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A-infos-de Nachrichtensammlung, Band 69, Eintrag 1

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1. Interview mit einem ägyptischen Anarcho-Kommunisten (a-infos-de@ainfos.ca)

Message: 1 Date: Thu, 10 Feb 2011 16:02:07 +0100 From: a-infos-de@ainfos.ca Subject: (de) Interview mit einem ägyptischen Anarcho-Kommunisten To: <a-infos-de@ainfos.ca> Message-ID: <4d53fce5.83a0df0a.687e.07c5@mx.google.com> Content-Type: text/plain; charset="iso-8859-1"

Das schwierigste Hindernis, mit dem die ägyptischen Revolutionäre konfrontiert sind, ist die Abschaltung der Kommunikation. Westliche Revolutionäre müssen auf ihre Regierungen Druck ausüben, daß ägyp= tische Regime davon abzubringen. Das wäre es für jetzt, aber niemand kann sage= n, was langfristig passieren wird. Wenn die Revolution gewinnt, müssen die westlichen Revolutionäre Solidarität mit ihren ägyptischen Genossen g= egen eine erwartete Repression durch die USA und Israel aufbauen. Wenn die Revolution besiegt wird, erwartet alle ägyptischen Revolutionäre ein Massaker. [English]

Wie heißt du und aus welcher Bewegung kommst du? Ich heiße Nidal Tahrir von Black Flag, einer kleinen Gruppe von Anarcho- Kommunisten in Ägypten. [AdÜ: da 'Tahrir' Befreiung heißt, offenbar ein Pseudonym)

Die Welt schaut auf Ägypten und es gibt sogar Solidarität. Da jedoch das Internet abgestellt wurde, war es schwierig, Informationen zu finden. Kannst du mir sagen, was in der letzten Woche in Ägypten passiert ist? Wie sehen die Ereignisse aus deiner Perspektive aus?

Die Situation in Ägypten ist jetzt äußerst wichtig. Es begann mit ein= em Aufruf zu einem Tag der Wut gegen das Mubarak-Regime am 25. Januar. Keiner hat so einen Aufruf von einer locker zusammenarbeitenden Gruppe erwartet, von einer Facebook-Seite mit dem Namen "Wir sind alle Khalid Said", die nicht wirklich organisiert ist. Khalid Said war ein ägyptischer Jugendlicher, der von Mubaraks Polizei im letzten Sommer in Alexandria getötet wurde. An dem Dienstag find alles an, dieser Funken brachte ein ganzes Feuer in Gang. Am Dienstag gab es Demonstrationen auf den Straßen jeder ägyptischen Stadt, am Mittwoch begann das Massaker. Zuerst sollten = die Sit-Ins auf dem Tahrir-Platz am späten Dienstag abend beendet werden und hielt am folgenden Tag an, insbesondere in der Stadt Suez. Suez hat für d= ie Ägypter einen besonderen Stellenwert, da es 1956 und 1967das Zentrum des Widerstands gegen die Zionisten war. Im selben Bezirk, der damals im Ägyptisch-Israelischen Krieg die Truppen von Sharon zurückschlug, hat Mubaraks Polizei ein Massaker begangen, mit mindestens vier Toten und 100 Verletzten, mit Gasbomben, Gummigeschossen, scharfen Waffen, und einer merkwürdigen gelben Substanz, die über die Menschen geworfen wurde (vielleicht Senfgas).

Freitag wurde Jumu'ah der Wut genannt. Jumu'ah heißt Freitag auf arabisch, das ist das Wochenende in Ägypten und in vielen islamischen Ländern, da= s ist der heilige Tag im Islam, weil viele Gebete stattfinden. Es war geplant, da= ß die Demonstranten nach dem Nachmittagsgebet losgehen. Die Polizei versuchte, dies mit all ihrer Macht und Gewalt zu verhindern. Es gab viele Zusammenstöße in Kairo (in der Innenstadt und in Mattareyah östlich v= on Kairo) sowie überall in Ägypten, insbesondere in Suez, Alexandria, Maha= llah (eine Stadt im Nildelta, eines der Zentren der ArbeiterInnenklasse). Vom Mittag bis zum Sonnenuntergang demonstrierten die Menschen in der Kairoer Innenstadt und es gab ein Sit-In am Tahrir[-Platz], das bis zum Rücktritt des Mubarak-Regimes gehen sollte; es wurde eine Parole gerufen: “Die Bevölkerung verlangt den Rücktritt des Regimes”.

