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"Bayern ist fortan ein Freistaat"
Die Revolution in Bayern 1918/1919

Die Revolution in Bayern 1918/1919
nach einer Artikelserie in der Tageszeitung junge Welt von November 1998 bis Juni 1999
mit freundlicher Genehmigung des Autors N.B.

***

"Freistaat Bayern" - das scheint heute ein Synonym für CSU-Herrschaft, Law-and-
Order-Politik, Rückständigkeit und Intoleranz zu sein. Kaum jemand denkt daran,
daß es ein Berliner Sozialist war, der während der Revolution 1918 Bayern zum
Freistaat erklärte. Stoiber und seine Amigos verdrängen den revolutionären
Ursprung ihres geliebten "Freistaates" und die bayerische SPD - Mitschuldige an
der blutigen Zerschlagung der bayerischen Revolution - schweigt sich ebenfalls
lieber aus./
Wie überall im Reich herrschte auch in der bayerischen Landeshauptstadt
München Ende 1918 Lebensmittelknappheit, und Kriegsverdruß. Dazu kam noch
die Wut auf die Berliner Zentralgewalt. Ging doch das Gerücht um, vor allem
bayerische Soldaten würden als Kanonenfutter für den preußischen Kaiser
geopfert. Schon im Januar 1918 war es in mehreren Münchner Rüstungsbetrieben
zu Streiks gekommen. Der Führer der Münchner Unabhängigen Sozialdemokratie
(USPD), Kurt Eisner, war deswegen bis Mitte Oktober inhaftiert worden. Kurt
Eisner, ein jüdischer Literat aus Berlin, der mit einer wilden weißen Haarmähne
und dichtem Bart schon rein äußerlich nicht dem Bild eines Bayern entsprach,
verstand es dennoch vorzüglich, gerade den Preußenhaß der Bayern für seine
politischen Ziele zu verwenden. In Bayern, so Eisner, seien die Leute viel
freiheitlicher gesinnt und kennen nicht die preußische Überdisziplin. Deswegen sei
auch er als Preuße nach München gekommen. Vor dem Krieg gehörte Eisner zum
revisionistischen Flügel der SPD um Eduard Bernstein. Nicht der Marxismus
sondern die Vernunftphilosophie Emanuel Kants war sein Leitbild. Als Pazifist
schloß sich Eisner den in der USPD versammelten Kriegsgegnern an.
Als die deutsche Niederlage im Krieg offensichtlich wurde und die Reichsregierung
vorsichtige demokratische Reformen einleitete, um die Verantwortung für die
Niederlage auf Liberale und Sozialdemokraten abzuwälzen, hielten die bayerischen
Arbeiter endgültig nicht mehr still. Für den 7.November war auf der Münchner
Theresienwiese eine Friedenskundgebung einberufen worden. Nicht nur Eisners
USPD, sondern auch die Mehrheitssozialdemokraten (MSPD) waren gezwungen,
zur Kundgebung zu mobilisieren, wollten sie nicht noch mehr Anhänger an die
Unabhängigen verlieren. Bis vor kurzem im Burgfrieden mit König und Kaiser,
widerstrebte den MSPD-Führern die Demonstration zutiefst. Untertänig versicherte
deren Vorsitzender Erhard Auer den königlich-bayerischen Ministern, man werde
Kurt Eisner "schon an die Wand drücken".
80.000 Menschen strömten bei einem für die Jahreszeit außergewöhnlich milden
Wetter auf die Theresienwiese. Nicht nur die MSPD-nahen Gewerkschafter der
Münchner Großbetriebe, sondern auch radikalere sächsische Arbeiter, die im Krieg
in den Krupp-Werken eingesetzt wurden, waren dabei. Dazu kam eine große Zahl
von meuternden und desertierten Soldaten. Unter Führung des blinden
Bauernbundführers Ludwig Gandorfer beteiligten sich Bauern aus dem Umland.
Gandorfer war ein Sozialist aus dem Freundeskreis von Kurt Eisner. Auf seinem
Hof war auch "Helmi", der Sohn von Karl Liebknecht untergekommen, der wegen
der Antikriegstätigkeit seines Vaters nicht in Berlin auf der Schule bleiben konnte.
Neben den Arbeitern, Soldaten und Bauern strömten noch die unvermeidlichen
Bierkeller-Rabauken und Schwabinger Kaffeehausliteraten zur
Friedenskundgebung. Einige dieser Schwabinger Intellektuellen sollten in den
folgenden Monaten noch führende Positionen in der Räterepublik erlangen. Bis zu
25 Redner sprachen gleichzeitig an verschiedenen Stellen des weiten Platzes.
Gemäßigte Sozialdemokraten wie Erhard Auer versuchten, die aufgebrachte
Menge zu beruhigen und mit Versprechungen baldiger Reformen abzuspeisen.
