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Flucht nach innen
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Flucht nach innen
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Jason Bourne - 16.01.2010

lucht nach Innen

Gerade, weil sich das Leben draußen als zunehmend ungeignet erweist, die Erfüllungssehnsüchte der Menschen zu befriedigen, ziehen sie sich immer mehr in ihren Innenraum zurück. Die Abgeschiedenheit zu suchen, muss im Prinzip nicht als negativ bewertet werden. Die Welt der Kultur in ihren verschiedenen Dimensionen hätte nicht entstehen können, wenn es nicht Menschen gegeben hätte, die stark oder verzweifelt genug waren, um sich vom gesellschaftlichen Betrieb zu entfernen und das Alleinsein zu wählen. Künstler, Philosophen, Literaten und Intellektuelle haben oft bewußt die Einsamkeit bevorzugt. Sie war dann Antriebskraft ihres Schaffensdrangs und ihrer schöpferischen Tätigkeit.



Aber das Eintauchen in den inneren Raum ist heute in erster Linie nicht durch das Bedürfnis nach poetischer Aktivität, Selbstläuterung oder geistiger Vervollkommnung bestimmmt, wie es in anderen Zivilisationsphasen häufig der Fall war, als das menschliche Dasein auf das engste mit moralischen und religiösen Kategorien zusammenhing. Der Drang nach Innen besteht heute im wesentlichen aus existentiellem Überdruss und seelischer Not. Mehr als Selbstbefreiung ist sie Zwangseinkerkerung und Flucht vor den immer unerträglicher, feindseliger und trostloser werdenden Gesellschaftsverhältnissen. Die Menschen ziehen sich zurück in ihre Subjektivität, weil sie sich von ihren Mitmenschen unverstanden, verlassen oder bedroht fühlen. Oder einfach, weil sie der abstrakten, unpersönlichen und allgegenwärtigen Nähe der Massen überdrüssig sind. Wenn der Mensch der Konsumgesellschaft seinen Blick nach außen richtet, findet er nichts weiter als ein immenses Vakuum. Die Suche nach innerer Einkehr verwandelt sich in eine Überlebensfrage. Daher das Bedürfnis, eine entgültige Schutzzone zu finden.



Die Bindung an unsere Mitmenschen wid immer seltener, wir fliehen ständig vor ihnen, versuchen immer krampfhafter ohne sie auszukommen, ein Unterfangen, das sich freilich als zwecklos entpuppt. Die anderen sind nicht nur weiterhin da; wir können auch nicht auf sie verzichten, sind auf sie nach wie vor auf Gedeih und Verderb angewiesen.



Wir können sie laufend verfluchen, dennoch brauchen wir sie. Ohne sie tritt der Tod ein, der Tod unserer Seele, ein Vorgang, der unter Umständen zur physischen Selbstvernichtung oder zum Suizid führen kann. Suizid ist die erste Ursache eines gewalttätigen Todes. Irgendwo in der Welt nimmt sich alle 40 Sekunden ein Mensch das Leben. Die Zahl der Selbstmordopfer beträgt rund 800.000 pro Jahr. Nach wie vor trifft zu, was Karl Barth mit einfachen, aber bestechenden Worten zum Ausdruck gebracht hat. "Man kann nicht Mensch sein, außer zusammen mit anderen Menschen. - Ähnlich Gabriel Marcel: Das letzte Wort gehört der Beziehung zwischen Mensch und Mensch.



Eines steht fest: solange der Mensch an die heutigen gesellschaftlichen Strukturen gefesselt bleibt, wird er es nicht schaffen, seinen inneren Frieden zu finden. Dieses Ziel zu erreichen, setzt eine Aufhebung des herrschenden Systems voraus. Eine auf mörderischen Wettbewerb, Erfolgssucht, Geldgier und Machtbesessenheit ausgerichtete Gesellschaft kann nicht friedensstiftend sein. Sie ist vielmehr dazu verdammt, im Zustand des Krieges aller gegen alle zu leben.



Wahre Selbstverwirklichung ist mehr als Erfolg, Macht, Ruhm und sonstige Spielarten des gesellschaftlichen Glanzes. Sie ist per se mit der Wahl eines höheren Wertesystems verbunden. Die Menschen sind heute weitgehend unglücklich - auch wenn sie dies verdrängen oder nicht zugeben. -, weil sie wissen oder zumindest ahnen, dass sie ein Ersatz-Dasein führen, ein belangloses Dasein ohne Tiefe und ohne jegliche Transzendenz. Dies gilt nicht nur für die einfachen Menschen, sondern auch für die Oberschichten, die die Gesellschaft verwalten und führen.

