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Sowjetunion 1917 bis 1923, Niederlage der Arbeiter und Bauern?
Dieser 1984 verfaßte Artikel soll in der geplanten Broschüre "Die Einigung des revolutionären Proletariats im Bolschewismus" dokumentiert werden.

Unter revolutionären Sozialisten ist heutzutage kaum noch umstritten, daß die
Sowjetunion kein sozialistisches Land mehr ist, man spricht von Staatskapitalismus,
Sozialimperialismus, Funktionärsbourgeoise, Bürokratismus usw., dies ist alles richtig,
doch über die Ursachen und die Zeitpunkte dieser Entwicklungen bestehen zum Teil
große Meinungsverschiedenheiten. Unserer Meinung nach ist es unrichtig, daß
beispielsweise nach Stalins Tod auf dem XX. Parteitag der KPdSU durch Chruschtschow
oder auch in China nach Maos Tod praktisch über Nacht der Revisionismus gekommen
sei. Der Sozialismus kann weder an einem Tag kommen noch an einem Tag gehen,
sondern kann nur in einem langen Kampf um Befreiung und Emanzipation heranwachsen.
Durch die Zerschlagung des Staates muß ihm letztendlich der Weg geebnet werden, aber
es muß ein seltsamer Sozialismus gewesen sein, der dann gleichsam über Nacht
verschwand. Wir wollen die entscheidenden Jahre 1917 bis 1923 untersuchen und unsere
Standpunkte beweisen. Im Mittelpunkt steht die Frage, warum die revolutionäre
Massenbewegung von 1917 sich im Verlauf von weniger als 10 Jahren einer
Parteidiktatur unterwirft, die jahrelang einen Massenterror gegen Millionen Menschen zu
entfesseln vermag und deren "Sozialismus" nur noch auf ein administratives Problem der
Arbeitsverteilung, der Entwicklung neuer Technologien und der Sicherung ihrer Privilegien
gegenüber den Produzenten beschränkt ist.
In den ersten Monaten nach der Oktoberrevolution hatte sich die zentralistische, gegen
jede Arbeiterdemokratie gerichtete Tendenz zum späteren Herrschaftssystem der
bolschewistischen Partei noch nicht durchgesetzt. Es ist ein Mythos der offiziellen
bolschewistischen Geschichtssehreibung, daß der Sturz der provisorischen Regierung und
der bewaffnete Aufstand vom Zentralkomitee der Partei unmittelbar geplant und
durchgeführt worden sei. Vielmehr ging diese revolutionäre Aktion aus vom Petrograder
Sowjet der Arbeiter- und Soldatenräte, oder genauer, von seinem Organ, dem
militärischen Revolutionskomitee, das zur Verteidigung von Petrograd gegen die
deutschen Truppen gegründet wurde. Zu diesem Zweck wurden die Arbeiter bewaffnet
und die Truppen der Garnison dem militärischen Revolutionskomitee unterstellt. Als sich
nach einer kurzen Zeit der Ungewißheit herausstellte, daß die meisten Truppenteile zum
Sowjet hielten, und die Bildung der roten Arbeiterbrigaden abgeschlossen war, war die
Erstürmung des Winterpalais nur noch eine Formsache.
Die Regierungsgewalt übernahm der zur gleichen Zeit tagende allrussische Kongress der
Arbeiter- und Soldatenräte bzw. das neugewählte allrussische zentrale Exekutivkomitee.
Der Rat der Volkskommissare unter dem Vorsitz Lenins unterstand als "provisorische
Arbeiter- und Bauernregierung" der Kontrolle des Exekutivkomitees. Um eine
funktionierende Verwaltung aufzubauen, ordnete sich dieser im Verlauf des November
1917 die alten Behörden unter, obwohl Lenin selbst früher wiederholt die völlige
Zerschlagung des alten Staatsapparates hervorhob.
Im November 1918, nach einigen Monaten Bürgerkrieg, wurde dann eine Konzentration
aller politischen, wirtschaftlichen und militärischen Kräfte durch die Gründung des Rates
für Arbeiter- und Bauernverteidigung vorgenommen. War zuvor eine revolutionäre,
egalitäre Selbstverwaltungsform noch offen, wurden nun durchgehende Instanzen
geschaffen, die Autonomie der lokalen Sowjets aufgehoben und sich allein auf den
Apparat der Volkskommissare gestützt.
