgeholt haben wird", erwidern die ersteren, "kann man denn abstreiten, daß Schweden, die Tschechoslowakei, der Wohlstandsstaat für die ökonomische Evolution richtungsweisend sind und nicht etwa Indien?"
Der schwarze Vorhang hebt sich: die Jagd auf die Verhungerten und den letzten Proletarier ist eröffnet. Wer wird ihm seinen Wagen, seinen Mixer, seine Bar und seine Bibliothek erfolgreich verkaufen. Wer wird ihn erfolgreich mit der lächelnden Gestalt auf dem beruhigenden Plakat identifizieren: "Glücklich Wer Lucky Strike Raucht."
Glückliche, wahrhaft glückliche Menschheit, die in naher Zukunft die Pakete in Empfang nehmen wird, deren Lieferung die Aufständischen des 19. Jahrhunderts errungen und mit dem Preis der Kämpfe bezahlt haben, die wir kennen. Nachträglich gesehen haben diejenigen, die die Revolte in Lyon und Fourmiers anzettelten, wirklich Glück gehabt. Die Millionen von Menschen, die erschossen, gefoltert und gefangengehalten wurden, die verhungerten, abgestumpft und gekonnt lächerlich gemacht wurden, haben im Frieden der Leichenhäuser und Massengräber wenigstens die historische Gewißheit, dafur gestorben zu sein, daß ihre Nachkommen isoliert in ihren air-conditioned Appartements im Glauben an die täglichen Fernsehsendungen gelehrig wiederholen, daß sie glücklich und frei sind. "Die Kommunarden haben sich bis zum Ictzten Mann erschießen lassen, damit auch Du Dir ein Philips Stereo-Gerät High-Fidelity kaufen kannst." Eine schöne Zukunft, die ohne Zweifel in der Vergangenheit viel Freude bereitet hätte.
Nur die Gegenwart kommt dabei nicht auf ihre Kosten. Die undankbare und ungebildete junge Generation will von dieser ruhmreichen Vergangenheit, die jedem Verbraucher trotzkistisch-reformistischer Ideologien als Prämie verheißen wird, nichts wissen. Sic behauptet, daß Forderungen Ansprüche an die Gegenwart bedeuten. Sie erinnert daran, daß der Grund fur die Kämpfe in der Vergangenheit in der Gegenwart der Kämpfer verankert lag und daß diese Gegenwart trotz unterschiedlicher historischer Bedingungen auch die ihrige ist. Kurz: will man ihr Glauben schenken, so gibt es ein gleichbleibendes Projekt, das die revolutionären Strömungen erfullt: das Projekt des totalen Menschen, der Wille, total zu leben, für den Marx als erster eine Taktik seiner wissenschaftlichen Verwirklichung entworfen hat. Doch da handelt es sich um entsetzliche Theorien, deren Kraft die christlichen und stalinistischen Kirchen unermüdlich ausgesogen haben. Höhere Löhne, mehr Kühlschränke, heilige Sakramente und Volkstheater - damit müßte man heute den revolutionären Heißhunger stillen können.
Sind wir zum Wohlstand verdammt? Die gemäßigten Gemüter werden sicher nicht aufhören, die Form zu beklagen, in der ein Programm kritisiert wird, das von Chruschtschow bis zum Doktor Schweitzer, vom Papst bis zu Fidel Castro, von Aragon bis zum seligen Kennedy Einstimmigkeit erzielt hat.