Die Eindimensionalität, nicht die vielgepriesene Mannigfaltigkeit, ist das Hauptmerkmal der spätkaptitalistischen Gesellschaft. Das bürgerliche Zeitalter hat dem Menschen seine Illusionen genommen, hat ihm die Möglichkeit des Träumens entzogen. Auch wenn man Träumen will, stößt man trotzdem auf die Gitter des goldenen Käfigs und auf den erbarmungslosen Blick der Aufseher.



Das Spontane ist die Freiheit selbst, und wenn jene erstickt wird, bleibt auch diese auf der Strecke, mögen die Medien und die Politiker das Gegenteil behaupten und vor Liberalismus, permissiver Gesellschaft und anderen hochtrabenden Begriffen sprechen. Unfreiheit und nicht Freiheit ist aus dem Wesen des bürgerlichen Zeitalters hervorgegangen. Repression statt Befreiung, Sterilität statt Erfüllung, Bestrafung und nicht Eros.



Die natürlichen Bedürfnisse und Triebe des Menschen können zwar unterdrückt, aber nicht abgeschafft werden, und dort, wo jenes geschieht, melden sie sich früher oder später in irrationaler Fassung als Gewalt, Sadismus, Verfolgungswahn und andere neurotische Erscheinungen.

DER GEDEMÜTIGTE MENSCH

Der Mensch int ein Gefangener des bürgerlichen Wertesystems geworden, Gefangener der urbanen Massengesellschaft, der Technik, der Wissenschaft, der Produktion und des Konsumterrors. Er existiert nur als Zuchtprodukt einer Entwicklung, die ihm Lebensfülle, Freiheit und Selbstverwirklichung verspricht, die aber in Wirklichkeit seinem Lebensdrang und sein ursprüngliches Sein kastriert.



Das stolze und überlebensgroße abendländische Ich hat sein einstiges Selbstbewußtsein verloren und ist vom System zu einem abstrakten, jederzeit austauschbaren Funktionsträger degradiert worden: Leistungsmensch, Wähler, Verbraucher etc. Das ist das Ergebnis des von der Bourgeoisie eingeleiteten und durchgeführten Verdinglichungsprozesses, das Produkt von 500 Jahren borgeoiser und kapitalistischer Dressur.

Denn dies ist die letzte Form der Demütigung: dem Menschen das Bedürfnis nach Selbstwehr zu entreißen und ihn in ein resigniertes und demoralisiertes Opferlamm zu verwandeln. - "Das Gefühl der Machtlosigkeit ist die tiefste Form der Entfremdung, die unsere Kultur herstellt.



Es hat gegen den Verwertungs- und Verdinglichungsprozeß der Moderne viele Aufstände gegeben, sowohl kulturgeschichtliche wie sozialpolitische: die Romantiker, die "poetes maudits", die Surrealisten, die sozialistischen Revolutionen. Aber das System hat bisher alles überstanden, die verschiedenen Revolten der Künstler, Einzelgänger und Unangepaßten entweder mit Geld korrumpiert oder unterdrückt. Aber auch das politisch motivierte Aufbegehren hat ausgespielt, wie zuletzt der real existierende Sozialsimus.



Durch einen massiven Gehirnwäscheprozeß ist es dem System gelungen, den Menschen einzuhämmern, daß das Lebens- und Gesellschaftsmodell des westlichen Kapitalismus das Reich des Guten verkörpert. die "Good Society". Diese Gehirnwäsche ist freilich nicht mit terroristischen Methoden durchgeführt worden. Es gab keinen Big Brother, der von oben Befehle erteilte, wie unter Hitler oder Stalin. ES IST ZIEMLICH FRIEDLICH UND HARMLOS ZUGEGANGEN IN DEN LETZTEN FÜNFZIG jAHREN; EBEN DURCH DIE rEDUZIERUNG DES eINZELNEN ZUM kONSUMENTEN UND aUTOMATEN DES rEALEN.



Kein physischer Zwang, kein Terror im herkömmlichen Sinn wurde ausgeübt. Nein, die Menschen der "affluent society" werden nicht verhaftet und in einen dunklen Keller geworfen, es gibt keine pausenlose Verhöre. Die Zustimmung zum System folgt auf freiwilliger Basis, und eben dadurch kann man für das Ganze niemanden verantwortlich machen.