Anarchisten wie der Dichter Erich Mühsam propagierten die sofortige Errichtung
eines sozialistischen Rätesystems nach sowjetischem Vorbild. Kurt Eisner und die
Mehrheit der Redner forderten den Rücktritt des bayerischen Königs und Kaiser
Wilhelms II., die Vereidigung des Heeres auf die Verfassung, eine
Demokratisierung des Staates und die Entfernung von Reaktionären aus der
Verwaltung. Die Forderung nach Annahme der alliierten
Waffenstillstandsbedingungen zur Erlangung eines sofortigen Friedens wird noch
bis in bürgerliche Kreise hinein mitgetragen. "Es lebe die Revolution!" steht auf
vielen Plakate und rote Fahnen dominieren die Kundgebung. "Hoch Eisner! Hoch
die Weltrevolution!" beantworten Tausende von Arbeitern, die sich unterhalb des
Bavaria-Denkmals versammelt hatten, die Rede des USPD-Führers. Ein Teil der
Demonstranten unter Führung Erhard Auers zog nach der Kundgebung zum weit
entfernten "Friedensengel". Auf Weisung von MSPD-Funktionären begaben sie sich
sodann friedlich nach Hause. Auf der Theresienwiese forderte unterdessen der
noch in feldgrauer Uniform gekleidete USPD-Aktivist Felix Fechenbach:
"Genossen! Unser Führer Kurt Eisner hat gesprochen. Es hat keinen Zweck mehr,
viele Worte zu verlieren. Wer für die Revolution ist, uns nach! Mir nach! Marsch!"
Zehntausende von Menschen setzen sich in Bewegung, an der Spitze Arm in Arm
der hagere Berliner Literat Eisner und der breitschultrige, bayerische Bauer
Gandorfer. Ziel der Demonstranten war die nahegelegene Guldeinschule, in der
Landstürmer untergebracht waren. Nachdem der diensthabende Major sich
weigert, das Gebäude zu übergeben, stürmen die Revolutionäre das Gebäude. Die
Landsturmleute schließen sich augenblicklich den Aufständischen an. Waffen
werden verteilt. Auch bei den anderen Münchner Kasernen ergibt sich ein
ähnliches Bild. Die Wachen werfen ihre Waffen weg, die Mannschaften schließen
sich mit roten Wimpeln an ihren Gewehren den Revolutionären an. Auch die
Gefangenen im "Franzl", dem Militärgefängnis werden befreit. Die Wärter haben
ihre Uniformen gegen Häflingskleidung vertauscht, um nicht erkannt zu werden.
Doch die erzürnten Ex-Häftlinge geben nicht auf, bis sie Rache an ihren Schindern
nehmen können. Bis 22 Uhr sind alle Münchner Kasernen, die Ministerien und der
Landtag, Bahnhof, Post und Telegraphenamt in der Hand revolutionärer Arbeiter
und Soldaten.
Der bayerische König Ludwig III. hatte an diesem Tag seinen gewohnten
Spaziergang im Englischen Garten gemacht, als ihm ein Schutzmann mitteilte, die
Revolution sei ausgebrochen. Der König nahm die Angelegenheit zuerst nicht
allzuernst. Während sich eine Menschenmenge vor der Residenz versammelte,
speiste er mit seiner Gemahlin Maria Therese zu Abend. Erst auf Druck einiger
Minister, die den Ernst der Lage erkannten, beschloß König Ludwig III., für einige
Tage die Landeshauptstadt zu verlassen. Wie weit die Revolution schon
vorgedrungen war, zeigt die Tatsache, daß der König den Fahrer einer
Mietwagenfirma holen mußte, da der königliche Chauffeur sich den Aufständischen
angeschlossen hatte.
Die Revolutionäre begaben sich am Abend in den größten Münchner Bierkeller,
den Mathäserbräu in der Nähe des Hauptbahnhofs. Um 22.30 Uhr eröffnet Eisner
als erster Vorsitzender die vorläufige konstituierende Versammlung der Arbeiter,-
Soldaten,- und Bauernräte. Begleitet von bewaffneten Gardisten marschieren die
Ratsmitglieder zum Landtagsgebäude, wo Eisner die bayerische Republik ausruft:
"Die bayerische Revolution hat gesiegt, sie hat den alten Plunder der
Wittelsbacher Könige hinweggefegt. Der, der in diesem Augenblick zu Ihnen
spricht, setzt Ihr Einverständnis voraus, daß er als provisorischer
Ministerpräsident fungiert." Ausgehend von der Revolution in München bildeten
sich auch in anderen bayerischen Städten wie Passau, Augburg, Rosenheim,
Bayreuth und Nürnberg Arbeiter,- Bauern,- und Soldatenräte. Ausgerechnet im
konservativen Bayern war der erste deutsche Königsthron durch einen
Volksaufstand gestützt worden. Am Morgen des 8.Novembers wehten rote Fahnen
auf den Türmen der Münchner Frauenkirche und die Presse verkündete die
Proklamation der Republik durch Ministerpräsident Eisner: "Bayern ist fortan ein
Freistaat!"
Fanal der bayerischen Revolution
„Ich gehe jetzt, den Eisner zu erschießen.“rief Anton Graf Arco einem Verwandten
zu, der ihm am Morgen des 21. Februar zufällig begegnete. Minuten später war
der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner tot. Getroffen von zwei
Genickschüssen, die der junge Offizier aus nächster Nähe abgefeuert hatte.
Schwerverwundet durch die Schüsse von Eisners Leibwächtern sinkt auch der
Attentäter vor dem bayerischen Außenministerium im Palais Montgelas zu Boden.
Nur eine sofortige Operation durch den berühmten Chirurgen Professor
Sauerbruch kann ihm das Leben retten. Für Eisner kam jede Hilfe zu spät. Nach
Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg hatten die deutschen Arbeiter einen
weiteren Anführer durch den Mordanschlag eines Reichwehroffiziers verloren.