War politisch jetzt eine Zentralisation geschaffen, folgten weitere Zentralisierungen bald
nach. Obwohl in der bolschewistischen Partei theoretisch die Einsicht vorhanden war, daß
ein Polizeiapparat ohne Kontrolle der Massen sich langfristig zu einem
Unterdrückungsapparat entwickeln müßte, hat der Rat der Volkskommissare im
Dezember die allrussische Kommission zum Kampfe gegen die Konterrevolution,
Spekulation und Sabotage eingesetzt, die Tscheka. 1918 erhielt sie unbegrenzte
Vollmachten zum "Schutz der Revolution", später noch weitere Aufgaben, so daß sie sich
ungehindert zu einem Staat im Staate entwickeln konnte. Ab 1918 wurde, obwohl es
genug freiwillige Soldaten, Arbeiter und Bauern für den Kampf gegen die äußeren und
inneren Feinde gab, eine zentralistische, am Vorbild bürgerlicher Armeen ausgerichtete
rote Armee gegenüber einer Miliz, die dezentral den lokalen Sowjets unterstehen sollte
und auf Arbeiter- und Bauernabteilungen aufbauen sollte, bevorzugt. Die gleichzeitig
stattfindende Diskussion über die zukünftige Sowjetverfassung war damit von vornherein
zuungunsten der föderalistischen Alternative entschieden.
Länger zogen sich die Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern der
Arbeiterselbstverwaltung in den Betrieben und denen einer zentralistisch gelenkten
Wirtschaft hin, da die Losung "Alle Macht den Räten" eine breite Basis unter den
Arbeitern hatte" die Regierung bekam die spontanen Enteignungswellen nicht in den
Griff, und im Sommer
1918 war die Enteignung der Industriebetriebe durch die Betriebskomitees im
wesentlichen abgeschlossen. Erst gegen Ende 1918 setzten sich die Anhänger der
extremen Zentralisierung unter dem Druck des Bürgerkrieges durch. Die Entmachtung
der Betriebskomitees erfolgte von jetzt an weitgehend durch die Verfügung der
ökonomischen Zentralinstanzen über Kredite und Rohstoffe, die den Betriebskomitees
nur zugestanden wurden, wenn sie sich den Gewerkschaften bzw. den staatlichen
Lenkungsorganen mit dem obersten Volkswirtschaftsrat an der Spitze unterordneten.
Damit hatte ein Prozeß einen Abschluß erreicht, der im politischen wie auch im
ökonomischen Bereich zu einer Zurückdrängung der rätedemokratischen
Selbstverwaltungsorganisationen geführt hatte. In der staatlichen Verwaltung und in der
Leitung der Volkswirtschaft gab es jetzt einen lückenlosen Verwaltungsweg bis hin zur
Basis. Dazu kam die Beibehaltung des alten Beamtenapparates, eine loyale Armee und
eine mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattete Geheimpolizei. Durch die häufige
Personalunion von einerseits Partei- und andererseits ökonomischer und politischer
Leitungsfunktion ergab sich zwangsläufig, daß Entscheidungsprozesse immer mehr in die
Partei verlagert wurden.
Der Erfolg der bolschewistischen Partei als Avantgardeorganisation in der
Oktoberrevolution beruhte darauf, daß sie die organisatorische Disziplin ihrer Mitglieder
vereinte und mit undogmatischer Offenheit und Freiheit der Diskussion über die
einzuschlagende sozialistische Strategie gegenüberstand. Diese Freiheit wich jetzt, aus
der Sicht der Parteiführung mußten die innerparteilichen Entscheidungsprozesse
"effektiver" werden. Im März 1919 wurde das Politbüro des Zentralkomitees
wiedergegründet. Seit 1919 ging man dazu über, den Parteiapparat bis zu den örtlichen
Komitees hinunter vom ZK zu finanzieren. Bis 1921 wurden nur hauptamtliche Sekretäre
bezahlt, danach wurden auch Propagandisten und Agitatoren entlohnt. Die Gelder wurden
aus dem Etat des Innenkommissariats abgezweigt. 1919 hatte der Verwaltungsapparat
des ZK noch weniger als 100 Mitglieder umfaßt, 1920 bereits 150 und seit 1921 bereits
über 600. Die Partei war keine proletarische Partei mehr, 1921 kam das generelle
Fraktionsverbot, 1923 befand sich unter den gewählten Mitgliedern und Kandidaten des
ZK beim XII. Parteitag kein einziger Arbeiter und Bauer mehr. Widerstand gegen diese
Entwicklung gab es unter dem Druck des Bürgerkrieges wenig, doch er mußte
ausbrechen, sobald der Bürgerkrieg zu Ende war.