Die Regierungen haben seit jeher das Volk mittels Festen, Veranstaltungen, Luxus, Exhibitionismus, Eitelkeit und Komfort betäubt, mit Leere gefüllt und mit Bagatellen bei guter Laune gehalten. Die in jeden Haushalt eingedrungene Unterhaltungsindustrie hat die Funktion übernommen, den Einzelnen von der tatsächlichen Trostlosigkeit seines Alltags abzulenken und ihm die Illusion zuvermitteln, daß er in einer zauberhaften Welt lebt. Die pausenlos ausgestrahlten Fernsehprogramme erlauben den Menschen, für einige Stunden ihrer grauen Wirklichkeit zu entfliehen und auf dem Bildschirm voyeurhaft zu erleben, was ihnen selbst in ihrem realen Dasein verweigert wird.

Durch diese Instrumentalisierung der elektronischen Massenmdien als herrschaftserhaltende Instanz verwandeln sich die Freizeit und die Privatsphäre zu einer weiteren Möglichkeit, die unerfüllten Bedürfnisse des Menschen zugunsten des Systems umzufunktionieren.

Die Existenz des Einzelnen ist heute im wesentlichen Sein-für-Anderes geworden, umfassende, tiefgreifende Fremdbestimmung, Der Hauptwiderspruch des bürgerlichen Systems besteht darin, eine angeblich opti,ale Ordnung auf der Grundlage der ständigen Bevormundung und Erniedrigung des Menschen sichern zu wollen.

Die von den Apologeten des Systems bis zum Überdruß propagierte These, daß die bürgerliche Gesellschaft die Lebensbedingungen des Menschen enorm erleichtert und bereichert hat, ist im tieferen Sinn unhaltbar geworden. Sie gilt höchstens für bestimmte Aspekte des physischen und materiellen Daseins (Arbeitswelt, Komfort, Autos), aber keineswegs in psychischer, seelischer, humaner Hinsicht.



Zu fragen wäre: Wenn das Leben so toll geworden ist, wie erklärt sich dann, daß es mehr psychosomatische Kranke wie nie zuvor gibt und daß der Mensch sich zunehmend außerstande sieht, die Herausforderungen seines Daseins heil zu überstehen?



Die bürgerliche Ideologoe beruht auf zwei grundsätzlichen Momenten: Lust als Endziel, Leistung als Endziel, Leistung als Mittel. Daher der Eifer, mit dem die Bourgeoisie daran geht, die äußeren Bedingungen der Welt von Grund auf zu veränden.

Um aber das Leben in vollen Zügen genießen zu können, muß man zuerst die nötigen Güter herstellen, Geld verdienen und sich im Gesellschaftsbetrieb gegen die anderen als leistungs- und konkurrenzfähiges Subjekt bewähren. Es fängt also alles mit der Selbstbestrafung des Leistungsdrucks an, mit dem Zwang, produktiv und erfolgreich zu sein.



Während tatsächlich die Bourgeoisie in materieller Hinsicht die Weltverhältnisse unentwegt verändert (Produktion, Technologie), verwandelt sie sich gesellschaftspolitisch in eine statisch-regressive Klasse, die als Hauptziel nicht die Emanzipation des Menschen vor Augen hat, sondern die Sicherung ihrer Klassenherrschaft.

Duech Warenaustausch und friedlichen Wettbewerb wollte die Bourgeoisie die Eintracht in der Welt herbeizaubern. In Wirklichkeit hat sie nichts anderes getan, als neue, immer raffiniertere Formen der Gewalt und der Zwietracht einzuführen.



Wir haben zwar eine operativ immer besser funktionierende Technik, aber zugleich eine immer schlechter funktionierende Gesellschaft. Wir besitzen mehr Maschinen und technische Apparate als je zuvor, und trotzdem sind wir zunehmend unfähig, dieses technologische Potential für eine rationale Gestaltung des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens einzusetzen.

Die mit den raffiniertesten informationstechnischen Geräten und Datensystemen ausgestatteten Massenmedien liefern der Gesellschaft eine nie dagewesene Nachrichtenflut, und trotzdem wachsen Verunsicherung und Orientierungslosigkeit.

DAS BÜRGERLICHE ICH: eine Neurose

Der Motor der bürgerlichen Gesellschaft ist die Angst. Daher die von ihr betriebene Planung des Schicksals und die Abtötung alles Spontanen. Angst vor dem Unerwarteten, vor dem von der bürgerlichen Ideologie selbst verherrlichten Fortschrittsprozeß. Deshalb hat das letzte Stadium der bürgerlichen Ära einen Menschentypus hervorgebracht, der sich durch innere Verunsicherung und nervöse Unruhe auszeichnet:



Der hastende Mensch ist sicher nicht nur von Gier gelockt, die stärksten Lockungen würden ihn nicht zu so energischer Selbstbeschädigung veranlassen können, er ist getrieben, und was ihn treibt, kann nur Angst sein.