Am 7.November hatte der Münchner USPD-Vorsitzende Kurt Eisner die
Friedensdemonstration von 80.000 Arbeitern, Soldaten und Bauern auf der
Theresienwiese angeführt. Unter dem Druck der kriegsmüden Bevölkerung stürzte
der bayerische Königsthron. Noch in der Nacht zum 8.November verkündete Kurt
Eisner als provisorischer Ministerpräsident: „Bayern ist fortan ein Freistaat.“
Als „Preuße“, Jude, Literat und Sozialist war Kurt Eisner von Anfang an dem
besonderen Haß aller reaktionären Kräfte ausgesetzt. Er sei ein Ostjude, der
eigentlich „Salomon Koschinsky“ hieße und sich nur zur Täuschung der Bayern
Eisner nenne, lautete ein verbreitetes Gerücht. Im Mittelpunkt der von der
gesamten bürgerlichen Presse getragenen Diffamierungskampagne befand sich
die „satirisch-politische parteilose Zeitung“ „Rote Hand“. Herausgeber dieser
antisemitischen Hetzschrift war die Thule-Gesellschaft des Mystikers Rudolf von
Sebottendorff. Ihren Sitz hatte dieser „Orden für die deutsche Art“, der das
Hakenkreuz zu seinem Symbol erwählte, im vornehmen Hotel Vier Jahreszeiten.
Graf Arco wurde eine Mitgliedschaft in der Thule-Gesellschaft allerdings verwehrt,
da er „von der Mutter her Judenblut in den Adern“ habe. Die Gesellschaft verstand
sich als Zentrale der Gegenrevolution in Bayern. Unmittelbar nach der Revolution
am 10.November wurde der Thule-Kampfbund als bewaffneter Kader gegründet.
Seine Mitglieder arbeiteten verdeckt innerhalb der Arbeiterparteien, der
Reichswehr und der Polizei. Auch in die von Eisner gegründete Republikanische
Schutztruppe wurden Thule-Agenten eingeschleust. Ein erstes Attentat des
Kampfbundes auf Eisner Anfang Dezember mißlang allerdings. Am 5.Januar 1919
gründete der Thule Mann Anton Drexler als parteipolitischen Arm der Thule-
Gesellschaft, die Deutsche Arbeiterpartei, die später in Nationalsozialistische
Deutsche Arbeiterpartei umbenannt werden sollte.
Nicht nur von den völkischen Fanatikern drohte Eisner Gefahr. Auch sein
Koalitionspartner, die Mehrheitssozialdemokratie mit Innenminister Erhard Auer
an der Spitze ließ nichts unversucht, die alte Ordnung wieder zu restaurieren.
SPD - Mitglieder sabotierten gezielt die Arbeit der Räte. „Den Soldaten,- Arbeiterund
Bauernräten steht keinerlei Vollzugsgewalt zu. Sie haben daher jeden Eingriff
in die staatliche und gemeindliche Verwaltungstätigkeit zu vermeiden“, stellte
Auer bereits am 21. November klar.
Als Anhänger der Philosophie Emanuel Kants sah Eisner in den Räten vor allem ein
Mittel zur Erziehung der Bevölkerung zur Demokratie:„Die Revolution ist nicht die
Demokratie, sie schafft erst die Demokratie.“ Daher wollte Eisner den Räten auch
keine legislative oder exekutive Gewalt übertragen, sondern ihnen lediglich
beratende und kontrollierende Funktionen gegenüber dem Parlament zugestehen.
Die Mitglieder des Revolutionären Arbeiterrates, vor allem Anarchisten und
Anhänger der neugegründeten KPD, forderten dagegen ein Rätesystem nach
sowjetischen Modell und wollten sich nicht mit der „halben Macht der Räte“
zufriedengeben. Als am 7.Januar 1919 4000 Arbeitslose versuchten, das Sozial-
Ministerium am Promenadenplatz zu besetzen, gab es drei Tote und acht
Verwundete. Eisner ordnet die Verhaftung führender KPD-Mitglieder und Anhänger
des Revolutionären Arbeiterrates an. Unter den Verhafteten sind auch der
Münchner KPD-Chef Max Levien und der Anarchist Erich Mühsam. Eine
Demonstration vor dem Außenministerium kann die sofortige Freilassung der
Verhafteten erzwingen.
Deutlich wurde die Isolation des Ministerpräsidenten in der Landtagswahl vom 12.
Januar. Seine USPD blieb unter drei Prozent. Die Wahlgewinner waren die
konservative Bayerische Volkspartei mit 35 und die Sozialdemokratie mit 33
Prozent. Zu diesem Debakel für Eisner trug auch der Beschluß der KPD zum
Wahlboykott bei. In Bayern stand die KPD noch stark unter dem Einfluß der
„Vereinigung Revolutionärer Internationalisten“ um den Anarchisten Erich
Mühsam, die sich zeitweilig der Partei angeschlossen hatten.
Als drei Tage nach der Bayernwahl rechtsradikale Freikorps in Berlin Karl
Liebknecht und Rosa Luxemburg ermordeten, rief der Revolutionäre Arbeiterrat
zur„revolutionären Wachsamkeit“ auf. Auf der Demonstration dominierten Parolen
wie „Alle Macht den Räten“. An der Spitze dieser Demonstration fuhr im offenen
Auto der noch amtierende Ministerpräsident des Freistaates, Kurt Eisner. In seiner
letzten öffentlichen Rede forderte er, „die Massen zu sammeln“ , um „das Werk
der Revolution zu vollenden“.
Die Mordhetze gegen den Ministerpräsidenten nahm von Tag zu Tag zu. „Alle, mit
denen ich zusammentreffe, rechnen mit einem Attentat auf Eisner“, vermerkt Dr.
Herbert Field, amerikanischer Repräsentant der Kommission für die
Friedensverhandlungen, in seinem Tagebuch. „Man kann einem Mordanschlag auf
die Dauer nicht ausweichen, und man kann mich ja nur einmal totschießen“,
antwortete Eisner auf solche Warnungen. Als ihn am 21.Februar die tödlichen
Schüsse trafen, befand er sich auf dem Weg zum Landtag, um seinen Rücktritt als
Ministerpräsident zu verkünden.