Um den Sonnenuntergang herum, also 17 Uhr Ortszeit, rief Mubarak eine Ausgangssperre aus und brachte die Armee in die ägyptischen Städte. Nac= h der Ausgangssperre gab es einen von der Polizei inszenierten Massenausbruch, bei dem Kriminelle und Gangster, die sogenanten Baltagayyah, und die Polizei wollte, daß diese aus vielen ägyptischen Gefängnissen entkommenen Kriminellen die ägyptische Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzen sollte. Da keine Polizei vor Ort war, konnten die Einheiten der Armee die Straßen nicht kontrollieren. Die Leute hatten Angst und danach explodierte die Nachrichtenlage auf den ägyptischen Fernseh- und Radiosendern und in = den Zeitungen, über Plünderer in vielen Städten, über Diebe, die auf Me= nschen schießen. Die Leute haben “Volkskomitees” gebildet, um jede Straße = zu sichern. Das Regime war natürlich zufrieden, daß die Bevölkerung wege= n der Instabilität im Land verängstigt war, dies war aber auch ein Ausgangspu= nkt für uns, von dem aus wir ArbeiterInnenräte in Gang bringen konnten.

Am Mittwoch gab es ja Zusammenstöße zwischen Pro- und Anti-Mubarak eingestellten Menschen. Ist das so korrekt beschrieben? Wer sind diese “Mubarak-Anhänger”? Wie wirken sich diese Auseinandersetzungen auf die Haltung der durchschnittlichen ArbeiterInnen in Ägypten aus?

Es ist völlig falsch, dies als Auseinandersetzungen zwischen anti- und pr= o- Mubarak zu beschreiben. Die Demonstration pro Mubarak bestand aus vielen Baltagayyah und Geheimdienstmitarbeitern, die die Demonstranten auf dem Tahrir[-Platz] angriffen. Das ging erst nach Mubaraks gestriger Rede los, nach der Rede von Obama. Ich persönlich meine, daß Mubarak sich vorkomm= t wie der geschlachtete Ochse und versucht jetzt, noch ein bißchen Blut zu verspritzen. Der kommt sich vor wie Nero und möchte vor seinem Rücktritt Ägypten brennen sehen, damit die Leute glauben, er sei ein Synonym für Stabilität, Sicherheit und Gefahrlosigkeit. Er hat auf diese Weise auch einen gewissen Erfolg gehabt. Die heilige nationale Allianz wurde jetzt gegen die ‘Tahrirer’ (die Protestierenden auf dem Tahrir) gebildet, und= die Gemeinschaft des Tahrir.

Viele Menschen, insbesondere aus der Mittelklasse meinen jetzt, daß die Demonstrationen aufhören müssen, weil Ägypten gebrant hat, weil der H= unger anfängt, und das stimmt überhaupt nicht. Das ist reine Übertreibung. = Jede Revolution hat ihre Probleme und Mubarak nutzt Angst und Terror, um im Sessel zu bleiben. Persönlich meine ich, selbst wenn die Protestierenden = für diese Lage verantwortlich wären, selbst dann muß Mubarak weg, er muß abhauen, wegen seiner Unfähigkeit, mit der Situation jetzt umzugehen.

Was vermutest du wird in der nächsten Woche passieren? Inwieweit beeinflu= ßt die Haltung der US-Regierung die Situation bei euch?