Der ganze technisch-wissenschaftliche und produktive Aktivismus der Neuzeit ist nichts anderes als der unbewußte Ausdruck einer tiefgreifenden Angstneurose, die der abendliche Mensch durch Leistung und Konsumfülle zu verdrängen versucht. Konsumfieber ist in Wirklichkeit nichts anders als Angst. U.a. die Angst etwas zu verpassen.



Die Dinge sind so eingerichtet, daß 90 Prozent der Bevölkerung - die Arbeiter - den restlichen 10 Prozent als Lasttier dienen.

Es ist wichtig, sich diese Wahrheit einzuprägen, bevor man das Volk über Gleichheit, Freiheit, demokratische Institutionen und andere Utopien belehrt, deren Verwirklichung eine vollständige Revolution der Arbeitsbedingungen voraussetzt. Daß die Benachteiligten sich ihre permanente Degradierung durch die Bevorzugten gefallen lassen, läßt erkennen, wie gründlich die "Umwertung aller Werte" in die Psyche des spätkapitalistischen Menschen eingedrungen ist und wie tief die Entfremdung in den unteren Schichten sitzt.



WAS KULTUR SEIN SOLLTE

In einer Zeit, in der überall die elementarsten Regeln der Humanität mißachtet und mit Füßen getreten werden, muß eine Kultur, die dieses Namens würdig ist, eine Kultur der "rücksichtslosen Kritik alles Bestehenden" sein. Alles andere ist erbärmliche Flucht in den vertrauten Elfenbeinturm und Komplizenschaft mit der herrschenden Misere.

DAS REICH DES TODES

Das Leben: ein monotones, standardisiertes Ritual von materiellem Wohlstand und tief sitzender Frustration, eine Mischung aus Lustgarten und Strafkolonie. Der von der Werbung und den Marketingstrategien verordnete Zweckoptimismus als Ausgleich für das täglich erlebte existentielle Vakuum und als Therapie gegen den sich immer wieder meldenden Schmerz. Die Parole lautet: sich mit möglichst vielen Surrogaten zu betäuben, um den Schrei der Seele zu überhören.


"Zu suchen haben wir nichts mehr - das Herz ist satt - die Welt ist leer. Novalis



Das bürgerliche Zeitalter neigt sich seinem entgültigen Ende zu, wir wohnen jetzt seinen letzten Atemzügen bei.



"Der "homo oeconomicus marschiert gegen die letzten Menschen, bekämpft die letzten Lebenden und will sie zum Tode bekehren. Danach werden nur die Stille der Friedhöfe, der graue Anbblick der verödeten Städte und die mit Abfall und Müll überlagerten Landschaften bleiben. Wir bewohnen schon das Reich der Toten, trotz der hektischen Betriebsamkeit, die iwr zur Schau stellen." Paul Nizan



Man kann das gängige Leben mit voller Inbrunst genießen und trotzdem innerlich tot sein. Gerade weil der heutige Mensch seelisch am Ende ist, stürzt er sich in das Pseudo-Leben des Alltags, unternimmt Reisen, übt seinen Beruf aus, versucht, Karriere zu machen und Geld zu verdienen. Nur wenn die Nacht hereinbricht und er schlaflos in der Dunkelheit seines Zimmers Bilanz über sein Leben zieht, ahnt er vielleicht, wie es wirklich um ihn steht, auch wenn er am nächsten Tag wieder ritualmäßig sein Auto in Gang setzt und zu seiner instrumentellen Welt zurückkehrt.



"Nicht die Dichter, nicht die Träumer, nicht die Künstler, nicht die Heiligen, Mystiker und Helden haben die moderne Welt errichtet und gestaltet, sondern die Geldleiher und Händler, Fabrikanten und Techniker, die Henker nicht zu vergessen, also das Anti-Poetische und das Häßliche schlechthin. Wer sind diese neuen Aristokraten? - Diejenigen, die Geld und Geld-Gehirne haben. Es spielt keine Rolle, was sie sonst haben: aber sie müssen Geld-Gehirne haben, denn sie herrschen im Namen des Geldes."