Der Schriftsteller Oskar Maria Graf berichtete: „Da hatten sich Hunderte
schweigend um die mit Sägespänen bedeckten Blutspuren Eisners zu einem Kreis
gestaut. Etliche Soldaten traten in die Mitte und errichteten eine Gewehrpyramide.
Dem einen rannen dicke Tränen über die braunen Backen. Plötzlich fuhr vorne am
Promenadenplatz ein vollbesetztes Lastauto mit dichten Fahnen und
Maschinengewehren vorüber, und laut schrie es herunter: Rache für Eisner!“
Innenminister Auer von der SPD war in den Augen vieler Arbeiter der geistige
Urheber des Mordes. Der Ruf wird laut :„Nieder mit dem Verräter Auer“. Dieser
hatte gerade im Landtag einen kurzen Nachruf auf den Ermordeten gehalten, als
Schüsse fielen. Der Metzger Alois Lindner, Mitglied des Revolutionären
Arbeiterrates, war mit einem Browning Gewehr in den Plenarsaal gestürmt. Auer
bricht schwer verwundet zusammen, ein weiterer Abgeordneter und ein Offizier
sind sofort tot. In wilder Panik stürmen die Landtagsabgeordneten aus dem
Gebäude. Die Macht liegt plötzlich beim neugebildeten Zentralrat der Arbeiter,.
Soldaten- und Bauernräte Bayerns. Der Zentralrat verhängt den
Ausnahmezustand über München. Eisners Bestattung am 26. Februar wird zu
einer einzigen revolutionären Kundgebung im ganzen Land. „Als Attentat auf die
Revolution wurde die Bluttat denn auch vom Proletariat bewertet, und es war nur
natürlich, daß im Augenblick nach seiner Ermordung sich alle Sympathien Eisner
wieder zuwandten. Er war mit seinem Tode zum Symbol der bayerischen
Revolution geworden“, erklärt Erich Mühsam die Wirkung des Attentats.
Der Mord an Kurt Eisner sollte die zweite Phase der bayerischen Revolution
einleiten, die in der Errichtung der Räterepublik gipfelte. Anton Graf Arco wurde
zum Tode verurteilt, eine rechtsbürgerliche bayerische Regierung wandelte das
Urteil schon Anfang 1920 in Festungshaft um. 1924 wird er begnadigt. Er gilt bis
heute als Einzeltäter. Spuren, die auf eine Offiziersverschwörung und die Thule-
Gesellschaft hindeuteten, wurden von der Justiz ignoriert. An Kurt Eisner, den
Gründer Freistaates Bayern, erinnern bis heute nur zwei kleine Tafeln an der
Stelle seiner Ermordung gegenüber dem Hotel „Bayerischer Hof“.
Die 1. Räterepublik in München
Als der sozialistische Ministerpräsident Kurt Eisner am Morgen des 21.Februar
1919 von den Schüssen des Reichwehrleutnants Anton Graf Arco tödlich getroffen
zu Boden fiel, war dies nicht wie von Seiten des Bürgertums erhofft das Ende der
bayerischen Revolution. Vielmehr ging die Bewegung in ihre zweite, radikalere
Phase. Von den Schüssen des kommunistischen Metzgers Alois Lindner wurde der
gerade einberufene Landtag auseinandergetrieben. Die Macht lag plötzlich wieder
bei den Arbeiter,- Soldaten- und Bauernräten und deren oberstem Organ, dem
Zentralrat unter Vorsitz des Unabhängigen Sozialdemokraten Ernst Niekisch.
Massendemonstrationen in ganz Bayern zu Eisners Beerdingung zeugten von
einem deutlichen Linksruck in der Arbeiterschaft durch die Bluttat. Die Verfechter
eines Rätesstems waren wieder in der Offensive. Gerade auf dem bayerischen
Land entstanden unter der bisher passiven Bevölkerung neue Räte. In München
tagte vom 25. Februar bis zum 8.März ein Rätekongreß, um über das weitere
Vorgehen zu beraten. Wie sehr sich der unerfahrene Münchner KPD-Vorsitzende
Max Levien täuschte, als er den Rätekongreß schon als die Diktatur des
Proletariats bezeichnete, zeigte sich, als am 27.Februar die sozialdemokratisch
geführte Republikanische Schutztruppe in den Kongreß eindrang und ihn und
Mühsam kurzerhand verhafteten. Unter dem Druck der Räte mußten die
Revolutionäre zwar wieder freigelassen werden, doch die SPD hatte deutlich
gemacht, daß sie mit den Räten so schnell wie möglich Schluß machen wollte.