Im Dezember 1956 toben tausend Jugendliche durch die Straßen Stockholms, zünden Autos an, zerschmettern die Leuchtzeichen, reißen Reklameschilder ab und verwüsten die Kau fhäuser. In Merlebach nehmen sich die Arbeiter anläßlich eines Streiks, der den Arbeitgeber zwingen sollte, die Körper von sieben verschütteten Bergleuten ausgraben zu lassen, die parkenden Fahrzeuge vor. Im Januar 1961 verwandeln die Streikenden von Liege den Bahnhof Guillemins in ein Schlachtfeld und zerstören die Räume der Zeitung "La Meuse". In einer konzertierten Operation verwüsten einige hundert Rocker die Seebäder an der belgischen und englischen Küste im März 1964. 1966 besetzen Arbeiter für mehrere Tage die Straßen von Amsterdam. Fast kein Monat vergeht, in dem nicht Arbeiter in wilden Streiks den Arbeitgebern und Gewerkschaftsfunktionären gegenüb erstehen. Wohlstandsstaat. Das Viertel von Watts hat geantwortet. Ein Arbeiter von Esperance-Longdoz faßt seine Kritik an Leuten wie Fourastie, Berger, Armand, Moles und anderen Wachhunden der Zukunft wie folgt zusammen: "Seit 1936 habe ich für Lohnforderungen gekämpft. Ich besitze einen Fernseher, einen Kühlschrank, einen Volkswagen. Insgesamt gesehen ist mein Leben immer beschissen gewesen."
In ihren Worten und Gesten verträgt sich die neue Poesie schlecht mit dem Wohlstandsstaat. Die schönsten Radiomodelle für jedermann (1). Auch Sie werden in die große Familie der VW-Fahrer aufgenommen (2).
Carven bietet Ihnen Qualität. Wählen Sie frei unter ihren Produkten (3).
2 Im Reich des Konsums ist der Bürger König. Ein demokratisches Königtum: Gleichheit vor dem Konsum (1), Brüderlichkeit im Konsum (2), Freiheit durch Konsum (3). Die Diktatur des Konsumierbaren hat die Barrieren von Blut, Herkunft und Rasse völlig zum Verschwinden gebracht. Man müßte sich darüber vorbehaltlos freuen, hätte sie nicht mit der Logik der Dinge jede qualitative Unterscheidung verboten, um zwischen den Werten und den Menschen nur noch quantitative Unterschiede gelten zu lassen.
Zwischen denen, die viel besitzen, und denjenigen, die zwar wenig, aber jeden Tag etwas mehr besitzen, hat sich die Entfernung nicht verändert, doch die Zwischenstufen haben sich vervielfacht und in gewisser Weise die Extreme, die Herrschenden und die Beherrschten, dem gleichen Zentrum der Mittelmäßigkeit angenähert. Rcich sein bedeutet heute, eine große Zahl armseliger Gegenstände besitzen.
Die Konsumgüter verlieren tendenziell jeden Gebrauchswert. Ihrem Wesen entspricht es, um jeden Preis konsumiert zu werden. (13ekannt ist die jüngste Masche in den USA, die "nothing box", ein Gegenstand, der keinerlei Verwendungsmöglichkeit besitzt.) I)ie moderne Wirtschaft kann sich nur am Leben erhalten, wenn sie, wie es der General Dwight Eisenhower aufrichtig erklärte, den Menschen in einen Verbraucher verwandelt, ihn mit der größtmöglichen Quantität konsumierter Werte identifiziert, die in Wahrheit ihr Gegenteil sind, fiktive, leere, abstrakte, wertlose Werte. Nachdem der Mensch nach der glücklichen Formulierung Stalins zu "dem wertvollsten Kapital" geworden war, muß er künftig zum begehrtesten Konsumgut werden. Das Bild, das Stereotyp des Stars, des Armen, des Kommunisten, des Mörders aus Eifersucht, des ehrbaren Bürgers, des Revoltierenden, des Bourgeois, wird an die Stelle des Menschen nach unwiderlegbarer Roboterlogik ein systematisches Lochkartenverfahren setzen. Der Begriff des "Teenagers" führt bereits auf den Weg dazu, den Käufer dem gekauften Produkt anzugleichen, seine Vielfalt auf eine begrenzte Produktvielfalt zu reduzieren (Schallplatte, Gitarre, Blue jeans ?). Für das Alter kommt es nicht mehr- darauf an, wie einem das Herz schlägt oder wie man sich in seiner Haut fühlt, sondern auf das, was man kauft. Die Zeit des Produzierens, von der man sagt, daß sie Geld sei, wird sich in Zukunft nach dem Rhythmus der Aufeinanderfolge von gekauften, verbrauchten und weggeworfenen Produkten bemessen und somit Zeit des Verbrauchens und Aufbrauchens werden, Zeit des frühen Alterns, die die ewige Jugend der Bäume und der Steine bedeutet.