Das Geld ist der allgemeine, für sich konstituierte Wert aller Dinge. Es hat daher die ganze Welt, die Menschenwelt wie die Natur, ihres eigentümlichen Wertes beraubt. Das Geld ist das dem Menschen entfremdete Wesen seiner Arbeit und seines Daseins, und dies femde Wesen beherrscht ihn, und er betet es an. - Ehre wurde im alten Griechenland als der supremste Wert eingestuft sie gehörte auch an erster Stelle zum Verhaltenskodex des mittelalterlichen Adels. Das bürgerliche Zeitalter setzt sich von diesem Ethos ab und führt die Ehrlosigkeit als gängige Haltung ein. Sein Motto lautet: Alles ist käuflich, auch die Ehre des Menschen, also seine Würde.



Weil das moderne, bürgerliche Individuum unfähig ist, aus sich selbst etwas wirklich Wertvolles zu machen, strebt es danach, seinen Wert außerhalb von sich selbst zu erreichen, genauer: im Bereich seiner eigenen Entfremdung. Aber die von ihm erreichten Pseudo-Werte - Macht, Erfolg, Geld - sind in Wirklichkeit das Zeugnis seiner eigenen Wertlosigkeit.



"Aus dem Mangel eines Wertes an sich erfließt das Bestreben, sich Wert von anderwärts zu verschaffen; so entsteht alles Renommieren, alle Hochstapelei im weiteren Sinne (Über die letzten Dinge). Leben wird hiermit zu reiner Exteriorität, zur äußeren Fassade, zu einem Sich-zur-Schau-Stellen."

Im Zuge dieser Entwicklung wird der Mensch ein Wolf für die Menschen, betätigt sich als Raubtier, Ausbeuter und Mörder seines Nächsten. Dies erklärt, warum die Gestalt Kains zu einer Massen- und Alltagserscheinung geworden ist. Und all diejenigen, die sich gegen den Zeitgeist stemmen und sich nach einer neuen Sinnbestimmmung des Lebens sehnen, werden beiseite geschoben, liquidiert oder als Verrückte und Querulanten gebrandmarkt, wie Foucault in seinem Traktat über den Wahnsinn belegt hat.

Die eigentlichen Schwachen und Kleingeratenen haben es geschafft, sich zu vereinen und zusammen die Stärkeren und Vornehmen zu verdrängen und das von ihnen verkörperte Reich des Quantitativen als das höchste Daseins- und Gesellschaftsmodell planetarisch durchzusetzen. Der "homo triumphans" ist das in Verbänden organisierte Herdentier, und der Feind, den es immer zu verfolgen gilt, ist das Qualitative und Andersartige, das Entgegengesetzte und von der Norm Abweichende.



Die bürgerliche Ordnung hat sich in einen riesigen Dauerprozeß verwandelt. Schlaue Winkeladvokaten, korrupte Mandatsträger und ein allgegenwärtiger Apparat von Gerichtsdienern, Bürokraten, Wächtern undanderen Vertretern der Obrigkeit sorgen dafür, uns in Atem zu halten, zu verunsichern und in Angst zu versetzen. Es waltet der eiskalte, reptilartige Geist des Gesetzes und die von ihm unentwegt neu erfunden Paragraphen und Anordnungen, damit die Kontrolle immer effizienter wird. Ja, wir sind frei, aber die Freiheit, die uns vom System zugestanden worden ist, erschöüft sich darin, unsere Richter und andere Wächter zu wählen. Das ist das wahre Antlitz der bürgerlichen Demokratie, die größte und raffinierteste Farce, die je von Menschen erdacht wurde.



Eigenschaften die früher im Mittelpunkt der Erziehung und der Lebensführung des Einzelnen standen - Tugend, Sittlicheit, Nächstenliebe, Ehrlichkeit, wahrheit etc. -, sind durch wertneutrale Kategorien wie Erfolg, Geld, Macht und ähnlichem weitgehend ersetzt worden.



Nicht nach ethischen Vorstellungen und Spielregeln hat sich das Industriezeitalter gerichtet, sondern nach Wettbewerb, Gewinnsucht, Profitmaximierung, Leistung, Effizienz und ähnlichen wertneutralen bzw. moralwidrigen Prinzipien. Schon im genetischen Ausgangspunkt - also bei der Investitions- und Produktionsplanung - wird jede ethische Erwägung ausgeschaltet. Nicht das, was dem Menschen wirklich nützt, und seinen wahren Bedürfnissen entspricht, wird produziert, sondern das, was Aussicht hat, sich als Ware durchzusetzen und verwerten zu lassen.