Vor allem scheiterte der Rätekongreß an sich selber. Ein Arbeiter berichtet:
„Proletarier! Ich bin seit 24. Februar in diesem Hause und habe in keiner Sitzung
gefehlt. Ich kann es kurz machen, ich habe den Eindruck gewonnen, daß ich mich
in einem Narrenhause befinde und daß die Insassen alle, wie sie hier sind, nicht
fähig sind, auch nur ein Atom für das Volkswohl zu schaffen.“ Die noch schwache
KPD war auf dem Kongreß kaum vertreten. Zudem stand sie unter dem Einfluß
von Mühsams Anarchisten, die ihr kurzzeitig beigetreten waren. Die zentristische
USPD, die den größten Teil der revolutionär gesinnten Arbeiter repräsentierte, war
in sich gespalten. Ihr Parteiführer Karl Kautsky weilte in München, um die Partei
auf einen gemäßigten Kurs zu bringen. Die Führung der Münchner USPD lag bei
dem politisch unerfahrenen pazifistischen Dichter Ernst Toller, der auch schon mal
eine Revolution der Liebe ohne Waffen forderte. Nur die Mehrheits-SPD wußte
genau, was sie wollte. Während ihre Vertreter auf dem Rätekongreß mit der
Verschleppung vieler Anträge zu fruchtlosen Diskussionen beitrugen, richtete sich
das 3.Armeekommando in Nürnberg unter Führung des Sozialdemokraten Ernst
Schneppenhorst auf eine militärische Niederschlagung der Rätebewegung ein. Der
„bayerische Noske“ ließ Flugblätter über München abwerfen, die mit offener
Gewalt drohten, sollten sich die Räte nicht von anarchistischen und
kommunistischen Einfluß freimachen. Ein Antrag Erich Mühsams zur sofortigen
Ausrufung der Räterepublik hatte der Rätekongreß bereits mit 234 gegen 70
Stimmen abgelehnt. Stattdessen beschloß der Kongreß die Wiedereinberufung des
Landtages vorzubereiteten. Die SPD hatte unterdessen mit den bürgerlichen
Parteien, darunter der rechtsklerikalen Bayerischen Volkspartei, die Bildung einer
sozialdemokratischen Minderheitsregierung vereinbart. Die bürgerlichen Parteien
hatten erkannt, daß sie momentan über keinen Rückhalt bei den Massen
verfügten und zur Erdrosselung der Revolution auf die SPD angewiesen waren. „In
der ganzen Naturgeschichte kenne ich kein eckelhafteres Lebewesen als die
Sozialdemokratische Partei“ bemerkte der anarchistische Schriftsteller und
Räteaktivist Gustav Landauer damals. Im sogenannten Nürnberger Kompromiß
einigten sich USPD und SPD auf die Bildung einer Regierung unter
Ministerpräsident Hoffmann. Militärminister wurde der bei den Räten verhaßte
Schneppehorst. Um die USPD zu besänftigen, wurden den Räten beratende
Funktionen zugestanden.
Am Tag der Regierungsbildung am 18.März erschien die erste Ausgabe des KPDOrgans
„Münchner Rote Fahne“. Chefredakteur war Eugen Leviné, ein erfahrener
Kampfgefährte Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs. Er war von der
Parteizentrale nach München geschickt worden, um der jungen bayerischen KPD
unter die Arme zu greifen. Unter Levinés Leitung begann die Partei systematisch
mit dem Aufbau von Parteizellen in Betrieben und Kasernen. „Gewiß, wir stehen
auf dem Boden des Rätesystems, aber wir haben die Voraussetzungen erst noch
zu schaffen, die dieses System gewährleisten. Wir haben Arbeiterräte zu bilden
aus den Betriebsräten der beschäftigten Arbeiterschaft und der Fülle der
Arbeitslosen“ umriß Leviné die nächsten Aufgaben der Kommunisten. Die
Erfahrungen der russischen Revolution ebenso, wie das Scheitern des Berliner
Januaraufstandes, ließen Leviné mißtrausch gegenüber Putschismus und
revolutionärer Ungeduld sein.
Einige SPD-Führer hatten verstanden, daß es die einfachste Art sei, den
Rätegedanken völlig zu kompromitieren, wenn sie selber aktiv zur verfrühten
Ausrufung einer „Räterepublik“ hindrängten. Die Stimmung unter großen Teilen
der Arbeiterschaft war revolutionär. Die Ausrufung der Räterepublik in Ungarn am
20.März war ein ermutigendes Beispiel. Am 4.April traten die Augsburger Arbeiter
in den Generalstreik und forderte die Ausrufung der Räterepublik. Scheinbar unter
dem Eindruck der Massenbewegung, in Wirklichkeit aus konterrevoutionären
Kalkül wurden in München ausgerechnet der sozialdemokratische
Stadtkommandant Dürr und Militärminister Schneppenhorst zu den
entschiedensten Vertretern der Räterepublik. Beide hatten in den Wochen zuvor
nicht gezögert, militärische Gewalt gegen die Räte anzudrohen. Während
Anarchisten und Unabhängige Sozialdemokraten sich bedenkenlos mit den
plötzlich gewendeten Mehrheitssozialdemokraten gemein machten, verweigerte
die KPD der geplanten Räterepublik jegliche Unterstützung. Leviné warnte: „Das
ganze scheint mehr eine Provokation der SPD zu sein. Sie sehen, daß unser
Einfluß von Tag zu Tag größer wird, und versuchen nun, künstlich von oben eine
Räterepublik einzusetzen, die keinen genügenden Unterbau hat und leicht zu
zerschmettern und vor den Massen zu diskreditieren ist. Das gäbe ihnen auch den
gewünschten Anlaß, ihre Truppen in München einmarschieren zu lassen.“
Prophetisch erkannte er: „Nach dem ersten Rausch würde folgendes eintreten: die
Mehrheitssozialisten würden sich unter dem ersten besten Vorwand zurückziehen
und das Proletariat bewußt verraten. Die USPD würde mitmachen, dann umfallen,
anfangen zu schwanken, zu verhandeln und dadurch zum unbewußten Verräter
werden. Und wir Kommunisten würden mit dem Blut unserer Besten eure Tat
bezahlen.“ Doch alle Warnugen der KPD halfen nichts. In der Nacht zum 7.April
verkündete Ernst Niekisch im Aufrag des Revolutionären Zentralrates: „Die
Entscheidung ist gefallen. Baiern ist Räterepublik.“ Während sich in Nürnberg, der
zweitgrößten Stadt Bayerns, eine Mehrheit gegen eine Räterepublik
ausgesprochen hatte, entstanden in anderen bayerischen Städten kurzlebige
Räterepubliken, die schon nach ein bis zwei Tagen zerfielen oder gestützt wurden.