Keiner kann sagen, was morgen oder nächste Woche geschieht. Mubarak ist e= in sturer Idiot und in den ägyptischen Medien läuft die größte Kampagn= e in ihrer Geschichte, um die Proteste am Freitag, den 4.2. aufzuhalten. Es gibt Aufrufe für einen weiteren Marsch der Millionen zum Tahrir-Platz, unter d= em Motto “Freitag der Rettung”. Die Haltung der US-Regierung wirkt sich au= f uns mehr aus als auf die Demonstrationen. Mubarak ist ein Verräter, der eher = die gesamte Bevölkerung ermorden läßt, als seinen Herren und Meistern etw= as zu verweigern.

Wie haben sich die auf Klassenkampf orientierten AnarchistInnen beteiligt? Wer sind ihre Verbündeten (hier mußt du natürlich auf die Sicherheit = bedacht sein)

In Ägypten ist der Anarchismus keine breite Bewegung. Man findet einige Anarchisten, aber noch keine breite Bewegung. Die Anarchisten in Ägypten haben sich an den Protesten beteiligt und an den Volkskomitees, die die Straßen gegen die Gangster verteidigen. Die ägyptischen Anarchisten set= zen einige Hoffnung in diese Räte. Die Verbündeten der ägyptischen Anarch= isten sind natürlich die Marxisten, wir sind im Augenblick nicht in einer ideologischen Debatte. Die gesamte Linke ruft zur Einheit auf, argumentieren können wir später. Die ägyptischen Anarchisten sind Teil der ägypti= schen Linken.

Welche Formen der Solidarität können zwischen den Revolutionären in = Ägypten und denen im “Westen” aufgebaut werden? Was kann sofort getan werden un= d was langfristig?

Das schwierigste Hindernis, mit dem die ägyptischen Revolutionäre konfrontiert sind, ist die Abschaltung der Kommunikation. Westliche Revolutionäre müssen auf ihre Regierungen Druck ausüben, daß ägyp= tische Regime davon abzubringen. Das wäre es für jetzt, aber niemand kann sage= n, was langfristig passieren wird. Wenn die Revolution gewinnt, müssen die westlichen Revolutionäre Solidarität mit ihren ägyptischen Genossen g= egen eine erwartete Repression durch die USA und Israel aufbauen. Wenn die Revolution besiegt wird, erwartet alle ägyptischen Revolutionäre ein Massaker.

Was sind die hauptsächlichen Aufgaben, wenn Mubarak das Land verläßt?= Gibt es da Planungen auf der Straße? Was schlagen die antikapitalistischen Revolutionäre vor?

Soweit es die Forderungen der Straße anbelangt, ist jetzt die Hauptaufgabe eine neue Verfassung und eine provisorische Regierung und dann Neuwahlen. Es gibt viele Pläne von vielen politischen Strömungen hier zu diesen Theme= n, insbesondere von der Muslim-Bruderschaft. Die antikapitalistischen Revolutionäre sind in Kairo nicht sehr stark vertreten – die Kommuniste= n, die demokratische Linke und die Trotzkisten fordern auch eine neue Verfassung und Neuwahlen. Aber als Anarchisten sind wir antikapitalistisch und auch gegen den Staat – wir werden versuchen, die Komitees zu stärke= n, die sich gebildet haben, um die Straßen zu sichern und zu schützen, und möchten versuchen, die in richtige Räte umzuwandeln.

Was möchtest du den Revolutionären im Ausland mitteilen?

Liebe Genossen, überall in der Welt, wir brauchen solidarität, eine gro= ße Solidaritätskampagne, dann wird die ägyptische Revolution gewinnen.

Nidal Tahrir wurde von NEFAC Internationaler Sekretär interviewt Übersetzung: http://karakok.wordpress.com Related Link: http://www.nefac.net -------------- nächster Teil -------------- Ein Dateianhang mit HTML-Daten wurde abgetrennt... URL: <http://ainfos.ca/ pipermail/ a-infos-de/ attachments/ 20110210/ 961b5721/ a= ttachment-0001.htm>

A-infos-de mailing list A-infos-de@ainfos.ca http://ainfos.ca/ cgi-bin/ mailman/ listinfo/ a-infos-de Ende A-infos-de Nachrichtensammlung, Band 69, Eintrag 1

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