Das Konzept der Verelendung beweist sich heute nicht, wie Marx dachte, im Rahmen der Güter, die zum Überleben notwendig sind, denn diese haben sich nicht vermindert, sondern im Gegenteil unaufhörlich vermehrt, sondern im Überleben selbst, im Widerstreit des Überlebens zum wahren Leben. Der Komfort, von dem man ein reicheres Leben erhofft hatte, wie es bereits einmal von der feudalen Aristokratie gelebt wurde, ist nur das Kind der kapitalistischen Produktivität, dessen Schicksal ein vorzeitiges Altern sein wird, sobald es das Distributionssystem in ein einfaches Objekt passiven Konsums verwandelt hat. Arbeiten, um zu überleben, überleben durch Konsumieren und um zu konsumieren: der Teufelskreis hat sich geschlossen. Unter der Herrschaft des Ökonomismus ist das Überleben einerseits erforderlich, andererseits aber auch ausreichend. Das ist die bedeutendste Wahrheit, auf die sich das bourgeoise Zeitalter gründet. Es ist allerdings wahr, daß ein geschichtlicher Abschnitt, der auf einer derartig unmenschlichen Wahrheit aufbaut, nur ein Übergangsabschnitt sein kann, ein Übergang von dem im Dunkel verborgenen Leben der Feudalherren zu einem aus Vernunft und Leidenschaft konstruierten Leben von Herren ohne Sklaven. Es bleiben dreißig Jahre, um zu verhindern, daß das Übergangszeitalter der Sklaven ohne Herren zwei Jahrhunderte dauern wird.
3 Mit Blick auf das Alltagsleben nimmt die bürgerliche Revolution alle Zeichen der Konterrevolution an. Auf dem Markt fur menschliche Werte hat man selten so stark eine derartige Abwertung in der Konzeption der menschlichen Existenz empfunden. Das Versprechen einer Herrschaft von Freiheit und Wohlstand, das eine Herausforderung an das Universum war, machte die Mittelmäßigkeit eines Lebens noch spürbarer, das die Aristokratie einst mit Leidenschaften und Abenteuern zu bereichern verstand und das, als es schließlich jedermann offenstand, nur noch ein in Zimmer für Dienstpersonal parzellierter Palast war.
Die Menschen kannten seitdem im Leben weniger Haß als Verachtung, weniger Liebe als Zuneigung, weniger Lächerliches als Dummheit, weniger Leidenschaften als Gefühle, weniger Wünsche als Neid, weniger Vernunft als Berechnung, weniger Lebensart als das Bemühen, zu überleben. Die verachtenswerte Moral des Profits trat an die Stelle der hassenswerten Moral der Ehre; an die Stelle der lächerlichen, mysteriösen Herrschaft durch Abstammung trat die ubueske Herrschaft des Geldes. Die Erben der Nacht des 4. August haben das Bankkonto und den Umsatz auf das Ehrenpodest eines Wappenzeichens gehoben und ihr Mysterium verbucht.
Worin besteht das Mysterium des Geldes? Offensichtlich darin, daß es eine Anzahl von aneignungsfähigen Lebewesen und Dingen repräsentiert. Das adlige Wappenzeichen drückt die göttliche Bestimmung sowie die reale Macht des Auserwählten aus; das Geld ist lediglich Zeichen für das, was man mit ihm erwerben kann, ein auf die Macht gezogener Wechsel, eine Wahlmöglichkeit. Der Gott der Feudalherren, offenbare Basis der gesellschaftlichen Ordnung, ist in Wahrheit ihr Vorwand und luxuriöse Krönung.