Das was man gemeinhin "permissive Gesellschaft" nennt, hat sich als ein Paradies für prinzipienlose Karrieremacher herausgestellt. Nichts mehr stimmt, alles, fast alles ist Lug und Trug geworden. Aussicht auf Erfolg haben nur die Verlogenheit und das schamlose Mitmachen, und während der Rest der Welt hungert und vor die Hunde geht, fällt den Menschen im Westen nichts anderes ein, als sich ihren kleinkarierten Egoismen und Lebenszielen zu widmen, über den neuerdings angekratzten Wohlstand zu lamentieren und auf die Politiker zu schimpfen, ohne sich allerdings zu erheben und sie aus ihren Ämtern zu verjagen. Hauptsache ist, daß man weiterhin seinen Komfort, seine Parties, seine Sportveranstaltungen, seine exotischen Auslandsreisen, seine Sexvideos, sein Bier und den täglichen Film im Fernsehen hat. Und die Journaille macht mit, während die Stimmen, die sich gegen den ganzen Schwindel richten, wie lästige Spielverderber und Volksfeinde ausrangiert und mundtot gemacht werden.



Sich für das zustandkommen einer gerechten Weltordnung einzusetzen darf nicht als Last oder Opfergang aufgefaßt werden. Es bedeutet vielmehr eine höhere Form der Selbstfindung und der Selbstverwirklichung, im Grunde ein Privileg, oder: "Gnade ist im Widerstand zu leben."

(Wählt das Leben). Gerade dies muß man den Menschen klarmachen: daß sie mit ihrem egoistischen Verhalten sich selbst schaden und die Chance verpassen, die Erfüllung und die Transzendenz des Edlen und Erhabenen zu erfahren.

Leben bedeutet etwas anderes als Konsumieren, Kopulieren, Feste feiern, Karriere machen oder Geld zusammmenraffen. Damit bleibt man in der erbärmlichen und engherzigen Sphäre des heute waltenden kleinbürgerlichen Individualismus, wählt man ein standardisiertes und miderwertiges Schicksal. Das Leben erreicht erst seine Vollendung, wenn man es in die Dienste eines Ideals stellt, das nicht nur das eigene Wohl, sondern auch das des Mitmenschen anstrebt.

Nur wer für die Befreiung aller arbeitet, wird sich selbst befreien und seiner Bestimmung als Mensch gerecht werden. Nicht Individualismus ist der Weg der Selbstvollendung, sondern Universalismus.



Der einzig gangbare Weg zur Herbeiführung einer humanen und gerechten Weltordnung ist tatsächlich der unbedingte Verzicht auf alle Ersatz- und Blendwerte, die das bürgerliche Zeitalter berstimmt haben: Macht, Erfolg, Besitz, Beherrschung der Natur und des Mitmenschen.

Den Anfang müssen wir selbst machen, der Kampf für eine Humanisierung der Weltverhältnisse muß mit dem Aufräumen des eigenen moralischen Drecks beginnen.

"Der Mensch lebt nicht nur von ökonomischen und politischen Forderungen; eine ökonomische und politische Umgestaltung schließt immer eine moralische Revolution ein."

Die kulturelle und besonders die moralische Revolution sind nicht weniger wichtig als die politische Rekonstruktion einer Gesellschaft. - Ohne diese persönliche Katharsis wird die Erneuerung der äußeren, gesellschaftlichen Verhältnisse kaum durchführbar sein. Die Revolution muß also im Innern des Einzelnen einsetzen. - Es geht darum einen revolutionären Kampf gegen uns selbst, gegen unsere herrscherlich-ausbeuterische Identität zu führen. (Jenseits bürgerlicher Religion)



ICHBEZOGENHEIT:

Wir können den anderen helfen nur in dem Maße, in dem wir uns entprivatisieren und unser Ich nicht als absoluten Wert setzen, wie es die Kapitalisten mit ihrem Eigentum tun oder Max Stirner mit seinem "Einzigen" meinte. Wir gehören uns nur bedingt, und wer davon ausgeht, daß die Freiheit darin besteht, nur für sich selbst zu sorgen, vergißt, daß ohne den Beistand der Gesellschaft kein Individuum in der Lage wäre - auch das mächtigste nicht - überhaupt zu existieren.

Die bürgerliche Ideologie hat die Neigung des Menschen zu Eigendünkel nicht erfunden, aber sie ins Unermeßliche gefördert und dadurch aus der Gesellschaft einen ununterbrochenen Jahrmarkt der Eitelkeiten gemacht. Solange es uns nicht gelingt, diesen tiefsitzenden Atavismus unserer Persönlichkeitsstruktur abzuschütteln, werden wir es auch nicht schaffen, eine halbwegs repressionsfreie Ordnung auf die Beine zu bringen.