Die größte Änderung unter der vorgeblichen „Rätemacht“ schien allerdings die
Schreibweise Baiers mit einem „i“ statt einem „y“ zu sein. Die Münchner Rote
Fahne höhnte: „Alles wie sonst. In den Betrieben schuften und fronen die
Proletarier nach wie vor zugunsten des Kapitals. In den Ämtern sitzen nach wie
vor die königlichen Wittelsbacher Beamten. An den Straßen die alten Hüter der
kapitalistischen Wirtschaftsordnung mit dem Schutzmannssäbel. Kein bewaffneter
Arbeiter zu erblicken. Keine roten Fahnen. Keine Besetzung der Machtpositionen
der Bourgeosie...“
Tage der Arbeitermacht
Trotz aller Warnungen der Kommunistischen Partei hatten Anarchisten, USPD und
einzelne Vertreter der SPD am 7.April 1919 „Baiern“ zur Räterepublik erklärt. Der
„Scheinräterepublik“ fehlte die stabile Basis unter den Arbeitern in den Betrieben.
Auch verfügte sie über keine bewaffnete Exekutive zur Durchsetzung ihrer
vollmundigen Proklamationen. Ein ganz eigenes Schauspiel bot der Rat der
Volksbeauftragten als oberstes Organ. Der Volksbeauftragte für Volksaufklärung
Gustav Landauer hatte sich zwar einen Namen als Philosoph und ShakespeareÜbersetzer
gemacht, war für die praktische Politik allerdings gänzlich ungeeignet.
Die Verbreitung atheistischer Propaganda im streng katholischen Bayern stand für
ihn als überzeugten Anarchisten im Vordergrund. Der Volksbeauftragte für das
Äußere, ein gewisser Dr. Lipp, stellte sich nach wenigen Tagen als geisteskrank
heraus und mußte in die Psychatrie eingeliefert werden. Zuvor ließ er noch
absurde Erklärungen per Funk verbreiten. In einer Lageschilderung an Lenin
beklagte er so: „Bamberg Sitz des Flüchtlings Hoffmann, welcher aus meinem
Ministerium den Abortschlüssel mitgenommen hat.“ Für die Finanzen
verantwortlich war der Erfinder der Freigeldlehre Silvio Gesell, dessen wirre
Theorien von der Abschaffung des „kapitalistischen Geldes“ als „Dritter Weg“
zwischen Kapitalismus und Kommunismus bis heute von Anarchisten (Anmerkung
von AnaRKomM: Die meisten AnarchistInnen lehnen heute die Freigeldlehre
komplett ab und sie war auch damals umstritten. AnaRKomM hält natürlich gar
nichts von der bürgerlichen Freigeldlehre) und Neofaschisten gleichermaßen
nachgebetet werden. Der Sozialdemokrat Schneppenhorst, der zuvor die
Räterepublik mit ausgerufen hatte, setzte sich nach Nürnberg ab, um als
Militärminister der Regierung Hoffmann die militärische Niederschlagung der
Scheinräterepublik vorzubereiten.
Nach nur sechs Tagen war das Gastspiel der Schwabinger Kaffeehausliteraten in
der Politik beendet. Wie die KPD gewarnt hatte, nutzte die nach Bamberg
geflohene sozialdemokratische Regierung Hoffmann das Chaos der
Scheinräterepublik für einen gegenrevolutionären Putsch. Am Palmsonntag den
13.April besetzten Mitglieder der Republikanischen Schutztruppe öffentliche
Gebäude in München und verhafteten 12 Mitglieder der Räteregierung. Die
Kommunisten, die sich bisher auf das Schärfste von der Scheinräterepublik
distanziert hatten, sahen jetzt die Notwendigkeit, sich an die Spitze des Kampfes
gegen die Putschisten zu stellen. Gestützt auf die in den letzten Wochen
geschaffenen Betriebs- und Kasernenräte organisierte die KPD die bewaffnete
Niederschlagung des Palmsonntagsputsches. Die KPD hatte die Verantwortung
übernommen und konnte nicht mehr zurück. Ein Aktionsausschuß der drei
Arbeiterparteien wählte einen Vollzugsrat mit dem Kommunisten Eugen Leviné an
der Spitze. Die kommunistisch geführte Räteregierung ergriff sogleich Maßnahmen
zur Verteidigung der Revolution. Ein 10-tägiger Generalstreik gab ihr Zeit, die
Arbeiter zu bewaffnen. An der Spitze der Bayerischen Roten Armee stand der 22-
jährige Matrose Rudolf Egelhofer, der zudem Stadtkommandant von München
wurde. Zur Entwaffnung des Bürgertums erließ er folgenden Aufruf: „Beschluß!
Sämtliche Bürger haben binnen 12 Stunden jede Art von Waffen in der
Stadtkommandantur abzuliefern. Wer innerhalb dieser Zeit die Waffe nicht
abgegeben hat, wird erschossen.“ Um die Versorgung der Bevölkerung
sicherzustellen, beschlagnahmte die Rote Armee Lebensmittellager und
Hamsterware. In den Betrieben übten die Betriebsräte die Kontrolle über die
Finanzen aus und erhöhten die Löhne. Die bürgerliche Presse wurde verboten oder
erschien unter Kontrolle der Räte. Es herrschte tatsächlich die Diktatur des
Proletariats in München.