Das Geld, dieser Gott der Bourgeoisie, der nicht stinkt, ist ebenfalls Vermittler: ein Gesellschaftsvertrag. Es ist ein Gott, der nicht mehr durch Gebete und Schwüre, sondern durch Wissenschaft und spezialisierte Techniken gefügig gemacht wird. Sein Mysterium liegt nicht mehr in einer dunklen, undurchdring lichen Totalität verborgen, sondern in einer unendlichen Anzahl partieller Gewißheiten; nicht mehr in einer Qualität der Herrschaft, sondern in der Quantität käuflicher Lebewesen und Dinge (in dem, was z.B. 100 000 DM ihrem Besitzer einbringen).
In der Wirtschaft, die von den Geboten der Produktion des auf freiem Austausch basierenden Kapitalismus beherrscht wird, verleiht allein der Reichtum Macht und Ansehen. Er beherrscht Produktionsmittel und Arbeitskraft und bestimmt durch die gemeinsame Entwicklung von Produktivkräften und Konsumgütern die Stufe vermehrten Reichtums, zu der er auf dem endlosen Weg des Fortschritts fuhren will. Mit der Verwandlung dieses Kapitalismus in sein Gegenteil, die staatliche Planwirtschaft, verschwindet jedoch allmählich das Prestige des Kapitalisten, der das ganze Gewicht seines Vermögens in die Waagschale wirft, und mit ihm die Karikatur des Händlers aus Fleisch und Blut, mit einer Zigarre im Maul und vorstehendem Bauch. Der Manager leitet heute seine Macht vop seinen organisatorischen Fähigkeiten her; doch schon stehen Systeme elektronischer Datenverarbeitung bereit, die ihm zum Hohn Modelle entwerfen, die er niemals erreichen wird. Wird er dann wenig stens mit seinem eigenen Geld das große Leben führen, wird es ihm Spaß machen, in ihm den Reichtum all seiner Wahlmöglichkeiten zu sehen? Wird er ein Xanadou errichten, einen Harem unterhalten, Gespielinnen kultivieren? Doch wie soll der Reichtum seinen repräsentativen Wert behalten, wenn die Gebote des Konsums ihn bedrängen, ihm zusetzen? Unter der Diktatur des Konsumierbaren wird das Geld wie Schnee in der Sonne schmelzen. Seine Bedeutung wird zugunsten von Gegenständen abneh men, die repräsentativer, greifbarer, besser dem Spektakel des Welfare State angepaßt sind. Ist seine Verwendung nicht bereits vom Markt der Konsumgüter kontingentiert, die, ideologisch verpackt, zu den wahren Zeichen der Macht werden? Seine letzte Rechtfertigung liegt fast nur noch in der Quantität von Gebrauchsartikeln und "gadgets", die man kaufen und in beschleunigtem Rhythmus verbrauchen kann; ausschließlich in ihrer Quantität und in ihrer ständigen Erneuerung, denn Massendistribution wie Standardisierung nehmen ihnen automatisch den Reiz der Seltenheit und der Qualität. Die Fähigkeit, viel und schnell zu konsumieren - einen neuen Wagen, mehr Alkohol, ein neues Radio und ein neues Mädchen -, bezeichnet künftig den Grad von Macht, den jemand auf der Stufenleiter der Hierarchie erreichen kann. Auf dem Weg von der Überlegenheit durch Abstammung zur Herrschaft des Geldes und von der Überlegenheit durch Geld zur Herrschaft des "gadget" sind die christliche und die sozialistische Zivilisation bei ihrem letzten Stadium angelangt; einer Zivilisation voll von Prosa und vulgärem Detail. Ein Nest für die kleinen Menschen, von denen Nietzsche sprach.
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