in der Gewerkschaftdiskussion 1920/21, vor allem in der Position der
"Arbeiteropposition", machten sich Bestrebungen nach Arbeiterselbstverwaltung erneut
geltend. Zur gleichen Zeit gingen Streiks in den Petrograder Betrieben dem Kronstädter
Aufstand voraus, der eine Erneuerung der revolutionären Sowjetmacht forderte.
Kronstadt wurde diffamiert, die Beteiligung weißer Generäle wurde erfunden, um eine
Propaganda entfalten zu können, die verhindern sollte, daß sich Oppositionelle innerhalb
der Partei auf die Seite der Kronstädter schlugen. Das Bestreben nach radikaler
Erneuerung der Revolution, nach Verwirklichung und Wiederherstellung der
Arbeiterdemokratie wurde als Verrat empfunden. Kronstadt wurde mit Gewalt
niedergeschlagen. Ähnlich erging es der anarchistischen Machno-Bewegung in der
Ukraine. Während die Bolschewistische Partei nicht vermochte, den Gegensatz zwischen
Stadt und Land zu überwinden, während Zwangsrequirierungen an der Tagesordnung waren, gab es hier eine
revolutionäre Arbeiter- und Bauernbewegung, wo der Gedanke der freien Sowjets einige
Jahre verwirklicht werden konnte. Die Zerschlagung der weißen Armeen während des
Bürgerkrieges im Südwesten der Sowjetunion ist im wesentlichen ein Verdienst der
Arbeiterund Bauernverbände der freien Ukraine. Geschickte Guerilla-Taktiken
vermochten materielle und personelle Schwächen auszugleichen, zudem gaben hier die
Bauern das her, was andernorts nur mit Gewalt erzwungen werden konnte.
Nach ähnlichen Diffamierungskampagnen wie bei Kronstadt wurde 1921/22 die
militärische Liquidierung der Ukraine durchgeführt. Die "Arbeiteroppositionen" beugte
sich 1921 freiwillig dem Fraktionsverbot. 1921 bis 1923 gab es mit der
"Arbeiterwahrheit" und "Arbeitergruppe" noch einmal Parteioppositionen, die die
Einbeziehung der Massen in den sozialistischen Transformationsprozeß verlangten, beide
wurden jedoch zerschlagen. Nach 1921, spätestens seit 1923 kann von einer
sozialistischen Massenbewegung in der Sowjetunion keine Rede mehr sein. 1922 waren
die Gewerkschaften aus der Leitung der Industriebetriebe endgültig entfernt worden.
Streiks, die es in abnehmender Zahl auch noch nach 1923 gab, wurden als Sabotage am
sozialistischen Aufbau angesehen. Die Arbeiterklasse war demoralisiert und zudem unter
ein System polizeilicher Aufsicht gestellt, das jede Opposition im Keim zerschlagen
konnte.