Es bleibt nur der freiwillige und illusionslose Einsatz für das Humane.



Immer siegreich sein zu wollen, oben stehen, nach unbedingtem Erfolg lechzen und Trophäen sammeln, bleibt ein plumpes Ideal für Spießer und Strebernaturen, die diese Schein- und Pseudo-Werte wählen, weil ihre Entfremdung und seelische Abgestumpftheit sie für andere, höhere Werte blind macht.

Wahre Größe erweist man, wenn man sich auf die Seite der Erniedrigten und Entrechteten schlägt, und zwar ohne sich vorher zu fragen, ob dieser Einsatz mit einem Sieg oder einer Niederlage enden wird.



Menschen, die helfen, sind heute eine Minderheit, die Regel sind die Egoisten und Zyniker, die hemmungslos und ohne jeglichen Skrupel sich dem eigenen Glück zuwenden, ohne sich zu fragen, was draußen sonst vorgeht.



"Der wahre Rebell handelt auf eigene Verantwortung, er beruft sich nicht auf die öffentliche Doxa, sondern ausschließlich auf das eigene Gewissen oder auf sein Schamgefühl, was ein und dasselbe ist. Und diese Entscheidung kann uns von keiner Ideologie, von keinem geschlossenen Ideensystem und keinem politisch gesellschaftlichen Credo abgenommen werden. Sie ist unsere ureigenste Angelegenheit."



Die Menschen haben Jahrhunderte hindurch das Heil in Parteien, Massenbewegungen und ideologischen Kollektiven gesucht und geglaubt, daß der Anschluß an solche Mammutorganisationen genügen würde, um Orientierung zu finden. Andere wiederum taten es, weil sie nicht die Kraft aufbrachten, ihre eigene Individualität zu ertragen. - Zu welch kläglichen Ergebnissen dieses Verhalten geführt hat, wird nicht zuletzt durch den Bankrott der linken Ideologien und Parteien belegt.

Wenn wir unser Selbst verlassen, um Parteimenschen zu werden, verwandeln wir uns in Träger ideologischer Etiketten und vergessen bald, daß wir an erster Stelle Menschen sind und immer Menschen bleiben sollten. Und weil wir dieses Gebot aus den Augen verlieren und uns hinter abstrakten Apparaten verstecken, finden wir keine Kommunikation mehr mit den Andersdenkenen.



Wir dürfen keiner überpersönlichen subjektlosen Instanz unsere Verantwortung übertragen, sondern müssen Widerstand gegen die entsoldarisierte Gesellschaft aus eigenem Antrieb leisten, ohne uns zu fragen, was der Nachbar, was der Kollege tut. Zu dieser Haltung gehört auch der Mut, notfalls Einzelgänger zu bleiben, ganz abseits zu stehen, dem Beispiel Hölderlins folgend:...in brüderlichem Zusammenwirken bestehe das Beste, doch sei es auch herrlich, allein zu stehen, und sich durchzuarbeiten durch die Nacht, wenn es an Kampfgenossen gebreche. (Hyperion)

Solche Bereitschaft zum einsamen Heroismus bedeutet keineswegs, daß die einzig mögliche Form des Kampfes der strikt individuelle Einsatz ist. Im Gegenteil: Unser Engagement muß immer danach trachten, kollektive Formen anzunehmen, Verbündete zu finden, sich in Gruppenarbeit zu artikulieren, schon deshalb, weil dieses Streben den Kommunikationsbedürfnissen entspricht, die jedem höheren Anliegen innewohnen.



Was wir gerade wollen, ist, neue Formen der Gemeinschaft möglich zu machen, den Menschen aus seiner heutigen Vereinsamung herauszureißen und aus ihm nicht eine bezugslose Monade werden zu lassen. - Widerstand hat Aussicht auf Erfolg nur, wenn wir aus der jetzigen Vereinzelung herauskommen und eine neue "religio" in ihrem ursprünglichen Sinn von "religare" (zusammenbündeln) wieder herstellen. Oder wie Henry David Thoreau meinte: "To cooperate means to put oru living together". (Walden)


Das Gebot der Stunde ist die Wiederherstellung der Mitmenschlichkeit und der sozialen Bande, aber dieses Anliegen wird nur zu verwirklichen sein, wenn es gelingt, die gegenwärtige aggressionsbeladene und menschenfeindliche Umgangskultur in die Wüste zu schicken und sie durch eine kooperationswillige und gewaltfreie Praxis des Zusammenlebens und der Konfliktlösung zu ersetzen. Das wäre ein entscheidender Schritt, um neue, humane, kommunikationsfähige Formen der Begegnung und des Miteinanders herbeizuführen und das heute herrschende Prinzip des Willens zur Macht nach und nach zu überwinden.