Die Regierung Hoffmann hetzte die Landbevölkerung gegen die „Diktatur der
Russen und Juden“ in der Stadt auf, die angeblich die Frauen zu Gemeineigentum
erklärt hätten. Eine Hungerblockade gegen die Münchner Räterepublik setzte ein.
Jetzt rächte es sich, daß die Münchner Revolutionäre die Bauernfrage im
Agrarland Bayern unterschätzt hatten.
Da es nicht gelang, ausreichende bayerische Truppen auszuheben, die bereit
waren, gegen ihre Landsleute in München zu kämpfen, entschloß sich
Ministerpräsident Hoffmann, von Gustav Noske Freikorps aus Berlin anzufordern.
In der zweiten Aprilhälfte rückte 35.000 Soldaten der Weißen Armee unter
General v. Oven auf München zu. Mit dabei waren Protofaschisten wie der Ritter
von Epp und der spätere Führer der Fememörder-Organisation Orgesch Escherich.
Viele Soldaten trugen schon das Hakenkreuz am Helm. Bayerische Offiziere
bekamen keine Befehlsgewalt.
Ein überraschender Sieg der Roten Armee unter Führung Tollers am 16.April in
Dachau verleitete die USPD dazu, Verhandlungen mit der Bamberger Regierung zu
suchen. Doch Hoffmann hatte die Macht längst Armee und Freikorps überlassen
und besaß keinerlei Handlungsspielraum mehr. Während die kleinbürgerlichen
Kräfte um Toller der Konterrevolution soweit entgegenkamen, daß sie die
bürgerliche Presse wieder zuließen, fanden die Kommunisten mit ihrer Forderung
nach Verteidigung der Arbeitermacht bis zum letzten Mann keine Mehrheit und
mußten am 27.April aus dem Aktionsausschuß ausscheiden.
Am 1. Mai 1919 drangen die Weißen Truppen in München ein. Bis heute beklagt
jedes bayerische Schulbuch den „Roten Terror“ der Erschießung von 10 Geiseln im
Luitpoldgymnasium durch Rotgardisten. Alle Geiseln waren Mitglieder bewaffneter
rechtsextremer Verbände wie der Thulegesellschaft. Vergessen sind dagegen die
Massaker der Weißen an über 1000 Münchner Arbeitern. In den Arbeitervierteln
Giesing, Sendling und um den Schlachthof wüteten die Freikorps besonders
grausam. Bürgerliche Münchner, die sich die letzten Tage im Keller verkrochen
hatten, bildeten Einwohnerwehren zur Jagd auf revolutionäre Arbeiter. Aufgrund
willkürlicher Denunziationen wurden hunderte Münchner verhaftet oder gleich
erschossen. Als Denunziant tat sich auch der Gefreite des 2.Infantrieregiments
Adolf Hitler hervor. Während der Revolution hatte er sich ängstlich im Hintergrund
gehalten. Nun lieferte Hitler diejenigen Regimentskameraden ans Messer, die die
Räterepublik unterstützt hatten. Willkürlich wurden 21 katholische Gesellen
niedergemetzelt, weil sie für „Spartakisten“ gehalten wurden und 55 russische
Kriegsgefangene exekutiert. Kommandant Egelhofer wurde am 2.Mai erschossen,
Gustav Landauer im Gefängnis Stadelheim erschlagen. An der Mauer des
Gefängnisses prangte der Spruch: „Hier wird aus Spartakistenblut Blut- und
Leberwurst gemacht.“ Eugen Leviné wurde nach einem fragwürdigen Prozeß zum
Tode verurteilt und hingerichtet, Erich Mühsam kam in langjährige Festungshaft.
Tote auf Urlaub
„Wir Kommunisten sind alle Tote auf Urlaub, dessen bin ich mir bewußt. Ich weiß
nicht, ob Sie mir meinen Urlaubsschein noch verlängern werden, oder ob ich
einrücken muß zu Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg“, erklärte Eugen Leviné in
seiner Verteidigungsrede vor dem Münchner Standgericht Anfang Juni 1919. Vor
einem knappen Monat hatten die Noske-Garden das rote München eingenommen.
Über 1500 Arbeiter wurden niedergeschlachtet, viele Revolutionäre wie der
Anarchist Gustav Landauer und der rote Matrose Rudi Egelhofer fielen schon in
den ersten Stunden der Lynchjustiz zu Opfer. Mit besonderem Eifer suchten die
Bürgerwehren aber Eugen Leviné, einen „jungen Mann, von jäher und wilder
Energie“, der in den Augen des Publizisten Sebastian Haffner „möglicherweise das
Zeug zu einem deutschen Lenin oder Trotzki hatte“.
Der Sohn einer jüdischen Kaufmannfamilie war 1883 im russischen Petersburg zur
Welt gekommen. In Heidelberg, wohin ihn die Mutter zum Studium geschickt
hatte, kommt er in Kontakt mit revolutionären Ideen durch russische
Emigrantekreise. Er schließt sich 1903 der Sozialrevolutionären Partei an, die
einen bäuerlichen Sozialismus anstrebte und nimmt an der russischen Revolution
von 1905 teil. 1907 wird er verhaftet und schwer mißhandelt. Die Mutter, mit der
er zuvor wegen seiner politischen Ideale gebrochen hat, kauft ihn mit einer hohen
Kaution frei. Zurück in Deutschland nimmt er die deutsche Staatsbürgerschaft an.