Auch wirtschaftlich wurde den Arbeitern und Bauern zugesetzt. 1921 restaurierte Lenin
den Privatkapitalismus, was unweigerlich z.B. die Bildung eines kapitalistischen
Mittelstandes in Stadt und Land zu Folge hatte. Die "neue ökonomische Politik" brachte
zwar kurzzeitig einen Wirtschaftsaufschwung, bedeutete aber die Gefährdung aller
sozialistischen Ansätze. Der "Kriegskommunismus" mit seinen Zwangsrequirierungen,
Hungersnöten und Kommissarsterror hatte zur großen Unzufriedenheit vor allem der
bäuerlichen Bevölkerung geführt, hätte aber anstatt durch Kapitalismus und vermehrte
Bürokatie einfach durch mehr Arbeiter- und Bauerndemokratie abgelöst werden müssen,
so wäre die Revolution vielleicht noch zu retten gewesen. Selbst Lenin erkannte
offensichtlich einige grundlegende Mängel, reagierte jedoch im allgemeinen hilflos, kurz
vor seinem Tod richtete er einen fast verzweifelten Appell an die Partei: "Unser
Sowjetbürokratismus, Folge des Kriegskommunismus, gleicht, wie ein Haar dem andern
gleicht, dem zaristischen Bürokratismus. Wenn es uns nicht gelingt, diesen unseren
Bürokratismus mit Stumpf und Stiel auszurotten, sind wir verloren. Der Bürokratismus
hat sich in Krebsgeschwür entwickelt, vom Kopf der Regierung bis in die feinsten
Verästelungen der Partei , des Staatsapparates und sogar der Gewerkschaften. Der
Bürokratismus ist der Todfeind der Demokratie."
Zusammenfassend läßt sich die sowjetische Tragödie auf folgende Formel bringen: Aus
der durch die Oktoberrevolution weitgehend verwirklichten demokratischen Arbeiter- und
Bauernherrschaft entwickelte sich unter Negierung des Prinzips der freien Räte alsbald
eine Parteidiktatur. Die Kontrolle über bürokratische Entwicklungen blieb damit
parteiimmanent und hob sich damit selbst auf.
Nachdem eine linksrevolutionäre Massenbewegung nicht mehr zu fürchten war, begannen
die parteiinternen Auseinandersetzungen, sie gewannen den Charakter von - von ihrer
Basis losgelösten Diadochenkämpfen, der Weg zum Massenterror war frei, dem sogar die
gesamte "alte Garde" der bolschewistischen Partei zum Opfer fiel. Heutzutage distanziert
sich die Sowjetregierung zwar offiziell von dem stalinistischen Massenterror, dem mehr
Kommunisten zum Opfer fielen als Hitler, gleichzeitig werden die ökonomischen und vor
allem politischen Hintergründe nicht gesehen. An der technokratischen
Staatssozialismuskonzeption, an der Unterdrückung jeder Initiative der Produzenten, an
der Diktatur der Partei bzw. der Parteispitze hat sich bis heute nichts geändert, es hat
sich eher vervollkommnet.
Wir Anarchisten lehnen das politische und wirtschaftliche System der "Sowjetunion"
vollständig ab. Allerdings darf diese Tatsache nicht mißverstanden werden: Der
Hauptfeind steht weiterhin im eigenen Land, und die sowjetischen Völker können sich nur
selbst befreien, auch wenn wir z.B. mit fortschrittlichen Oppositionsgruppen in Osteuropa
natürlicherweise zusammenarbeiten. Der Sinn des Artikels besteht in der Hauptsache, für
uns die Lehren aus jenen Entwicklungen zu ziehen. Die soziale Revolution ist das Ziel und
darf niemals wieder als bloßes Mittel für eine politische Revolution mißbraucht werden.
chl (AFSB)
Quellen und empfohlene Literatur:
1.) Victor Serge, Erinnerungen eines Revolutionars, Wien, 1974
2.) Augustin Souchy, Reise nach Rußland, Berlin, 1979
3.) Oskar Anweiler, Rätebewegung in Rußland, Wien, 1958
4.) Horst Stowasser, Die Machnotschina, Wetzlar, 1979
5.) J.Agnoli, C.Brendel, I.Mett, Die revolutionären Aktionen der russischen Arbeiter und
Bauern / Die Kommune von Kronstadt, Berlin, 1981
6.) Anarchistische Texte,Die russische Revolution 1 - IV, Berlin, 1980

Artikel hier erfasst: 14.05.2002

Kommentare
14.06.2002 bak: Mich interessiert eure Haltung zu Karl Marx
kann oder sollte man Marx den Vorwurf mit verantwortlich zum Leninismus machen?
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