Ich denke dabei an eine Kultur der Sanftmut, der Rücksichtnahme, der Mildherzigkeit, der Freundlichkeit und der Ritterlichkeit, ein Hauptwort, letzteres, das, wie "Chevalerie" oder "Caballerosidad" schon an sich eine Weltanschauung beeinhaltet und im geraden Gegensatz zu der Härte steht, die die zwischenmenschlichen Beziehungen in unserer Gesellschaft prägt.



Die Bourgeoisie ist nicht die erste Klasse, die die Macht erobert hat, und sie wird nicht die letzte sein, die sie verliert. Wenn es soweit ist, werden die Bourgeois und ihre Helfershelfer sich wundern, wie schnell totgesagte Überzeugungen und Handlungsweisen die Massen ergreifen können, wie rasch das Volk von totaler Tatenlosigkeit zu resuluter Aktion übergehen kann.





Unbestreitbar ist: Die Aneignung des Mehrwerts durch das Privatkapital und den bürgerlich-kapitalistischen Klassenstaat wird immer hemmungsloser. Dadurch kehrt jener primitive Verelendungsprozeß zurück, den die bürgerlichen Ideologen voreilig für überwunden erklärt hatten. Die "Sozialstaatillusion", Zugpferd der sozialdemokratischen Parteien, hat sich im Zuge der Verhärtung des Klassenstaates als unglaubwürdig erwiesen. Die Arbeitskraft, die die einzige Ware ist, die die Lohnabhängigen besitzen, um im spätkapitalistischen Sozialkrieg überleben zu können, wird immer wertloser, reicht immer weniger, um die laufenden Lebenskosten und -bedürfnisse zu decken. Eine solche Entwicklung kann auf Dauer nicht folgenlos bleiben, sie muß irgendwann zu einer offenen Klassenkonfrontation führen.

Die Arbeiterklasse der westlichen Metropolen hat ein paar Jahrzehnte lang von der Ausbeutung der Dritten Welt und von der Hochkonjunktur beträchtlich mit profitiert, Damit ist es ziemlich vorbei, die weltweite Krise des Spätkapitalismus, der Rückgang der Profitraten und die Verschärfung der Konkurrenz auf den Weltmärkten haben diesem vorübergehenden Schlaraffenland ein Ende gesetzt. Die Arbeiter, die schon glaubten, den Status gleichwertiger und emanzipierter Bürger erreicht zu haben, werden wieder zu besitzlosen Proletariern, während die Bourgeoisie, die bis vor kurzem die soziale Partnerschaft predigte, ihren alten Kommandoton wieder findet.



Die Fiktion der Interessengemeinschaft läßt sich nicht mehr aufrechterhalten, keine semantischen Tricks werden die immer deutlicher zutage tretende Klassenkluft verwischen oder wegzaubern können. Die widernatürliche Ehe zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber ist gescheitert, die Trennung von beiden Kontrahenten ist nur eine Frage der Zeit. Man weiß nur nicht, wie sich die Scheidung vollzieht und wie sie endet.



Sich gegen das bürgerlich-kapitalistische System zur Wehr zu setzen bedeutet nicht nur Widerstand gegen eine Klasse zu leisten, sondern sich für das Überleben der Menschheit einzusetzen. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte ist der Kampf gegen die herrschende Klasse ein Kampf gegen die Zerstörung der Natur, der Zivilisation und des Menschen selbst.

Die Bourgeoisie verkörpert in zunehmenden Maße den Ungeist des Nihilismus und der Destruktion. Was sie produziert, trägt seit langem die unverkennbare Signatur des Todes.




Wenn die Weltgeschichte nicht in einem Trümmerhaufen enden soll, dann wird es höchste Zeit, dieser unheilvollen Entwicklung einen Riegel vorzuschieben. Es gibt kein Ausweichen mehr: Entweder die Menschheit stürzt die Bourgeoisie, oder die Bourgeoisie wird die Menschheit zu Grabe tragen und als einzige Erinnerung ihrer Herrschaft einen Planeten voller Asche hinterlassen.



Der obige Text ist von Heleno Sana.

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