Im Weltkrieg gehört er zu den Mitbegründern der Spartakusgruppe. Als in Rußland
die Oktoberrevolution siegt, stellt sich Leviné der russischen Botschaft zur
Verfügung, wo er für Rosta, die Vorgängerin der Nachrichtenagentur TASS
arbeitet. Für die Spartakusgruppe tritt er als Agitator im Ruhrgebiet auf. Die
Ruhrarbeiter verleihen ihm als einzigen wichtigen KPD-Führer ein Mandat für den
Allgemeinen Kongreß der Arbeiter und Soldatenräte Deutschlands.
Mitte März wird Leviné von der KPD-Zentrale nach München geschickt, um dort
die „Münchner Rote Fahne“ heraus zu geben und die aktivistische aber
unerfahrene Ortsgruppe der Münchner KPD anzuleiten. Unter Levinés Anleitung
wird ein Betriebrätesystem geschaffen, auf das sich die Kommunisten in der
Räterepublik stützen können. Seit der russischen Erfahrung ist der Rätegedanke
zentral in Levinés Denken. „Ich hätte niemals an einer Revolution teilgenommen,
welche von den Führern geschoben worden wäre.“ In der kommunistischen
Räterepublik steht Leviné an der Spitze des Vollzugsausschusses.
Als Jude und Russe zieht er sich den besonderen Haß der Rechten zu. Selbst der
Dichter Ernst Toller, Führer der USPD in München, schreckt zuletzt nicht vor
antisemitischen Angriffen auf Leviné zurück. „Ein hagerer Mann, aus dessen
eingefallenem Gesicht die gebogene fleischige Nase groß hervorspringt.“
beschreibt ihn Toller auch später im Jahr 1933 in bester Stürmer-Manier.
Knapp zwei Wochen nach dem Ende der Räterepublik, am 13.Mai, wird Leviné
gefaßt. Gegen ein Kopfgeld von 10.000 Mark hat ihn ein Spitzel der Polizei
ausgeliefert. Bei dem anschließenden Hochverratsprozeß geht es nicht um Recht,
sondern nur noch um Macht. Das Gericht in der Münchner Au gleicht einem
Heerlager. Maschinengewehre und Handgranaten allerorts.
Auch die Erschießung von Geiseln, die der rechtsextremen Thulegesellschaft
angehörten, wirft ihm das Gericht vor. Obwohl Leviné mit der Geiselerschießung
nichts zu tun hatte, lehnt er es ab, diese zu verurteilen. Seine Frau Rosa Meyer-
Leviné schildert seine Motive: „Vielleicht hätte er sein Leben retten können. Das
wäre dann aber nicht mehr das Leben eines revolutionären Führers gewesen und
hätte seiner Sache nicht mehr gedient. Es gibt kein Schachern, wenn es um
menschliche Integrität geht. Ein kompromißlerischer, kriecherischer Leviné hätte
in einem langen Leben nicht mehr das erreicht, was er in seinen letzten Tagen
erreicht hat. Aus dem einfachen Grund, weil er dann moralisch tot gewesen wäre.“
„Fällen Sie das Urteil, wenn Sie es für richtig halten. Ich habe mich nur dagegen
gewehrt, daß meine politische Agitation, der Name der Räterepublik, mit der ich
mich verknüpft fühle, daß der gute Name der Münchner Arbeiter beschmutzt wird.
Diese und ich mit ihnen zusammen, wir haben alles versucht, nach bestem Wissen
und Gewissen unsere Pflicht zu tun gegen die Internationale und die
Kommunistischen Weltrevolution.“ schloß Leviné seine Verteidigungsrede. Das
Standgericht verurteilt ihn zum Tode. Am 5.Juni 1919 wird er von einem
Exekutionskommando erschossen. „Es lebe die Weltrevolution“, lauten seine
letzten Worte. Mit einem 24-stündigen Generalstreik im ganzen Land protestieren
Arbeiter gegen diesen Akt der Klassenjustiz.
Heute ist Eugen Leviné weitgehend vergessen. In München erinnert kein
Straßenname und keine Gedenktafel an den Mann, der damals in einem Atemzug
mit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg genannt wurde.
Der SPD, die zur Niederschlagung der Revolution bereit war, die verhaßten
preußischen Truppen nach Bayern zu holen, haftete seitdem der Ruf des
Landesverräters an. Es ist den bayerischen Sozialdemokraten bis heute nicht
gelungen, sich von ihrer damaligen Schmach zu erholen. Für das Münchner
Bürgertum waren die wenigen Tage der Arbeitermacht ein so gewaltiger Schock,
daß das Pendel im einstmals liberalen München völlig umschlug. Jede kleinste
Regung von linker Seite sollte von nun an im Keime erstickt werden. Unter breiter
Zustimmung der nicht-proletarischen Bevölkerungsschichten gingen die
rechtsextremen Wehrverbände und die BVP daran, die „Ordnungszelle Bayern“ als
Zentrum der Gegenrevolution auszubauen, die heute in der CSU-Herrschaft ihre
Fortsetzung findet. „Die Münchner kommunistische Episode ist vorüber. Eines
Gefühls der Befreiung und Erheiterung entschlage auch ich mich nicht. Der Druck
war abscheulich“, schrieb der Schriftsteller Thomas Mann nach dem Sieg der
Gegenrevolution in sein Tagebuch. So wie er fühlten damals viele Vertreter des
Bürgertums. Nur die wenigsten konnten sich zu der späteren Erkenntnis Thomas
Manns durchringen, daß der Antikommunismus die Grundtorheit des Jahrhunderts
ist.

Artikel hier erfasst: 04.09.2008

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